Neigung zur Nichthandlung. Literaturanalyse und Implementierungsvorschläge für die experimentelle Wirtschaftsforschung


Diplomarbeit, 2012
88 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

II Abkürzungen

III Abbildungsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 OMISSION BIAS
2.1 Zusammenhang der Varianten des Omission Bias
2.2 Unterscheidung von Omission Bias und Status Quo Bias

3 INACTION INERTIA
3.1 Verlust- und Gewinnbetonung
3.2 Unausweichlichkeit, Konfrontation und Distanz
3.3 Werteinschätzung

4 ZWISCHENFAZIT UND GEGENÜBERSTELLUNG VON OMISSION BIAS UND INACTION INERTIA

5 EINFLUSSFAKTOREN AUF DIE TENDENZ NICHT ZU HANDELN ..
5.1 Emotionen
5.2 Merkmale der Entscheidungssituation
5.3 Individuelle Eigenschaften der Entscheidungsträger
5.4 Unterschiede in den experimentellen Rahmenbedingungen

6 UNTERSUCHUNGEN VON NICHTHANDLUNGSPHÄNOMENEN IM WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHEN KONTEXT

7 IMPLEMENTIERUNGSVORSCHLÄGE FÜR DIE EXPERIMENTELLE WIRTSCHAFTSFORSCHUNG
7.1 Public Good Spiele
7.1.1 Varianten der Bestrafungen in Public Good Spielen
7.1.2 Integration der Möglichkeit nicht zu handeln
7.1.3 Transparenzmanipulation
7.1.4 Ein Zahlenbeispiel
7.1.5 Hypothesen
7.1.6 Limitationen und Einwände
7.2 Centipede Games
7.2.1 Integration der Möglichkeit nicht zu handeln
7.2.2 Bestrafung in Hundertfüßlerspielen
7.2.3 Transparenzmanipulation
7.2.4 Hypothesen
7.2.5 Erweiterungsmöglichkeiten
7.2.6 Limitationen und Einwände
7.3 Versuche zur Inaction Inertia mit mehreren Spielern
7.3.1 Integration der Möglichkeit nicht zu handeln
7.3.2 Hypothesen
7.3.3 Leistungsabhängige monetäre Anreize
7.3.4 Integration von Unsicherheiten
7.3.5 Limitationen und Einwände
7.4 Untersuchungen der Auswirkungen von Nichthandlungen auf Motivation und Leistung
7.4.1 Empirische Beobachtbarkeit
7.4.2 Gift Exchange Spiele
7.4.3 Integration des Aspekts der Nichthandlung
7.4.3.1 Information über die Nichthandlung zum Ende eines Zyklus
7.4.3.2 Information über die Nichthandlung zu Anfang eines Zyklus
7.4.3.3 Wiederholte Unterlassungshandlungen
7.4.4 Hypothesen
7.4.5 Limitationen und Einwände

8 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

9 LITERATURVERZEICHNIS

10 ANHANG
10.1 Kritik an den Untersuchungen des Omission Bias
10.1.1 Die Studie des Omission Bias von Connolly und Reb (2003)
10.1.2 Die Studie des Omission Bias von Tanner und Medin (2004)
10.2 Abbildungen
10.3 Tabellen

DANKSAGUNG

II Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : Schematische Darstellung des Zusammenhangs der beiden Omission Bias Phänomene

Abbildung 2 : Korrelationen zwischen empfundener Sittlichkeit des Verhaltens, Kausalität, Intention und Verantwortlichkeit

Abbildung 3 : Histogramm (Baron und Ritov, 2004:81, Abbildung 1)

Abbildung 4 : Histogramm (Baron und Ritov, 2004:81, Abbildung 2)

Abbildung 5 : Darstellung der Referenzpunkte und Nutzenniveaus zur Veranschaulichung der Erklärung von Inaction Inertia Effekten

Abbildung 6 : Balkendiagramm der Wahrscheinlichkeitsangaben des Experiments 2 von Tykocinski und Pittman (1998:610, Tabelle 2)

Abbildung 7 : Kaufabsicht als Funktion der Preisdifferenz und der Distanz zum Ort des ersten Angebots (Arkes et al., 2002:376, Abbildung 1)

Abbildung 8 : Schematische Darstellung eines Baums eines Hundertfüßlerspiels mit zehn Schritten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 : Übersicht zu Untersuchungen des Omission Bias

Tabelle 2 : Übersicht zu Untersuchungen der Inaction Inertia

Tabelle 3 : Einflussfaktoren auf die Tendenz nicht zu handeln

1 Einleitung

Stellt man sich ein Individuum vor, das in einer Entscheidungssituation unter Sicherheit oder Unsicherheit einen Entschluss fassen will oder muss, so gibt es meist vielerlei Möglichkeiten zu handeln, jedoch eine schier unendlich große Zahl an Alternativen und Gründen nichts zu tun. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Folgen des Nichthandelns ebenso mannigfaltig sein können. Daher wird klar, dass es nicht Ziel dieser Arbeit sein kann, die Thematik der Neigung zum Nichthandeln in seinem ganzen Umfang zu beschreiben. Vielmehr wird im Speziellen auf zwei Phänomene eingegangen, die in der psychologischen Literatur als „Omission Bias“ (Neigung zur Unterlassung) und als „Inaction Inertia“ (Trägheit des Nichtstuns) beschrieben worden sind (Ritov und Baron, 1990, 1992, 1995, 1999, Schweitzer, 1994; Spranca et al., 1991; Tanner und Medin, 2004; Tykocinski et al., 1995, 2004; Tykocinski und Pittman, 1998; Butler und Highhouse, 2000; Arkes et al., 2002).

In Kapitel 2 werden einige Experimente zur Untersuchung von Omission Effekten dargestellt, beispielsweise jene, bei denen es um die Frage geht, ob ein Kind geimpft werden soll, wenn sowohl die Krankheit als auch die Vakzinierung selbst ein Risiko birgt. Neben der Unterscheidung zweier Hauptkategorien von Omission Effekten wird deren Gründen Beachtung geschenkt. So kann eine Handlung beispielsweise unterlassen werden, um Anschuldigungen und Reuegefühlen zu entgehen. In Abschnitt 2.2 erfolgt eine Unterscheidung zwischen Omission Bias und Status Quo Bias. Diese Neigungen können, müssen jedoch nicht gleichzeitig auftreten. In Abschnitt 10.1 wird näher auf zwei Publikationen von Tanner und Medin (2004) und von Connolly und Reb (2003) eingegangen, die sich kritisch gegenüber der Methodik der Messung des Omission Bias von Baron und Ritov äußern. Tanner, Medin, Connolly und Reb fanden in ihren Studien keine generelle Abneigung gegen Impfungen und einen anderen als den von Ritov und Baron (1999) beschriebenen Effekt von sog. „protected values“, geschützten Werten.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit der erstmals von Tykocinski und Kollegen beschriebenen Inaction Inertia (Tykocinski et al., 1995). In Befragungen und Verhaltensstudien wurde die Handlungsabsicht der Probanden untersucht, wenn sich eine für sie günstige Gelegenheit bot, die jedoch nicht so günstig war wie eine gleichartige, die sie hatten verstreichen lassen. Abhängig von Unausweichlichkeit und Gewinn- und Verlustframing zeigen sich unterschiedlich starke Effekte. Neben der Aversion gegen Empfindungen des Bereuens scheinen Aspekte kognitiver Dissonanz eine Rolle zu spielen. Außerdem konnten Arkes und Kollegen (2002) zeigen, dass Inaction Inertia auch durch subjektive Einschätzungen des Wertes der Option erklärbar ist.

