Spannungsfeld zwischen Drogenhilfe und Drogenpolitik


Hausarbeit, 2013
24 Seiten, Note: ohne Benotung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sucht und Drogenberatung
2.1 Erläuterung zu dem Begriff „Sucht“
2.1.1 Definition „Sucht“
2.1.2 Das Konstrukt „Sucht“
2.1.3 Zusammenhang zwischen Sucht und Gesellschaft
2.2 Drogenhilfe
2.2.1 Entwicklung
2.2.2 Medizinisierung
2.2.3 Ökonomisierung

3. Drogenpolitik und Drogenmythen
3.1 Skizzierung der Drogenpolitik in Deutschland
3.1.1 Formen der Drogenpolitik
3.1.2 Drogenpolitik in Deutschland
3.2 Hegemoniale Drogenmythen

4. Spannungsfeld Drogenhilfe und Drogenpolitik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema Drogen wird immer wieder diskutiert. Die Thematik ist aufgeladen mit Stigmatisierungen und moralischen Bewertungen, hat Befürworter und Gegner und trifft in unserer heutigen Gesellschaft generell auf reges Interesse.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht der Zusammenhang von Drogenhilfe und Drogenpolitik sowie daran geknüpfte grundlegende Aspekte wie Sucht im Allgemeinen. Andere Themenbereiche wie beispielsweise der Zusammenhang zwischen Jugend und Drogen oder Drogen und Geschlecht werden aus Kapazitätsgründen in dieser Arbeit nicht dargestellt oder diskutiert.

Im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit wird auf die Themen Sucht und Drogenberatung eingegangen. Dabei wird zunächst auf Sucht im Allgemeinen eingegangen, indem Sucht definiert, Sucht als Konstrukt hinterfragt sowie der Zusammenhang zwischen Sucht und Gesellschaft dargestellt wird.

Die weitere Basis für diese Arbeit bildet die Darstellung der Drogenhilfe im zweiten Kapitel. Dabei wird zunächst auf die Entwicklung der Drogenhilfe eingegangen und anschließend werden die Aspekte Medizinisierung und Ökonomisierung betrachtet.

Der dritte Teil der Arbeit besteht aus der Darstellung der Drogenpolitik im Allgemeinen und in Deutschland. Außerdem wird auf Drogenmythen eingegangen, welche einen wichtigen Aspekt in Politik und Öffentlichkeit darstellen.

In dem letzten Kapitel dieser Arbeit erfolgt eine Verknüpfung der vorangegangenen Themen. Es geht um das Spannungsfeld von Drogenpolitik und Drogenhilfe. Hier wird vor allem Bezug auf einen Aufsatz von Schmidt-Semisch und Wehrheim genommen. Sie betrachten darin die akzeptierende Drogenarbeit und ihr Verhältnis zur Politik.

Das Fazit bildet den Abschluss dieser Arbeit und greift die bearbeiteten Themen noch einmal auf.

2. Sucht und Drogenberatung

2.1 Erläuterung zu dem Begriff „Sucht“

„Die Menschheit hat während fast ihrer gesamten Geschichte in einer ‚Welt ohne Sucht‘ gelebt – in einem Zustand und einer Selbstwahrnehmung, die sich erst im Zeitalter der Aufklärung und Industrialisierung radikal änderte und zur ‚Entdeckung‘, wenn nicht sogar […] zur ‚Erfindung‘ der Sucht führte (Scheerer 1995, S. 9).

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt Sucht als eines der größten sozialen Probleme moderner Gesellschaften. Nahezu jede Verhaltensweise kann durch den Begriff Sucht in abweichendes Verhalten umgedeutet werden (vgl. Dollinger/Schmidt-Semisch 2007, S. 7). Im Folgenden wird als Basis für die weitere Arbeit der Begriff Sucht definiert, dann auf Sucht als Konstrukt eingegangen und schließlich Sucht im Zusammenhang mit der Gesellschaft betrachtet.

