Frau Welt. Ein Motiv im Wandel der Zeit

Analyse der Verserzählung „Der Welt Lohn“ Konrads von Würzburg


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Das Motiv „Frau Welt“

III. Umsetzung des Motivs in der mittelalterlichen Literatur

IV. Analyse der Verserzählung „Der Welt Lohn“ Konrads von Würzburg hinsichtlich der Verwendung des „Frau Welt“ – Motivs

V. Spätere Verwendung des Motivs der „Frau Welt“ in Kunst und Literatur

VI. Fazit

VII. Literaturverzeichnis

VIII. Anhang

I. Einleitung

Das Motiv der „Frau Welt“ ist im Mittelalter sehr beliebt und taucht in unterschiedlicher Art und Weise über Jahrhunderte immer wieder auf. Die bekannteste Verwendung des Frau Welt-Motivs findet sich bei Konrad von Würzburg in seiner Versnovelle „Der Welt Lohn“. Diese Novelle entstand laut Bleck vermutlich um 1266 und ist sieben Mal vollständig überliefert. Der Ritter Wirnt von Grafenberg (Verfasser des Wigalois) liest abends in seiner Kemenate eine Minneaventiure, als ihm die wunderschöne Frau Welt erscheint. Sie ist gekommen, um ihm den „hôhen lôn“ zu gewähren und präsentiert ihm ihren stinkenden, von Ungeziefer und Geschwüren bedeckten Rücken. Wirnt ändert sofort sein Leben und nimmt das Kreuz um Buße zu tun.[1]

Dieses Motiv der von vorn wunderschönen Frau mit dem ekelhaften Rücken wurde in der Forschung bisher von Gisela Thiel in ihrer Dissertation am umfangreichsten untersucht, ihre Ergebnisse sind die Hauptgrundlage meiner Hausarbeit.

Die meisten Artikel, die sich umfassend mit dem Thema „Frau Welt“ beschäftigen sind schon über 50 Jahre alt. Neuere Abhandlungen gibt es kaum. Doch warum ist das so? Haben wir das Interesse an diesem Motiv verloren, das über viele Jahrhunderte hindurch aus der mittelalterliche Literatur nicht weg zu denken war? Bis heute finden sich Spuren des Motivs, wenn auch „nur“ durch überlieferte Texte, wie zum Beispiel Konrads „Der Welt Lohn“ oder durch Steinfiguren, wie zum Beispiel am Wormser Dom.

Im Folgenden werde ich das Motiv im Wandel der Zeit darstellen. Zuerst werde ich das Motiv selbst und seine Entwicklung beschreiben. Anschließend werde ich die Umsetzung des Motivs in der mittelalterlichen Literatur anhand einiger Beispiele aufzeigen. Danach komme ich zum Kern meiner Hausarbeit der Verserzählung „Der Welt Lohn“ von Konrad von Würzburg. Diese werde ich hinsichtlich der Verwendung des Motivs untersuchen und analysieren. Abschließend werde ich die weitere Verwendung des „Frau Welt“-Motivs in Literatur und Kunst beschreiben, bevor ich zu meinem Fazit komme.

II. Das Motiv „Frau Welt“

Als „Frau Welt – Motiv“ wird folgende mittelalterliche Allegorie bezeichnet: Eine wunderschöne Frau, prächtig gekleidet, die man als mittelalterliche „Traumfrau“ bezeichnen könnte trifft auf einen Ritter. Dieser Ritter bietet ihr seinen Minne-Dienst an. Die Frau sagt, er stünde schon längst in ihren Diensten und würde nun seinen Lohn erhalten. Der Ritter fragt, wie es sich ziemt, nach ihrem Namen, woraufhin die Frau ihm mitteilt, sie werde „Frau Welt“ genannt. Nun zeigt sie ihm ihren Rücken, der von allerlei Getier befallen ist. Hier zeigt sich auch gleich der Kerngedanke des Frau Welt-Motivs: „Undank ist der Welt Lohn!“[2]

