Der Rosenstraßen-Protest als Akt des Widerstandes? Einordnung der Fabrik-Aktion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition Widerstand

3. Die Stellung der Mischehe im Dritten Reich

4. Der Rosenstraßen-Protest

5. Der Rosenstraße-Protest ein Akt des Widerstandes?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Am 27. Februar 1943 wurden bei einer reichsweiten Razzia, der sogenannten ,Fabrik-Aktion‘ mehrere tausend Juden verhaftet. Ziel dieser Aktion war es, die Juden aus den Fabriken zu entfernen und ebenfalls zu deportieren. Im Rahmen dieser Razzia wurden nicht nur sogenannte ,Volljuden‘ sondern ebenso ,geschützte‘ in Mischehe lebende Juden, sowie Mischlinge verhaftet.[1] Die Verhafteten wurden in Sammellager gebracht und sofern sie nicht in Mischehen lebten oder als Mischlinge galten deportiert.[2] In Berlin wurden rund 2000 in Mischehe lebende Juden in einem Gebäude in der Rosenstraße 2 – 4 inhaftiert.[3] Bereits kurze Zeit später kam es zu einer Ansammlung von Menschen vor dem Gebäude. Verwandte dieser Juden protestierten für deren Freilassung.[4] Bis heute gibt es viele offene Fragen und wider-sprüchliche Zeitzeugenaussagen zu diesem Protest, die eine Bewertung dessen, was dort geschehen ist, schwierig machen.

In der Forschung gibt es unterschiedliche Positionen. Einige sehen in dem Protest einen Akt des Widerstandes, durch den die inhaftierten Juden frei kamen, andere sind der Ansicht, dass der Protest nichts mit deren Freilassung zu tun hat.

Im Folgenden werde ich der Frage nachgehen, ob es sich bei dem Protest in der Rosenstraße um Widerstand gehandelt hat. Dazu werden zuerst verschiedene Definitionen des Begriffs vorgestellt und anschließend die Stellung der Mischehen im Dritten Reich aufgezeigt. Danach werde ich auf den eigentlichen Protest in der Rosenstraße eingehen und diesen, sowie den Verlauf der Fabrik-Aktion darstellen. Hiernach werde ich auf die Zeit nach dem Protest eingehen, um abschließend im Fazit die zuvor gestellte Leitfrage zu beantworten.

2. Definition Widerstand

Eine einheitliche, allgemein gültige und akzeptierte Definition des Begriffs ,Widerstand‘ gibt es nicht. Viele Historiker haben eigene Stufenmodelle bzw. Definitionen oder auch neue Begriffe entwickelt. Im Rahmen dieser Hausarbeit setze ich mich im Folgenden mit der Definition des Begriffs ,Widerstand‘ aus dem Lexikon des Widerstandes, dem Stufenmodell von Detlev Peukert und dem Resistenz-Begriff von Martin Broszat auseinander.

Im Lexikon des Widerstandes wird der Begriff ,Widerstand‘ als „Reaktionen eines Menschen oder von Gruppen auf Machtmissbrauch, Verfassungsbruch und Menschenrechts-verletzungen“[5] definiert. Widerstand sei eine Form abweichenden Verhaltens, die ein breites Verhaltensspektrum abdecke – „vom passiven Widerstand und der Verweigerung über die innere Emigration, den ideologischen Gegensatz und die bewusste Nonkonformität zum Protest, zur offenen Ablehnung und schließlich zur Konspiration“[6]. Auf das Dritte Reich angewendet bezeichnet Widerstand „jedes aktive und passive Verhalten, das sich gegen das NS-Regime oder einen erheblichen Teilbereich der NS-Ideologie richtete und mit hohen persönlichen Risiken verbunden war.“[7]

Detlev Peukert hat diese Stufen des abweichenden Verhaltens in einem Schaubild leicht abgewandelt verdeutlicht.[8] Peukert differenziert zwischen sowohl dem privaten und dem öffentlichen Handlungsraum, sowie zwischen partieller und genereller Kritik am System. Die Stufen führen von Nonkonformität über Verweigerung zum Protest und schließlich zum Widerstand, wobei die Akteure dabei zunehmend den privaten Handlungsraum und die partielle Kritik hin zum öffentlichen Raum und der generellen Kritik verlassen.[9] Außerdem sollte man, laut Peukert:

„in einem methodisch strengen Sinn [...] nur dann von Widerstand sprechen, wenn die Motive und Handlungen der betreffenden Personen auf den Sturz des NS-Regimes insgesamt hinzielten. Hierzu zählen sicherlich die organisierte Untergrundarbeit, die Flugblattverteilung, Zellenbildung oder Sabotage.“[10]

Martin Broszat wählt dagegen eine ganz andere Herangehensweise. In seiner Zwischenbilanz zu seinem Forschungsprojekt ,Widerstand und Verfolgung in Bayern 1933-1945‘ stellt er einen neuen Begriff vor: „Resistenz“[11]. Diesen aus der Medizin stammenden Begriff definiert er als „wirksame Abwehr, Begrenzung, Eindämmung der NS-Herrschaft oder ihres Anspruches, gleichgültig von welchen Motiven, Gründen oder Kräften her.“[12] Beispiele für ,Resistenz‘ seien seiner Ansicht nach Streik, Kritik am Regime in Predigten, Verweigerung der Teilnahme an NS-Versammlungen oder des Hitler-Grußes, aber auch das Festhalten an der nationalsozialistischen Ideologie oder Propaganda widerstrebender Ansichten; ein Beispiel hierfür sei der Pazifismus.[13] Broszat grenzt seinen Resistenzbegriff vor allem dadurch ab, dass die „wirkungsvolle Resistenz“ praktisch überall zu finden sei, wobei der „aktive, fundamentale Widerstand gegen das NS-Regime fast überall vergeblich geblieben“ sei.[14]

3. Die Stellung der Mischehe im Dritten Reich

Als sogenannte ,Mischehe‘ wurden vor und nach dem Dritten Reich Ehen zwischen Menschen mit verschiedenen Konfessionen bezeichnet. „Durch einen Erlaß des Reichsministers des Inneren vom 26. April 1935 wurde dem Begriff „Mischehe“ eine ausschließlich rassistische Definition gegeben und meinte seither Ehen zwischen Juden und Nichtjuden.“[15] Diese wurden in privilegierte und nichtprivilegierte Ehen unterschieden. Als privilegiert galten Ehen mit einer jüdischen Frau, auch wenn diese Ehe kinderlos war, oder wenn die Kinder nichtjüdisch erzogen wurden. Nichtprivilegiert waren dagegen kinderlose Ehen mit einem jüdischen Mann oder mit jüdisch erzogenen Kindern.[16]

„Die „Privilegien“ bestanden im wesentlichen [sic!] darin, dass diese Mischehen [die privilegierten] in ihren Wohnungen verbleiben durften und nicht der Kennzeichnungspflicht unterlagen. Sie konnten ihr Vermögen auf den nichtjüdischen Partner übertragen.“[17]

Diese Unterscheidung in privilegierte und nichtprivilegierte Mischehen wurde 1938 eingeführt, jedoch nie gesetzlich fixiert.[18]

Die Kinder aus einer solchen Mischehe, die ,Mischlinge‘ wurden als ,Mischlinge ersten Grades‘ oder als ,Geltungsjuden‘ eingestuft. Erstere rund 90 Prozent der Mischlinge, waren nicht jüdisch, die ,Geltungsjuden‘ dagegen nach jüdischem Glauben erzogen.[19]

Die Stellung der Mischehen im Dritten Reich war sehr ambivalent. Diese Ehen waren laut der Nürnberger Gesetzen verboten, jedoch gab es im Reich rund 35000 davon, viele unter Künstlern. Den jüdischen Ehepartnern erging es anfangs genauso wie allen anderen Juden, „sie stiegen sozial ab, ihr Vermögen wurde gesperrt, [und] sie mussten die Zwangsnamen „Sara“ und „Israel“ annehmen.“[20] Viele mussten, wie auch ihre ,deutschblütigen‘ Ehepartner, Beschränkungen in ihrer Berufsausübung hinnehmen, so hieß es z.B. im Reichsbeamtengesetz von 1937, dass nur derjenige Deutscher Beamter sein durfte, der selbst und dessen Ehegatte „deutschen Blutes“ war.[21]

