Pacto de borrón - ein Pakt des Schweigens oder des Vergessens?

Betrachtung der spanischen Erinnerungskultur nach 1975 anhand des Romans "Corazón tan blanco" von Javier Marías


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund des „pacto de borrón“

3. „pacto de silencio“ und „pacto de olvido“
3.1 Verwendung der Begriffe
3.2 Definitionsanalyse des Schweigens und des Vergessens

4. Die Bedeutung des Schweigens, Vergessens und Verdrängens im Roman „Corazón tan blanco“
4.1 Ranz als Analogie zur Franco-Generation
4.2 Juan als Analogie zur Nachfolge-Generation

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich kenne nichts Schwereres als die Schande.“[1]

Diese Proklamation Luises in Schillers „Kabale und Liebe“ als Zeichen von Ehrenhaftigkeit und Würde verweist auf eine Problematik, welche vom Menschen in seiner Geschichte von jeher gefürchtet und verabscheut wird. Sprichwörter wie „Besser mit Schaden als mit Schande klug werden.“, „Schande hindert Tugend.“, „Nichts können ist keine Schande, aber nichts lernen.“ verweisen auf die hohe Bedeutung von Eigenschaften wie Ehre, Anstand, Authentizität und Ansehen für die menschliche Identität. Wenn man die Geschichte betrachtet wird deutlich, dass neben unterschiedlichen kulturellen Definitionen der Terminologie „Schande“, welche von den jeweiligen gesellschaftlichen Normen, Werten bzw. Anschauungen abhängig sind, auch unterschiedliche Formen des Umgangs hiermit existieren. So wird sich eine Gesellschaft, welche auf eine schuldbeladene Vergangenheit zurückblickt vermutlich zweier unterschiedlicher Strategien der Bewältigung gegenübergestellt sehen. Entweder entscheidet sie sich für eine öffentliche, (selbst)kritische Reflektion der vergangenen Verfehlungen oder für eine kollektive Verdrängung im Sinne eines selbst auferlegten Verstummens bzw. Verbergens. Erstere Möglichkeit setzt ein Bewusstsein und die Übernahme von Verantwortung für die vergangenen Fehltritte voraus, um deren lückenlose Aufarbeitung gewährleisten zu können. Beim Prinzip der Verdrängung hingegen versetzt sich eine Gesellschaft hinsichtlich ihrer vergangenen „Schande“ bewusst in einen Zustand des Erstarrens. Beide Vorgehensweisen verfolgen jedoch trotz des gegensätzlichen Umgangs mit der Vergangenheit eine gemeinsame Intention: Der Wunsch, das Geschehene hinter sich zu lassen, um einer neuen Ausrichtung zu folgen.

Mit dieser Arbeit sollen die Ursachen und Folgen des Verdrängungsprinzips am Beispiel der spanischen transición unter Verwendung des Romans „Corazón tan blanco“ von Javier Marías untersucht werden. Im Zentrum der Betrachtungen wird hierbei der Begriff des „pacto de borrón“, welcher eine kritische spanische Selbsteinschätzung bezüglich des Umgangs mit der Vergangenheit darstellt, stehen. Dabei soll überprüft werden, inwiefern man hinsichtlich der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nach 1975 von Generalamnesie oder kollektivem Schweigen der Spanier in Bezug auf Bürgerkrieg und Diktatur sprechen kann.

2. Geschichtlicher Hintergrund des „pacto de borrón“

Juan Goytisolo schreibt in seinem Werk „Cogitus Interruptus“:

„[…] el mundo entero aplaudió ,la ejemplar’ transición de la dictadura a una monarquía institucional sin calcular el costo de aquel pacto de borrón […]”[2].

Der mehrfach ausgezeichnete Gegenwartsautor verwendet hier einen Begriff, der sowohl die geschichtliche Periode der transición, also die Übergangszeit Spaniens von der Diktatur zur Demokratie, als auch eine kritische Selbstreflektion des Umgangs mit der schuldbehafteten Vergangenheit beschreibt. Die grundlegende Frage die sich hierbei stellt, ist, wie es zu solch einem negativen Spiegelbild der spanischen Gesellschaft kommen konnte, deren friedlicher Übergangsprozess bis heute internationale Aufmerksamkeit auf sich lenkt und für lateinamerikanische und ostmitteleuropäische Regime-Übergänge als Vorbild angesehen wurde?[3]

Um den „Pakt der Schande“ verstehen und definieren zu können, ist es nötig, zunächst die Realisierung des politischen System-Wandels in Spanien ab 1975 zu fokussieren.

