Zu David Humes "Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand" (12. Abschnitt)


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die pyrrhonische Skepsis

3. Humes gemäßigte Skepsis

4. Ist Humes skeptische Lösung zufriedenstellend?

5. Schlussbetrachtung

Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse, daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.

Immanuel Kant

1. Einleitung

Wie der Titel des 1748 veröffentlichten Werks „Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“ von David Hume schon nahe legt, wird darin der Verstand auf seine Tauglichkeit als Instrument zum Erlangen von gesicherter Erkenntnis überprüft. Das Ergebnis seiner Analyse ist ein skeptisches: Wir können keinen epistemischen Zugang zu Wissen haben, da der Verstand nicht in der Lage ist, eine rationale und sichere Grundlage für unsere Urteile zu bilden.

Mit diesem Ergebnis knüpft Hume an jenes an, zu dem schon Sextus Empiricus in seinen Schriften „Grundriß der pyrrhonischen Skepsis“ im 2. Jahrhundert nach Christus kam. Im Gegensatz zu den Pyrrhonikern vertritt Hume allerdings einen gemäßigten Skeptizismus, indem er den natürlichen Trieb des Menschen, zu urteilen und Meinungen zu haben, den skeptischen Zweifeln entgegen setzt, anstatt einen konsequenten Urteilsverzicht einzufordern. Dieser natürliche Trieb dient Hume als naturalistisches Argument gegen den zur Verzweiflung führenden Skeptizismus. Mit Hilfe der menschlichen Notwendigkeit, alltägliches empirisches Denken anzuwenden, versucht Hume den Pyrrhonismus auszuhebeln.

Im Folgenden werde ich zunächst auf den Pyrrhonismus von Sextus Empiricus eingehen, danach schildere ich Humes gemäßigten Skeptizismus und zeige, inwiefern sich dieser von jenem unterscheidet, um im Anschluss die Frage zu thematisieren, ob es Hume wirklich gelingt, den Pyrrhonismus zu bekämpfen und ob die naturalistische Lösung zufriedenstellend ist.

Hauptgegenstand dieser Hausarbeit ist der dreiteilige zwölfte und letzte Abschnitt „Über die akademische oder skeptische Philosophie“, in dem der Philosoph sein Verhältnis zum

Skeptizismus klärt. Ich stütze mich bei meiner Analyse hauptsächlich auf David Hume „Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“, Malte Hossenfelder „Sextus Empiricus – Grundriss der pyrrhonischen Skepsis“, Lambert Wiesing „David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“ und Gerhard Streminger „David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“.

2. Die pyrrhonische Skepsis

Um im Anschluss Humes Standpunkt näher zu beleuchten, werde ich erst die Argumentation der Pyrrhoniker kurz umreißen.

Die pyrrhonische Skepsis geht auf den griechischen Philosophen Pyrrhon von Elis (ca. 360-

270 v. Chr.) zurück und wurde von Sextus Empiricus (2. Jh. n. Chr.) systematisch weiterentwickelt. Pyrrhon war der Auffassung, dass der Mensch kein gesichertes Wissen haben kann und er befolgte diese Überzeugung sehr konsequent. Sein Schüler Diogenes Laertius schrieb einst über ihn: „In seinem Leben folgte er dem Skeptizismus. Er vermied nichts, traf keine Vorkehrungen und nahm alle Risiken in Kauf. Fuhrwerke, Klippen, Hunde oder was auch immer ihm begegnete; er überließ nichts den Sinnen. Aber seine Freunde begleiteten ihn stets und schützten ihn vor Schaden1.“

Ganz so gefährlich lebte Sextus nicht. Er war gemäßigter als Pyrrho, obwohl auch er beanspruchte, keine Meinungen zu haben.

