Seit einigen Jahren scheint eine neue Epidemie die Industrieländer heimzusuchen:
Stress, Erschöpfung und Depressionen – meist zusammengefasst unter dem Namen
Burnout-Syndrom. Die Zahlen erscheinen eindeutig und zugleich mehr als besorgniserregend: So ergab beispielsweise eine Studie der Krankenkasse AOK, dass jeder zehnte
Fehltag am Arbeitsplatz 2010 mit akuter Erschöpfung und Depression begründet worden sei, was im Vergleich zu 1999 einen Anstieg von 80 Prozent bedeute. Auf der Suche nach Gründen für diese Erschöpfungswelle sind die Hypothesen
vielfältig, ein Verweis auf die Neuen Medien und die Folgen der Digitalisierung fehlt darunter jedoch nur selten.
Obwohl ein Zusammenhang zwischen der Erschöpfungsproblematik und den Neuen
Medien also fest angenommen zu werden scheint, findet in den auf den Krankheitsaspekt fokussierten Beiträgen jedoch kaum eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Neuen Medien und deren Eigenschaften statt. Worin genau werden die Zusammenhänge also überhaupt gesehen und wie werden sie im Detail argumentiert? Diese Lücke soll mit dieser Arbeit geschlossen werden. Dabei geht es nicht darum, einen Beweis oder Gegenbeweis für einen Zusammenhang zu erbringen, sondern eine kritische Perspektive darauf zu eröffnen, wie dieser Zusammenhang diskursiv hergestellt wird. Eine
Antwort auf die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt, kann also nicht erwartet werden. Stattdessen hat die Arbeit den Anspruch, den kritischen Blick der LeserInnen zu schärfen und die offenbar bereits angenommene ‚Wahrheit‘ eines Zusammenhangs hinterfragbar zu machen.
Der Fokus liegt dabei klar auf medien- und kommunikationswissenschaftlichen Aspekten, womit eine ausgiebige Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild BurnoutSyndrom für diese Arbeit keine Relevanz hat.
Die Arbeit stützt sich auf zwei Theoriestränge: Auf das Mediatisierungskonzept nach Friedrich Krotz und die Diskursanalyse nach Reiner Keller und Siegfried Jäger. Ein Rückblick auf vergangene Mediendiskurse soll verdeutlichen, dass jeweils neue Medien seit jeher einer allgemein kritischen Haltung ausgesetzt waren. Im weiteren Verlauf werden das methodische Vorgehen und die Literaturbasis vorgestellt. Darauf folgt die Analyse der vier populärwissenschaftlichen Bücher von Miriam Meckel ("Das Glück der Unerreichbarkeit"), Franke Schirrmacher ("Payback"), Alex Rühle ("Ohne Netz") und Christoph Koch ("Ich bin dann mal offline").
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.1 Hintergründe der Arbeit und Erläuterung des Titels
1.2 Aufbau der Arbeit
2. Medienwandel und Gesellschaftswandel: Das Mediatisierungskonzept nach Friedrich Krotz
2.1 Kommunikation, Medien und Neue Medien
2.1.1 Kommunikation
2.1.2 Medien
2.1.3 Neue Medien
2.2 Grundannahmen des Mediatisierungskonzepts
2.3 Fokus: Entgrenzung
2.3.1 Räumliche Entgrenzung – Allgegenwart und Mobilisierung
2.3.2 Zeitliche Entgrenzung – Beschleunigung und Flexibilisierung
2.3.3 Soziale Entgrenzung – Anytime, anywhere, everything.
2.4 Die Mediatisierung im Kontext anderer Metaprozesse
2.5 Zusammenfassung
3. Diskurse um den Medienwandel
3.1 Das Diskursverständnis dieser Arbeit
3.2 Die Bedeutung von Mediendiskursen
3.3 Mediendiskursgeschichte
3.3.1 Nostalgie und die Dämonisierung des Neuen
3.3.2 Kontrollverlust
3.3.3 Informationsüberflutung, Reizüberflutung und gesundheitliche Auswirkungen
3.4 Zusammenfassung
4. Zwischenresümee
5. Gegenstand, Methodik und Vorgehensweise
5.1 Gegenstand und Materialgrundlage
5.2 Diskursforschung
5.3 Methodische Orientierung
5.4 Vorgehensweise
5.4.1 Strukturanalyse
5.4.2 Feinanalyse
6. Analyseergebnisse
6.1 Ergebnisse der Strukturanalyse
6.1.1 Strukturanalyse Miriam Meckel
6.1.2 Strukturanalyse Frank Schirrmacher
6.1.3 Strukturanalyse Christoph Koch
6.1.4 Strukturanalyse Alex Rühle
6.1.5 Übergreifende Strukturanalyse
6.2 Ergebnisse der Phänomenstrukturanalyse
6.2.1 Phänomenstruktur Miriam Meckel
6.2.2 Phänomenstruktur Frank Schirrmacher
6.2.3 Phänomenstruktur Christoph Koch
6.2.4 Phänomenstruktur Alex Rühle
6.3 Ergebnisse der Deutungsmusteranalyse
6.3.1 Deutungsmuster bei Miriam Meckel
6.3.2 Deutungsmuster bei Frank Schirrmacher: Die Neuen Medien als Bedrohung
6.3.3 Deutungsmuster bei Christoph Koch
6.3.4 Deutungsmuster bei Alex Rühle
6.3.5 Zusammenfassende Interpretation der Ergebnisse
7. Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Magisterarbeit untersucht diskursiv, wie die vermutete Verbindung zwischen Neuen Medien und Problemen wie Stress, Erschöpfung und Konzentrationsschwäche in der aktuellen populärwissenschaftlichen Literatur hergestellt wird. Anstatt die reale Existenz eines solchen Zusammenhangs zu beweisen, fokussiert die Arbeit auf die Konstruktion dieser "Wahrheit" durch öffentliche Debatten.
- Mediatisierung und die Auswirkungen neuer Technologien auf Kommunikation und Gesellschaft
- Analyse historischer und aktueller Mediendiskurse ("Besorgnisdiskurse")
- Untersuchung von Deutungsmustern anhand von vier populärwissenschaftlichen Bestsellern
- Zusammenhang von Informationsüberflutung und kognitiven Fähigkeiten
- Die Rolle von Selbstversuchen (digitales Fasten) im öffentlichen Mediendiskurs
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Nostalgie und die Dämonisierung des Neuen
Begonnen werden soll für den Rückblick auf vergangene Mediendiskurse bei der Schriftkritik Platons. Diese wird immer wieder angeführt, wenn es darum geht, die lange Tradition der Medienkritik zu unterstreichen. Sie gilt als geradezu paradigmatisch, oder wie Raible (2006: 93) schreibt, als „prototypisch“ für alle folgenden (kritisierenden) Mediendiskurse, da sie Argumente und Argumentationsmuster aufweist, die auch in heutigen Mediendiskursen noch aktuell sind (vgl. Raible 2006: 88 ff.).
Bezug genommen wird auf den Dialog Phaidros, in dem Sokrates und Phaidros über die Bedeutung des neuen Mediums Schrift debattieren. Zentrales Muster ist auf der einen Seite die Verherrlichung des Vergangenen, der der Argwohn gegenüber Neuem entgegengestellt wird. Auf der anderen Seite steht die euphorische Begrüßung des Fortschritts. Diese stark polarisierende Bewertung des Potenzials jeweils neuer Medien ist typisch (vgl. Neuberger 2005: 79). Mediendiskurse bewegen sich stets oszillierend zwischen gesellschaftlichen Krisen- und Utopiediskursen (vgl. Schneider/ Spangenberg 2002: 20).
Im Dialog zwischen Phaidros und Sokrates wird der Mythos von Teuth aufgegriffen, der dem König Thamus von seiner neuen Erfindung, der Schrift, berichtet. Während Teuth voller Begeisterung seine neue Erfindung preist, verweist Thamus auf deren Gefahren und Mängel. So geht es beispielsweise um den Nutzen der Schrift, den beide sehr unterschiedlich einschätzen. Während Teuth die Vorteile für Erinnerungsfähigkeit und Weisheit betont, die die Schrift mit sich bringen würde, ist Thamus der Überzeugung, dass sie vielmehr Vergessenheit und Vernachlässigung des Erinnerns zur Folge haben würde (vgl. Raible 2006: 90). Im Zuge dieser Vorbehalte gegenüber des neuen Mediums Schrift veränderten sich auch die gesellschaftlichen Konzepte von Erinnerung, Wissen und Weisheit, bzw. wurden zusätzliche Konzepte etabliert. Diese neuen Konzepte heiligten stets die Mündlichkeit während sie die Schriftlichkeit dämonisierten. So wurde eigentliche Weisheit der scheinhaften Weisheit gegenübergestellt, lebendiges Wissen stand neben totem Wissen und das Konzept von Gedächtnis wurde in menschliches und künstliches unterteilt (vgl. Schneider 2000: 31).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Erschöpfung durch digitale Medien und Darlegung des methodischen Fokus.
Medienwandel und Gesellschaftswandel: Das Mediatisierungskonzept nach Friedrich Krotz: Theoretische Grundlegung durch das Mediatisierungskonzept, mit Fokus auf Entgrenzungsprozessen durch Neue Medien.
Diskurse um den Medienwandel: Untersuchung der historischen Rolle von Mediendiskursen, insbesondere "Besorgnisdiskurse" und typische Argumentationsmuster.
Zwischenresümee: Synthese der theoretischen Grundlagen aus Mediatisierungskonzept und Diskurstheorie vor Beginn des Analyseteils.
Gegenstand, Methodik und Vorgehensweise: Definition des Datenkorpus (vier populärwissenschaftliche Bücher) und Erläuterung der diskursanalytischen Instrumente.
Analyseergebnisse: Detaillierte Auswertung der empirischen Daten durch Struktur-, Phänomenstruktur- und Deutungsmusteranalyse der ausgewählten Werke.
Resümee und Ausblick: Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse und Reflexion über die diskursive Konstruktion von Problemen durch neue Medien.
Schlüsselwörter
Mediatisierung, Mediendiskurs, Burnout-Syndrom, Informationsüberflutung, Entgrenzung, Digitalisierung, Diskursanalyse, Suchtpotential, digitale Erschöpfung, Aufmerksamkeitsökonomie, Selbstbestimmtheit, Kontrollverlust, Medienkritik, Kommunikation, Gesellschaftswandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie in aktuellen populärwissenschaftlichen Texten ein Zusammenhang zwischen der Nutzung Neuer Medien und Phänomenen wie Stress, Burnout oder Konzentrationsschwäche hergestellt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind Mediatisierung, Informationsüberflutung, Suchtpotential, Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit sowie die zunehmende Abhängigkeit von digitalen Technologien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist nicht der Beweis eines kausalen Zusammenhangs zwischen Mediennutzung und Krankheit, sondern die kritische Analyse der diskursiven Prozesse, durch die diese Themen als gesellschaftliches Problem konstruiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich primär auf die wissenssoziologische Diskursanalyse nach Reiner Keller sowie Elemente der kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine theoretische Fundierung, eine Analyse der historischen Mediendiskursgeschichte sowie eine detaillierte diskursanalytische Untersuchung von vier ausgewählten populärwissenschaftlichen Fachbüchern.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Mediatisierung, Diskursanalyse, Informationsüberflutung, Entgrenzung und mediale Suchtpotentiale charakterisiert.
Warum wurden gerade die vier ausgewählten Bücher für die Analyse herangezogen?
Sie sind populärwissenschaftliche Bestseller, die sich explizit mit den negativen Auswirkungen der Digitalisierung befassen und somit ein repräsentatives "Textensemble" für den aktuellen öffentlichen Diskurs bieten.
Welches zentrale Argument wird den Neuen Medien in den analysierten Diskursen zugeschrieben?
Die Autoren konstruieren die Neuen Medien häufig als sowohl "entgrenzend" als auch "bedrohlich" für die menschliche Autonomie und kognitive Leistungsfähigkeit, wobei die Nutzer oft als machtlose Opfer technischer Zwänge dargestellt werden.
- Citation du texte
- Anja Schneck (Auteur), 2012, Überfordert, erschöpft und unaufmerksam?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214477