Das Frau Welt-Motiv findet sich nur in der deutschen Dichtung. Dies lässt sich mit der Tatsache erklären, dass eine Personifikation der Welt in weiblicher Gestalt im Romanischen nicht möglich ist. Der lateinische Begriff mundus ist eine maskuline Bezeichnung, das französische monde auch. Im Deutschen würde man schließlich auch nicht „der Welt“ sagen, sondern „die Welt“. Eine Personifikation der Welt als Frau ist also auf den Sprachgebrauch bezogen im Mittelalter nur im Deutschen möglich.[3]

Nur in der provenzalischen Troubadourlyrik lässt sich das Schema des Frau Welt-Motivs ebenfalls nachweisen, im Besonderen in den Minneliedern Folquets de Marseille. Zuerst kommt die Erwartung von Lohn, dann die Erkenntnis des Betrugs und schließlich die Abwendung von der „frouwe“ oder der Welt.[4]

Laut Wolfgang Stammler übernahm das Christentum die „Anschauung von der Nichtigkeit alles Erdenlebens“ aus der antiken Philosophie, besonders von Plotin.[5] Die Christen verstärkten diese Ansicht noch, hier „ist die materielle Welt nicht nur schlecht – nein, sie ist absichtlich böse, vom Teufel beherrscht, um den Menschen immer wieder in Versuchung zu führen.“[6] Die Welt, die in diesem Sinne angeklagt wird, wird als „die große Verführerin und Betrügerin des Menschen“ dargestellt.[7]

Gisela Thiel sieht die Grundzüge dieses Motivs, bzw. eine Vorstufe davon bereits bei Augustinus. Sein negativer Weltbegriff spiegelt sich im asketische Ideal des frühen Mittelalters wieder aus dem sich in der Folge das Frau Welt-Motiv entwickelte.[8] In diesem Motiv spiegelt sich auch die frühchristliche Frauenfeindlichkeit wider; die Frau wurde zum Typus der bösen Welt.[9] Das bedeutet allerdings nicht, dass die Frauenfeindlichkeit in romanischen Ländern weniger ausgeprägt war, nur weil es dort aus sprachlichen Gründen nicht den Typus der „Frau Welt“ gab.

Erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts änderte sich dieses Welt-Bild mit Beginn der höfisch-ritterlichen Periode. Die komplexen Beziehungen zwischen dem weltoffenen höfischen Geist und dem traditionellen asketischen Denken spiegeln sich in der doppelseitigen Gestalt der Frau Welt.[10]

„Seit den Anfängen der christlichen Zeit wurden die Kirchenschriftsteller nicht müde, die Nichtigkeit der Welt und die Unbeständigkeit ihrer Freuden zu beschreiben.“[11] Hier liegt der Grundstein des Frau Welt-Motivs, der Mensch sollte durch Symbolik dazu erzogen werden die Welt nur auf diese eine Weise zu sehen. Es galt Symbole zu finden, die die Unbeständigkeit der Welt für jedermann offensichtlich machten, so zum Beispiel das Rad der Fortuna.[12]

Die Frau Welt-Allegorie tauchte in der mittelalterlichen Literatur mit vielen verschiedenen Namen auf, unter anderem als „Fortuna“, „Luxuria“, „Voluptas“ oder „Cupitas“. Allerdings nicht in ihrer Doppelseitigkeit.[13] Später zeigt sie sich in der Gestalt der „Frau Venus“ oder auch „Frau Minne“.[14]

Diese Doppelseitigkeit tritt erstmals bei Augustinus in Erscheinung, allerdings nicht auf das Äußere bezogen. „Was den Menschen von der Nichtigkeit der Welt überzeugt, ist hier nicht das abstoßende Äußere ihrer personifizierten Erscheinung, wie in den „Luxuria“-Exempla, sondern die Falschheit ihres Tuns.“[15] Es entwickelte sich die Vorstellung, dass die Welt falsch ist und ein Feind des Menschen. Außerdem sei die Welt dem Teufel zugeneigt und somit ein Feind Gottes.[16]

Der Ursprung des Frau Welt-Motivs liegt in der religiös-asketischen mittelalterlichen Literatur.[17] Bis das Motiv allerdings seine bekanntesten Züge annimmt, wie man sie in „Der Welt Lohn“ von Konrad von Würzburg findet, dauert es noch einige Zeit.