Nach einem Zwischenfazit in Kapitel 4 erfolgt vorbereitend auf Kapitel 7 in Kapitel 5 eine Synopse einiger Dimensionen, die Einfluss auf die Beobachtung des Nichthandelns haben können. Neben Emotionen werden Merkmale der Entscheidungssituation, die z.B. durch die Art des Konflikts und durch die Transparenz für den Entscheider und für Dritte gegeben sind, individuelle Eigenschaften der Entscheidungsträger, wie die Neigung sich mit anderen zu vergleichen, und Unterschiede im experimentellen Setup adressiert.

Relevanz der Neigungen zur Untätigkeit ist in einem wirtschaftswissenschaftlichen Kontext und speziell für die Organisationsökonomie in vielen Punkten gegeben. Beispielsweise könnten diese Tendenzen erhöhte Transaktionskosten, ineffizientere Arbeitsleistungen und Schädigung des Arbeitsklimas nach sich ziehen. Dennoch sollte man nicht dem Trugschluss erliegen Nichtstun sei in jedem Fall kontraproduktiv. Es kann genauso gut vorteilhaft sein, beispielsweise aus diplomatischen oder strategischen Gründen vorerst Handlungen zu unterlassen. In der psychologischen Literatur und in der der experimentellen Wirtschaftsforschung finden sich bisher vergleichsweise wenige Experimente, die explizit die Neigung zur Nichthandlung, die Dynamik derselben und ihrer Folgen zum Forschungsgegenstand machen. In Kapitel 6 werden weitere Studien vorgestellt, die Nichthandlungen in einem wirtschaftswissenschaftlichen Kontext ansprechen und die noch nicht in Kapitel 2 und 3 Erwähnung fanden. Anschließend werden in Kapitel 7 neue Vorschläge zur Untersuchung von Nichthandlungsphänomenen in Laborversuchen entwickelt und dargestellt. Neben modifizierten Public Good Spielen und Hundertfüßlerspielen könnten Gift Exchange Experimente zum Einsatz kommen. Außerdem ließe sich möglicherweise eine kollektive Inaction Inertia beobachten, wenn man mehrere Probanden zusammen entscheiden ließe, nachdem eine bessere Möglichkeit nicht genutzt wurde.

Den Abschluss dieser Arbeit bildet Kapitel 8, das eine Zusammenfassung und einen Ausblick enthält.

2 Omission Bias

Unter Omission Bias werden zweierlei Beobachtungen zusammengefasst. Wie DeScioli, Christner und Kurzban herausstellten, wird darunter einerseits das Phänomen verstanden, dass Individuen Unterlassungen Dritter weniger moralisch verwerflich empfinden als Handlungen, die durch dieselben Intentionen motiviert sind und zum selben Resultat führen. Dies bezeichnen DeScioli und Kollegen als „third-person judgement“. Das Zweite wird als „first-person choice“ bezeichnet und spiegelt sich darin wider, dass Probanden eher durch Nichthandlungen als durch Handlungen bereit sind moralisch anfechtbare Folgen herbeizuführen, wobei wiederum Absichten und Folgen dieselben sind (DeScioli et al., 2011b).

Als Beispiel einer Studie, bei der es um die Untersuchung der Beurteilung des Verhaltens einer beobachteten Person geht, sei die Studie von Spranca et al. (1991) genannt. In Experiment 1 („The tennis tournament“) dieser Publikation wurde den Probanden ein Szenario vorgestellt, in dem ein Tennisspieler vor einem Turnier mit einem deutlich überlegenen Kontrahenten mit diesem zu Abend isst und dabei - je nach Ausgestaltung des Szenarios - aktiv oder passiv dazu beiträgt, dass sein Gegner Cayennepfeffer zu sich nimmt. In jedem der Fälle weiß der Protagonist von dessen Allergie gegen Cayennepfeffer und spekuliert darauf, dass diese ihm zum Sieg verhelfen könne. Aufgrund einer allergischen Reaktion verliert der Kontrahent tatsächlich. Die Fragen, die die Probanden nun zu jedem der drei Ausgänge des Szenarios zu beantworten hatten, betrafen die Sittlichkeit des Verhaltens des Protagonisten, das Maß der Strafe für sein Verhalten und inwiefern der Protagonist ihrer Meinung nach die Folgen seines Verhaltens verursacht hat. 65 % der Befragten fanden die Unterlassung weniger verwerflich als das aktive Zutun und zeigten damit einen „Omission Bias“. Ein Drittel empfand sie als gleich schlimm und lediglich einer (1,8 %) fand die Unterlassung schlimmer als die Aktion. Bezüglich der Bestrafung fiel das Ergebnis ähnlich aus. Knapp 60 % sprachen sich für eine größere Bestrafung des aktiven Verhaltens aus, 24,5 % hätten für beide Optionen dieselbe Bestrafung verlangt und 12,3 % wollten keinerlei Strafe verhängen1. Hinsichtlich der Verursachung empfanden 84,6 % aller Befragten, die einen Omission Bias zeigten, den Kausalitätszusammenhang zwischen dem Verhalten des Protagonisten in den Fällen, in denen er aktiv war und nicht schwieg, und den Folgen als stärker. Im Gegensatz dazu empfand dies nur ein Drittel derer so, die keinen Omission Bias zeigten.

In vielen weiteren Experimenten des Typus der „third-person judgement“- Untersuchungen wurden außerdem die empfundene Intention, die Rechtschaffenheit und die Verantwortlichkeit der jeweiligen Protagonisten, die Beurteilung deren Verhaltens oder deren Entscheidungen - als gut oder schlecht oder rechtschaffen - als Messgrößen in Fragebögen herangezogen (z.B. Spranca et al., 1991; Haidt und Baron, 1996; Kordes-de Vaal, 1996). Auch wenn diese Begriffe augenscheinlich oft dasselbe meinen oder auf den Nachweis desselben Phänomens abzielen, ist es dennoch wichtig präzise zu sein. Beispielsweise kann jemand trotz nicht gegebener Verantwortlichkeit ein Verhalten an den Tag legen, das als gut oder schlecht bewertet werden kann2. Auch können die Beurteilungen der Intention und des Verhaltens sicherlich stark voneinander abweichen3,4.

Ein Beispiel für eine Studie des Omission Bias im Rahmen der „first-person choice“-Kategorie ist das Experiment 2 der Publikation von Ritov und Baron (1990). Mittels der verwendeten Befragung ging es darum zu erforschen, ob die Probanden ihr Kind gegen eine Krankheit impfen lassen würden, die bei 10 von 10.000 Kindern zum Tod führt, das Vakzin selbst jedoch ebenfalls Nebeneffekte haben kann, die fatal enden können. Die Manipulation des Effekts von Risikogruppen und deren Salienz erfolgte über acht verschiedene Varianten dieses Szenarios. Auf einer Skala von 0 bis 10 sollten die Probanden angeben, wie viele von 10.000 Kindern maximal durch den Impfstoff sterben dürften, damit sie ihr Kind immunisieren lassen. Dabei zeigten sich bei allen acht Varianten im Durchschnitt Werte von minimal 3,667 bis maximal 7,125. Folglich waren viele Befragte scheinbar bereit den Tod ihres Kindes eher durch die Krankheit als durch die Folgen des Impfens zu riskieren.

Neben weiteren Varianten von Impfungsszenarien wurden „first-person choice“-Analysen vor dem Hintergrund des Omission Bias außerdem mit Szenarien untersucht, die etwa Darlehen für Studenten, medizinische Behandlungen, pränatale Diagnostik oder das Aussterben gewisser Spezies thematisieren (Ritov und Baron, 1992, 1995; Schweitzer, 1994; Connolly und Reb, 2003; Tanner und Medin, 2004). Zusammenfassend gibt Tabelle 1 einen Überblick über die in der gängigen Literatur zum Omission Bias zu findenden Studien.

