Wollte man die durchaus unreflektierte (weil normativ formulierte) Frage, ob wir zu einer Gesellschaft von „Unternehmern“ werden sollten, an den Beginn der Abhandlung stellen und sie mit der in der politischen Debatte Deutschlands und der EU vorherrschenden Auffassung beantworten,dann hieße die Antwort wohl eindeutig: Ja, wir sollen! So formuliert die Expertise der „Kommission für Zukunftsfragen Bayern – Sachsen1“ aus dem Jahre1997 in ihrem Abschlussbericht sehr pointiert: „Das Leitbild der Zukunft ist das Individuum als Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge“ (ebd.: 36). Damit aber nicht genug: zusätzlich wird in nicht gerade zukunftsoptimistischer Manier der Erhalt des „im internationalen Vergleich fast einzigartige[n] materielle[n] Wohlstand[s]“ (ebd. 39) Deutschlands als an die Ausbildung „schöpferische[r], unternehmerisch handelnde[r] Menschen, die in höherem Maße als bisher bereit und in der Lage sind, in allen Fragen für sich selbst und andere Verantwortung zu übernehmen“ (ebd.: 44), gekoppelt interpretiert – andernfalls könnte unser Wohlstand „wie ein Kartenhauszusammenfallen“ (ebd.: 39). Ganz ähnlich nimmt sich die Sicht der Europäischen Union aus, welche sich veranlasst sieht, die Mitgliedsstaaten zur „Förderung von Eigeninitiative, Unternehmergeist und Kreativität bei jungen Menschen“ anzuhalten (Titel des Amtsblattes C 196 der Europäische Union: 2001). [...]
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Einleitung
Kapitel 2: Zur Darstellung der ursprünglichen These des Arbeitskraftunternehmers
2.1. Die Wandlungsthese: Strukturwandel der betrieblichen Arbeitsorganisation
2.2. Die Anforderungsthese: Merkmalseigenschaften des Idealtypus „verbetrieblichter Arbeitskraftunternehmer“
Kapitel 3: Zwischenbetrachtung - Von der Theorie zur Empirie
Kapitel 4: Die empirische Überprüfung der These des Arbeitskraftunternehmers
4.1. Erwerbsorientierung im Bereich Arbeitsfeld
- Typen der Leistungsorientierung
4.2. Erwerbsorientierung im Bereich Erwerbsperspektive
- Typen der berufsbiographischen Orientierungen
4.3. Erwerbsorientierung im Bereich Lebensführung
- Typen von Elastizitätsmustern im Verhältnis von Arbeit und Privatleben
Kapitel 5: Zusammenschau der empirischen Ergebnisse
Kapitel 6: Fazit und Kritik zur These des Arbeitskraftunternehmers
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Realitätsgehalt der Theorie des „Arbeitskraftunternehmers“ nach Voß und Pongratz. Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit sich die postulierten unternehmerischen Erwerbsorientierungen bei Beschäftigten in der Praxis tatsächlich nachweisen lassen und welche Auswirkungen dies auf die betriebliche Steuerung und das Subjekt hat.
- Wandlungsthese und Anforderungsthese im Arbeitskontext
- Empirische Überprüfung von Leistungsorientierungen
- Berufsbiographische Gestaltungsmodi
- Elastizitätsmuster zwischen Arbeit und Privatleben
- Kritische Bewertung des Konzepts im Hinblick auf Arbeitskrafttypen
Auszug aus dem Buch
Kapitel 1: Einleitung
Wollte man die durchaus unreflektierte (weil normativ formulierte) Frage, ob wir zu einer Gesellschaft von „Unternehmern“ werden sollten, an den Beginn der Abhandlung stellen und sie mit der in der politischen Debatte Deutschlands und der EU vorherrschenden Auffassung beantworten, dann hieße die Antwort wohl eindeutig: Ja, wir sollen!
So formuliert die Expertise der „Kommission für Zukunftsfragen Bayern – Sachsen“ aus dem Jahre 1997 in ihrem Abschlussbericht sehr pointiert: „Das Leitbild der Zukunft ist das Individuum als Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge“ (ebd.: 36). Damit aber nicht genug: zusätzlich wird in nicht gerade zukunftsoptimistischer Manier der Erhalt des „im internationalen Vergleich fast einzigartige[n] materielle[n] Wohlstand[s]“ (ebd. 39) Deutschlands als an die Ausbildung „schöpferische[r], unternehmerisch handelnde[r] Menschen, die in höherem Maße als bisher bereit und in der Lage sind, in allen Fragen für sich selbst und andere Verantwortung zu übernehmen“ (ebd.: 44), gekoppelt interpretiert – andernfalls könnte unser Wohlstand „wie ein Kartenhaus zusammenfallen“ (ebd.: 39).
Mit Ulrich Bröckling (2007) gesprochen, handelt es sich hierbei um die Anrufungen eines „unternehmerischen Selbst“, welches als normatives Leitbild und Regierungsprogramm verstanden wird und mit zunehmender Intensität ein Konglomerat von Anforderungen an die Subjekte stellt; so z.B.: vermehrte Rationalität, Kreativität, Innovationsbereitschaft, Flexibilität, Eigenverantwortung, Risikobewusstsein, Kundenorientierung u.v.m.; wobei als Hauptkriterium dieses Imperatives die nie endende Selbstoptimierung der Subjekte gelte (vgl. Bröckling 2007).
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Einleitung: Stellt das Leitbild des „Arbeitskraftunternehmers“ im politischen und ökonomischen Diskurs dar und führt in die soziologische Problematik des unternehmerischen Selbst ein.
Kapitel 2: Zur Darstellung der ursprünglichen These des Arbeitskraftunternehmers: Erläutert das theoretische Konstrukt von Voß und Pongratz, unterteilt in die Wandlungsthese der Betriebsorganisation und die Anforderungsthese an das Subjekt.
Kapitel 3: Zwischenbetrachtung - Von der Theorie zur Empirie: Dient als Brückenschlag zwischen dem theoretischen Idealtypus und der methodischen Herangehensweise zur empirischen Überprüfung.
Kapitel 4: Die empirische Überprüfung der These des Arbeitskraftunternehmers: Analysiert auf Basis von Interviews die Erwerbsorientierungen in den Bereichen Arbeitsfeld, Erwerbsperspektive und Lebensführung.
Kapitel 5: Zusammenschau der empirischen Ergebnisse: Führt die empirischen Befunde zusammen und diskutiert die Diskrepanzen zwischen dem postulierten Idealtypus und den realen Verteilungen.
Kapitel 6: Fazit und Kritik zur These des Arbeitskraftunternehmers: Reflektiert die Ergebnisse kritisch und schränkt die These eines dominanten neuen Arbeitskrafttypus zugunsten einer Koexistenz verschiedener Typen ein.
Schlüsselwörter
Arbeitskraftunternehmer, Subjektivierung von Arbeit, unternehmerisches Selbst, Erwerbsorientierung, Leistungsorientierung, Entgrenzung, Selbstkontrolle, Selbstökonomisierung, Selbst-Rationalisierung, Normalarbeitsverhältnis, Arbeitssoziologie, Industriesoziologie, Berufsbiographische Orientierung, Arbeitsvermögen, Transformationstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob das von Voß und Pongratz entwickelte Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ die tatsächliche Entwicklung der Erwerbsarbeit in Deutschland angemessen beschreibt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Felder sind der Wandel betrieblicher Arbeitsorganisation, die Anforderungen an das unternehmerische Selbst sowie die empirische Analyse von Erwerbsorientierungen in Bezug auf Leistung, Karriere und Lebensführung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach dem empirischen Realitätsgehalt der These, dass sich der „Arbeitskraftunternehmer“ langfristig zum dominanten Arbeitskrafttypus in westlichen Industriegesellschaften entwickelt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie einer Auswertung von qualitativen empirischen Daten, insbesondere der Studie von Voß und Pongratz aus dem Jahr 2003.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Überprüfung der Merkmalseigenschaften des Arbeitskraftunternehmers anhand der drei Dimensionen Selbstkontrolle, Selbstökonomisierung und Selbst-Rationalisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Arbeitskraftunternehmer, Subjektivierung, Normalarbeitsverhältnis und Erwerbsorientierung.
Wie unterscheidet sich der „Arbeitskraftunternehmer“ vom „verberuflichten Arbeitnehmer“?
Während der verberuflichte Arbeitnehmer auf institutionelle Sicherheit und bewährte Routinen setzt, zeichnet sich der Arbeitskraftunternehmer durch Selbststeuerung, Ergebnisorientierung und eine ständige Optimierung seines eigenen Arbeitsvermögens aus.
Warum konnte die These des Arbeitskraftunternehmers laut Autor nicht vollständig bestätigt werden?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das „Normalarbeitsverhältnis“ und der Wunsch nach Absicherung in der Praxis weiterhin sehr stark ausgeprägt sind, was eine generelle Dominanz des Arbeitskraftunternehmers widerlegt.
Welche Rolle spielen Geschlecht und Branche bei der Verbreitung der neuen Arbeitsformen?
Die Studie deutet darauf hin, dass insbesondere in der IT-Branche und bei hochqualifizierten Angestellten eine höhere Affinität zum Arbeitskraftunternehmer besteht, wobei Frauen in bestimmten Projektarbeitsformen eine besonders hohe Strukturierungsbereitschaft zeigen.
Was ist das Fazit zur „Entgrenzung“ von Arbeit?
Die Entgrenzung ist ein realer Prozess, führt aber nicht zwingend zu einer vollständigen unternehmerischen Selbstverwertung, da institutionelle Sicherheitsbedürfnisse und strukturelle Barrieren weiterhin bestehen bleiben.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2011, Der Arbeitskraftunternehmer. Konzept und Empirie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214169