In seinem Werk „Grundriss der pyrrhonischen Skepsis“ legt er dar, wieso es unmöglich ist, die Wirklichkeit zu erkennen. Er vertritt den Standpunkt, dass es keine Beweise für gesichertes Wissen gibt und wir uns deshalb des Urteils enthalten müssen, da jede Behauptung zwangsläufig zu einem Regress oder einer Diallele führt. Für ihn ist Skepsis „die Kunst, auf alle mögliche Weise erscheinende und gedachte Dinge einander entgegenzusetzen, von der aus wir wegen der Gleichwertigkeit der entgegengesetzten Sachen und Argumente zuerst zur Zurückhaltung, danach zur Seelenruhe gelangen2.“

Anhand verschiedener Tropen setzt er verschiedene Argumente einander entgegen. Im fünften Tropus argumentiert er beispielsweise mit den „Stellungen, Entfernungen und Orte[n]“. So erscheint ein Turm aus der Ferne rund und von Nahem viereckig. Da alles Erscheinende aus irgendeiner Entfernung angeschaut wird, die wiederum jeweils eine andere Vorstellung von dem Turm zur Folge hat, ist man zwangsläufig zur Zurückhaltung gezwungen. „Da wir vielleicht zwar sagen können, wie jedes Ding in dieser und dieser Stellung oder aus dieser und dieser Entfernung oder an diesem und diesem Orte erscheint, aber (…) außerstande sind, uns darüber zu äußern, wie es seiner Natur nach ist3“, zeigt, dass unsere Urteile ohne Fundament sind und wir uns des Urteils enthalten müssen. Das jeweilige Gegenteil einer Aussage lässt sich mindestens genauso überzeugend verteidigen, was letztendlich dazu führt, dass keine der

beiden Aussagen als bewiesen angesehen werden kann und der Skeptiker in einen Zustand gerät, in dem er nicht mehr weiß, welche von beiden Aussagen nun wahr ist. Deshalb enthält er sich eines dogmatischen Urteils und schildert nur das ihm Erscheinende. Dieser Zustand der kann nur durch die Minimierung von Überzeugungen und Dogmen und die Zurückhaltung im Urteil überwunden und in die für ihn erstrebenswerte Seelenruhe umgewandelt werden.

3. Humes gemäßigte Skepsis

Im letzten Abschnitt der „Untersuchung über den menschlichen Verstand“ klärt Hume sein Verhältnis zum Skeptizismus.

Im ersten Teil des 12. Abschnitts widmet sich Hume dem Zweifel an der Evidenz der Sinne. Er thematisiert die Frage, ob die Sinne als „Kriterien der Wahrheit und Falschheit4“ geeignet sind und kommt zu dem Entschluss, dass sich durch sie nicht feststellen lässt, ob etwas in der Welt der Fall ist oder nicht. Während Hume im 4. Abschnitt der „Untersuchung“ noch die Beweisbarkeit abwesender Tatsachen in Frage stellte, stellt er nun sogar die Beweisbarkeit gegenwärtiger Tatsachen in Frage.

Die Sinnestäuschungen, wie das im Wasser scheinbar gebrochene Ruder, die die Pyrrhoneer gegen die Evidenz der Sinne anführen, beweisen laut Hume nur, „daß auf die Sinne allein kein unbedingter Verlass ist [und] daß wir ihre Aussage durch die Vernunft und durch Betrachtungen richtigstellen müssen (…)5.“

Während er also die populären Einwände abtut, widmet er sich den philosophischen, tieferen Einwänden gegen die Evidenz der Sinne. Da der Mensch unweigerlich seinem Naturinstinkt folgt, nimmt er an, dass die von ihm wahrgenommenen Dinge selbst die Gegenstände in der Außenwelt sind. Anhand des Tisches illustriert Hume, dass dieser von einem Menschen als

[...]


1 Frede, Michael: Essays in Ancient Philosophy, Minneapolis 1987. S. 181.

2 Hossenfelder, Malte: Sextus Empiricus – Grundriss der pyrrhonischen Skepsis, Frankfurt am Main 1968. S. 94.

3 Ebd., S. 122.

4 Hume, David: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, Hamburg 1993. S. 177.

5 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zu David Humes "Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand" (12. Abschnitt)
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Philosophie)
Veranstaltung
David Hume: Untersuchung über den menschlichen Verstand
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V214522
ISBN (eBook)
9783656430148
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
david, humes, eine, untersuchung, verstand, abschnitt
Arbeit zitieren
Estelle Victoria Traxel (Autor), 2013, Zu David Humes "Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand" (12. Abschnitt), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214522

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