Die konstruierte Authentizität im Dokumentarfilm

Am Beispiel von The Yes Men Fix The World


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1| Einleitung
1. 1 Methodik und Vorgehensweise

2| The Yes Men Fix The World
2. 1 Die Organisation
2. 2 Hintergründe des Films
2. 3 Inhaltsangabe

3| Untersuchung der Stilmittel im Film
3. 1 Erzählweise
3. 2 Comicsequenzen
3. 3 Filmmusik als dramaturgisches Mittel
3. 4 Selbstdarstellung der Protagonisten

4| Fazit

5| Literaturverzeichnis

Publikationen

Online-Quellen

Sonstige

1| Einleitung

„Was immer mit dem Begriff des Filmisch-Dokumentarischen verbunden wird: Wiedergabe einer authentischen, unverfälschten oder nicht-inszenierten Wirklichkeit – Filmbilder geben von sich aus nicht preis, ob sie in diesem Sinne dokumentarisch sind oder nicht“ (Heller 2001, 16).

Die Frage nach der Authentizität und Glaubwürdigkeit des Dokumentarfilms gibt es seit Anbeginn seiner Entstehung und sie führte in der Vergangenheit dazu, dass polarisierende Meinungen vertreten und rege Debatten geführt wurden. Zusätzlich besteht allerdings die Problematik, dass die Überprüfung des Authentischen im Rahmen filmischer Rezeption nicht ohne weiteres immer einfach möglich ist. Doch nicht in allen Dokumentationen wird dieser Authentizitätsanspruch auch tatsächlich verfolgt. In einigen Dokumentationen werden die mit dem Genre assoziierten Charakteristika dazu genutzt, offenkundig mit den Erwartungen zu spielen, zum Beispiel wenn gerade Stilmittel eingestreut werden, die bewusst und erkenntlich von einem Realitätsanspruch abweichen.

Der Begriff des dokumentarischen ist auf John Grierson zurückzuführen, der diesen in einer Besprechung über Robert J. Flahertys Film „Moana“ erstmalig benutzte. Gleichzeitig entstand damit ein eigenständiger Diskurs über den „Dokumentarfilm“ an sich (vgl. Heller 2001, 21). Filme mit dokumentarischer Ausprägung gab es jedoch bereits Jahre vor der Begriffsprägung, z.B. durch die Filme der Brüder Lumiere (vgl. Hattendorf 1999, 43). Zunächst wurde dem Dokumentarfilm als prägnantestes Merkmal seiner Abgrenzung zu anderen Genres die Qualität des Authentischen zugesprochen (vgl. ebd.: 44). Vertov verbindet den Dokumentarfilm stark mit der Faktografie, wobei mit Fakten

„unwiederbringliche historische Momente der Realität“ (Hohenberger 1998: 11) gemeint sind. Grierson jedoch betrachtet den Dokumentarfilm vielmehr aus wirkungsbezogener Sichtweise. Die Bedeutung erlangt der Dokumentarfilm nach seinem Verständnis in der Bildung von Öffentlichkeit und politischem Konsens; der Dokumentarfilm vermittelt also Denkweisen und schafft „konsensuale Werte im Rahmen demokratischer Gesellschaftsnormen“ (ebd.: 14).

Mit „The Yes Man Fix The World“ schuf die AktivistengruppeTheYes Meneinen Film, der vielfach dem Genre des Dokumentarfilms zugeordnet wird.1Ob es sich bei diesem filmischen Werk tatsächlich um einen Dokumentarfilm handelt oder Authentizität für den Zuschauer vielmehr konstruiert wird, soll in der folgenden Ausführung untersucht werden. Dabei soll das wirkungsbezogene Verständnis des Dokumentarfilms nach Grierson im Vordergrund der Betrachtung stehen. In der Analyse des Films sollen meinungsbildende Stilmittel aufgezeigt und analysiert werden mit Hilfe derer der Zuschauer von den Filmmachern emanzipiert werden könnte, auf bestimmte Inhalte besonders stark zu achten sowie bestimmte Thematiken als grundsätzlich „gut“ bzw. „gerecht“ oder als „falsch“ bzw. schlecht einzustufen. Die Stilmittel sind insbesondere für das von den Produzenten bezweckte Verständnis bestimmter Inhalte von Bedeutung, da sie dazu beitragen, den Grad der Ernsthaftigkeit von bestimmten Szenen zu unterstreichen oder zu beeinflussen. Für den Film stellt die Kompetenz der Deutung bestimmter Inhalte somit ein wichtiges Erfolgskriterium dar; sowohl aus meinungsbildender und akzeptanzorientierter Sichtweise, aber auch als Instrument um grundlegende Intentionen der Produzenten zu untermauern.

1. 1 Methodik und Vorgehensweise

Bevor mit der Analyse des Films an sich begonnen werden kann, ist es notwendig die Hintergründe der Organisation und die Entstehungsweise analytisch zu betrachten, damit die von der Organisation verfolgten Ziele für den Rezipienten nachvollziehbar werden. Daher wird zunächst die Organisation vorgestellt und die Arbeitsweisen der beiden zentralen Figuren derYes Menbeispielhaft an einigen in der Vergangenheit verwirklichten Projekten demonstriert. Ebenso verhilft es zur ungefähren kategorischen Einordnung des Films, den Kontext seines Entstehungsprozesses sowie die erzielte Resonanz und Reichweite zu betrachten. Im Rahmen dessen soll auch kurz über die Finanzierung gesprochen werden, da es sich hierbei um keine klassische Filmfinanzierung handelt. Der Analyse steht ein Inhaltsabriss des Films vorweg, da dieser relativ komplex bzw. umfassend ist und somit eine rückgreifende Zuordnung des Analyseteils mit dem inhaltlichen Kontext leichter vorgenommen werden kann.

Der Analyseteil unterliegt als oberster Prämisse immer dem Hauptuntersuchungsaspekt der Arbeit, welcher darin besteht, zu ermitteln, ob die verwendeten Stilmittel von einem dokumentarischen Verständnis abweichen und in wie fern sie zur Meinungsbeeinflussung der Konsumenten beitragen könnten. Die Untersuchung erfolgt dabei sowohl auf der visuellen, der auditiven oder der inhaltlicher Betrachtungsebene. Besonders prägnante Formen werden dabei exemplarisch herausgegriffen und sollen die Strategien der Filmemacher veranschaulichen.

2| The Yes Men Fix The World

2. 1 Die Organisation

Unter der Bezeichnung „The Yes Men“ verbirgt sich eine US-amerikanische Aktivistengruppe bestehend aus dem Duo Jacques Servin und Igor Vamos, die allerdings bekannter unter ihren Synonymen Andy Bichlbaum und Mike Bonanno sind. Selbst diese Synonyme sind allerdings keine beständigen Namen und werden sofern es die Situation erfordert, gewechselt, um dem Risiko einer vorzeitigen Enttarnung zu entgehen (vgl. Zeit 2006, Online). Ihre Aktionen betreiben sie überwiegend mit Hilfe von Kommunikationsguerilla, für die sie häufig die Möglichkeiten neuer Medien in Anspruch nehmen.

Bevor sich die Yes Men als Formation fanden, waren beide bereits Aktivisten in anderen Gruppen. Schon in den frühen 90er Jahren entstand unter der Führung von Jacques Servin die Künstler- und Aktivistengruppe RTMark (®™ark)2, deren Aufgabe darin besteht,

„subversive Aktivitäten zu finanzieren“ (Arns 2003: 14). Die Aktionen vonRTMarkrichten sich dabei zumeist auf die Kulturmonopole großer Unternehmungen denen mit gleichen PR- Praktiken geschadet werden soll, die sie selber praktizieren (vgl. DVD The Yes Men 2007: Die Akteure). Für die Finanzierung dieser Aktivitäten befinden sich auf der Internetpräsenz vonRTMarksogenannte „Mutual Funds“, die alle aktuellen Aktivitäten der Gruppe aufzeigen, sich gesondert anwählen lassen und bei Interesse Investoren die Möglichkeit geben, sich mit finanzieller Unterstützung an den jeweiligen Projekten zu beteiligen (vgl. Rtmark 2000,

