Eines der meistzitierten, aber auch in hohem Maße kritisch hinterfragten Theoriegebäude der Journalismusforschung ist die Nachrichtenwerttheorie. Im Kern besagt diese, dass sich der Nachrichtenwert eines Ereignisses anhand bestimmter Nachrichtenfaktoren bemessen lässt. In der zeitgenössischen Framing-Forschung existiert mit dem ‚Generic Framing‘ ein Konzept, dessen empirische Ausprägungen stark an die aus der Nachrichtenwerttheorie bekannten Nachrichtenfaktoren erinnern. Bei ‚generischen Frames‘ handelt es sich um wiederkehrende Muster in der journalistischen Berichterstattung, welche nachweislich unabhängig von Ereignis- und Beitragstyp aufzufinden sind.
Zwar sind Nachrichtenwerttheorie und ‚Generic Framing‘-Konzept auf gänzlich verschiedenen Analyseebenen zu verorten – erstgenanntes bezieht sich auf die journalistische Nachrichtenselektion und zweites auf den Darstellungsmodus auf Textebene. Dennoch rekurrieren beide Konzepte auf zwei aufeinander aufbauende journalistische Auswahlprozesse, die schwerlich ohneeinander zu denken sind: Was wird warum ausgewählt? Und wie wird es anschließend aufbe-reitet? So stellt sich aufgrund dieser Folgelogik und der auffallenden Ähnlichkeit von Nachrichtenfaktoren und generischen Frames an dieser Stelle die Frage, ob es sich bei letztgenannten möglicherweise um die textuelle Umsetzung von Nachrichtenwert in journalistische Beiträge handelt. Und zudem, ob der Nachrichtenwert eines Ereignisses möglicherweise grundsätzlich dessen Framing in der Berichterstattung determiniert.
Im Rahmen dieser Arbeit soll auf der Basis der einschlägigen Theorieliteratur diskutiert werden, ob, warum (bzw. warum nicht) und inwiefern das Konzept des ‚Generic Framing‘ möglicherweise als Weiterführung der Nachrichtenwert-theorie auf der Ebene konkreter journalistischer Inhalte zu sehen ist. Es soll die Anschlussfähigkeit des ‚Generic Framing‘-Konzepts an die Erkenntnisse der Nachrichtenwertforschung geprüft sowie aufgezeigt werden, an welcher Stelle eine tiefergehende empirische Auseinandersetzung zur Verknüpfung beider Konzepte sinnvoll erscheint.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Theoretische Fundierung
2.1 Nachrichtenwert und Nachrichtenauswahl
2.2 Informationsverarbeitung und Nachrichtenproduktion
2.3 Generic Framing
2.4 Zwischenfazit
3. Vom Nachrichtenwert zum Frame
3.1 Nachrichtenfaktoren und Medienframes
3.2 Implikationen
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Verknüpfung zwischen der Nachrichtenwerttheorie und dem Konzept des „Generic Framing“, um zu analysieren, ob Nachrichtenfaktoren die inhaltliche Ausgestaltung von Medienbeiträgen determinieren.
- Nachrichtenwerttheorie als journalistisches Auswahlraster
- Generic Framing als wiederkehrendes Muster der Berichterstattung
- Logische Verknüpfung von Nachrichtenfaktoren und Medienframes
- Rolle von Journalisten bei Selektions- und Aufbereitungsprozessen
- Implikationen für zukünftige empirische Forschung
Auszug aus dem Buch
3.1 Nachrichtenfaktoren und Medienframes
Es kann argumentiert werden, dass die Nachrichtenfaktoren ‚Beteiligung von Elite-Nationen‘, ‚Beteiligung von Elite-Personen‘ und ‚Institutioneller Einfluss‘ als Teil der Faktorendimension ‚Status‘ theoretisch Medienbeiträge mit dem ‚Responsibility‘-Frame begünstigen. So ist die Beteiligung namentlich genannter Akteure oder Institutionen an Ereignissen eine Grundvoraussetzung für die Zuschreibung von Verantwortung im Rahmen der medialen Aufarbeitung jener Ereignisse. Ein mutmaßlich ebenfalls von den genannten Faktoren begünstigtes Muster ist der Frame ‚Powerlessness‘. Auch hier können die Beteiligung und das Wirken mächtiger Akteure als Grundvoraussetzung für eine Berichterstattung gesehen werden, welche die Machtlosigkeit von Individuen oder Gruppen in den Fokus nimmt.
Der der Faktorendimension ‚Relevanz‘ zuzuordnende Nachrichtenfaktor ‚Tragweite‘ scheint sowohl semantisch als auch folgelogisch eng mit dem generischen Frame ‚Consequences‘ verknüpft. Wird ein Ereignis aufgrund seiner hohen Tragweite ausgewählt, so stehen höchstwahrscheinlich auch die zwangsläufig damit verbundenen Konsequenzen für Individuen, Institutionen oder gesellschaftliche Gruppen im Zentrum der Berichterstattung. Auch der Frame ‚Economics‘ kann sich hier nahtlos anschließen, da die Tragweite eines Ereignisses – besonders in den wohlhabenden westlichen Industriegesellschaften – nicht selten anhand der damit verbundenen ökonomischen Konsequenzen bemessen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle der Medien als Realitätskonstrukteure und führt in die Fragestellung ein, ob generische Frames die textuelle Umsetzung von Nachrichtenwerten darstellen.
2. Theoretische Fundierung: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Nachrichtenwerttheorie nach Schulz sowie das Konzept der journalistischen Frames und des Generic Framing.
3. Vom Nachrichtenwert zum Frame: Hier wird der Versuch unternommen, Nachrichtenfaktoren und generische Medienframes logisch zu verknüpfen, wobei eine Gegenüberstellung der Konzepte erfolgt.
4. Fazit und Ausblick: Das Kapitel resümiert die Ergebnisse der theoretischen Verknüpfung und plädiert für eine empirische Überprüfung der aufgestellten Zusammenhangsvermutungen.
Schlüsselwörter
Nachrichtenwerttheorie, Generic Framing, Journalismusforschung, Nachrichtenfaktoren, Medienberichterstattung, Nachrichtenselektion, Informationsverarbeitung, journalistische Frames, Issue Framing, Medienframes, Nachrichtenproduktion, Ereignisauswahl, Kommunikationswissenschaft, Berichterstattungsmuster, journalistische Arbeitsprozesse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Schnittstellen zwischen der klassischen Nachrichtenwerttheorie und dem modernen Konzept des Generic Framing.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die journalistischen Selektionsprozesse, die Rolle von Nachrichtenfaktoren sowie die Identifikation von wiederkehrenden Mustern in der medialen Berichterstattung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, argumentativ herzuleiten, ob Nachrichtenfaktoren bestimmen, in welchem generischen Frame ein Ereignis in journalistischen Beiträgen aufbereitet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf der Basis von einschlägiger Literatur eine logische Verknüpfung der genannten Konzepte erstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Aufarbeitung der Nachrichtenwert- und Framing-Konzepte sowie deren direkte Gegenüberstellung und die Ableitung von Forschungshypothesen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Nachrichtenwert, Nachrichtenfaktoren, generische Frames, Nachrichtenselektion und journalistische Berichterstattung.
Warum unterscheidet der Autor zwischen ereignisbezogenen Faktoren und Kontextaspekten?
Die Unterscheidung ist zentral, da nur ereignisbezogene Faktoren eine direkte logische Entsprechung zu bestimmten Medienframes aufweisen, während Kontextfaktoren eher Rahmenbedingungen markieren.
Welche Bedeutung hat das Modell nach Staab für diese Arbeit?
Das Modell nach Staab hilft bei der Einordnung der Nachrichtenfaktoren als Instrumente der redaktionellen Linie oder Legitimation, was die Flexibilität journalistischer Entscheidungen erklärt.
- Citation du texte
- Jan Horak (Auteur), 2012, Nachrichtenwert und Framing, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214476