Der zentrale Gedanke Meister Eckharts kreist um die Gottesgeburt in der Seele ("Seelenfünklein") des Menschen. Dies kennzeichnet seine Überlegungen zur Verbindung der Menschen mit Gott. Offen ist dabei die Frage, ob die Gottesgeburt anthropologisch bedingt ist, d. h. ob sie uns in unserem Menschsein zukommt, oder ob moralische Bedingungen zu erfüllen sind, die zur Erreichung dieses Ziel erforderlich sind. Die Studie wird sich dieser Frage auf zwei wegen annähern: Platonische Formenlehre (Ideenlehre) und der Analogie von Aristoteles und Thomas von Aquin.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die "Spannung" von Jungfrau und Weib
III. Das Sein Gottes und das menschliche Sein
IV. Ontologie und Erkenntnis
V a. Seelenfünklein (scintilla animae)
V b. Ereignis im Seelengrund: die Gottesgeburt
VI. Anthropo-ontologische Ethik
VII. Das menschliche Mitwirken
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Konzept des „Seelenfünkleins“ bei Meister Eckhart, insbesondere anhand der Predigt Nr. 2, um zu klären, inwieweit die Gottesgeburt in der Seele als moralisch beflügelter Prozess oder anthropologisch bedingte Notwendigkeit zu verstehen ist.
- Analyse der Metaphorik von „Jungfrau“ und „Weib“ bei Meister Eckhart.
- Untersuchung der ontologischen Voraussetzungen für die Gottesgeburt.
- Erörterung der Rolle der Gnade und des menschlichen Anteils (Passivität vs. Aktivität).
- Vergleich von platonischen Partizipationsgedanken und aristotelischer Analogielehre im Kontext von Sein und Erkenntnis.
- Klärung der anthropo-ontologischen Ethik im Verhältnis zur Seelenessenz.
Auszug aus dem Buch
II. Die "Spannung" von Jungfrau und Weib
Meister Eckhart spricht in der Predigt Nr. 2 davon, dass es möglich ist, Gott in der Seele zu empfangen. Dazu verwendet er die Metapher „Jungfrau“, was für Reinheit steht und den Gläubigen des Mittelalters klar verständlich gewesen sein dürfte. ,,Juncvrouwen ist alsộ vil gesprochen als ein mensche, der von allen vremden bilden ledic ist, alsộ ledic, als er was, dộ er niht enwas.“ Was aber meint Meister Eckhardt mit den „fremden Bildern“, die erwähnt werden? Sicherlich wäre die Aussage unterschätzt, verstünde man darunter nur das, was uns im irdischen Leben ablenkt und auf Irrwege führt. Man muss, um dies besser zu verstehen, weiter zurück in die Philosophiegeschichte gehen, so gelangt man schließlich zur Ideenlehre (eigentlich Formenlehre) Platons. Dabei werden die bildhaften Dinge jedoch nicht negiert, sie sind in der sinnlichen Welt vorhanden und wir brauchen und gebrauchen sie für unser Leben in der Welt (z. B. ein Pferd, Brot usw.). Die sinnliche Welt ist der Ort der Vielheit. Umgekehrt kann nicht gesagt werden, dass in Gott alles Eins ist, dies wäre eine fast schon buddhistische Sichtweise.
Die Personalität Gottes bleibt in der trinitarischen Ordnung erhalten. Der nach Wahrheit Strebende muss sich im Klaren sein, dass er mit den „Bildern“ noch keine Wahrheit gefunden hat; er muss sie transparent fassen um dahinter die Wahrheit, zum Beispiel die Idee des Guten, die bei Platon die höchste Idee darstellt, zu sehen. Der Wahrheitsbegriff ist dem von Augustinus ähnlich: Alle Wahrheit ist in Gott bzw. kommt einzig aus ihm. Auch, dass Gott in uns einzieht und in uns wirkt, ist ganz nach Augustinus: „Geh nicht nach draußen, kehr wieder ein bei dir selbst! Im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Konzept des „Seelenfünkleins“ bei Meister Eckhart ein und skizziert die methodische Untersuchung entlang der Predigt Nr. 2.
II. Die "Spannung" von Jungfrau und Weib: Dieses Kapitel erläutert Eckharts Bildsprache von „Jungfrau“ und „Weib“ als spirituelle Metaphern für Reinheit und Fruchtbarkeit in der Verbindung mit Gott.
III. Das Sein Gottes und das menschliche Sein: Es werden die ontologischen Konzepte der platonischen Partizipation und der aristotelischen Analogie als Grundlage für das Verhältnis von menschlichem und göttlichem Sein diskutiert.
IV. Ontologie und Erkenntnis: Dieses Kapitel untersucht die erkenntnistheoretische Rolle der Befreiung von „Bildern“ und definiert die „scintilla animae“ als Analogon des göttlichen Intellekts.
V a. Seelenfünklein (scintilla animae): Hier wird das „vünkelin“ als unbenennbarer Seelengrund und Ort der trinitarischen Geburt Gottes in der Seele expliziert.
V b. Ereignis im Seelengrund: die Gottesgeburt: Dieses Kapitel betrachtet die Gnade als notwendige Gabe Gottes, die den Menschen zur Empfängnis der göttlichen Sohnschaft befähigt.
VI. Anthropo-ontologische Ethik: Diese Ausführung verbindet die Ontologie Meister Eckharts mit seinem Tugendbegriff und dem sittlichen Handeln als Streben nach dem göttlichen Ziel.
VII. Das menschliche Mitwirken: Abschließend wird die Frage nach der menschlichen Aktivität bzw. Passivität gestellt, wobei die Begriffe der „Armut“ und „Abgeschiedenheit“ als Bedingungen der Gottesgeburt reflektiert werden.
Schlüsselwörter
Meister Eckhart, Seelenfünklein, Gottesgeburt, Mystik, Ontologie, Gnade, Seelengrund, Abgeschiedenheit, Anthropologie, Analogie, Ideenlehre, Trinität, Geist, Tugendethik, scintilla animae.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Mystik von Meister Eckhart, mit einem Fokus auf das Konzept der „Gottesgeburt in der Seele“ und die Frage, wie sich menschliches Handeln dazu verhält.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Seinslehre (Ontologie), die Erkenntnistheorie, die Rolle der Gnade und die ethische Dimension des mystischen Erlebens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, zu klären, ob die Gottesgeburt beim Menschen durch ethisches Handeln aktiv beeinflussbar ist oder ob sie als rein anthropologisch-theologische Gegebenheit zu betrachten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine textanalytische Herangehensweise, insbesondere an die Predigt Nr. 2 bei Quint, ergänzt durch den Vergleich mit lateinischen Schriften und der philosophischen Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Metaphorik Eckharts, die ontologischen Grundlagen des Seins und der Erkenntnis sowie die spirituellen Konzepte von Armut und Abgeschiedenheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Seelenfünklein, Gottesgeburt, Abgeschiedenheit und die Analogie von menschlichem und göttlichem Sein charakterisiert.
Wie unterscheidet Meister Eckhart zwischen „Jungfrau“ und „Weib“?
Die „Jungfrau“ symbolisiert die rein empfangsbereite, bildlose Seele, während das „Weib“ für die Fruchtbarkeit steht, durch die Gott in der Seele zur Geburt kommt.
Warum spielt die Abgeschiedenheit eine zentrale Rolle?
Die Abgeschiedenheit wird als höchste Tugend angesehen, da sie den Menschen von allen irdischen Bindungen löst und damit den Raum schafft, in dem Gott allein wirken kann.
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- Dr. Manfred Klein (Autor), 2013, Meister Eckharts Gottesgeburt in der Seele – moralisch beflügelt oder anthropologisch bedingt?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214148