2.1.1 Definition „Sucht“

Der Begriff „Sucht“ wird inflationär verwendet. Durch die selbstverständliche Verwendung des Begriffes verfestigt dieser sich in der Alltagssprache und der Alltagstheorie. Auch in der Wissenschaft ist ein Suchtkonzept verfestigt, welches kaum mehr hinterfragt wird, obwohl keine einheitliche Definition von „Sucht“ oder „Abhängigkeit“ vorliegt (vgl. Dollinger/Schmidt-Semisch 2007, S. 7). Das Wort „Sucht“ beinhaltet sowohl stoffgebundene als auch stoffungebundene Süchte. Um den Bezug zur Droge bzw. Substanz herzustellen, wurde der Begriff „Substanzabhängigkeit“ eingeführt, welcher sich im allgemeinen Sprachgebrauch nicht durchsetzen konnte (vgl. Vogt 2004, S. 13). Vogt fasst diesen Prozess wie folgt zusammen: „Wenn psychoaktive Substanzen in schädlicher Weise gebraucht oder missbraucht werden, kann sich weiterhin Substanzabhängigkeit oder Sucht [Hervorheb. im Original] entwickeln. Substanzabhängigkeit ist ein Kunstwort, das man eingeführt hat, um den komplexen Bedeutungshof des Wortes Sucht zu vermeiden. In der klinischen Diagnostik spricht man daher vornehmlich von Substanzabhängigkeit. Kunstwörter sind aber selten stark genug, um alte und griffige Begriffe zu ersetzen“ (ebd.). In dieser Arbeit werden die Begriffe Sucht und Abhängigkeit synonym verwendet, da sie im Grunde auf demselben Konstrukt beruhen. Außerdem beschränkt sich die Arbeit auf die Abhängigkeit von „Drogen“. Vogt definiert diese knapp: „Psychoaktive Drogen (z.B. Alkohol, Tabak, Beruhigungs- und Schlafmittel, Cannabis, Heroin, Kokain usw.) sind Stoffe, die aufgrund ihrer chemischen Natur Strukturen oder Funktionen im (menschlichen) Organismus verändern, insbesondere in der Wahrnehmung, in der Stimmungslage, in den kognitiven Funktionen, im Bewusstsein oder im Verhalten“ (ebd. S.12).

Eine einheitliche Definition der Begriffe Sucht bzw. Abhängigkeit liegt also nicht vor. Selbst die Diagnosesysteme (DSM- IV und ICD 10) orientieren sich an unterschiedlichen diagnostischen Kriterien. Zurzeit herrscht ein medizinisch-psychiatrisch naturwissenschaftliches Suchtkonzept vor. Sucht ist darin als biologisch-somatisch oder substanzbedingtes Phänomen beschrieben und gilt als willentlich kaum regulierbar. Die Menschen mit entsprechenden Süchten werden von der Droge agiert und gelten als „krank“ (vgl. Dollinger/Schmidt-Semisch 2007, S. 7).

2.1.2 Das Konstrukt „Sucht“

„Ähnlich einer Kathedrale oder einer Symphonie ist auch ‚Sucht‘ etwas Konstruiertes – und genauso real wie eine Symphonie oder Kathedrale ist auch ‚Sucht‘ real“ (Nolte 2007, S. 47). Wie dieses Zitat von Nolte sehr anschaulich verdeutlicht, ist Sucht eine von Menschen hergestellte Realität. Sucht ist eine institutionalisierte Handlung in unserer Gesellschaft. Sie stellt für alle Mitglieder ein zugängliches Konstrukt dar. Jede Person der Gesellschaft kennt Sucht aus der Zeitung, von Bekannten, Experten, die sich diesem Konstrukt annehmen, wie beispielsweise TherapeutInnen, PolizistInnen, RichterInnen, und von Betroffenen, die das Konstrukt ebenfalls gebrauchen und somit zur Reziprozität beitragen.