2.1 Zusammenhang der Varianten des Omission Bias

Inwiefern stehen die beiden beschriebenen Subphänomene des Omission Bias in Verbindung? DeScioli et al. (2011b) stellten plausibel dar, dass diese einander bedingen können und dass ein Omission Bias in Form der „first-person choice“ unter gewissen Umständen eher als Strategie interpretiert werden sollte. Die meisten Beobachtungen von Nichthandlungen oder von Entscheidungsscheu im Kontext der „first-person choice“ gehen zurück auf Aversionen gegen Bereuen („regret aversion“), gegen Verluste oder Anschuldigungen, auf Normtheorien und emotionale Amplifikation, kontrafaktisches Denken, Heuristiken, kognitive Dissonanz, Selbstanklagen und sog. geschütze Werte (Baron und Ritov, 1994; Connolly et al., 1997; Ritov und Baron, 1999; Tenorio und Cason, 2002; Kahneman und Miller, 1986; Spranca et al., 1991).

DeScioli, Christner und Kurzban (2011b) verwendeten für ihre Verhaltensstudien modifizierte reverse Diktatorspiele, teilweise mit einem dritten Spieler als bestrafender Instanz. Im ersten Experiment steht dem Empfänger, den die Autoren als Eigentümer bezeichnen, zunächst 1,00 US$ zu. Der Diktator kann nun entscheiden, welchen Anteil davon er für sich beanspruchen möchte. Dazu hat er in der Basisversion drei Optionen. In der als altruistisch zu charakterisierenden Möglichkeit wählt er 0,10 US$ für sich und 0,90 US$ für den Eigentümer. In der eigennützigen Option ist die Verteilung genau umgekehrt. Die dritte Alternative (Omission) besteht darin nichts zu tun, sodass dem Diktator 0,85 US$ zukommen, nachdem ein Timer von 15 Sekunden abgelaufen ist. Hierbei geht der Eigentümer leer aus, der Diktator erhält jedoch auch nicht den vollen Betrag. Die restlichen 0,15 US$ stellen eine Strafe dar. Da der monetäre Nutzen des Diktators in Form des Homo oeconomicus dann maximiert würde, wenn er die eigennützige Variante wählte, sollte kein Anreiz bestehen nichts zu tun und somit lediglich 0,85 US$ zu erhalten.

Eine Erweiterung dieses Basisspiels ist durch die Möglichkeit der Bestrafung des Diktators durch einen dritten Spieler gegeben, der dessen Aktion beobachtet und dessen Auszahlung kostenlos um bis zu 0,30 US$ verringern kann.

Während in der Basisvariante des Spiels der überwiegende Teil (64 %) der Diktatorspieler die egoistische Option und nur 28 % die Omission Alternative wählten, waren dies bei der Spielvariante mit Bestrafung 46 %, bzw. 51 %. Der Anteil der Spieler, der die Zeit tatenlos verstreichen ließen, nahm signifikant zu (p < 0,05). Hinsichtlich des Ausmaßes der Bestrafung zeigt sich hingegen, dass die aktive egoistische Wahl im Durchschnitt stärker geahndet wurde (0,208 US$) als die Wahl nichts zu tun (0,144 US$). Der Unterschied war hier auf einem Niveau von p < 0,01 signifikant5.

Die Autoren schließen daraus, dass die Neigung zur Unterlassung in ihren Szenarien besser als Strategie zu verstehen ist denn als unangebrachte Anwendung einer Heuristik oder als Bias, der zu suboptimalem Nutzen führt. Denn trotz Bestrafung erhielten diejenigen, die nichts taten, 0,706 US$ und damit mehr als die Diktatorspieler, die sich aktiv für die eigennützige Option entschieden (0,692 US$). DeScioli und Kollegen interpretieren dies so, dass das Entscheidungsverhalten, sofern die Diktatorspieler antizipieren, dass eine Unterlassung weniger stark verurteilt wird als eine Handlung, als strategisch und ökonomisch wohl durchdacht angesehen werden muss (DeScioli et al., 2011b:4). Folglich kann die mildere Beurteilung einer Unterlassung - sei diese beabsichtigt oder nicht - durch Dritte dazu führen, dass Menschen lernen, sich in Zukunft ähnlich zu verhalten. Beide Effekte, „first-person choice“ und „third-person judgement“, beeinflussen sich möglicherweise regelkreisartig, wie in Abbildung 1 dargestellt6.

Eine mögliche Erklärung für die beim Omission Bias oftmals anzutreffenden, milderen Urteile liefert die Publikation von Kordes-de Vaal (1996). Diese stellt eine Erweiterung der Studie von Spranca et al. (1991) dar. Exemplarisch soll hier wiederum auf das Tennisturnierszenario eingegangen werden. Spranca und Kollegen richteten in diesem Experiment vier Fragen an die Teilnehmer, bei denen es darum ging (1) die Sittlichkeit des Protagonisten auf einer Skala von 0 bis 100 zu bewerten (siehe unter Abschnitt 2), (2) die Höhe eines angemessenen Schmerzensgeldes festzusetzen (siehe unter Abschnitt 2), (3) Unterschiede in der Verursachung der Folgen durch den Protagonisten aufzuzeigen und diese zu erklären und (4) eine Aussage zu treffen, ob die wahrgenommenen Unterschiede in der Kausalität die Antwort auf die Frage 1 erklären können und falls ja, dieses schriftlich zu erläutern. Kordes-de Vaal (1996) fragte zwar ebenfalls nach der empfundenen Sittlichkeit und der Kausalität, jedoch darüber hinaus nach der Intention und der Verantwortlichkeit. Auf schriftliche Rechtfertigungen wurde bewusst verzichtet, da Menschen nicht immer dazu in der Lage sind die ihrer Entscheidungsfindung zugrunde liegenden Prozesse und Motivationen selbst zu beobachten und richtig einzuschätzen (Evans, 1989; Wason und Emons, 1975; Nisbett und Wilson, 1977 zitiert nach Kordes-de Vaal, 1996). Außerdem besteht die Gefahr, dass - sofern man die Probanden um Begründungen ihres Urteils bittet - eine Rechtfertigung konstruiert wird, die gemäß den Grundsätzen der kognitiven Dissonanztheorie nach Festinger (1957) und der Dualen Prozesstheorie mit ihrem Wissen über die Situation konsistent ist (Wason und Emons, 1975 zitiert nach Kordes-de Vaal, 1996:163). Folglich kann das Ergebnis des Experiments durch das Abfragen von Gründen verzerrt werden.

Ein weiterer Unterschied zwischen den Studien von Spranca et al. (1991) und Kordes-de Vaal ist der, dass Spranca und Kollegen in allen Experimenten einen „within-subject“-Ansatz nutzten. Dies bedeutet, dass alle Probanden eines Experiments mit allen Szenarien konfrontiert wurden und alle dazugehörigen Fragen zu beantworten hatten. Im Gegensatz dazu wird bei einer reinen „between-subject“- Herangehensweise idealerweise nur eine einzige Frage zu einer Variante eines einzigen Szenarios gestellt7. Im Fall des Tennisturnierszenarios bei Kordes-de Vaal beantworteten die Teilnehmer vier Fragen zu einer Variante des Szenarios, wobei die Fragen nach Intention, Kausalität und Verantwortlichkeit nach einigem Abstand zur Frage nach der Sittlichkeit gestellt wurden8.