Erst im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts änderte sich das Weltbild. Es bildete sich eine theozentrisch bestimmte Stufenordnung der Macht, die das Verhältnis von Weltfreude und Weltflucht schichtenhaft erscheinen lies. Der Blickwinkel hatte sich geändert durch einen selbstbewussten Ritterstand.[18]

In einer von Heinrich von Rugges Dichtungen wird die Welt erstmals mit der Frau und damit auch der Minne verbunden. Der Welt-Dienst erscheint positiv, denn er führt zur „Veredelung des Ritters“.[19] Für diesen veredelten Zustand der ritterlichen Vollkommenheit, in dem man den Spagat zwischen Gott gefälligem und weltlichem Leben erreicht hat, entstand der Begriff „saelde“, der sowohl weltlich als auch geistlich war.[20] Die Weltverneinung war Vergangenheit, nun hatte sich das Verhältnis zur Welt dahingehend verändert, dass die Welt den Menschen durch ihre weltlichen Güter (Schönheit, Reichtum, etc.) zu Gott führt. Und darin liegt der einzige Wert des Irdischen und damit auch der Welt.[21]

III. Umsetzung des Motivs in der mittelalterlichen Literatur

Die Frau Welt-Allegorie ist ein häufig wiederkehrendes Motiv der mittelalterlichen Literatur, vor allem in der mittelalterlichen Exempla-Dichtung mit Konrad von Würzburgs „Der Welt Lohn“ als heute bekanntestem Beispiel.

„Die sinnbildliche Bedeutung der Frau Welt-Gestalt war allgemein gültig. Der Dichter hatte nur die Möglichkeit, das Schema, das der Allegorie zugrunde lag, zu variieren.“[22]

In der mittelalterlichen Lyrik gab es drei große Themen: Zeitklage, Minnedienst und religiöse Besinnung.[23] Das Frau Welt-Motiv war folglich die perfekte Mischung aus allen dreien. Doch in der mittelalterlichen Literatur wurden diese drei Themen nur selten vermischt.

[...]


[1] Brunner, Horst: Konrad von Würzburg, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters.

Verfasserlexikon, Hrsg. Kurt Ruh u.a., Bd. 5, 19852, Sp. 272-304, hier Sp. 291.

[2] Thiel, Gisela: Das Frau Welt-Motiv in der Literatur des Mittelalters, Saarbrücken 1956, S. 263.

[3] vgl. ebenda, S. 105.

[4] vgl. ebenda, S. 104.

[5] vgl. Stammler, Wolfgang: Frau Welt. Eine mittelalterliche Allegorie, Freiburg in der Schweiz 1959, S. 9.

[6] Stammler, Frau Welt, S. 10.

[7] ebenda, S. 17.

[8] vgl. Thiel, Literatur, S. 1f.

[9] vgl. Stammler, Frau Welt, S. 35.

[10] vgl. Thiel, Literatur, S. 2.

[11] ebenda, S. 13.

[12] vgl. ebenda, S. 15f.

[13] vgl. ebenda, S. 29f.

[14] vgl. ebenda, S. 101.

[15] Thiel, Literatur, S. 35.

[16] vgl. ebenda, S. 36.

[17] vgl. Thiel, Literatur, S. 41.

[18] vgl. ebenda, S. 43ff.

[19] vgl. ebenda, S. 48ff.

[20] vgl. ebenda, S. 52.

[21] vgl. ebenda, S. 55.

[22] ebenda, S. 57f.

[23] vgl. Thiel, Literatur, S. 58.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Frau Welt. Ein Motiv im Wandel der Zeit
Untertitel
Analyse der Verserzählung „Der Welt Lohn“ Konrads von Würzburg
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik)
Veranstaltung
Seminar: Konrad von Würzburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V213990
ISBN (eBook)
9783656422921
ISBN (Buch)
9783656423461
Dateigröße
2698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konrad von Würzburg, Frau Welt, Mediävistik
Arbeit zitieren
Andrea Benesch (Autor), 2012, Frau Welt. Ein Motiv im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213990

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Frau Welt. Ein Motiv im Wandel der Zeit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden