Die politische Un-Kultur im Land der Dichter und Denker

Eine Spurensuche


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013

17 Seiten


Leseprobe

Die politische Un-Kultur im Land der Dichter und Denker Eine Spurensuche

Wenige Menschen hinterfragen ihr nationalkulturelles Selbstverständnis zusammen mit dem ihrer Zeitgenossen. Tut man es, so soll es mit einer pädagogischen Zielsetzung geschehen, um konstruktiv und hilfreich zu sein. Ansonsten ist es eine Station im Kreislauf der diversen Formen kulturell bedingter Gewalt, die hier betrachtet werden und hinterlässt Spuren des Kulturkonfliktes, denen andere folgen, um den Kreislauf fortzusetzen.

Ist nicht eher „politische Unkultur“ angemessen, wenn man den Umgang der Deutschen mit ihren Gegnern bedenkt, beginnend mit dem Judenmord oder der Schoa, ja selbst des dritten Reiches insgesamt, eine Generation später, gefolgt von dem linken Terrorismus und eine weitere Generation später vom rechtsextremistischen Terror der NSU, der derzeit die deutsche und die internationale Öffentlichkeit in Atem hält. Die Vernichtung keines einzigen Menschenlebens, gleich in wessen Namen und auf der Basis welcher Ideologie und mit welchem Ziel, ausgenommen eventuell der Tyrannenmord, wenn es keine Alternative gibt und die Menschheit vor ihrem totsicheren Verderben geschützt werden muss, sind vor Gott und der Welt zu rechtfertigen und uneingeschränkt verwerflich. Wer kein Leben geben kann hat auch nicht das Recht, es zu nehmen. Und dennoch versucht der Mensch in seiner insbesondere auch in Deutschland grassierenden Philosophie der Anmaßung dieses Privileg des Schöpfers für sich in Anspruch zu nehmen. Das hat verheerende Konsequenzen für eine derartig durch seine intellektuelle Dichter und Denker Elite prädisponierte Kultur. Sie weist Zeichen heidnischer Unkultur und Unzivilisiertheit auf, die in den Augen mancher ausländischer Beobachter als ein Stigma der deutschen Kultur erscheinen

Zählt man neuere, ähnlich gelagerte Sachverhalte, sowie beispielsweise, was den Osten der Republik angelangt, den ostdeutschen Staatsterror hinzu, sowie das öffentliche gesellschaftliche Lynchen selbst eines amtierenden Bundespräsidenten im Deutschland des 3. Jahrtausends und vergleichbare psychologische Drohgebärden seitens des Islamismus, so ergibt sich eine Verkettung von ähnlich gelagerten Verhaltensmustern, die alle politisch-ideologischen Lager in diesem Land mehr oder weniger auszeichnet. Es ergibt sich ein Pattern der Unfähigkeit in Deutschland, zivilisiert mit Gegnern umzugehen und demokratischere Wege der Auseinandersetzung zu beschreiten. Dies erstreckt sich auch auf Alltagsituationen des Umgangs zwischen Bürger und Staat, bei denen das demokratische Bewusstsein und der entsprechende Stil und die Kultur schnell auf ihre Grenzen stoßen und scheint somit die Gesellschaft oder was man dafür hält, insgesamt zu durchdringen. Dieses vage Fluidum erzeugt das, was man Kultur nennt. Das ist dem Ruf Deutschlands in der Welt nicht zuträglich und kein Volk, ebensowenig wie eine Organisation kann ohne ein intaktes soziales Kapital in der globalen Welt politisch oder wirtschaftlich erfolgreich sein.

Wenn nun jede Generation ihre Gewaltpotential aufgrund ihrer Unfähigkeit der zivilisierten politischen Auseinandersetzung mit dem Gegner auf der Basis einer demokratischen Kultur, wie sie die Alliierten von den Deutschen nach dem Krieg durch die Umsetzung der Umerziehungsprogramm einforderten, realisieren möchte, dann fragt man sich mit Fug und Recht, welche Form von terroristischer Gewaltpolitik als nächstes auf der nationalen Agenda steht. Es gibt, ohne dass man Kryptisches weissagen müsste, genügend Indizien dafür, dass diese Extrapolation realistisch ist und dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann die Eventualität eintreten wird, weil die Kultur - und die politische ist ein Teil der Gesellschaftskultur - nicht kurz- und auch nicht mittelfristig veränderlich ist.

Die deutsche Perlenkette mit den hässlichen Blutdiamanten der Gewalt ziert die nationale deutsche Heldenbrust gar nicht, ganz im Gegenteil. Doch alle scheinen sie offenbar gern zu tragen, auch wenn sie damit ihr internationales Image und ihren Ruf dadurch regelrecht strangulieren und nicht zuletzt auch ihren gesellschaftlichen Frieden und damit eine echt zivilisierte Kultur und somit die Axt an jenen Baum setzen, von dem sie erhoffen, dass er bunte Vögel von allen Enden der Erde als ihren Nistort für die Rettung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft, ja selbst ihres, wenn auch kulturell alienierenden demographischen Fortbestand anzieht.

Terror mit dem Ziel einer Veränderung der Gesellschaft ist eigentlich eine Strategie, der man in autoritären Regimen begegnet, die keine Opposition zulassen und den Gegnern keine andere Option lassen, als die der revolutionären Gewaltpolitik. So lehrt es die kulturvergleichende Forschung. Trifft dies zu, so wäre zu fragen, inwieweit Deutschland, trotz aller durch die Alliieren den Deutschen auferlegte demokratische Umerziehung, dennoch in der autochthonen autoritären Tradition gefangen geblieben ist. Die politischen Strukturen und Prozesse mögen sich unter dem historischen Impact der Saturation und des Ekels vor der eigenen Gewaltbereitschaft demokratisiert haben, doch das bedeutet nicht auch gleichermaßen, dass sich der Mensch innerlich grundsätzlich zu humaneren Verhaltensweisen bekehrt hätte. Offenbar besteht nach wie vor eine Diskrepanz zwischen dem Menschen per se und den Strukturen, die er sich gegeben hat, bzw. die ihm von außen gegeben wurden und sie erweckt den Eindruck, dass beide eine Art Eigenleben führen.

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die politische Un-Kultur im Land der Dichter und Denker
Untertitel
Eine Spurensuche
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V214413
ISBN (eBook)
9783656427827
ISBN (Buch)
9783656566229
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politische Kultur, Kulturpolitik
Arbeit zitieren
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deißler (Autor:in), 2013, Die politische Un-Kultur im Land der Dichter und Denker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214413

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