Die Ergebnisse von Spranca und Kollegen sprechen dafür, dass der beobachtete Omission Bias auf Unterschiede in der Wahrnehmung von Kausalität oder Verantwortlichkeit oder aus einer Kombination von beiden zurückzuführen sei, jedoch nicht auf die wahrgenommene Absicht des Protagonisten (1991 zitiert nach Kordes-de Vaal, 1996). Im Kontrast dazu konnte Kordes-de Vaal einen signifikanten Unterschied in der Intention zwischen den Handlungs- und Unterlassungsvarianten des Tennisturnierszenarios feststellen. Die Korrelationen zwischen ihren vier Messgrößen variierten zwischen r = 0,32 und r = 0,41, waren jeweils signifikant (p 0.05) und sind in Abbildung 2 dargestellt. Dies unterstützt die Theorie, dass der Omission Bias in Form des „third-person judgement“ zurückzuführen ist auf die Anwendung einer Heuristik in Situationen, in denen sie nicht angebracht ist. Dies wird auch als „overapplication“ oder „overgeneralization“ bezeichnet. Diese Heuristik hat zum Gegenstand, dass bei Handlungen grundsätzlich mehr Absicht vermutet wird als bei Nichthandlungen (Baron, 1988 zitiert nach Kordes-de Vaal, 1996)9. Somit kann auf diese Weise der Omission Bias bei der Beurteilung des Verhaltens Dritter und damit einhergehend auch indirekt die Strategie der Nichthandlung erklärt werden.

Neben der bewussten oder unbewussten Unterlassung zum Zweck einer milderen Beurteilung durch Dritte gibt es mindestens noch eine weitere strategische Dimension von Nichthandlungsphänomenen. In dieser Arbeit soll daher eine zweite strategisch motivierte Neigung zu Unterlassungen angesprochen werden, nämlich in Hinblick auf Vermeidung des Bereuens. Hierbei wird eine endogene / endogenisierte Kontrollinstanz des eigenen Verhaltens adressiert; bei der von DeScioli et al. (2011b) aufgezeigten ist dies eine exogene.

2.2 Unterscheidung von Omission Bias und Status Quo Bias

Auf den ersten Blick scheint der Omission Bias in der Form der „first-person choice“ die Vorliebe widerzuspiegeln am Status Quo festzuhalten. Oftmals ist dies tatsächlich der Fall, allerdings gibt es Ausnahmen. Beispielsweise kann man sich vorstellen, dass sich ein Individuum nach der Information darüber, dass sich die Konditionen eines Vertrages ändern werden - sofern es keinen Widerspruch erhebt - dazu entscheidet, die neuen Bedingungen zu akzeptieren. In diesem Fall läge eine Unterlassung vor, jedoch kein Festhalten am Status Quo. Der umgekehrte Fall ist ebenfalls denkbar, wenn das Individuum nicht einverstanden ist, sondern an den ursprünglichen Konditionen festhalten möchte. Es zeigte folglich einen Status Quo Bias, nicht jedoch einen Omission Bias. Weitere Beispiele und deren Untersuchung hinsichtlich der von Befragten eingeschätzten Unzufriedenheit bei gleichem Ausgang der Varianten der Status Quo Szenarien und Omission Szenarien finden sich in Experiment 1 in der Studie von Ritov und Baron (1992). Bei dieser „within-subject“- Untersuchung wurden die Protagonisten, die handelten, um den Status Quo aufrecht zu erhalten durchschnittlich stets als unglücklicher eingeschätzt als Protagonisten, die dazu nichts tun mussten oder die auf den Status Quo durch Handeln oder Nichtstun verzichteten (Ritov und Baron, 1992:53). Dieser Befund geht konform mit der Normtheorie von Kahneman und Miller (1986), nach der Unterlassungen als die Norm und Handlungen als anormal empfunden werden (Ritov und Baron, 1992:62). Bei anormalem Verhalten gilt es als leichter sich kontrafaktischem Denken hinzugeben und darüber zu sinnieren, was wäre, hätte man nichts getan (DeScioli et al., 2011b; Gilovich und Medvec, 1995; Kahneman und Miller, 1986; Zeelenberg et al., 1998c zitiert nach Butler und Highhouse, 2000). Speziell im Fall eines Verlustes ist die Versuchung groß sich einen besseren Ausgang vorzustellen. Dies bezeichnet man als „upward counterfactual thinking“ (Markman et al., 1993 zitiert nach Tykocinski und Pittman, 1998). In Kombination mit Selbstvorwürfen sind beide Komponenten gegeben, die nach Bell, Loomes und Sugden für das Bereuen des eigenen Verhaltens zentral sind (Bell, 1983, 1985a, 1985b; Loomes und Sugden, 1982, 1984, 1986, 1987 zitiert nach Connolly et al., 1997). Je einfacher und plakativer sich ein alternativer Ausgang vorgestellt werden kann, je mehr sich der Entscheidungsträger für sein Verhalten verantwortlich fühlt und je schlechter er dieses vor sich und anderen rechtfertigen kann, desto stärker wird das Bereuen ausfallen (Anderson, 2003:160). Zwar kann die Zufriedenheit, die Ritov und Baron (1992) zur Beurteilung nutzten, selbst nicht direkt als Maß des Bereuens herangezogen werden10. Dennoch trägt das Bereuen zur Unzufriedenheit bei.

Während Ritov und Baron (1992) den von Samuelson und Zeckhauser (1988) beschriebenen Status Quo Bias als Erweiterung des Omission Bias interpretierten (Anderson, 2003), konnte Schweitzer (1994) beide Phänomene unabhängig voneinander beobachten und eine signifikante Korrelation feststellen. Er nutzte hierzu eine „within-subject“-Untersuchung der Präferenzen zwischen je fünf Varianten von fünf Szenarien. In einem Szenario ging es um die Frage, welche von vier medizinischen Versorgungsmodellen (A bis D) die Teilnehmer bevorzugen würden, (1) wenn sie vorher eine Versorgung gehabt hätten, die Modell A glich (Status Quo Variante; „HA-“), (2) wenn ihnen seitens des Arbeitgebers Modell A vorgeschlagen würde (Omission Variante; „H-A“), (3) wenn sie keinerlei Information über eine vorherige Versorgung oder einen Vorschlag hätten (Kontrolle; „H--“) oder (4) ihnen beide Informationen zuteil geworden wären (Variante „HAA“)11. Die Auswertung erfolgte über die Differenz der Anteile des gewählten Modells A je bei der Omission Variante und der Kontrollvariante; bzw. je bei der Status Quo Variante und der Kontrollvariante (Schweitzer, 1994:463). Diese Differenzen konnten Werte von minimal -0,655 bis maximal 0,655 annehmen. Je größer die Differenz, desto stärker der Omission Bias, bzw. der Status Quo Bias. Für den Omission Bias wurde ein durchschnittlicher Wert von 0,01 gefunden, für den Status Quo ein entsprechender Wert von 0,014. Beide waren statistisch signifikant: p Status Quo = 0,0001 und p Omission Bias = 0,002. Die Korrelationsanalyse führte zu einem Koeffizienten von r = 0,34 mit einem Signifikanzniveau von p = 0,008. Zusammengefasst sprechen die Ergebnisse von Schweitzer (1994) für zwei verwandte, voneinander unabhängige Phänomene, die dennoch paradoxerweise oftmals zusammen auftreten. Diese Tatsache mag dazu beigetragen haben, dass sie in früheren Studien verwechselt wurden.

In Abschnitt 10.1 wird näher auf zwei Studien eingegangen, die sich kritisch mit älteren Messungen des Omission Bias auseinandersetzen.

3 Inaction Inertia

Unter Inaction Inertia, der „Trägheit des Nichtstuns“, verstehen Tykocinski und Kollegen (Tykocinski et al., 1995, 2004; Tykocinski und Pittman, 1998) den Effekt, dass Menschen dazu neigen ein für sie günstiges Angebot nicht zu nutzen, nachdem sie ein besseres gleicher Art nicht wahrgenommen hatten. Diese Personen verharren folglich im Nichtstun in Bezug auf die Art der Gelegenheit.

In ihrem ersten Experiment in der 1995 veröffentlichten Studie führten Tykocinski und Kollegen eine Befragung dazu durch, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Teilnehmer einen Skipass für 90 US$ statt 100 US$ kaufen würden, wenn sie gewisse Zeit vorher denselben Skipass für 40 US$ oder für 80 US$ hätten kaufen können, dieses jedoch vergessen hätten. Die Probanden erfuhren nur einen der beiden ursprünglichen Angebotspreise. In einer Kontrolle gab es keinerlei Information über ein vorheriges Angebot. Es handelte sich folglich um eine „between-subject“-Befragung. Auf einer Skala von 0 („sehr unwahrscheinlich“) bis 10 („sehr wahrscheinlich“) sollten die Befragten ihre Präferenz angeben. Bei der Kontrolle wurde im Durchschnitt mit einem Wert von 6,36 geantwortet. Bei dem verstrichenen Angebot von 80 US$ lag der Wert bei 7,25 und bei der verpassten Gelegenheit den Pass zu 40 US$ zu erwerben bei 4,94. Der Unterschied zwischen der Kontrollbedingung und der Variante des Szenarios mit der kleineren Preisdifferenz war nicht signifikant. Jedoch unterschieden sich die Werte der beiden Antworten bei den Varianten mit der großen (40 US$) und der kleinen (80 US$) Differenz signifikant (p < 0,004; Tykocinksi et al., 1995:795). In weiteren drei Szenarien dieser Publikation wurden ähnliche Ergebnisse beobachtet.

Tykocinski und Kollegen (1995) nannten mehrere mögliche Ursachen für diese verminderte Handlungsabsicht. Zum einen könnte ein Selbstbeobachtungs- prozess dazu führen, dass die Teilnehmer ihre eigene (im Szenario unterstellte) ursprüngliche Unterlassung dahingehend deuten, dass sie kein Interesse daran hätten. Allerdings widerspricht dies der häufigen Beobachtung, dass eher aktives Verhalten als eine Unterlassung dazu herangezogen wird, um Rückschlüsse auf die eigenen Präferenzen zu ziehen und sich dementsprechend zu verhalten12. Solche Rückschlüsse können als Mechanismus der Vermeidung kognitiver Dissonanzen angesehen werden. Die Möglichkeit das ursprüngliche Angebot, das nicht wahrgenommen wurde, abzuwerten ist eine weitere Option, um solchen Dissonanzen und damit einhergehendem, kontrafaktischem Denken und Gefühlen des Bereuens vorzubeugen (Tykocinski et al., 1995:794). Des Weiteren argumentieren Tykocinski und Kollegen (1995:797), dass Kontrast- und Ankereffekte dazu beitragen können, dass sich Nichthandeln in Form von Inaction Inertia zeigt. In Anlehnung an die Prospekt Theorie von Kahneman und Tversky (1984) sind in Abbildung 5 die möglicherweise empfundenen Nutzenniveaus eines Homo oeconomicus und eines nicht vollständig rational denkenden, nicht lediglich monetären Nutzen optimierenden Menschen dargestellt. Im Fall des Homo oeconomicus wird sich der Nutzen y(B) unabhängig von der nicht ergriffenen Möglichkeit ergeben aus der Differenz zwischen dem erreichbaren Nutzenniveau (Punkt B) und dem Referenzpunkt A. Da dieser Nutzen stets positiv sein wird, wird ein Homo oeconomicus die aktuelle, wenn auch geringfügig schlechtere Alternative wahrnehmen. Auch dann, wenn keine Angabe dazu gemacht wird, welche Option vorher zur Verfügung gestanden hätte (Tykocinski et al., 1995, Experiment 2), wird ein Individuum möglicherweise lediglich die Nutzenniveaus y(A) und y(B) miteinander vergleichen und die sich bietende Gelegenheit wahrnehmen. Beim Phänomen der Inaction Inertia und der Annahme, dass die verstrichene Möglichkeit bereits in einem mentalen Konto als Verlust gewertet wird (Tykocinski et al., 1995; Kahneman und Miller, 1986; Thaler, 1999; Butler und Highhouse 2000), ergibt sich ein anderer Referenzpunkt als beim Homo oeconomicus. In Panel III ist dies als Punkt A’ dargestellt. Somit ergibt sich ein negativer Nutzen aus der Tatsache, dass die erste, bessere Alternative nicht genutzt wurde. Um den eigentlichen Status Quo (Punkt A) wieder zu erreichen oder zu übertreffen, müsste sich daher eine Gelegenheit bieten, die mindestens genauso gut ist, wie diejenige, die nicht mehr als Option vorhanden ist. Da die zweite Alternative im Vergleich zum Status Quo immer noch ein negatives Nutzenniveau (y(B’)) aufweist, wird der Anreiz gering sein, die sich nun bietende Möglichkeit wahrzunehmen (Panel IV). In Bild V ist dargestellt, wie sich ein weiterer Referenzpunkt C auf den Vergleich der Nutzenniveaus auswirken könnte. Ein Individuum hätte, sofern es die erste sich ergebende Möglichkeit beim Schopf ergriffen hätte, einen Nutzen von y(C) gehabt. Geht man vom imaginären Referenzpunkt A’ aus, gäbe es keinerlei Möglichkeit zu Punkt C zu gelangen, es sei denn, es böte sich eine Gelegenheit, die die verstrichene Möglichkeit noch übertrifft. Tykocinski und Kollegen (Tykocinski et al., 1995, 2004; Tykocinski und Pittman, 1998) haben diese Frage in ihren Studien nicht adressiert. Es wurde stets eine Alternative geboten, die schlechter war als die vorhergehende, da implizit davon ausgegangen wurde eine gleichgute oder bessere Möglichkeit würde von allen Testpersonen genutzt werden. Ein komplettes Bild würde man erhalten, böte man in Kontroll- / Vergleichsstudien solche Alternativen an.

3.1 Verlust- und Gewinnbetonung

Tykocinksi et al. untersuchten außerdem den Einfluss eines Verlust- und Gewinnframings mithilfe eines Szenarios, das ein Vielfliegerbonusprogramm zum Thema hatte (1995, Experiment 6). Als Kontrolle wurde eine neutrale Beschreibung verwendet. Wiederum gab es eine Variante mit einem großen und eine mit einem kleinen Unterschied zur nicht wahrgenommenen ursprünglichen Gelegenheit. Bei den Varianten mit der kleineren Differenz gaben die Befragten auf der Skala von 0 bis 10 durchschnittlich folgende Werte an: 7,37 bei neutralem Frame, 7,11 bei der Hervorhebung des Verlusts und 6,32 bei der Betonung des noch möglichen Gewinns. Diese Werte unterschieden sich nicht signifikant. Die entsprechenden Werte bei einem großen Unterschied waren: 5,56 bei neutralem Frame, 5,67 bei einem Verlustframing und 7,21 bei der Hervorhebung des Gewinns. Der letzte Wert spiegelt eine höhere Bereitschaft wider das aktuelle Angebot wahrzunehmen und unterscheidet sich signifikant von den beiden Werten 5,56 und 5,67 der Varianten des Szenarios, bei denen nicht explizit der positive Nutzen in den Vordergrund gerückt wurde (p < 0,05; Tykocinksi et al., 1995:801). Dieser Befund geht konform mit den Grundätzen der Prospekt Theorie.

Neben Befragungen führten Tykocinksi et al. (1995, Experiment 5) auch eine Verhaltensstudie durch, bei der es um Pferderennen ging. Hierzu wurden jedem Probanden fünf Aufzeichnungen vorgespielt. Den Teilnehmern wurde entweder nur ein Pferd vorgestellt, auf das sie setzen konnten oder zwei Pferde, zwischen denen sie sich entscheiden mussten. Vor dem ersten Rennen wurde einigen Teilnehmern zu verstehen gegeben, dass sie sich den Ablauf erst einmal anschauen sollten bevor sie auf ein Pferd setzten („low choice“-Variante). Anderen wiederum wurde mehr Entscheidungsfreiraum vermittelt („high choice“-Variante). Im ersten Rennen wurde das Pferd Sir Beauford vorgestellt, auf das eine Wette abgeschlossen werden konnte. Die Wettchancen waren 6:1 für die Variante der Verhaltensstudie mit großer Differenz der Gewinne und 3:1 für die Variante mit kleinerem Unterschied. Nach der Angabe der Wetteinsätze wurde die Aufzeichnung für das erste Rennen abgespielt; Sir Beauford gewann. In den nächsten drei Rennen wurden verschiedene andere Pferde vorgestellt, auf die, wie bereits im ersten Rennen, maximal 0,50 US$ gewettet werden konnten. Im fünften Rennen erschien schließlich wieder Sir Beauford mit einer Wettchance von 2:1. Der maximale Wetteinsatz wurde nun auf 2,00 US$ erhöht. Während die Manipulation des Entscheidungsfreiraums keinen signifikanten Effekt zeigte, wirkten sich die Differenzen der Chancen signifikant auf das Wettverhalten aus. Konsistent mit den vorherigen Beobachtungen von Inaction Inertia setzten bei der geringen Differenz zwischen den Wettchancen mehr Teilnehmer auf Sir Beauford und verwendeten dazu im Schnitt größere Wetteinsätze als die Probanden der Vergleichsvariante (p < 0,02; Tykocinksi et al., 1995:800).

3.2 Unausweichlichkeit, Konfrontation und Distanz

Um der Frage auf den Grund zu gehen, inwieweit antizipiertes Bereuen und kontrafaktisches Denken auf Inaction Inertia Beobachtungen Einfluss nehmen, widmeten sich Tykocinski und Pittman (1998) der Unausweichlichkeit der entgangenen Optionen. In ihrem Experiment 2 sollten sich die Teilnehmer vorstellen, sie wollten zusammen mit einem Freund eine sehr gute Wohnung in unmittelbarer Nähe der Universität anmieten. Alles, was hierzu noch fehle, sei das Einverständnis des Freundes. Jedoch hätten sie es nicht rechtzeitig geschafft zuzusagen, sodass das Apartment an einen anderen vergeben worden wäre. Der Vermieter empfehle ihnen sich an seinen Cousin zu wenden, der ebenfalls neue Mieter für seine ähnliche, qualitativ hochwertige Wohnung suche. Um die Unterschiede der Vorteilhaftigkeit der Wohnungen zu manipulieren, befände sich die erste zwei Minuten, bzw. in einer anderen Variante des Szenarios zehn Minuten vom Haupteingang der Universität entfernt. Das noch freie Apartment des Cousins des Vermieters läge zwölf Minuten entfernt. Die unterschiedliche Unausweichlichkeit der entgangenen Alternative wurde darüber erreicht, dass die erste Wohnung in einer Szenariovariante direkt auf dem Weg zur Universität läge und der Teilnehmer sich vorstellen sollte, er würde jeden Morgen an der sonnigen Terrasse des Apartments vorbeilaufen müssen. Jeder Proband erhielt eine der Varianten des Szenarios und wurde anschließend darum gebeten anzugeben, mit welcher Wahrscheinlichkeit er die zweite Wohnung mieten würde. Abbildung 6 stellt die Mittelwerte der vier verschiedenen Varianten des Szenarios dar. Der Unterschied der Distanz war signifikant (p < 0,0001). Die Effekte der Unausweichlichkeit, sowohl bei der kleinen als auch bei der größeren Wegstrecke, waren ebenfalls signifikant auf einem Niveau von p < 0,02. Betrachtet man den Einfluss der Unausweichlichkeit alleine bei den Probanden, die bei der zweiten Wohnung einen längeren Fußweg hätten, so ist dieser Effekt noch ausgeprägter (p < 0,006) (Tykocinski und Pittman, 1998:610). Diese Ergebnisse sprechen stark für eine Aversion gegen das Bereuen darüber, dass die erste Option nicht wahrgenommen werden konnte. Tykocinski und Pittman sprechen in diesem Zusammenhang von „avoidance costs“. Diese sind zu verstehen als Mehraufwand, den man aufbringen müsste, um in diesem Szenario nicht mit der entgangenen Option konfrontiert zu werden. Beispielsweise müsste man früher aufstehen, um einen anderen Weg zur Universität zu nehmen, der nicht an dem Apartment vorbeiführt. Sind derartige Kosten zu hoch, scheinen viele Teilnehmer eher bereit zu sein doch die ungünstigere Alternative wahrzunehmen. Die Kosten des Ausweichens können auch als eine Bereuensprämie („regret premium“) angesehen werden. Dieser Begriff ist einer Risikoprämie ähnlich und stellt den Betrag (oder Einsatz) dar, den Menschen bereit sind in Kauf zu nehmen, um Bereuen zu vermeiden (Bell, 1983, 1985b; Larrick and Boles, 1995 zitiert nach Zeelenberg et al., 1996)13. Allerdings handelt es sich hierbei eher um psychologische als monetäre Kosten (Tykocinski und Pittman, 1998:611). Des Weiteren kann das Vermeiden solcher Emotionen weiter differenziert werden in Vermeiden im engeren Sinne („avoidance“) im Fall antizipierten Bereuens und in Flucht („escape“) bei tatsächlich empfundenem Bereuen (Tykocinski und Pittman, 1998:615). Welche der beiden Arten tatsächlich eine Rolle im Rahmen der Inaction Inertia spielt, untersuchten - unter anderem - Arkes, Kung und Hutzel (2002). Daneben manipulierten sie außerdem die Distanz zum Ort des ungenutzten Angebots und fragten einen Teil der Teilnehmer danach, wie sehr sie es bereuen würden die bessere Alternative nicht wahrgenommen zu haben. Der andere Teil der Teilnehmer sollte wiederum eine Wahrscheinlichkeit zu ihrer Kaufabsicht angeben14. Je weiter entfernt das ursprüngliche Angebot, hier ein günstiges Paar Schuhe, und je kleiner die Preisdifferenz, desto geringer das Bereuen. Die Einflüsse waren jeweils auf einem Niveau von p < 0,001 signifikant (Arkes et al., 2002:377). Bezüglich der Bereitschaft die Schuhe für 90 US$ zu erwerben, machte die Preisdifferenz zum initialen Angebot keinen Unterschied, wenn die Schuhe tausende Meilen entfernt angeboten gewesen wären. Im Gegensatz wirkte sich die Differenz des Preises bei den näher gelegenen Geschäften signifikant aus (p < 0,001). Abbildung 7 zeigt die Mittelwerte der Wahrscheinlichkeitsangaben der sechs Varianten des Szenarios (Arkes et al., 2002:376, Abbildung 1).

Im zweiten Experiment der Studie von Arkes und Kollegen (2002), das sich der Fragestellung der Art des Ausweichens des Bereuens widmete, sollten sich einige Probanden vorstellen, sie hätten das ursprüngliche Angebot genutzt. Folglich sollte diese Gruppe kein Bereuen darüber empfinden eine gute Chance verpasst zu haben. Das antizipierte Bedauern einen Artikel nicht (wieder) zu dem ursprünglich günstigeren Preis erwerben zu können, sollte hingegen bei beiden Probandengruppen das gleiche Ausmaß haben (Arkes et al., 2002:378)15. Tatsächlich gaben diejenigen, die sich vorstellen sollten die erste Alternative wahrgenommen zu haben, mit 7,75 von 10 Punkten an, auch das neue, um 50 US$ teurere Angebot zu nutzen. Im Gegensatz dazu waren es bei denen, die die erste Möglichkeit nicht ergriffen hatten, nur 4,76 Punkte. Die Differenz war statistisch signifikant (p < 0,001). Arkes und Kollegen schlussfolgerten daher, dass tatsächlich empfundenes Bereuen eine größere Rolle spiele. Allerdings gibt es zwischen den beiden Varianten dieses Szenarios einen weiteren, weniger offensichtlichen Unterschied, der direkt mit dem Kauf bzw. dem nicht genutzten Kauf einhergeht. Falls Selbstwahrnehmungsprozesse in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen und Handlungen eher als Quelle der Schlussfolgerung auf die eigenen Präferenzen dienen als Nichthandlungen, könnte der beobachtete Unterschied zumindest teilweise auch auf das Phänomen des „Feature-Positive Effects“ zurückzuführen sein16.

3.3 Werteinschätzung

In ihrem letzten Experiment gingen Arkes und Kollegen (2002) der Frage auf den Grund, ob die Neigung ein zweites, etwas teureres Angebot nicht zu nutzen nicht auch den Grund haben könnte, dass ihm nicht der höhere, sondern der niedrigere von beiden Werten beigemessen wird. Hierzu wurde wiederum das Skipass-Szenario von Tykocinski et al. (1995) herangezogen. Neben der Frage zur Wahrscheinlichkeit des Kaufs sollten alle Probanden ihr empfundenes Bereuen angeben. Für eine dritte Frage dieser „within-subject“-Untersuchung sollten sich die Teilnehmer vorstellen sie wüssten nichts vom vorherigen Angebot, das sie verpasst hätten, um schließlich anzugeben, wie hoch der Betrag wäre, den sie für das Ticket bereit wären auszugeben (Arkes et al., 2002:380). Wie erwartet gaben die Befragten bei der größeren Preisdifferenz an, mehr Bereuen zu empfinden und mit geringerer Wahrscheinlichkeit das neue Angebot wahrzunehmen. Der Wert, den die Teilnehmer dem Ticket beimaßen, lag im Schnitt bei 84,05 US$ bei der großen Preisdifferenz und bei 96,97 US$ bei der kleinen (Arkes et al., 2002:381)17. Dies spricht dafür, dass der Wert der ersten, nicht genutzten Alternative als Anker dient und dass der empfundene Wert als Mediatorvariable der Inaction Inertia fungieren könnte. Schließlich würde man vermutlich nicht 90 US$ für etwas ausgeben, das einem weniger wert ist.

In einer statistischen Mediationsanalyse konnten Arkes, Kung und Hutzel zeigen, dass sich die ihrem Experiment 3 beobachteten Effekte der Inaction Inertia fast vollständig durch den Einfluss des empfundenen Bereuens und der Werteinschätzung des Tickets erklären lassen (Arkes et al., 2002:382, Abbildung 3 c). Lediglich ein nicht signifikanter Restterm von 0,05 kann dadurch nicht erklärt werden. Gemäß Baron und Kenny (1986 zitiert nach Arkes et al., 2002) sei dies die stärkste Form des Nachweises der Mediation.

Eine andere Interpretation, die mit der Einschätzung des Wertes konform geht, jedoch prinzipiell auch ohne Bereuen auskommt, ist die, dass die Neigung nicht zu handeln schlichtweg strategischer Natur ist. Wenn man es sich leisten kann, auf ein weiteres, ähnlich vorteilhaftes Angebot zu warten wie jenes, das man nicht wahrgenommen hat, lohnt es sich zu warten und nicht vorschnell mehr auszugeben als nötig (Anderson 2003:147).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich zur Inaction Inertia im Vergleich zum Omission Bias generell weniger Literatur findet, die sich explizit mit diesem Phänomen auseinandersetzt. Auf der anderen Seite wurde dieses im Gegensatz zum Omission Bias fast ausnahmslos mit einem „between-subject“- Ansatz untersucht und es wurde stets dieselbe Frage gestellt; als wie wahrscheinlich es der Teilnehmer einschätze, dass er das aktuell dargebotene Angebot annähme (Tabelle 2). Damit ist eine höhere Vergleichbarkeit der Ergebnisse verschiedenster Studien der Inaction Inertia untereinander gegeben. In Tabelle 1 wird ersichtlich, wie heterogen die Messgrößen im Gegensatz dazu bei Omission Bias Untersuchungen waren.

Ein Motiv der Neigung nicht zu handeln scheint auch bei der Inaction Inertia strategischer Natur zu sein. Während beim Omission Bias die strategischen Aspekte der milderen Beurteilung durch Dritte und der Vermeidung des Bereuens bereits angesprochen wurden (Abschnitt 2.1), kommt für die Inaction Inertia eine dritte strategische, sehr rationale Dimension hinzu. Zu warten, ob sich in Zukunft ein besseres als das momentan zur Verfügung stehende Angebot ergibt, ist nicht als Bias anzusehen, der zu suboptimalen Resultaten führt.

[...]


1 In der zitierten Studie diente eine Skala von 0 (nicht moralisch verwerflich) bis -100 (so unmoralisch wie in der Situation irgend möglich) als Maß für den Grad der empfundenen Sittlichkeit. Als Strafe konnten sich die Befragten für eine Entschädigung in Form von Schmerzensgeld in Höhe von maximal 10.000 US$ aussprechen. Die Daten werden in dieser Publikation nur summarisch angegeben; die Verteilungen der Werte sind nicht aufgeführt. Dies wäre sicherlich interessant vor dem Hintergrund der Vergleichbarkeit mit anderen Studien, wie etwa der von Baron und Ritov von 2004.

2 Man stelle sich ein Kleinkind vor, das sich der Konsequenzen seiner Handlungen nicht notwendigerweise direkt bewusst ist, sich jedoch so verhält, dass dieses gute oder schlechte Konsequenzen nach sich zieht, für die man es nicht verantwortlich machen kann. Z.B. kann das Kind instinktiv für einen verunglückten fremden Menschen Hilfe holen oder dies unterlassen, etwa weil es den Ernst der Lage nicht versteht.

3 Nicht alles, was man beabsichtigt, tut man. Da man selbst nicht für seine Absichten verurteilt werden möchte, die man nicht in die Tat umgesetzt hat, liegt es nahe anzunehmen, dass Menschen ihre Mitmenschen weniger stark für das verurteilen, was sie gedacht, jedoch nicht ausgeführt haben. Der umgekehrte Fall ist ebenso denkbar. Die Intention eines Menschen, der zwar etwas Böses im Schilde führt und durch äußere Umstände bedingt etwas anderes tun muss, kann als verwerflicher angesehen werden als seine tatsächliche Tat.

4 Eine Analogie zur Notwendigkeit der Genauigkeit findet sich übrigens darin wieder, dass nach Emotionen oder Gefühlen ebenso präzise gefragt werden muss. Beispielsweise fragten Connolly et al. (1997) im Rahmen der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Bereuen und Verantwortlichkeit nach der Zufriedenheit mit den vorgestellten Szenarien. Sie fanden keinen Zusammenhang zwischen Zufriedenheit - als Maß des Bereuens - und der Verantwortlichkeit. Später fanden Zeelenberg et al. (1998a) heraus, dass es doch die erwartete, starke Verbindung gibt; jedoch nur, wenn man explizit nach dem Bereuen fragt.

5 Interessanterweise und wider der Intuition wurden jedoch auch Diktatorspieler im Schnitt mit 0,028 US$ bestraft, die die altruistische Variante wählten. Möglicherweise war diese Strafe durch Unverständnis seitens der strafenden Spieler motiviert, die - wären sie in der Lage des Diktators gewesen - eine egoistische Option gewählt hätten.

6 Diese Art der Tarnung / Verschleierung der eigenen Absichten durch Imitation eines Verhaltens, dass andere Menschen dazu bewegt, besser über die betreffende Person zu denken, kommt einer Mimikry gleich. Typischerweise beobachtet man Mimikry im Tier- und Pflanzenreich bei Organismen, die das Aussehen und / oder Verhalten anderer Spezies nachahmen, um sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen. Ein Paradebeispiel ist die schwarz-gelbe Farbgebung von Schwebefliegen, womit das Aussehen von Wespen imitiert wird. Gegenüber Fressfeinden sind Schwebefliegen daher besser geschützt. Auf mikrobiologischer Ebene gibt es außerdem die sog. molekulare Mimikry, bei der Pathogene (krankheitserregende Bakterien oder Viren) mittels Nachahmung der Proteine des Wirts schlechter von dessen Immunsystem erkannt werden können.

7 Unter Abschnitt 5.4 wird genauer auf Vor- und Nachteile dieser Messarten eingegangen. Wenn Probanden mehr als eine Frage zu einem Szenario zu beantworten haben spricht man dennoch auch von „between-subject“-Befragungen.

8 Der Abstand bestand darin, dass die Probanden in der Zwischenzeit einige Tests absolvierten, die nichts mit dem eigentlichen Szenario zu tun hatten. Kordes-de Vaal (1996) äußert sich jedoch nicht dazu, welcher Art diese Tests waren und erbringt keinen Nachweis, dass sie keine Auswirkungen auf die Antworten der folgenden drei Fragen hatten.

9 Eine mögliche Begründung hierfür könnte darin liegen, dass Handlungen gemäß der Normtheorie nach Kahneman und Miller (1986) als anormal empfunden werden und daher mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als Unterlassungen (Kahneman und Miller, 1986 Anderson 2003, Ritov und Baron, 1992, 1994). Damit einhergehend werden Handlungen eher als Ursachen wahrgenommen als Nichthandlungen (Taylor, 1982 zitiert nach Kordes-de Vaal, 1996). Die Normtheorie hat für Nichthandlungsphänomene auch an anderer Stelle im Zusammenhang mit der Theorie des Bereuens („regret theory“) Relevanz. In Abschnitt 2.2 wird darauf näher eingegangen.

10 Vergleiche hierzu auch Abschnitt 2, Fußnote 4, Seite 4.

11 Alternativ gab es noch die Varianten „HAD“ und „HDA“, wobei dabei das Versorgungsmodell D als Status Quo Option oder Omission Option fungierte.

12 Beispielsweise untersuchten Fazio, Sherman und Herr (1982) diesen sog. „Feature-Positive Effect“ im Rahmen des Selbstwahrnehmungsprozesses. Hierzu wurden Teilnehmern der Studie verschiedene Cartoons vorgestellt, die sie auf einer sechsteiligen 10 cm langen Skala als „sehr unlustig“ bis „sehr lustig“ zu bewerten hatten. Eine Woche später wurden sie jeweils mit genau denjenigen Cartoons konfrontiert, die sie eher mittelmäßig fanden und sollten diese nun zuerst als „sehr lustig“ oder „sehr unlustig“ kategorisieren. In drei der sieben verschiedenen Möglichkeiten diese Entscheidungen kundzutun, geschah dies entweder über zwei zu drückende Knöpfe oder über die Kombination aus dem Pressen eines Knopfs und dem Unterlassen eines aktiven Verhaltens. In einem der drei Fälle diente Nichtstun dem Zweck den Cartoon als „sehr unlustig“ zu klassifizieren. Durch Drücken des Knopfs wurde der Cartoon als „sehr lustig“ bewertet. In der zweiten der drei Varianten der Möglichkeiten zu antworten war die Bedeutung von Handlung und Nichthandlung genau umgekehrt. Daran anschließend erfolgte eine dritte Bewertung, wobei dieses Mal wieder die 10 cm lange, sechsteilige Skala herangezogen wurde. Bei Antworten, die über das Drücken des Knopfs gegeben wurden, wichen die Bewertungen der Cartoons in der dritten Befragungsrunde stärker von der initialen Beurteilung ab als bei Antworten, die über Nichtstun gegeben wurden. Aktives Verhalten gilt daher eher als Quelle der Schlussfolgerung für die eignen Präferenzen (Fazio et al., 1982).

13 Möglich ist auch eine Rolle von Enttäuschung auf Inaction Inertia Phänomene. Enttäuschung und Bereuen können dahingehend unterschieden werden, dass für letztes eine eigene - oder zumindest empfundene - Verantwortlichkeit für den Ausgang gegeben sein muss. Bei Enttäuschung muss dies nicht der Fall sein. Gemäß Zeelenberg et al. (1998b:117) liegt es nahe, dass beide Emotionen im Prozess des kontrafaktischen Denkens eine Rolle spielen, diese sich jedoch phänomenologisch unterscheiden : “[…] regret is related to behavior-focused counterfactual thought in which the decision-maker’s own actions are changed, whereas disappointment is related to situation-focused counterfactual thought […].“ Bei einigen von Tykocinski und ihren Kollegen durchgeführten Experimenten sollte von den Teilnehmern keine Verantwortlichkeit empfunden werden. Folglich sollten die Befragten eher Enttäuschung empfinden oder antizipieren. Dieser Aspekt wurde jedoch nicht explizit untersucht. Beispiele für Untersuchungen zur Enttäuschungsaversion und Enttäuschungsprämien finden sich bei Chaveau und Nalpas (2010) und Gul (1991).

14 Das Szenario des Experiments 1 von Arkes et al. (2002) handelte von einem Angebot eines Paars Schuhe, das ursprünglich 100 US$ gekostet habe und entweder in 75 Meilen, 425 Meilen oder mehrere tausend Meilen entfernt für 40 US$ oder 80 US$ zum Verkauf angeboten gewesen wäre. In einem lokalen Geschäft seien die Schuhe momentan für 90 US$ zu erwerben (Arkes et al., 2002:375- 376).

15 In diesem Experiment wurde ein Skipass-Szenario verwendet, das an das ursprüngliche von Tykocinksi et al. (1995) angelehnt ist. Bei Arkes et al. (2002) gab es jedoch keine kleinere Preisdifferenz.

16 Siehe hierzu auch Fußnote 12, Seite 12.

17 Ob diese Differenz eine statistische Signifikanz erreichte, gaben Arkes und Kollegen (2002) nicht an. Auch fehlen die Angaben zur Standardabweichung.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Neigung zur Nichthandlung. Literaturanalyse und Implementierungsvorschläge für die experimentelle Wirtschaftsforschung
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Lehrstuhl für Organisation)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
88
Katalognummer
V214261
ISBN (eBook)
9783656426059
ISBN (Buch)
9783668107250
Dateigröße
928 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit wurde im Rahmen des Wirtschaftswissenschaftlichen Zusatzstudiums an der RWTH Aachen am Lehrstuhl für Organisation unter Frau Prof. Dr. Christine Harbring und Herrn Jan Wilhelm (Dipl.-Kfm.) angefertigt. Die Literatur zu den Phänomenen des Omission Bias und der Inaction Inertia wird gründlich aufgearbeitet und zusammengefasst. Verschiedenste Einflussfaktoren auf diese Effekte werden beleuchtet. Des Weiteren enthält das Herzstück dieser Arbeit Implementierungsvorschläge zur Untersuchung von Nichthandlungsphänomen durch modifizierte Varianten gängiger Spiele der Verhaltensökonomik.
Schlagworte
Omission Bias, Inaction Inertia, Behavioral Economics, Nichthandlungsphänomene, experimentelle Wirtschaftsforschung, Biases for Inaction: Literature Analysis and Development of Suggestions for Experimental Economic Research, Unterlassungshandlungen, Prof. Christine Harbring, Dipl.-Kfm. Jan Wilhelm, Lehrstuhl für Organisation RWTH Aachen
Arbeit zitieren
Dominika Maskus (Autor), 2012, Neigung zur Nichthandlung. Literaturanalyse und Implementierungsvorschläge für die experimentelle Wirtschaftsforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214261

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