Stellt man sich ein Individuum vor, das in einer Entscheidungssituation unter Sicherheit oder Unsicherheit einen Entschluss fassen will oder muss, so gibt es meist vielerlei Möglichkeiten zu handeln, jedoch eine schier unendlich große Zahl an Alternativen und Gründen nichts zu tun. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Folgen des Nichthandelns ebenso mannigfaltig sein können. Daher wird klar, dass es nicht Ziel dieser Arbeit sein kann, die Thematik der Neigung zum Nichthandeln in seinem ganzen Umfang zu beschreiben. Vielmehr wird im Speziellen auf zwei Phänomene eingegangen, die in der psychologischen Literatur als „Omission Bias“ (Neigung zur Unterlassung) und als „Inaction Inertia“ (Trägheit des Nichtstuns) beschrieben worden sind (Ritov und Baron, 1990, 1992, 1995, 1999, Schweitzer, 1994; Spranca et al., 1991; Tanner und Medin, 2004; Tykocinski et al., 1995, 2004; Tykocinski und Pittman, 1998; Butler und Highhouse, 2000; Arkes et al., 2002).In Kapitel 2 werden einige Experimente zur Untersuchung von Omission Effekten dargestellt, beispielsweise jene, bei denen es um die Frage geht, ob ein Kind geimpft werden soll, wenn sowohl die Krankheit als auch die Vakzinierung selbst ein Risiko birgt. Neben der Unterscheidung zweier Hauptkategorien von Omission Effekten wird deren Gründen Beachtung geschenkt. So kann eine Handlung beispielsweise unterlassen werden, um Anschuldigungen und Reuegefühlen zu entgehen. In Abschnitt 2.2 erfolgt eine Unterscheidung zwischen Omission Bias und Status Quo Bias. Diese Neigungen können, müssen jedoch nicht gleichzeitig auftreten. In Abschnitt 10.1 wird näher auf zwei Publikationen von Tanner und Medin (2004) und von Connolly und Reb (2003) eingegangen, die sich kritisch gegenüber der Methodik der Messung des Omission Bias von Baron und Ritov äußern. Tanner, Medin, Connolly und Reb fanden in ihren Studien keine generelle Abneigung gegen Impfungen und einen anderen als den von Ritov und Baron (1999) beschriebenen Effekt von sog. „protected values“, geschützten Werten. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 OMISSION BIAS
2.1 Zusammenhang der Varianten des Omission Bias
2.2 Unterscheidung von Omission Bias und Status Quo Bias
3 INACTION INERTIA
3.1 Verlust- und Gewinnbetonung
3.2 Unausweichlichkeit, Konfrontation und Distanz
3.3 Werteinschätzung
4 ZWISCHENFAZIT UND GEGENÜBERSTELLUNG VON OMISSION BIAS UND INACTION INERTIA
5 EINFLUSSFAKTOREN AUF DIE TENDENZ NICHT ZU HANDELN
5.1 Emotionen
5.2 Merkmale der Entscheidungssituation
5.3 Individuelle Eigenschaften der Entscheidungsträger
5.4 Unterschiede in den experimentellen Rahmenbedingungen
6 UNTERSUCHUNGEN VON NICHTHANDLUNGSPHÄNOMENEN IM WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHEN KONTEXT
7 IMPLEMENTIERUNGSVORSCHLÄGE FÜR DIE EXPERIMENTELLE WIRTSCHAFTSFORSCHUNG
7.1 Public Good Spiele
7.1.1 Varianten der Bestrafungen in Public Good Spielen
7.1.2 Integration der Möglichkeit nicht zu handeln
7.1.3 Transparenzmanipulation
7.1.4 Ein Zahlenbeispiel
7.1.5 Hypothesen
7.1.6 Limitationen und Einwände
7.2 Centipede Games
7.2.1 Integration der Möglichkeit nicht zu handeln
7.2.2 Bestrafung in Hundertfüßlerspielen
7.2.3 Transparenzmanipulation
7.2.4 Hypothesen
7.2.5 Erweiterungsmöglichkeiten
7.2.6 Limitationen und Einwände
7.3 Versuche zur Inaction Inertia mit mehreren Spielern
7.3.1 Integration der Möglichkeit nicht zu handeln
7.3.2 Hypothesen
7.3.3 Leistungsabhängige monetäre Anreize
7.3.4 Integration von Unsicherheiten
7.3.5 Limitationen und Einwände
7.4 Untersuchungen der Auswirkungen von Nichthandlungen auf Motivation und Leistung
7.4.1 Empirische Beobachtbarkeit
7.4.2 Gift Exchange Spiele
7.4.3 Integration des Aspekts der Nichthandlung
7.4.3.1 Information über die Nichthandlung zum Ende eines Zyklus
7.4.3.2 Information über die Nichthandlung zu Anfang eines Zyklus
7.4.3.3 Wiederholte Unterlassungshandlungen
7.4.4 Hypothesen
7.4.5 Limitationen und Einwände
8 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Neigung zum Nichthandeln, wobei sie sich auf die psychologischen Konzepte des "Omission Bias" (Neigung zur Unterlassung) und der "Inaction Inertia" (Trägheit des Nichtstuns) konzentriert. Das Ziel besteht darin, diese Verhaltensweisen zu analysieren, deren Einflussfaktoren in einem wirtschaftswissenschaftlichen Kontext zu beleuchten und konkrete Implementierungsvorschläge für experimentelle Laborsettings zu entwickeln.
