Meister Eckharts Gottesgeburt in der Seele – moralisch beflügelt oder anthropologisch bedingt?


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013
20 Seiten

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die "Spannung" von Jungfrau und Weib

III. Das Sein Gottes und das menschliche Sein

IV. Ontologie und Erkenntnis

V a. Seelenfünklein (scintilla animae)
V b. Ereignis im Seelengrund: die Gottesgeburt

VI. Anthropo-ontologische Ethik

VII. Das menschliche Mitwirken

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Wird nach einer Ethik im Werk Meister Eckharts gefragt, so finden sich auf den ersten Blick nur wenige Stellen, die dies bezeugen könnten. Ein tieferer Blick ist dazu nötig, der an Eckharts zentralem Gedanken zu orientieren ist ‒ das Konzept des „Seelenfünkleins“. Diese Gottesgeburt in der Seele, die die Vereinigung des Menschen mit Gott beschreiben soll und als Kern der Mystik des Meisters angesehen wird, steht auch im Zentrum dieser Untersuchung. Schwerpunkt darin, ist wohl das Wirken Gottes, welches diese wunderbaren Vorgänge im Menschen auslöst. Offener ist aber die Frage nach dem Anteil, den der Mensch dazu beitragen soll und muss, so er in den Genuss dieser Verbindung mit dem Göttlichen kommen will. Hat er eine entsprechende anthropologische Ausstattung qua derer er dazu „berechtigt“ wäre oder muss er seinen Handlungsspielraum nutzen und auf sittlichem Weg zur Gottesgeburt voranschreiten? Im zweiten Teil der Fragestelllung hätte man es mit einer moralischen Dimension zu tun, die mit dem Seelenfünklein in Verbindung stünde. Natürlich könnte auch eine Synthese von beidem in Frage kommen. Dieser Problematik will ich mich im Folgenden annehmen und versuchen eine Antwort darauf zu geben. In medias res soll dabei die Predigt Nr. 2 (bei Quint) stehen. Dieser Text ist besonders bedeutend in des Meisters Predigtwerk, weil er sich darin explizit mit der Funktion des Seelenfünkleins auseinandersetzt.

Im Gegensatz zu seinen lateinischen Lehrschriften, die er für die Universität geschrieben hatte, spricht der Meister in den Predigten in einer bildhaften und poetischen Sprache, was ein Verstehen ‒ gut siebenhundert Jahre nach ihrem Entstehen ‒ nicht unbedingt erleichtert. Die bildhaften Gleichnisse und Aussagen wandeln sich oft zu einem ganz anderen Sinn, es ist, als ob sich der Meister dazu entschlossen hätte, die Bildinhalte dialektisch zu besetzen. Dies wird sich im weiteren Verlauf auch mehrfach zeigen. Außer der Predigt 2 müssen auch die lateinischen Werke (besonders das Opus tripartitum) beachtet werden, da sich Meister Eckhart darin besonders um die ontologische Grundlage, also um die Form des Seins kümmert. Es wird sich zeigen, dass seine Ontologie eine wesentliche Voraussetzung für seine Ethik sein wird, die auch mit der Konzeption des Seelenfunken harmonieren muss.

Im Teil II. werde ich die Bedeutung von „Jungfrau“ und „Weib“ in der angesprochenen Predigt Nr. 2 erläutern, um danach im III. Abschnitt auf den Gegenpol von menschlichem und göttlichem Sein einzugehen. Kapitel IV. zeigt die erkenntnistheoretischen und ontologischen Grundlagen auf um zur Gottesgeburt überhaupt fähig zu werden, bevor unter den Punkten V a. und V b. der Ablauf der Gottesgeburt im Seelengrund (Seelenfünklein) darzustellen sein wird. Im Kapitel VI. wird auf die ontologische Basis von möglichen sittlichen Handlungen näher einzugehen sein, selbstverständlich auch im Kontext des Seelenfünkleins. Abschließend (VII.) wird im Sinne von Sokrates vorgestellt, in wie weit der Mensch das Seinige tun oder gerade nicht tun kann, um an der Gottesgeburt in seiner Seele aktiv mitzuwirken. Gleichsam muss eine Entscheidung über die anthoropologische bzw. ethische Voraussetzung, die zur Fähigkeit der Gottesgeburt in der Seele impliziert ist, fallen.