Online). Anders als bei der Börse erhält der Anleger allerdings keine tatsächliche Rendite, da kein Profit durch die Aktionen erwirtschaftet wird, sondern der angestrebte Gewinn beruht alleinig auf der persönlichen Genugtuung des „Anlegers“. DieBarbieLiberationOrganization(BLO)3deren Aktivität auf das Jahr 1993 datiert ist, war eines dieser finanzierten Projekte, dass mit diesem Mutial Fund ermöglicht werden konnte (vgl. Lehmuskallio 2008: 144-145). Für diese Aktion war unter anderem Igor Vamous verantwortlich (vgl. Bonin 2002, Igor Vamos). Igor Vamous wurde nach Bitte Jacques Servin Mitbegründer vonRTMarkund schließlich auch mit Servin gemeinsamer Gründer der SubgruppeTheYes Men, die seitdem in dieser Konstellation gemeinsam diverse Aktionen planen und durchführen.

2. 2 Hintergründe des Films

Der US-amerikanische Dokumentarfilm „The Yes Men Fix The World“ (Die Yes Men regeln die Welt) wurde im Jahr 2009 veröffentlicht und ist nachTheYes Menaus dem Jahr 2003 der zweite Dokumentarfilm dieser Vereinigung. Er wurde bei mehreren renommierten Filmfestivals gezeigt, u.a. beimSundanceFilmFestival2009 und gewann den Publikumspreis bei der Berlinale 2009 in der Sektion „Panorama“ (vgl. Zeit 2009, Online) sowie den Publikumspreis beim Warschauer FestivalPlanet Doc Review2009 (vgl. Arte.tv 2011, Online). Im deutschen Fernsehen wurde die Dokumentation erstmalig im September 2009 vonARTEausgestrahlt. Die Dokumentation wird daneben als extendierte Peer-to-Peer-Sonderausgabe legal zum Download überBit Torrentangeboten und ist somit für jeden frei zugänglich (vgl. Vodo.net 2010, Online). Die kostenlose Bereitstellung dieser Sonderausgabe kann dabei allerdings nicht nur als reiner Freundschaftsdienst betrachtet werden, sondern auch als Marketinginstrument:

Mit einem medienwirksamen Onlinevideo werben sie [anm. d. A. die Yes Men] derzeit im Netz für einen alten Film, der – nun leicht ergänzt – kostenlos heruntergeladen werden kann und dennoch Geld in die leeren Aktionskassen spülen soll (taz.de 2010, Online).

„Math is hard“. Die Zielsetzung bestand darin, auf die sterotypische Geschlechterordnung, die von Großunternehmen nach Ansicht der Organisation vorangetrieben wird, aufmerksam zu machen (vgl. DVD The Yes Men 2007: Die Akteure)

[...]


1Der Film wurde z.B. bei den Vorführungen im Rahmen der Berlinale 2009 unter dem Genre Dokumentarfilm geführt. Siehehttp://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20095448.pdf.

2Der Name RTMark (gesprochen „arty mark“) entspringt einem Wortspiel aus trademark und arty

3Bei diesem Projekt wurden die Sound-Chips von Barbie Puppen und G.I:- Joe Puppen ausgetauscht und zur Vorweihnachtszeit wieder in die Regale bestimmter Supermärkte zurückgestellt. Statt der gewöhnlichen Sprüche sprach die Barbie nach dem erfolgreichem Austausch „Dead men tell no lies“ und die G.I. Joe Puppe

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Details

Titel
Die konstruierte Authentizität im Dokumentarfilm
Untertitel
Am Beispiel von The Yes Men Fix The World
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V214385
ISBN (eBook)
9783656426677
Dateigröße
1531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
yes men, filmanalyse, dokumentarfilm, authentizität
Arbeit zitieren
Charlotte Brein (Autor), 2012, Die konstruierte Authentizität im Dokumentarfilm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214385

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