"Die Zikaden". Eine Annäherung Bachmanns an die menschliche Stimme als ein Medium zwischen Sprache und Musik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Vorüberlegungen
2.1. Begriffe
2.1.1. Der Hörtext.
2.2 Exkurs: Die Geschichte des Hörtextes bis 1955 in Deutschland.

3.1 Sprache und Musik
3.2 Die Stimme als Intermedium von Sprache und Musik
3.2.1. Musik und Dichtung und Das schreibende Ich

4.0 Bachmann und die Musik
4.1. Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann - Biografisches
4.2. Malina.
4.3. Wittgenstein

5.1 Die Zikaden
5.2 Der Titel
5.2. Das Fluchtmotiv und Das Rückkehrermotiv
5.3. Analyse der musikalischen Bezüge

6.0 Fazit.

7.1 Quellen.
7.2 Primärliteratur:
7.3 Sekundärliteratur
7.3. Internetquellen

1.0 Einleitung

„Könnte man doch für immer in ein Reich aus Schönheit, Klängen und Worten treten.“1 Dies schreibt Ingeborg Bachmann Ende der Fünfziger Jahre an ihren engen Freund und Komponisten Hans Werner Henze und enthüllt eine ihrer großen Leidenschaften: Die Musik.

Die folgende Seminararbeit soll eine Annäherung auf das Bachmann'sche Werk, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Beziehung zur Musik und der Verarbeitung derer in ihrem Werk werden. Um mich an das Thema anzunähern, habe ich mich auf ein exemplarisches Werk, das Hörspiel Die Zikaden, festgelegt. Einige Exkurse, zum Beispiel in die Zeitgeschichte: Wie las man früher vor? oder Begriffsdefinitionen Was ist ein Hörtext? waren für die Herangehensweise fundamental. Ebenso einen kleinen Exkurs in die Geschichte des Hörspiels hielt ich für maßgeblich um mich an das Thema heranzutasten.

Zunächst habe ich natürlich auch andere Werke der Zusammenarbeit Bachmann/ Henze betrachtet und mir fielen insbesondere die verschiedenen Formen auf, die die beiden versuchten. Sie schrieben zwei Opern, ein Hörbuch, ein Ballett und Arien. Sie scheinen selbst geforscht zu haben wo der beste Treffpunkt der Medien zu sein scheint, wo sie am besten zusammen wirken. Sprache und Musik transformieren bei Bachmann und Henze also ständig, sie sind Intermedialitätsforscher im praktischen Sinn. Da sich diese Forschung allerdings auf nicht sehr sicherem Boden zu bewegen scheint - „[w]ir wissen ausdrücklich nicht was Medien sind“2 - möchte ich die Frage nach dem Medialen nicht stellen, sondern einzig und allein versuchen den Schmelzpunkt zwischen Musik und Sprache bei den Zikaden zu erfassen.

Die Analyse des Hörtextes kann nur auf wenigen Quellen fußen, da es ebendiese so gut wie nicht gibt. Ich werde daher selbst nach einigen Leitlinien interpretieren um eine wissenschaftliche Analyse Zustande zu bringen.

2.0 Vorüberlegungen

2.1. Begriffe

Die Begriffe „Hörbuch“, „Hörspiel“ und „Audiobook“ hinreichend zu definieren aber vor allem zu differenzieren scheint schwerer als Gedacht. Dies verwundert bei einer Gattung, die nicht nur seit 80 Jahren existiert, sondern auch quantitativ auf dem Markt sehr stark vertreten ist. Bei meinen Recherchen zu dieser Arbeit habe ich leider keine zufriedenstellenden Quellen dazu gefunden. Aus diesem Grund möchte ich als Überbegriff hier gerne den Begriff „Hörtext“ einführen, der meiner Meinung nach eine sinnvolle Vokabel für alle Hörbearbeitungsformen ist.

Der Hörtext fungiert also nun als Überbegriff für die Gattungsbezeichnungen Hörspiel und Hörbuch. Nicht vorenthalten möchte ich allerdings Quellen, die zumindest die Begriffe „Hörbuch“ und „Hörspiel“ differenzieren: Ein „Hörbuch“ ist ein Hörtext der von einem Sprecher vorgetragen wird und ohne musikalische Zwischenspiele und Untermalungen auskommt. Ein „Hörspiel“ hingegen ist ein Hörtext mit mehreren Sprechern, meist also rollenverteilt gelesen und dementsprechend arrangiert, der oft musikalische Zwischenspiele und Untermalungen vorweist. Diese Quellen waren jedoch meist Internetlexika ohne wissenschaftlichen Anspruch, weshalb ich es vorziehe bei der Vokabel „Hörtext“ zu bleiben.3

2.1.1.Der Hörtext

Wie bereits erwähnt dient der Begriff „Hörtext“ als Überbegriff für die bekanntesten Gattungsbezeichnungen „Hörspiel“ und „Hörbuch“. Das Fundament des Hörtextes ist natürlich ein Text, egal ob er fiktionaler Natur ist, sei es also zu Beispiel ein dramatisches oder episches Werk, adaptiert oder originär aufgenommen, oder ein non- fiktionaler Text, also eine Reportage, ein Sachtext oder ein Bericht.

Die Übertragung kann auf einen Tonträger, eine CD beispielsweise, über den

www.mediaculture-online.de.

Rundfunk geschehen. Egal ob live über den Rundfunk oder „archiviert“ auf einem

Tonträger, charakteristisch bleibt, dass der Hörtext immer durch ein Medium

„vermittelt“ wird, was beinhaltet, dass der Mittler, die sprechende Stimme, einen interpretatorischen Einfluss ausübt.

Der Hörtext muss jedoch die „Welt als erzählbar, als kausal aufeinander bezogen, als in seinen Erscheinungen ineinander verkettet“4 verstehen. Nur so kann sich eine Geschichte entwickeln, die „in uns die Illusion einer unmittelbar – vor unserem Ohr – sich abwickelnden lebendigen Handlung zu erwecken vermag.“5

Sprache ist also ein unbedingtes Element und zwar in jeglicher Form, egal ob ein Monolog, ein Dialog, eine Lyrikrezitaion oder Laute vorliegen. Über den jeweiligen Sinneseindruck entscheidet die Melodie der Sprache und der Inhalt und die Dramaturgie des Hörtextes. Man rezipiert also nie den „blossen“ Text, sondern automatisch auch die Interpretation des Schauspielers bzw. Sprechers.

Da die Stimme an sich einen Text in der unmittelbaren Wahrnehmung beeinflussen kann, kann man hier einen direkten Vergleich zur Musik ziehen. Rezipieren wir Musik, wenn wir nicht gerade eine LiveShow, eine Oper oder ein Musical besuchen, so hören wir nicht die Partitur sondern direkt auch die Interpretation des Musikers, Sängers, Orchesters oder Dirigenten.

2.2 Exkurs: Die Geschichte des Hörtextes bis 1955 in Deutschland

Der Hörtext kann in seinen verschieden Varianten und Formen auf eine fast 85-jährige Entwicklung zurückblicken. Da jedoch die neuere Entwicklung für diese Arbeit nicht relevant ist, beschränke ich mich auf den Zeitraum bis hin zur Uraufführung der Zikaden im Jahre 1955. Für den kleinen hirstorischen Abriss habe ich vor allem Die Kleine Geschichte des Hörspiels von Hans-Jürgen Krug6 verwendet.

Im Jahre 1924 ging das erste Hörspiel nach heutigen Maßstäben über den

deutschen Äther. Es war Zauberei auf dem Sender von Hans Flesch und wurde als eine Art Neuauflage des Buchdrucks gefeiert. Die erste Definition der neuen Gattung wird von Hans Siebert von Heister im Jahre 1924 formuliert: „das arteigene Spiel des Rundfunks.“7 Das Hörspiel war also speziell für den Rundfunk verfasst und waren nicht etwa adaptierte Dramen. Innerhalb der ersten zwei Jahre werden ungefähr 600 Werke produziert und gesendet, mangels Aufzeichnungstechnik, wurden die meisten davon live gesendet.

Auch damals waren die Begriffe des Genres grenzenlos und chaotisch. Hör- Sendespiel, Sendungsspiel, Funkspiel und Funkdrama, Radiospiel, akustischer Film und Theater für Blinde, sind nur einige Begriffe für das Genre, die einfachste differenzierung ist allerdings das extra für den Rundfunk verfasste Werk: das Originalhörspiel und das adaptierte Sendespiel welches dominierte.

Besonders beliebt war auch Kinderliteratur, Märchen und Sagen, vorgetragen mit verstellten Stimmen und eine Illusion zu erschaffen und die Phantasie anzuregen.

Zeitgenössische Autoren, darunter auch Bertholt Brecht und Erich Kästner nutzen das neue Medium für sich, kritisieren aber ebenso das fehlen originärer Werke. 1929 stürmen er und seine Kollegen den Rundfunk und es entsteht das literarische Hörspiel. Die Themen waren akute Entwicklungen wie der Krieg, die Arbeitslosigkeit und natürlich Politik. Die Themen wurden insbesondere im Inneren Monolog verarbeitet und vorgetragen.

Während des Hitler- Regimes verändert sich zunähst nichts, ausser dass der 1933 auf dem Markt erscheinende Volksempfänger dafür sorgt, dass mehr Menschen dem Medium lauschen können und die ersten Propagandastücke die experimentelle Blütezeit des Hörtextes beenden, sie werden als „entartete Kunst“ verboten. Die ersten Rundfunkmitarbeiter werden entweder zum Militär oder zum Film abgezogen und die Produktion gerät ins Stocken sodass ab 1940 nurmehr das Einheitsprogramm, den „Großdeutschen Rundfunk“, ausstrahlt. Es beginnt eine Zeit ohne Hörtexte auch wenn Autoren im Exil weiter schreiben und ihre Hörspiele im ausländischen Radio auch übertragen werden. Da in Deutschland die Theater geschlossen sind, wird eine

„Bühne im Rundfunk“ eingerichtet, eine Art Kultur- und Theatersubstitut aber ganz

im Sinne des nationalsozialistischen Kulturverständnisses: Stücke von Goethe, Lessing und Kleist wurden adaptiert und gesendet.

Die Zerstörungen nach dem krieg waren horrend und so gab es weder Kinos noch Theater oder Druckwaren. Einzig der Rundfunk konnte sich recht schnell wieder berappen und recht schnell wieder auf Sendung gehen, Theaterstücke die nicht gespielt werden konnten, werden nun gesendet, so zum Beispiel Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Brecht. Die Hörspielmacher müssen sich natürlich an die Vorgaben der Alliierten halten, daher dient es in erster Linie der Demokratisierung und Aufklärung der Deutschen, dies scheint jedoch gut anzukommen; beinahe 40% der Deutschen sind in diesen Jahren regelmäßige Radiokonsumenten. Das Radio kann schnell auf aktuelle Geschehnisse eingehen, sendet Informationen, vermittelt Kunst und Kultur und erreicht die meisten Menschen. Das Radio wird zum wichtigsten Medium und auch die Literatur kann dies nicht länger ignorieren und so wird also wieder fleissig für den Rundfunk geschrieben und produziert. In den 50er Jahren werden ungefähr 1000 Hörspiele pro Jahr produziert, wovon 90% extra füer den Rundfunk geschrieben wurden, also Originalhörspiele sind. Diese Blütezeit hält bis in die frühern 60er Jahre als der Fernseher langsam das Radio abzulösen beginnt.

3.0 Sprache und Musik

Sprache und Musik sind in diversen Formen miteinander verknüpft. Die Vertonung eines Librettos oder die narrative Thematisierung von Musik bis hin zum Lautgedicht. Es gibt so viele Berührungspunkte, dass ich direkt mit der Behandlung von Musik in der Literatur Bachmanns beginnen möchte. Musik als Bestandteil von Literatur oder als Thema von Literatur.

Christian Bielefeldt macht in seinem Buch8 zwei Hauptströmungen für Musik in den literarischen Texten Bachmanns aus in denen sie mit Hans Werner Henze zusammenarbeitete; Die erste zielt „auf die Klanglichkeit der Musik als ein Verlorenes und Verdrängtes, der Sprache nicht (mehr) Zugängliches“9 quasi als

[...]


1 Ingeborg Bachmann, Hans Werner Henze: Briefe einer Freundschaft. Hg. Und kommentiert von Hans Höller. München 2004, S. 124.

2 Hartmut Winkler: Docuverse. Zur Medientheorie der Computer Boer Verlag, München 1997 S.359.

3 Die hier erwähnten Quellen waren vornehmlich die Internetseiten www.wikipedia.de und

4 Hickethier, Knut: Radio und Hörspiele im Zeitalter der Bilder. In: Felix, Jürgen/ Giesenfeld, Günther (Hrsg.): Augenblick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft. Nr. 26/1997. Schüren Presseverlag. Marburg 1997, S.8.

5 Döhl, Reinhard: Nichtliterarische Bedingungen des Hörspiels. In: Wirkendes Wort. Jahrgang 32, Heft 3/ 1982. Bouvier - Verlag. Bonn 1982, S. 157.

6 Krug, Hans-Jürgen: Die kleine Geschichte des Hörspiels. Konstanz 2003.

7 Schwitzke, Heinz: Das Hörspiel. Dramaturgie und Geschichte. Köln/ Berlin 1963 S. 25.

8 Christian Bielefeldt: Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann:Die gemeinsamen Werke. Beobachtungen zur Intermedialität von Musik und Dichtung. Bielefeld 2003.

9 Ebd. S. 21.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"Die Zikaden". Eine Annäherung Bachmanns an die menschliche Stimme als ein Medium zwischen Sprache und Musik
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Theaterwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V214342
ISBN (eBook)
9783656426868
ISBN (Buch)
9783656440376
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zikaden, annäherung, bachmanns, stimme, medium, sprache, musik
Arbeit zitieren
Greta Schmidt (Autor), 2010, "Die Zikaden". Eine Annäherung Bachmanns an die menschliche Stimme als ein Medium zwischen Sprache und Musik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214342

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