- Analyse der psychologischen Mechanismen von Omission Bias und Inaction Inertia.
- Untersuchung von Einflussfaktoren wie Emotionen, Transparenz und Entscheidungssituationen.
- Kritische Würdigung bestehender experimenteller Messmethoden.
- Entwicklung neuer experimenteller Designs (z. B. Public Good Spiele, Centipede Games).
- Betrachtung von Motivation und Leistung bei Unterlassungen in Organisationsstrukturen.
Auszug aus dem Buch
Omission Bias
Unter Omission Bias werden zweierlei Beobachtungen zusammengefasst. Wie DeScioli, Christner und Kurzban herausstellten, wird darunter einerseits das Phänomen verstanden, dass Individuen Unterlassungen Dritter weniger moralisch verwerflich empfinden als Handlungen, die durch dieselben Intentionen motiviert sind und zum selben Resultat führen. Dies bezeichnen DeScioli und Kollegen als „third-person judgement“. Das Zweite wird als „first-person choice“ bezeichnet und spiegelt sich darin wider, dass Probanden eher durch Nichthandlungen als durch Handlungen bereit sind moralisch anfechtbare Folgen herbeizuführen, wobei wiederum Absichten und Folgen dieselben sind (DeScioli et al., 2011b).
Als Beispiel einer Studie, bei der es um die Untersuchung der Beurteilung des Verhaltens einer beobachteten Person geht, sei die Studie von Spranca et al. (1991) genannt. In Experiment 1 („The tennis tournament“) dieser Publikation wurde den Probanden ein Szenario vorgestellt, in dem ein Tennisspieler vor einem Turnier mit einem deutlich überlegenen Kontrahenten mit diesem zu Abend isst und dabei – je nach Ausgestaltung des Szenarios – aktiv oder passiv dazu beiträgt, dass sein Gegner Cayennepfeffer zu sich nimmt. In jedem der Fälle weiß der Protagonist von dessen Allergie gegen Cayennepfeffer und spekuliert darauf, dass diese ihm zum Sieg verhelfen könne. Aufgrund einer allergischen Reaktion verliert der Kontrahent tatsächlich. Die Fragen, die die Probanden nun zu jedem der drei Ausgänge des Szenarios zu beantworten hatten, betrafen die Sittlichkeit des Verhaltens des Protagonisten, das Maß der Strafe für sein Verhalten und inwiefern der Protagonist ihrer Meinung nach die Folgen seines Verhaltens verursacht hat. 65 % der Befragten fanden die Unterlassung weniger verwerflich als das aktive Zutun und zeigten damit einen „Omission Bias“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Das Kapitel führt in die Thematik der Neigung zum Nichthandeln ein und definiert die zwei zentralen Phänomene: den Omission Bias und die Inaction Inertia.
2 OMISSION BIAS: Hier werden die zwei Hauptausprägungen des Omission Bias ("third-person judgement" und "first-person choice") anhand von Impf- und moralischen Dilemmaszenarien theoretisch und empirisch untersucht.