Das Charakteristische der spanischen transición ist, dass der Regimewechsel nach Francos Tod am 20.11.1975 sowohl von der demokratischen Opposition als auch von der ehemaligen Regierung und deren Vertretern durchgeführt worden ist. Inhaltlich und formal wurde er innerhalb der von Franco geschaffenen Gesetzlichkeiten vollzogen und brach demnach nicht mit dem autoritären Verfassungsrecht des Franquismus.[4] Bereits Ende der 60er Jahre, während der letzten Phase des Franco-Regimes, diskutierte man über die zukünftige politische Führung. Dabei standen sich folgende Parteien gegenüber: die reformorientierten Kräfte des Regimes, die eine allmähliche Veränderung und Adaption an europäische Strukturen vertraten, die reaktionären Kräfte, die sich für einen Fortbestand des Franquismus einsetzten und die demokratische Opposition, welche einen vollständigen Bruch mit jeglichen franquistischen autoritären Strukturen des Regimes forderten.[5]

Der letztlich realisierte Wandlungsprozess knüpfte zwar an pluralistischen Prinzipien der zweiten Republik an, entpuppte sich jedoch als eine „paktierte Reform“[6] zwischen alten Eliten und Opposition. Diese vertrat eine Konsenslösung der konträren politischen Lager, welche aus Gründen der Macht[7] und Angst vor erneuter Gewalt-Eskalation[8] einen radikalen Bruch mit dem Franquismus vermied und stattdessen auf einen langsamen Wandel durch kompromissbereites Aushandeln im Zeichen der Demokratisierung setzte. „[Der] Consenso wurde zum Schlüsselwort aller wichtigen, den Übergang bestimmenden Entscheidungen.“[9] Dies wird an Ereignissen, wie der Zulassung von Parteien und Gewerkschaften, den Parlamentswahlen und den soziopolitischen Moncloa-Pakten von 1977 sowie der Verfassung von 1978 deutlich.[10]

Goytisolo schreibt: „Ninguneo de los protagonistas de la oposición radical antifranquista olvido de las responsabilidades del golpe militar que desencadenó la guerra de 1936-1939 así como del exilio político y cultural”[11]. Der Begriff des „pacto de borrón“ bezieht sich demnach selbstkritisch reflektierend auf den Fakt, dass als Folgeerscheinung dieses „paktierten Übergang[s]“[12] zur Demokratie weder die traumatischen Erfahrungen des Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur angemessen aufgearbeitet, noch die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden. Er nimmt Bezug darauf, dass sich die politischen Verantwortlichen unter der obersten Maxime der Wiederversöhnung der Dos Espa ñ as[13] dazu entschieden, den Übergangsprozess ohne moralische Anklagen, ohne Gerichtsurteile und ohne Schauprozesse durchzuführen[14]. Statt des Ausgleichens offener Rechnungen, der Entschädigung der Opfer und des vollständigen Bruchs mit dem Regime sollte unter die Kämpfe und Feindschaften der Vergangenheit ein Schlussstrich gezogen werden.[15] Durch „ideologische Zurückhaltung“[16] sah man sich in der Lage, die Macht des individuellen und kollektiven Gedächtnisses bezüglich des Bürgerkrieg und der Diktatur und der damit verbundenen Konfliktpotentiale zu überwinden. Der Preis, welcher für diesen weitgehend friedlich verlaufenden Übergang zur Demokratie bezahlt werden musste, war der Verlust der Erinnerung an die schuldhafte spanische Geschichte.[17]

3. „pacto de silencio“ und „pacto de olvido“

3.1 Verwendung der Begriffe

Im Zusammenhang mit dem Begriff des „pacto de borrón“ und seiner radikalen Kritik am Umgang der Spanier mit der Vergangenheit existieren noch weitere Begriffe, welche sich auf denselben politisch-gesellschaftlichen Sachverhalt beziehen. So wird das Resultat der „Consenso“ -Politik der transición von einigen Autoren, u.a. von Manuel Tardío, als „pacto de silencio“[18] bezeichnet, während andere, z.B. Felipe Massats, den Begriff des „pacto de olvido“[19] verwenden. Beide Begriffe finden bei der Analyse der spanischen Vergangenheitsbewältigung synonymhafte Verwendung. Es stellt sich die Frage, inwieweit dieser parallele Gebrauch gerechtfertigt ist? Dies soll anhand des Versuchs einer Definition des „olvido“ und des „silencio“ untersucht werden.

3.2 Definitionsanalyse des Schweigens und des Vergessens

Das Schweigen bezeichnet einen Zustand der bewussten Zurückhaltung von präsenten Gedächtnisinhalten, wie Informationen und Erinnerungen, in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation. Stefan Krammer bezeichnet es als „sprachliche Extremform“ mit „rätselhafte[m] Charakter“[20], welche sowohl Zustimmung als auch Ablehnung ausdrücken kann. Nach Seyyare Duman ist das Schweigen vor allem Ausdruck individueller Emotionen wie Angst, Zuneigung, Verlegenheit, Ehrfurcht oder Hass[21]. Schweigen beginnt demnach vorsätzlich; Es ist nicht möglich unbewusst zu schweigen. Der Begriff impliziert eine vom Bewusstsein gesteuerte Willensentscheidung, welche stets eine bestimmte Strategie[22] verfolgt. Wenn eine Person unbewusst „schweigt“, würde dies nicht auf eine Entscheidung, sondern auf Unwissenheit oder die Folgen einer Verdrängung zurückzuführen sein.

Das Vergessen hingegen kennzeichnet einen Prozess, der eine vom Willen unabhängig entstehende Bewusstseinsveränderung zur Folge hat. Assmann bezeichnet ihn als „[…] Verblassen und Verlieren von Erfahrungen und Erinnerungen […]“ und als „[…] Teil der alltäglichen Normalität.“[23] Wenn jemand vergisst, geschieht dies unbeabsichtigt und ohne bewusste Steuerung. Niemand kann bewusst vergessen.[24] Wenn sich eine Person dennoch bewusst nicht an Informationen und Geschehnisse erinnern will, würde dies bedeuten, dass ein Versuch der „Überschreibung“[25], also eine Verdrängung stattfindet, welche wiederum durch Schweigen ihren Ausdruck findet.

[...]


[1] Schiller, S.91

[2] Goytisolo, S.43

[3] Vgl. Bernecker, S.419

[4] Vgl. Bernecker/Seidel, S.8

[5] Vgl. Ebd.

[6] Macher, S.8

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Bernecker/Seidel, S. 12

[9] Bernecker/Seidel, S.10

[10] Ebd.

[11] Goytisolo, S.43

[12] Bernecker/Seidel, S.9

[13] Vgl. Altmann/Bernecker/Vences, S.9

[14] Bernecker/Seidel, S.12

[15] Altmann/Bernecker/Vences, S.9

[16] Macher, S.112

[17] Balfour, S.282

[18] Álvarez Tardío, S.15ff.

[19] Position von Felipe Alcaraz Massats im „Diario de Sesiones del Congreso de los Diputados“

[20] Krammer, S.33

[21] Duman, S.19

[22] Ebd., S.20

[23] Assmann, S.104

[24] Mecke, S.128

[25] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Pacto de borrón - ein Pakt des Schweigens oder des Vergessens?
Untertitel
Betrachtung der spanischen Erinnerungskultur nach 1975 anhand des Romans "Corazón tan blanco" von Javier Marías
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Romanistik)
Veranstaltung
Spanischer Roman der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V213866
ISBN (eBook)
9783656422969
ISBN (Buch)
9783656423607
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pacto de borrón, javier marías, spanischer roman, spanische Literatur, transición, spanische Literaturwissenschaft, spanische Erinnerungskultur, Albrecht Kober, Romanistik, Corazón tan blanco, spanisch, Spanien, Mein Herz so weiß, spanische Schriftsteller, Franco Regime, Roman, pacto de olvido, pacto de silencio, Pakt des Schweigens
Arbeit zitieren
Albrecht Kober (Autor), 2010, Pacto de borrón - ein Pakt des Schweigens oder des Vergessens?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213866

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