Die Entwicklung des Begriffes Sucht ist eng verbunden mit der neuen Idee vom Idealzustand des Menschen, welcher aus dem Protestantismus hervorgeht. In der frühen Neuzeit änderte sich die Einstellung gegenüber dem Rausch in den protestantischen Gebieten. Der Verlust von Selbstkontrolle war nicht mehr gewünscht, wer zum Beispiel Alkohol trank, konnte dabei kein guter Christ sein (vgl. Nolte 2007, S. 48 ff.).

„Es kann an dieser Epoche so gut wie an kaum einer anderen gezeigt werden, dass die kulturellen Wirklichkeiten der Drogen dadurch konstruiert werden, dass bestimmte Ideen intersubjektiv geglaubt werden und dann zur Institutionalisierung führen“ (ebd., S. 50).

Seit dem 17. Jahrhundert konsumierten die bürgerlichen Menschen verstärkt Kaffee und Tee, da diese Drogen für Rationalismus stehen und mit der protestantischen Arbeitsethik konform gehen. Alkohol hingegen gefährdet diese Arbeitsethik. Den Alkoholkonsum als Krankheit zu deuten dient dabei als Hilfskonstruktion und bildet die Grundlage für den Ausbau des „Alkoholismus“ in der Strömung der Medizinisierung im 19./20. Jahrhundert und somit den Weg von der religiösen Konstruktion in die Wissenschaft (vgl. ebd. S. 50 f.). Die Idee von Alkoholismus als Krankheit ist heute tief verwurzelt und kaum zu erschüttern. Im wissenschaftlichen Diskurs geht es lediglich um Herkunft und Ursachen der Krankheit (vgl. ebd.). In der Forschung wird in diesem Bezug von einem multifaktoriellen Modell ausgegangen (vgl. Vogt 2004, S. 14). Nolte geht davon aus, dass Alkoholismus ein kulturell geschaffenes Rollenspiel ist, das existiert, weil Experten, Betroffene und die restlichen Menschen es für wirklich halten. Im 20. Jahrhundert wird die Idee der Sucht schließlich auf alle möglichen Substanzen und auch Handlungsweisen übertragen. (vgl. Nolte 2007, S. 53).

„Der Trinker der Reformationszeit wurde zum Sünder, weil er nicht gottgefällig lebte; der Trinker der kapitalistischen Industriegesellschaft wird als krank definiert, weil er nicht der Norm dieser Gesellschaft entspricht: Produktivität, Funktionalität und Erfolg sind sowohl im Calvinismus als auch im Kapitalismus Schlüsselbegriffe“ (ebd. S. 52).

Der Zusammenhang von Sucht und Gesellschaft wird im nächsten Abschnitt genauer erläutert.

2.1.3 Zusammenhang zwischen Sucht und Gesellschaft

Sucht steht immer im Kontext mit dem oder der „Süchtigen“ und der Klassifizierung in der Gesellschaft. Die Legitimität von Alkoholkonsum ist beispielweise abhängig von gesellschaftlichen Bewertungszusammenhängen und Machtpotential. Auf Führungsebene ist ein Sekt zum Empfang oder auch Hochprozentiges zum Vertragsabschluss vollkommen legitim, während es nicht legitim ist, wenn normal arbeitende bzw. angestellte Personen während der Arbeitszeit Alkohol konsumieren (vgl. Nolte 2007, S. 55 f.). Der Begriff Sucht bezeichnet dabei im alltäglichen Sprachgebrauch in der Regel nicht nur eine Krankheit, sondern auch eine verachtete Form der Verhaltensabweichung.

„Man braucht für den Idealtypus des Süchtigen: einen abgemagerten, heruntergekommenen Junkie zum Beispiel oder den Hartz- IV-Empfänger, der ständig nach billigem Fusel riecht – zu ihm passt die Idee der ‚Sucht‘ perfekt. Demgegenüber schaffen der tägliche Weinliebhaber oder der nicht-auffällige Kokainkonsument nur Irritationen“ (ebd. S. 56).

