Der Wandel des Frankenreichs im 9. und 10. Jahrhundert


Hausarbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt:

1. Die Herrschaftsnachfolge – Reichseinheit und Reichsteilung
1.1. Einleitung
1.2. Die Nachfolgeregelungen unter merowingischer und karolingischer Herrschaft
1.3. Die Idee der Individualsukzession der Ottonen

2. Die Kirche im fränkischen Reich
2.1. Das Mönchtum
2.2. Kirchenreformen und Mission
2.3. Bischofs- und Abtherrschaft - Das Reichskirchensystem

3. Bibliographie

Untersuchungsgegenstand sind die Veränderungen im fränkischen Reich vor und um die Jahrtausendwende am Beispiel der Entwicklung der Kirche und der königlichen Herrschaft sowie der Regelung der Herrschaftsnachfolge. Die Veränderungen des Regnum Francorum sollen anhand der Ereignisgeschichte sowie anhand thematischer Schwerpunkte dargestellt werden.

1. Die Herrschaftsnachfolge – Reichseinheit und Reichsteilung

Von den Reichsteilungen des 9. Jahrhunderts zum „Unteilbarkeitsprinzip“ des 10. Jahrhunderts

1.1. Einleitung:

Bei der Regelung der Thronfolge haben sich ab dem Frühmittelalter zwei Tendenzen durchgesetzt, die eine historische Relevanz inne hatten: Die Nachfolge des ältesten Sohnes und die Teilung des Reiches unter allen überlebenden, legitimen Söhnen des Herrschers. Seit dem Tod Chlodwig I. wurde die zweitgenannte Variante praktiziert. In den politischen Systemen des Frühmittelalters war die Thronnachfolge für deren Funktionieren eine zentrale Frage, da ein Machtwechsel zur politischen Instabilität führen bzw. Unruhen verursachen konnte. Herrschaftsansprüche aufgrund ungeklärter Nachfolgeregelungen führten zu blutigen Erbfolgekonflikten oder zum Zerfall des Herrschaftsgebildes. Zu beachten ist, dass das Wort Regnum im 9. Jahrhundert keineswegs einen politischen Gesamtzusammenhang des karolingischen Herrschaftsverbandes bezeichnete, Reich war kein institutioneller Begriff.

Carlrichard Brühl weist außerdem darauf hin, dass zwischen horizontalen und vertikalen Teilungen im Regnum Francorum unterschieden werden muss. Unter vertikalen Teilungen versteht er die Errichtung von Unterkönigreichen für einen oder mehrere Söhne des Herrschers und horizontalen Teilungen, die zur Entstehung selbständiger Teilreiche führten.[1] Abgesehen davon kann das Fränkische Reich nicht als autonome Rechtskörperschaft definiert werden, sondern war ein Zusammenschluss mächtiger Personen und deren Verbände.

1.2. Die Nachfolgeregelungen unter merowingischer und karolingischer Herrschaft:

Defuncto igitur Chlodovecho regi, quattuor filii eius, id est Theudoricus, Chlodomeris, Childeberthus atque Chlothacharius, regnum eius accipiunt et inter se aequa lantia dividunt[2].

Nach dem Tod des Merowingischen Herrschers Chlodwig I., wurde das Großreich 511 erstmals unter dessen Söhnen geteilt, wie das oben genannte Zitat von Gregor von Tours im Rückblick bezeugt. Allerdings teilten die vier Söhne nach dem Tod des Vaters, das Reich unter sich auf und stützten sich dabei möglicherweise auf die von Chlodwig aufgezeichnete „Lex Salica“, die besagte, dass Land ausschließlich an männliche Nachkommen vererbt werden dürfe.[3] Es gab keine zwingenden Regeln, die die Erbfolge in den 300 Jahren zwischen dem Tod Chlodwigs und der Herrschaft von Karl dem Großen regeln sollten. Der Wunsch nach Unteilbarkeit des Reiches oder die Absicht, eine Individualsukzession politisch einzuführen, standen nicht im Vordergrund. Nach einer Phase von Bruderkriegen verwandelte sich das Merowingische Reich durch den Aufstieg des Adels und die Konsolidierung der Teilreiche grundlegend, Chlothar II (582-629) konnte im Pariser Edikt von 614 ein neues Gleichgewicht des Reiches herstellen. Der wachsende Einfluss des Adels und der Verfall des Merowingischen Herrschaftsanspruches verhalf dem arnulfingischen Geschlecht zum Aufstieg.

Durch die Salbung Pippins (714-768) 751 erlangte das Königtum unter Einbeziehung des Adels eine neue dynastische Legitimität. Die realen Machtgrundlagen konnten durch das supragentile Herrschaftssystem vergrößert werden. Der Gedanke der Einheit des Reiches wurde durch die aus mehreren Familien bestehende sogenannte Reichsaristokratie[4] gestützt. Die Angehörigen dieser Schicht waren ausschließlich von vornehmer Abstammung, wobei die Verwandtschaft mit Vertretern des Königshauses den Wert der Beziehungen steigerte. Die Familien des Reichsadels unterschieden sich vom übrigen Adel nicht nur durch den Besitz großer Güter sondern auch durch die Ausübung hoher Ämter. Diese Konstruktion war nicht statisch, sondern konnte sich durch Auseinandersetzungen untereinander oder durch Heiratspolitik verändern. Im Unterschied zu den Merowingeredikten bestand die Notwendigkeit eines Konsens mit dem Reichsadel in den Kapitularien der Karolinger, was eine Mitwirkung des Adels an der „Gesetzgebung“ bedeutet[5]. Im Gegenzug belohnte der Herrscher diese Personen mit der Vergabe von Ämtern oder Ernennungen zu Comites oder im geistlichen Bereich auf Bischofs- und Abtsitze. Die organisatorische Gliederung des Gesamtreiches in Grafschaften diente als Herrschaftsinstrument mit Verantwortung des Grafen gegenüber dem König. Zu den Tätigkeiten eines Comes zählte die Führung militärischer Kontingente, Aufsichtsfunktion auf Straßen oder Märkten oder die Vertretung des Königs im Königsgericht.

Zahlreiche Teilungsvorhaben sind aus verschiedenen Gründen nicht in die Realität umgesetzt worden (806 Divisio Regnorum, 817 Ordination Imperii), andere wiederum konnten vollzogen werden (843 Vertrag zu Verdun, 855 Teilung von Prüm).

Im Regnum Francorum verfolgte man also über Jahrhunderte hinweg den Brauch, die Herrschaft unter den leiblichen Söhnen des Herrschers aufzuteilen, was für den fränkischen Herrschaftsverband in zahlreichen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen endete. Die innere Konsolidierung des geordneten Reiches geriet erneut in Gefahr, als dem am 24.9.768 in St. Denis verstorbenen Pippin seine bereits 754 vom Papst gesalbten Söhne nachfolgten. Karl wurde im Oktober 768 auf den Thron erhoben und erhielt den westlichen und nördlichen Teil, der jüngere Karlmann wurde mit den Gebieten in der Mitte und im Süden des Reiches bedacht. Aquitanien wurde beiden Brüdern zur Herrschaft überlassen. Das Streben der Brüder nach Alleinherrschaft bewirkte eine tiefe Rivalität, welche erst durch den frühen Tod Karlmanns und der Flucht seiner Witwe Gerberga an den Hof des Langobardenkönig Desiderius, beendet wurde. Dadurch war das frühmittelalterliche Großreich, das weite Teile des kontinentalen West- und Mitteleuropas erfasste, wieder in der Hand eines Hegemonialherrschers. 806 versuchte Karl der Große mit Hilfe einer Regelung der Herrschaftsnachfolge vor seinem Tod, die innere und äußere Ordnung zu bewahren, wobei er Vertreter des Adels einbezieht. Im Reichsteilungsgesetz, der Divisio Regnorum musste aber auch die errungene Kaiserwürde Karls am Weihnachtstag 800 in Rom thematisiert werden. Der Gedanke des universellen Kaisertums stand der Idee des traditionell geregelten gleichen Erbrechtes aller legitimen Königssöhne gegenüber. Die Unteilbarkeit der Kaiserwürde wurde im Gesetz nicht berücksichtigt, die Schutzpflicht der Römischen Kirche musste aber von allen Söhnen zu gleichen Teilen übernommen werden[6]. Die Problematik von Einheit und Teilung als zwei entgegengesetzte Prinzipien wurde hier sichtbar. Das Dokument sah die Aufteilung des Reiches unter den Söhnen Pippin, Karl dem Jüngeren und Ludwig den Frommen vor. Karls ältester Sohn, Karl der Jüngere erhielt das ungeteilte Kernreich der Franken zwischen Rhein und Loire. Eine förmliche Oberherrschaft über seine Brüder Pippin und Ludwig war nicht vorgesehen, trotzdem ist eine deutliche Differenzierung der erbberechtigten Personen zu erkenne. Durch biologischen Zufall, der als Göttliche Vorsehung gedeutet wurde, starben zwei Söhne, Ludwig der Fromme wurde Alleinherrscher.

Die Idee der Reichseinheit sollte 817, durch die von Ludwig den Frommen erlassene Ordinatio Imperii, mit der er Lothar, seine ältesten Sohn zum Mitregenten und Nachfolger im Reich machte und ihm die jüngeren Söhne als Unterkönige zur Seite stellte. Grundlage der Ordinatio Imperii war die Vorstellung der „Unitas Imperii“[7] mit religiöser Grundlage. Der Inhalt des Dokuments führte zu Unruhen und Rebellion und letztlich zu den karolingischen Bruderkriegen, ausgelöst durch den Tod Ludwig des Frommen 840, die schließlich in der Teilung zu Verdun endeten.

[...]


[1] Brühl Carlrichard, Die Geburt zweier Völker, Wien 2001, S. 104.

[2] MGH Digital, Gregorii Episcopi Turonensis Hsitoriarum Liber III., 1, 1, S 97, http://bsbdmgh.bsb.lrz-muenchen.de/dmgh_new/, Stand 30.5.2009.

[3] Erkens Franz-Reiner, Divisio legitima und unitas imperii, Teilungspaxis und Einheitsstreben bei der Thronfolge im Frankenreich, in: Deutsches Archiv, 52. Jahrgang, 1996, S. 430.

[4] Tellenbach Gerd, Königtum und Stämme in der Werdezeit des Deutschen Reiches, in: Quellen und Studien zur Verfassungsgeschichte des Deutschen Reiches in Mittelalter und Neuzeit, Bd. 7, Weimar 1939, S. 41. Tellenbach hat mit seinen Forschungen über den frühmittelalterlichen Adel, den personengeschichtlichen Ansatz untersucht und den Begriff „Reicharistokratie“ geprägt.

[5] Hechberger Werner, Adel, Ministerialität und Rittertum im Mittelalter, München 2004, S. 12.

[6] 15. Super omnia autem iubemus atque praccipimus, ut ipsi tres fratres enram et defensionem ecclesiae sancti Petri suscipiant simul, sicut quondam ab avo nostro Karolo et beatae memoriae genitore nostro Pippino rege et a nobis postea suscepta est, ut eam cum Dei adiutorio ab hostibus defendere nitantur et iustitiam suam, quantum ad ipsos pertinet et ratio postulaverit, habere faciant Similiter et de caeteris ecclesiis quae sub illorum fuerint potestate precipimus, ut iustitiam suam et honorem habeant, et pastores atque rectores venerabilium locorum habeant potestatem rerum quae ad ipsa loca pia pertinent, in quocunque de his tribus regnis illarum ecclesiarum possessiones fuerint.

Boretius Alfred (Hg.), Capitularia regum Francorum, MGH LL 2,1, Hannover 1881, S. 126-129.

[7] Ordinatio Imperii, MGH 1, Nr. 136, S. 270.

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Details

Titel
Der Wandel des Frankenreichs im 9. und 10. Jahrhundert
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V214356
ISBN (eBook)
9783656426752
ISBN (Buch)
9783656436102
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalter, Karolinger
Arbeit zitieren
Veronika Pichl (Autor), 2009, Der Wandel des Frankenreichs im 9. und 10. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214356

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