Wie genau mit den ,arisch versippten‘ umzugehen sei, war in der NS-Führung umstritten. Von den Deportationen waren die in Mischehen lebenden Juden allerdings ausdrücklich ausgeschlossen. Dabei spielte die „befürchtete Unruhe bei den „arischen“ Angehörigen [...] eine entscheidende Rolle“.[22] Doch diese Ausnahme sollte nur vorläufig gelten, früher oder später würden auch diese Juden deportiert werden. Um dies zu ermöglich, wurde die Möglichkeit einer Zwangsscheidung diskutiert, doch auf der Wannseekonferenz im Januar 1942, kam man zu keiner Einigung, genauso wenig wie auf späteren Konferenzen des Jahres, unter anderem auch deshalb, weil im Oktober „die katholische Kirche gegen die erwartete Verabschiedung eines Zwangsscheidungsgesetzes intervenierte“.[23]

„Die Zwangsscheidung der „Mischehen“ legte die NS-Führung jedenfalls Ende 1942 erst einmal auf Eis.“[24] Damit fiel allerdings auch die Voraussetzung für die Deportation dieser Gruppe weg.[25]

4. Der Rosenstraßen-Protest

Anfang des Jahres 1943 lebten im ,Altreich‘ 51327 Juden, 16760 davon in Mischehen, von denen etwa die Hälfte in Berlin lebte. Hier „zählte man rund 6000 „privilegierte Mischehen“ und 2800 „nicht privilegierte Mischehen“.“[26]

[...]


[1] vgl. Gruner, Wolf: Die Fabrik-Aktion und die Ereignisse in der Berliner Rosenstraße. Fakten und Fiktionen um den 27. Februar 1943, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 11 (2002), S. 137-177, hier: S. 145ff.

[2] vgl. Prause, Pascal: Juden in „Mischehen“ und „jüdische Mischlinge“ als Opfer der „Fabrik-Aktion“ – zur Notwendigkeit einer Re-Interpretation der Ereignisgeschichte, in: Leugners, Antonia (Hg.): Berlin, Rosenstraße 2-4: Protest in der NS-Diktatur. Neue Forschungen zum Frauenprotest in der Rosenstraße 1943, Annweiler 2005, S. 19-47, hier: S. 23.

[3] vgl. Gruner, Fabrik-Aktion, S. 160f.

[4] vgl. ebenda, S. 167.

[5] Steinbach, Peter, Tuchel, Johannes: Lexikon des Widerstandes 1933-1945, München 1998, S. 240.

[6] ebenda, S. 241.

[7] ebenda.

[8] Siehe Anhang, S. 16.

[9] vgl. Schaubild S.16.

[10] Peukert, Detlev: Der deutsche Arbeiterwiderstand gegen das Dritte Reich, in: Beiträge zum Widerstand 1933-1945, Nr. 13, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1981, S. 4.

[11] Broszat, Martin: Resistenz und Widerstand. Eine Zwischenbilanz des Forschungsprojekts „Widerstand und Verfolgung in Bayern 1933-1945“, in: Broszat, Martin: Nach Hitler, München 1986, S. 68 – 91, hier S. 75.

[12] ebenda.

[13] vgl. Broszat, Resistenz, S.76.

[14] ebenda.

[15] Jochheim, Gernot: Frauenprotest in der Rosenstrasse Berlin 1943. Berichte. Dokumente. Hintergründe, Berlin 2002, S. 23.

[16] vgl. Meyer, Beate: Geschichte im Film. Judenverfolgung, Mischehen und der Protest in der Rosenstraße 1943, in H-German, 2004, S. 1.

[17] ebenda, S. 2.

[18] vgl. ebenda.

[19] vgl. ebenda.

[20] Meyer, Geschichte, S. 1.

[21] vgl. Gruner, Wolf: Widerstand in der Rosenstraße. Die Fabrik-Aktion und die Verfolgung der „Mischehen“ 1943, Frankfurt am Main 2005, S. 86.

[22] ebenda, S. 88.

[23] ebenda, S. 89ff.

[24] ebenda, S. 94.

[25] vgl. ebenda.

[26] ebenda, S. 95.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Rosenstraßen-Protest als Akt des Widerstandes? Einordnung der Fabrik-Aktion
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Kontroversen um den Nationalsozialismus
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V213994
ISBN (eBook)
9783656422884
ISBN (Buch)
9783656423386
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rosenstraßen-protest
Arbeit zitieren
Andrea Benesch (Autor), 2013, Der Rosenstraßen-Protest als Akt des Widerstandes? Einordnung der Fabrik-Aktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213994

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