Außerdem bestehen große Bewertungsunterschiede zwischen den Substanzen. Die Substanzeinschätzung und die Einordnung ihrer Gefährlichkeit orientiert sich stark an Legalität oder Illegalität und sind weniger rational. Alkohol und Tabak gelten dabei in unserer Gesellschaft als harmlos, obwohl sie theoretisch den meisten Schaden anrichten. Drogen, die im Betäubungsmittelgesetz aufgeführt sind, können nur missbraucht, nicht gebraucht, werden, da eine legale Verwendung gesetzlich ausgeschlossen ist. Drogen die als Arzneimittel gelten, unterliegen einem anderen moralischen Urteil als Rauschmittel, obwohl häufig kaum ein Unterschied zwischen den Substanzen besteht (Morphium – Heroin) (vgl. Vogt 2004, S. 12 f.).

„Solange sie Arzneimittel sind, sind diese Mittel legal; erklärt man sie ausschließlich zu Rauschmitteln und nicht auch noch zu Genussmitteln wie den Alkohol oder den Tabak, dann folgt meist ihre Verbannung in die Illegalität“ (ebd. S. 12).

Von Wolffersdorff (2002) (in Anlehnung an Gruen 1997) stellt sich in Bezug auf die Gesellschaft und Sucht die Frage, ob die grundlegenden Verkehrsformen und kulturellen Konventionen der modernen Konsumgesellschaft einer inhärenten Suchtlogik folgen. Er geht davon aus, dass modernes Konsumbewusstsein und dem Wunsch nach kontrollierter Intensitätssteigerung und Erlebnis bereits eine Suchtdisposition zu Grund liegt. Die Normalität entspricht in diesem Sinne einem Kreislauf aus Wunschproduktion, ausbleibender Bedürfnisbefriedigung und erneuter Wunschproduktion auf einem gesteigerten Aspirationsniveau, was der Struktur von Sucht, egal ob substanzgebunden oder substanzungebunden, gleicht (vgl. ebd. S. 34 f.). Neben individuellen Verhaltensmustern betont er besonders die gesamtgesellschaftlichen Muster:

„Insbesondere die abhängigkeitsfördernde Lebensweise der globalen Konsumgesellschaft mit ihrer destruktiven, auf der Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen aufbauenden Wegwerflogik sind in diesem Zusammenhang zu nennen“ (ebd. S. 35). Bei dem Bedürfnis nach immer steigernder Reizzufuhr, um innere Leere auszugleichen, ist die Sucht auch auf die Gesellschaft zurückzuführen, in der sich eine süchtige Person befindet, ist also kein intraindividueller Vorgang, sondern eine Art Anpassung an die übergreifende Suchtstruktur.

„Die Selbstunterwerfung unter eine unablässige Folge medienvermittelter Wunschstimulierungen, deren Erfüllung nicht zur Befriedigung, sondern nur zu erneuter Wunschstimulierung führt, wird in dieser Struktur als normal und gesund erwartet, während ihre Verweigerung negativ sanktioniert wird“ (ebd. S. 36).

Den Strukturen unserer Gesellschaft und der damit verbundenen Angst vor Wunschlosigkeit liegt laut Wolffersdorff eine Suchtdimension zu Grund.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Spannungsfeld zwischen Drogenhilfe und Drogenpolitik
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
ohne Benotung
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V214269
ISBN (eBook)
9783656425021
ISBN (Buch)
9783656439608
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drogen, Drogenhilfe, Drogenberatung, Soziale Arbeit, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sucht, Drogensucht, Abhängigkeit, Drogenabhängigkeit, Sucht und Gesellschaft, Konstruktion, Konstruktivismus, Medizinisierung, Ökonomisierung, Drogenpolitik, Sozialpolitik, Drogenpolitik Deutschland, Drogenmythen, Stigmatisierung, Moral
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Natascha Diekmann (Autor), 2013, Spannungsfeld zwischen Drogenhilfe und Drogenpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214269

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