3 INACTION INERTIA: Dieses Kapitel widmet sich der "Trägheit des Nichtstuns", bei der vorangegangene verpasste Gelegenheiten die Bereitschaft für zukünftige, ähnliche Handlungen senken.
4 ZWISCHENFAZIT UND GEGENÜBERSTELLUNG VON OMISSION BIAS UND INACTION INERTIA: Eine vergleichende Analyse der beiden Phänomene, bei der vor allem die Unterschiede in der Art der Kontrolle (exogen vs. endogen) und der strategischen Dimension hervorgehoben werden.
5 EINFLUSSFAKTOREN AUF DIE TENDENZ NICHT ZU HANDELN: Untersuchung vielfältiger Parameter, wie Emotionen, Merkmale der Entscheidungssituation, individuelle Eigenschaften der Akteure und experimentelle Rahmenbedingungen.
6 UNTERSUCHUNGEN VON NICHTHANDLUNGSPHÄNOMENEN IM WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLICHEN KONTEXT: Ein Überblick über existierende Studien und Befunde, die den Bezug zur ökonomischen Entscheidungsfindung, etwa an Finanzmärkten, herstellen.
7 IMPLEMENTIERUNGSVORSCHLÄGE FÜR DIE EXPERIMENTELLE WIRTSCHAFTSFORSCHUNG: Entwicklung neuer experimenteller Spielvarianten für Public Good Spiele, Centipede Games und Gift Exchange Spiele zur Untersuchung von Nichthandlungsphänomenen.
8 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und diskutiert die Bedeutung für die experimentelle Wirtschaftsforschung sowie die Notwendigkeit weiterer Validierungsschritte.
Schlüsselwörter
Omission Bias, Inaction Inertia, Entscheidungsverhalten, Experimentelle Wirtschaftsforschung, Unterlassung, Bereuen, Status Quo Bias, Public Good Spiele, Centipede Games, Gift Exchange, strategische Entscheidung, Prospekt Theorie, Kognitive Dissonanz, Transparenz, Bestrafung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht psychologische Phänomene, bei denen Menschen dazu neigen, Handlungen zu unterlassen (Nichthandeln), obwohl eine Entscheidung notwendig oder vorteilhaft wäre.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf den "Omission Bias" (Neigung zur Unterlassung) und die "Inaction Inertia" (Trägheit des Nichtstuns) als spezifische Formen der Entscheidungsscheu.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die theoretischen Hintergründe dieser Phänomene zu analysieren, deren wirtschaftliche Relevanz aufzuzeigen und neue experimentelle Ansätze für die Wirtschaftsforschung vorzuschlagen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine umfassende Literaturanalyse bestehender psychologischer und ökonomischer Studien und leitet daraus eigene, modifizierte experimentelle Forschungsdesigns für Laborversuche ab.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Aufarbeitung von Omission Bias und Inaction Inertia, eine Analyse relevanter Einflussfaktoren sowie die Entwicklung praktischer Implementierungsvorschläge für verschiedene Spiele der experimentellen Wirtschaftsforschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Omission Bias, Inaction Inertia, Entscheidungsverhalten, experimentelle Wirtschaftsforschung, psychologische Kosten und strategisches Handeln.
Welche Bedeutung haben "geschützte Werte" in der Untersuchung des Omission Bias?
Geschützte Werte, wie etwa Menschenleben oder Umweltschutz, sind Werte, für die Individuen keine Kompromisse eingehen. Die Arbeit erörtert, ob diese Werte den Omission Bias verstärken oder eher mit Handlungspräferenzen assoziiert sind.
Warum ist die Unterscheidung zwischen exogener und endogener Kontrolle wichtig?
Die Unterscheidung hilft zu verstehen, ob das Nichthandeln durch ein bewusstes Kalkül gegenüber Dritten (exogen, z.B. Vermeidung von Strafe) oder durch psychologische Prozesse innerhalb der Person (endogen, z.B. Vermeidung von Bereuen) motiviert ist.
- Citation du texte
- Dominika Maskus (Auteur), 2012, Neigung zur Nichthandlung. Literaturanalyse und Implementierungsvorschläge für die experimentelle Wirtschaftsforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214261