John Rawls‘ politische Gerechtigkeitskonzeption in „Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf“ und deren Problematisierung anhand des Kommunitarismus


Facharbeit (Schule), 2012

14 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

1. Einleitung

Das Ziel dieser Facharbeit ist die detaillierte Untersuchung von John Rawls‘ (1921-2002) Auffassung von politischer Gerechtigkeit und die Einordnung dieser als politische Gerechtigkeitskonzeption anhand des Neuentwurfes „Gerechtigkeit als Fairneß – Ein Neuentwurf“[1], herausgegeben von Erin Kelly. John Rawls war ein US-amerikanischer Philosoph und Professor an der Harvard Universität und gilt als einer der bedeutendsten politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Die Besonderheit des zu behandelnden Neuentwurfes (2001) liegt darin, dass John Rawls seine im Hauptwerk „Theorie der Gerechtigkeit (1971)“[2] eingeführte und legitimierte Gerechtigkeitskonzeption um einige Punkte ergänzt bzw. verändert, um nicht nur eine moralische Gerechtigkeitskonzeption, sondern vielmehr eine politische Gerechtigkeitskonzeption aufzustellen[3].

In dieser Facharbeit werden nicht nur die Grundthesen von Rawls‘ Theorie der politischen Gerechtigkeit untersucht, in einem zweiten Schritt liegt der Schwerpunkt auf der Einordnung von Rawls‘ Ausführungen als eine politische Gerechtigkeitskonzeption und die Unterschiede zur Moralphilosophie und Globaltheorien[4]. Während meiner Recherchen stieß ich immer wieder auf den Begriff des Kommunitarismus[5], der sich als kritische Reaktion auf Rawls‘ politische Philosophie beschreiben lässt. Anhänger des Kommunitarismus üben scharfe Kritik an Rawls‘ Thesen und am Liberalismus allgemein. Aufgrund dieser durchaus grundverschiedenen und kontroversen Ansichten lohnt sich eine kritische Gegenüberstellung, in der näher auf die Kritik an den Rawlsschen Thesen eingegangen wird.

Doch der erste Schritt soll die Analyse der Grundaussagen und wichtigsten Thesen aus „Gerechtigkeit als Fairneß – Ein Neuentwurf“ sein, die später als gedankliche Basis für die Problematisierung anhand des Kommunitarismus-Begriffes dienen. Abschließend wird die Kritik reflektierend zusammengefasst und bewertet.

2. Die zentralen Aussagen in Rawls‘ „Gerechtigkeit als Fairneß – Ein Neuentwurf“

2.1 Grundideen

Als übergeordnete Fragestellung lässt sich ein Zitat aus dem Werk Rawls‘ anführen:

„Im Grunde stellen wir die Frage, wie eine vollkommen gerechte oder nahezu gerechte konstitutionelle Staatsform beschaffen sein könnte und ob sie unter den Anwendungsverhältnissen der Gerechtigkeit – mithin unter realistischen, wenn auch einigermaßen günstigen Bedingungen – entstehen und stabil gehalten werden kann.“[6]

Da John Rawls eine politische Gerechtigkeitskonzeption aufstellen wird, lässt sich diese Fragestellung als die zentrale Problematik, die Rawls größtenteils beschäftigt, bezeichnen. Er fügt zu dieser Fragestellung hinzu, dass seiner Konzeption der Gerechtigkeit als Fairneß ein gewisser „realistischer Utopismus[7] innewohne. Dieser lote aus, inwiefern es eine demokratische Regierung vermag, die demokratischen Werte – Rawls nutzt hierfür den Begriff demokratische Vollkommenheit – durchzusetzen.

Um dem Leser mitzuteilen, welche Auffassung der Autor überhaupt von der politischen Philosophie hat, formuliert er vier Aufgaben bzw. Schwerpunkte, welche jene zu bewältigen hat:

- Zentrierung der Aufmerksamkeit auf umstrittene Fragen (Problem der Ordnung)
- Kognitive Orientierung[8] in der Gesellschaft
- Auffassung der Gesellschaft als „faires System der Kooperation“[9]
- Der realistische Utopismus als kennzeichnendes Merkmal

Rawls unterstreicht die Bedeutung der Idee, die Gesellschaft als faires System der Kooperation anzusehen, und spricht ihr die Rolle des „zentralen Strukturierungsgedanken“[10] bei der Formulierung der politischen Gerechtigkeitskonzeption (für ein demokratisches Staatswesen) zu. Somit betrachtet er das Individuum ausschließlich im Hinblick auf seine Position in einer Gesellschaft (im System der Kooperation).

Diesen Grundgedanken ergänzt er zum einen um die Tatsache der Freiheit und Gleichheit der Bürger[11] und zum andern um die Idee der wohlgeordneten Gesellschaft. Man könne eine Gesellschaft dann als wohlgeordnet bezeichnen, wenn sie durch öffentliche Gerechtigkeitskonzeptionen wirksam geregelt werde[12].