II. Die "Spannung" von Jungfrau und Weib

Meister Eckhart spricht in der Predigt Nr. 2 davon, dass es möglich ist, Gott in der Seele zu empfangen. Dazu verwendet er die Metapher „Jungfrau“, was für Reinheit steht und den Gläubigen des Mittelalters klar verständlich gewesen sein dürfte. ,,Juncvrouwen ist alsộ vil gesprochen als ein mensche, der von allen vremden bilden ledic ist, alsộ ledic, als er was, dộ er niht enwas.“[1] Was aber meint Meister Eckhardt mit den „fremden Bildern“, die erwähnt werden? Sicherlich wäre die Aussage unterschätzt, verstünde man darunter nur das, was uns im irdischen Leben ablenkt und auf Irrwege führt. Man muss, um dies besser zu verstehen, weiter zurück in die Philosophiegeschichte gehen, so gelangt man schließlich zur Ideenlehre (eigentlich Formenlehre) Platons.[2] Dabei werden die bildhaften Dinge jedoch nicht negiert, sie sind in der sinnlichen Welt vorhanden und wir brauchen und gebrauchen sie für unser Leben in der Welt (z. B. ein Pferd, Brot usw.). Die sinnliche Welt ist der Ort der Vielheit. Umgekehrt kann nicht gesagt werden, dass in Gott alles Eins ist, dies wäre eine fast schon buddhistische Sichtweise. Die Personalität Gottes bleibt in der trinitarischen Ordnung erhalten. Der nach Wahrheit Strebende muss sich im Klaren sein, dass er mit den „Bildern“ noch keine Wahrheit gefunden hat; er muss sie transparent fassen um dahinter die Wahrheit, zum Beispiel die Idee des Guten, die bei Platon die höchste Idee darstellt, zu sehen. Der Wahrheitsbegriff ist dem von Augustinus ähnlich: Alle Wahrheit ist in Gott bzw. kommt einzig aus ihm. Auch, dass Gott in uns einzieht und in uns wirkt, ist ganz nach Augustinus: ,,Geh nicht nach draußen, kehr wieder ein bei dir selbst! Im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.“[3]

Der Mensch soll so sein, wie er war als er noch nicht war, so wurde bereits gesagt. Wie bzw. was aber war der Mensch als er noch nicht war? Eine Präexistenz des Menschen in Gott ist hier wohl gemeint. Der Mensch war schon vor seiner körperlichen Geburt in Gott und ging nach seiner Geburt im Grund "von Gott weg", sodass er die Urbilder nicht mehr schauen kann und mit den Abbildern auf der Erde leben muss. Allerdings kann er sich durch Wiedererinnerung (Anamnesis) die Ideen (Urbilder) vergegenwärtigen, indem er von den Abbildern abstrahiert. Im irdischen Leben ist jedoch nicht möglich, die Ideen vollständig zu erkennen. Gott ist eben nicht einfach nur die naturhafte Ursache, sondern der Grund von allem, was aus ihm hervorgegangen ist. Nach Augustinus überträgt sich die Zeitlosigkeit Gottes auf alles, was dieser schaut. Der Mensch muss Raum und Zeit überwinden, auf seinem Weg zur Jungfräulichkeit. Mit der Verwendung dieses Bildes meint Eckhart den Weg zur Reinheit. Die Urbilder sind in Gott und alle Dinge haben ihren Ursprung in ihm. Nur dadurch ist es möglich, zu Erkenntnis zu kommen. Ohne ihn wäre das Sein ein Nichts, es gäbe gar kein Sein.

Die zweite Metapher, die der Meister verwendet, ist die des "Weibes", welches im Menschen Frucht bringen soll. Die Seele als Weib ist aber ein weitaus wertvolleres Attribut, als das des Jungfrau-Seins.[4] Die Seele als Weib ist in der Lage Frucht zu bringen und genau darin unterscheidet sie sich von der Jungfrau, die die Reinheit der Seele verkörpert. Diese Konstellationen beziehen sich auf das Kommen Christi. ,,Daz der mensche got enpfæhet in im, daz ist guot, und in der enpfenclicheit ist er maget. Daz aber got vruhtbærlich in im werde, das ist bezzer...“[5] Gott wird Fruchtbar in der Seele, dies ist der Verdienst des Weib-Seins. Aus Dankbarkeit für diese Gabe wird Jesus wiedergeboren in das väterliche Herz Gottes. Gott ist auch in seiner Schöpfung als wesenhaftes, Ideelles bzw. als das eigentliche Sein vorhanden (Neuplatonismus), allerdings ist dieser Zusammenhang nicht pantheistisch zu verstehen. Die Existenz Gottes denkt Meister Eckhart aber auch platonisch, obwohl Platon die Ideen noch nicht in Gott verortete, sondern sie noch in einer Sphäre „unter“ ihm angesiedelt hatte. Erst der Neuplatonismus setzte die Ideen in Gott. Ebenfalls aus dem Neuplatonismus kommen die Aussagen was Gott nicht ist (negative Theologie), z. B. nicht-zeitlich, nicht räumlich, unerkennbar, nicht bedingt usw. Gott wird im Christentum als Dreieinigkeit aufgefasst. Die Trinität hat aber nichts mit der Zahl drei zu tun, denn das Zählen beginnt erst nach der Trinität, so kann hier gesagt werden. Gott steht über den Personen der Trinität, diese sind Gott gleich (homo usios theu), aber nicht mit ihm identisch. Gott konstituiert sich in der Trinität selbst, d. h. der Vater ist nicht die Ursache für den Sohn und dieser ist gezeugt und nicht geschaffen. Die Zeugung steht höherwertig über dem Schaffen und der heilige Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor. Wirkprinzip innerhalb der Trinität ist die Liebe. Die Aussage, die lautet Gott ist eins, ist nur bedingt richtig, weil er die Trinität als ,,Überseiendes“ übersteigt. In der Trias, welche aus dem neuplatonischen Denken kommt, ist Gott jenseits aller Vielheit. Die Trias zeichnet sich durch principium (Sein), exitus (kein zeitlicher Prozess) und reditus (Rückwendung, jedoch nicht Rücknahme der Schöpfung) aus, also göttliches Prinzip, welches die Dinge aus sich heraus erschafft; sie fließen aus Gott heraus würde man neuplatonisch sagen, kehren jedoch wieder in Gott zurück[6]. Das Ineinandersein von Gott, Vater, Sohn und hl. Geist wird als Perichorese bezeichnet.

Bei Meister Eckhart ist Gott ohne wise (Weise), d. h. er ist frei von allen Bedingungen wobei das "wise" aber auch auf das Wesen hin deutet.

Hat sich der Mensch von den Bildern frei gemacht, so kann er in Christus eins mit diesem Grund werden. Allerdings muss der Mensch als kreatürliches Wesen auch in der Welt als ein handelnder auftreten. Jedoch entfernt sich der Mensch durch die Konstitution in der Welt ontologisch, moralisch, noetisch — von Gott. Die Jungfräulichkeit alleine bringt nicht die Geburt Gottes in der Seele; dies bleibt der Weiblichkeit vorbehalten.[7] Das Weibsein bietet die Möglichkeit, Gott im "Seelenfunken" zu gebären. Unsere Seele ist das Weib, in dem Gott fruchtbar und Jesus wiedergeboren wird; der Geist wiederum gebiert Jesus zurück in das ,,veterlîche herze“[8]. Diese beiden Seinsweisen sind nicht in den biologischen Kontext einzuordnen, denn Eckhart benützt sie lediglich als Bilder um den Zusammenhang innerhalb seiner Mystik darzustellen.

Verrichtungen in Gebundenheit an die Bilder bringen keine ,,Frucht“ im Bezug auf Gott. Die Arbeit ist getan, aber ohne einen Erkenntnisnutzen davon zu tragen und man hat nicht in Freiheit gehandelt. Gleichzeitiges Jungfrau- und Weibsein bringt die entscheidende Nähe zu sich selbst und zu Gott. Beide Seinsweisen sind identisch, wenn Empfangsbereitschaft und „Fruchtbarkeit“ erreicht sind. Die Geburt in diesem „Weib“ verläuft in einem ständigen Prozess. Die Vereinigung mit Jesus ist dadurch zu einem festen Einssein geworden.[9] Beide Seinsweisen bedingen sich dabei gegenseitig; die eine funktioniert nicht, ohne die andere. Der scheinbare Gegensatz von Jungfrau und Weib löst sich mit der Gottesgeburt in der Seele auf.

[...]


[1] Meister Eckhart: Predigten. Sämtliche deutsche Predigten und Traktate sowie eine Auswahl aus dem lateinischen Werken. Kommentierte zweisprachige Ausgabe. Übers. V. Josef Quint. Hg. u. komm. v. Nikolaus Largier. 2 Bde. Frankfurt am Main 1993. Bd. I, Pr. 2. S. 24, 11-13 (Jungfrau besagt soviel wie ein Mensch, der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war.“ I, S. 25, 11-13).

[2] In dessen Ontologie ist die Idee, als Universalie, von höherer Seinswertigkeit als das ,,einzelne Ding“, dem sie Sein verleiht, ein Abbild von diesem ,,Ding“ hat wiederum weniger Seinswert als das ,,reale Ding“ usw. Dieser Dualismus ist jedoch gemildert, im Vergleich zum Manichäismus, der gutes und böses Prinzip klar abtrennt. Die Abbilder im platonischen Denken sind nichts Böses oder gar Minderwertiges. Sich von Bildern leiten zu lassen führt allerdings nicht zur Wahrheit, die bei Platon der Idee des Guten, bei Augustinus in Gott anzutreffen ist; so ist letztlich die oberste Wahrheit in Gott verortet. Von der Sinnlichkeit (den Bildern) muss sich der Erkenntnissuchende befreien um zur Erkenntnis der genannten Art zu kommen. Die Askese, die gefordert wird, wandelt sich zu einer philosophischen Theorie.

[3] Augustinus, Aurelius: De vera religione. Über die wahre Religion. Stuttgart: Reclam 1997. S. 123. Kap. XXXIX.72.

[4] Vgl. Meister Eckhart: Predigten. II, S. 27, 10.

[5] Ebd. S. 26, 8-10 (,,Daß der Mensch Gott in sich empfängt, das ist gut, und in dieser Empfänglichkeit ist er Jungfrau. Daß aber Gott fruchtbar in ihm werde, das ist besser“). I, S. 27, 8-11).

[6] Diese neuplatonische Auffassung zeigt sich im Rückgebären Jêsum in daz veterlîche herze“. Ebd. I, S. 26, 13.

[7] Vgl. S. 27.

[8] Ebd. S. 26.

[9] Vgl. ebd. S. 29.

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Details

Titel
Meister Eckharts Gottesgeburt in der Seele – moralisch beflügelt oder anthropologisch bedingt?
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V214148
ISBN (eBook)
9783656425618
ISBN (Buch)
9783656437697
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Seelenfünklein, Anthropologie, Ethik, Analogie, Meister Eckhart
Arbeit zitieren
Dr. Manfred Klein (Autor), 2013, Meister Eckharts Gottesgeburt in der Seele – moralisch beflügelt oder anthropologisch bedingt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214148

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