1. Einleitung
Wirtschaftliche, kriegerische und persönliche Umstände des Mittelalters erforderten in Europa eine hohe Mobilität des Einzelnen und Angehöriger ganzer Stammesverbände. Archäologische Funde dokumentieren diese Entwicklungen und verdeutlichen den Grad der Akkulturation sowie das Zurückdrängen der eigenen Identität und der Bildung einer neuen gemeinsamen Kultur. Die Vermischung zweier Kulturkreise, nämlich die der christlich-vormals römischen Kultur und der heidnischen Welt östlich und nördlich der Reichsgrenzen, stellte die Basis für die gesellschaftlich-politischen Entwicklungen dar.
Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen stellt Fremdheit daher keine konstante Größe dar und kann immer nur relational gedacht werden. Die Analyse des Fremden steht folge dessen im Bezug zum Begriff des Eigenen. Es besteht eine Wechselwirkung zwischen Fremden und Eigenem.Gründungsmythen galten als unverzichtbarer Bestandteil, der zur Abgrenzung von „Anderen“ herangezogen wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtlicher Überblick: Die Auseinandersetzungen des sächsischen Herrscherhauses mit den Völkern in Osten und Norden
3. Widukind von Corvey
3.1. Res gestae Saxonicae
4. Thietmar von Merseburg
4.1. Die Chronik des Thietmar von Merseburg
5. Die Institutionalisierung des „Fremden“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Darstellung des „Fremden“ in den historischen Schriften von Widukind von Corvey und Thietmar von Merseburg. Dabei wird analysiert, wie diese mittelalterlichen Autoren durch die Charakterisierung benachbarter Völker Identität stifteten, eigene politische oder religiöse Interessen verfolgten und das Konzept des Fremden als Instrument zur Kritik an internen Missständen im Reich nutzten.
- Konzeptionelle Analyse des Begriffs „Fremdheit“ im Frühmittelalter
- Vergleichende Untersuchung der Darstellungen nicht-christlicher Nachbarvölker
- Rolle der Missionspolitik und Sakralität bei der Konstruktion von Identität
- Politischer Kontext und persönliche Motivationen der Geschichtsschreiber
- Wechselwirkung zwischen Selbstbild („das Eigene“) und Fremdbild
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Chronik des Thietmar von Merseburg
Thietmars Chronik stellt als historische Quelle einen Glücksfall dar. Thematisch setzt sich der Schreiber mit den politischen Ereignissen zur Zeit der Ottonen auseinander, mit besonderem Schwerpunkt der Markenpolitik und der Geschichte der Westslaven. Detailreich schildert er deren Bräuche und Gewohnheiten und das Verhältnis der Bewohner des Frankenreichs zu den „Fremden“. Sein Wirken war geprägt von den Problemen um die Widerherstellung des Bistums Merseburg, welche in der Chronik des Bischofs detailliert aber parteiisch aufgezeichnet werden. Weiters liefert sie Informationen über die Reichsgeschichte seit den 80er Jahren des 10. Jahrhunderts und gibt einen unmittelbaren Eindruck über die Gedankenwelt des Klerikers. Die Chronik ist eine Ansammlung kulturgeschichtlicher Darstellungen, ergänzt durch zahlreiche Wundergeschichten. Die sinnliche und übersinnliche Welt bilden bei Thietmar eine Einheit. An der Spitze dieser Einheit steht deus, der die Taten der Menschen direkt oder indirekt beeinflusst. Der Merseburger Bischof zeichnet sich durch eine gute Kenntnis frühchristlicher Literatur und der Heiligen Schrift aus. In Thietmars Chronik sind die Beschreibungen aus Widukinds Sachsengeschichte teilweise eingegangen.
Das Werk gliedert sich in acht Bücher, die chronologisch die Reichsgeschichte von Heinrich I. und Heinrich II. erzählen. Die ersten vier Bücher beschäftigen sich mit Heinrich I., Otto I., Otto II. und Otto III., die letzten vier setzen mit Heinrich II. fort und enden mit dem Tod des Schreibers. 1012 begann er seine Geschichte der Sachsen zu verfassen, in den beiden Folgejahren entstand Buch II und III, 1014 Buch IV und V, 1015 Buch VI bis VIII. Anschließend entstanden Zusätze und Ergänzungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Erläutert die theoretischen Grundlagen der Fremdheitsanalyse im Mittelalter als soziales Konstrukt und relationales Phänomen.
2. Geschichtlicher Überblick: Die Auseinandersetzungen des sächsischen Herrscherhauses mit den Völkern in Osten und Norden: Skizziert die militärischen und politischen Konflikte der Ottonen zur Sicherung der Reichsgrenzen und Etablierung der Missionsbistümer.
3. Widukind von Corvey: Analysiert das Leben des Chronisten und sein zentrales Anliegen, die Überlegenheit des sächsischen Volkes zu betonen.
3.1. Res gestae Saxonicae: Untersucht die Darstellung der „Barbaren“ als Gegenpol zur sächsischen Identität in Widukinds Werk.
4. Thietmar von Merseburg: Stellt die Biografie und den sozialen Hintergrund des Merseburger Bischofs und Chronisten dar.
4.1. Die Chronik des Thietmar von Merseburg: Beschreibt die inhaltliche Struktur und die subjektive, durch politische Ereignisse geprägte Natur der Chronik.
5. Die Institutionalisierung des „Fremden“: Synthetisiert die Erkenntnisse darüber, wie beide Autoren das Bild des Fremden gezielt instrumentalisieren, um kirchenpolitische und weltliche Missstände zu kritisieren.
Schlüsselwörter
Widukind von Corvey, Thietmar von Merseburg, Ottonen, Mittelalter, Identität, Fremdheit, Historiographie, Slaven, Missionierung, Sachsengeschichte, Sachsen, Religion, Ethnizität, Barbaren, Sachsenkönige
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie zwei bedeutende mittelalterliche Geschichtsschreiber, Widukind von Corvey und Thietmar von Merseburg, das Konzept des „Fremden“ in ihren Chroniken konstruierten und darstellten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Identitätsbildung der Sachsen, das Verhältnis zu den slawischen und nördlichen Nachbarvölkern sowie die Rolle von Religion und Politik in der mittelalterlichen Geschichtsschreibung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Darstellung fremder Völker nicht nur der historischen Dokumentation diente, sondern als Instrument genutzt wurde, um eigene politische Forderungen und Kritik an Zeitgenossen zu artikulieren.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Die Autorin wendet eine historisch-analytische Methode an, die auf der kritischen Textanalyse der Primärquellen (Sachsengeschichte Widukinds und Chronik Thietmars) sowie deren Einordnung in den zeitgenössischen politisch-kulturellen Kontext basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der beiden Autoren und ihrer Werke sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit ihren jeweiligen Strategien zur „Institutionalisierung des Fremden“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Identität, Ethnizität, Missionierungspolitik, Fremdheit, Barbaren, Sachsen, Ottonen und Geschichtsschreibung.
Wie unterscheidet sich Widukinds Darstellung des „Fremden“ von der Thietmars?
Während Widukind das Bild des Fremden stark an der militärischen Überlegenheit und Identität des sächsischen Stammes ausrichtet, zeigt Thietmar eine stärker durch seine kirchliche Amtsrolle und persönliche politische Betroffenheit geprägte, religiöse Perspektive.
Inwiefern nutzte Thietmar von Merseburg seine Chronik für kirchenpolitische Kritik?
Thietmar verknüpfte oft Beschreibungen über die „Gottlosigkeit“ der Heiden oder interne Konflikte gezielt mit seiner Kritik an Reformbewegungen oder Entscheidungen von Bischöfen und Herrschern, um seinen Standpunkt zwischen den Zeilen zu vermitteln.
- Citation du texte
- Veronika Pichl (Auteur), 2010, „Das Fremde“ in Texten von Widukind von Corvey und Thietmar von Merseburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214358