Rawls räumt ein, dass es sich bei der wohlgeordneten Gesellschaft in erster Linie um eine „weitgehende Idealisierung“[13] handele. Der Hintergedanke sei jedoch die Frage, inwiefern eine Gerechtigkeitskonzeption in einem von einer Generation zur nächsten fortwirkendem System, (der Gesellschaft) als allgemeingültig anerkannt werde[14].

Daraufhin führt Rawls den Begriff der Grundstruktur ein. Die eigens formulierte Intension hinter dieser sei das Ziel, die Konzeption der Gerechtigkeit als Fairneß „o zu formulieren, dass ihr ein angemessenes Maß an Einheit zukomme.

Also versucht Rawls in diesem Neuentwurf, seine Konzeption so übersichtlich wie möglich darzustellen und dem Leser nicht eine Ansammlung von einzelnen Gedankengängen, sondern ein „rundes Ganzes“ vorzulegen.

Nach Rawls sei der neu eingeführte Begriff der Grundstruktur die Art und Weise, wie sich politische und soziale Institutionen in das faire System der Kooperation eingliedern und aus ihrer für die Gesellschaft bedeutsamen Position heraus Rechte und Pflichten zuteilen, sowie Vor- und Nachteile regeln[15]. Als Beispiel einer solchen Institution führt Rawls die Wirtschaftsstruktur (System konkurrierender Märkte mit Privateigentum an Produktionsmittel) und die politische Verfassung an[16]. Demnach sei die Grundstruktur als gesellschaftlicher bzw. sozialer Rahmen anzusehen, innerhalb dessen Tätigkeiten ausgeübt werden.

Rawls begreift die Grundstruktur als „Hauptmerkmal der politischen Gerechtigkeit“[17] woraus sich schließen lässt, dass sie von enormer Bedeutung für den Gesamtzusammenhang seiner politischen Philosophie ist. Er merkt jedoch an, dass es nicht möglich sei, eine genaue Definition aufzustellen bzw. den Radius der dazugehörenden gesellschaftlichen Institutionen einzugrenzen.

[...]


[1] Gegenstand dieser Facharbeit ist die Primärquelle: Erin Kelly (Hrsg.): John Rawls: Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft. 1804). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006 (Originaltitel: Justice as Fairness. A Restatement, 2001, übersetzt von Joachim Schulte; in den folgenden Fußnoten mit „RAWLS 2001“ abgekürzt

[2] John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979 (Originaltitel: A Theory of Justice, 1971/5, übersetzt von Hermann Vetter)

[3] Vgl. RAWLS 2001, S. 13 ff (Vorwort)

[4] Ein Beispiel für eine Globaltheorie ist der Utilitarismus. Rawls nennt als Eigenschaft, dass eine Globaltheorie für alle Personen gelte und alle Werte abdecke (Vgl. S. 34)

[5] Kapitalismus- bzw. liberalismuskritische Strömung in der politischen Philosophie, die um 1980 als kritische Reaktion auf John Rawls in den USA aufkam. (Quelle: http://www.enzyklo.de/Begriff/Kommunitarismus)

[6] RAWLS 2001, S. 36

[7] ebd.

[8] Rawls fügt an, dass er sich mit dem Begriff „Orientierung“ auf Kants Auffassung bezieht, der in seinem Aufsatz „Sich im Denken orientieren“ (1786) die Vernunft als „Vermögen der Orientierung“ definiert.

[9] Rawls sieht die politische Gesellschaft nicht als sozialen Verband, sondern als ein faires System der Kooperation. Die Mitglieder, also die Kooperationspartner (Bürger) sind hierbei frei und gleich. (vgl.

S. 23)

[10] RAWLS 2001, S. 25

[11] Vgl. RAWLS 2001, S. 28

[12] John Rawls spricht in diesem Zusammenhang von „intuitiv einleuchtenden Grundgedanken“ (RAWLS 2001, S. 25) die zwar nicht exakt formuliert oder niedergeschrieben sind, die aber von fundamentaler Bedeutung im Rahmen des politischen Denkens in der Gesellschaft seien.

[13] RAWLS 2001, S. 30

[14] Vgl. RAWLS 2001, S. 31

[15] Vgl. RAWLS 2001, S. 32

[16] Vgl. RAWLS 2001, S. 32: alle Formen von gesellschaftlichen Institutionen gehören demnach zur Grundstruktur

[17] RAWLS 2001, S. 32

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
John Rawls‘ politische Gerechtigkeitskonzeption in „Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf“ und deren Problematisierung anhand des Kommunitarismus
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V213809
ISBN (eBook)
9783656426967
ISBN (Buch)
9783656437963
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
john, rawls‘, gerechtigkeitskonzeption, gerechtigkeit, fairneß, neuentwurf, problematisierung, kommunitarismus
Arbeit zitieren
Fabian Lucca Ferrari (Autor), 2012, John Rawls‘ politische Gerechtigkeitskonzeption in „Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf“ und deren Problematisierung anhand des Kommunitarismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213809

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: John Rawls‘ politische Gerechtigkeitskonzeption in „Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf“ und deren Problematisierung anhand des Kommunitarismus



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden