Die Gehörlosenbewegung besteht seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie hat viele gesellschaftliche Umbrüche nicht ganz bewältigen können und den Ausschluss von allen Bereichen der Öffentlichkeit erlebt. Durch die gesellschaftlichen Umbrüche gerät die Gehörlosenbewegung ins Stocken und muss sich gefallen lassen, dass die Gesellschaft sogar behauptet, gehörlose Menschen seien unfähig, ihr Leben selbständig zu bewältigen. Diese von den Nichtbetroffenen behauptete Unfähigkeit der Gehörlosen erzeugt jede Menge historischer Unwahrheiten sowie voreilige Vorurteile und nährt das falsche Bild über Gehörlose, sodass die gesellschaftlichen Einschränkungen für Gehörlose aufrechterhalten bleiben und andauern. Diese negativen Einschränkungen, wie zum Beispiel, dass der Bildungszugang vielen Gehörlosen versperrt bleibt, führen zu einer Instabilität der Communitystrukturen. Diese Instabilität ermöglicht es den nichtbetroffenen Einrichtungsträgern, diese Strukturen auszuhöhlen bzw. die vermeintliche Lebensqualität Gehörloser zu gewährleisten – damit wollen sie die scheinbare Benachteiligung abschaffen. Was hinter der vermeintlichen Lebensqualität und deren Nichtzustandekommen steckt, werde ich im Laufe der Seminararbeit erläutern.
Erst in den 1980er Jahren begann die Neustrukturierung des österreichischen Behindertenmodells : Im Allgemeinen forderten Eltern die Wiedereingliederung ihrer Kinder auf der bildungspolitischen Ebene, damit diese das Recht auf eine „normale“ Schule mit Integrationsmöglichkeit wahrnehmen können. Heute, nach 30 Jahren, zeigt sich, dass sich gehörlose Kinder wie auch andere Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen zu den erwerbstätigen Bildungsbürgern entwickelt haben. Jedoch findet sich zugleich eine Spaltung in der Gehörlosengemeinschaft ab dem Jahr 2000: Zum einen gibt es die eben angesprochene Gruppe jener Menschen, die die Möglichkeit hatten, trotz ihrer Behinderungen Bildung zu erwerben bzw. zu erhalten, doch zum anderen existiert ebenso die Gruppe der Gehörlosen, die keinen bzw. kaum Bildungszugang erworben haben. Aus diesem Grund gerät die Gehörlosengemeinschaft ins ideologisch-strukturelle Stocken und kommt nicht als gesamte Community voran. Seit Jahrzehnten stehen sich daher zwei Gruppen gegenüber: Medizinische und kulturelle Ideologieorientierung prägen den Alltag in der Gemeinschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Problemdarstellung im Allgemeinen
3. Forschungsdesign
3.1. Prinzip der Aktionsforschung - Beteiligung am gesellschaftlichen Prozess
3.2. Problemstellung der Aktionsforschung
4. Gruppenprozess
4.1. Videotechnische Vorgehensweiseprobleme bei der Gruppendiskussion
4.2. Vortrag
4.3. Gruppendiskussion vs. Einzelinterview
4.4. Erfahrung beim Einzelinterviews
5. Theoretischer Rahmen
5.1. Gehörlosigkeit
5.1.1. Kulturelle Gehörlosigkeit
5.1.2. Medizinische Gehörlosigkeit
5.1.3. Politische Gehörlosigkeit
5.1.4. Technologische Gehörlosigkeit
5.1.5. Ökonomische bzw. volkswirtschaftliche Gehörlosigkeit
5.1.6. Soziale Gehörlosigkeit
5.2. Postkolonialismus
5.3. Soll sich der Mensch verbessern? (Habermas)
6. Auswertung
6.1. Gehörlosigkeit
6.1.1. Problematik in der Verbindung zwischen den medizinisch und kulturell Gehörlosen
6.1.2. Problematik in der Verbindung zwischen dem Gehörlosigkeitsbegriff und dem Begriff der Hörenden
6.2. Gehörlosigkeit und kollektive Identitätsfindung in der sozialen Gruppe
6.3. Macht
6.4. Partizipation
7. Resumee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexen gesellschaftlichen Strukturen und die Identitätsfindung innerhalb der Gehörlosengemeinschaft. Das primäre Ziel ist es, die ideologischen Spannungsfelder zwischen medizinisch und kulturell orientierten Gehörlosen sowie die Auswirkungen von Fremdbestimmung und Ausschluss aufzuzeigen, um Wege für eine selbstständige und partizipative Community zu identifizieren.
- Historische Entwicklung des Behindertenmodells und dessen Auswirkungen auf Gehörlose
- Analyse der Ideologiekonflikte innerhalb der Gehörlosencommunity
- Anwendung von Gruppendiskussionen als qualitative Forschungsmethode
- Untersuchung postkolonialistischer Ansätze im Kontext gehörloser Identität
- Machtverhältnisse und deren Einfluss auf Partizipationsmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
6.1. Gehörlosigkeit
Insgesamt ist der Begriff der Gehörlosigkeit meiner Meinung nach unzureichend bzw. nicht auf die Teilnehmer zutreffend, weil er ihnen scheinbar gleichgültig ist. Die einzigen beiden Begriffe, mit denen sie sich angesprochen fühlen, sind die der sozialen und der ökonomischen Gehörlosigkeit. Zwischen den beiden Begriffen ist das Einsetzen des Phänomens der Eigendynamik eingetreten, weshalb sie im Folgenden näher erläutert werden. Mittels der Software MAXQDA stellte ich fest, dass diese beiden Begriffe mit der realen Lebenssituation der Teilnehmer verbunden sind. D. h., die Teilnehmer stufen diese Begriffe als wichtig ein. sie stehen miteinander in Zusammenhang und bedeuten letztendlich, dass die Betroffenen ihren Lebensweg schwerer bewältigen, sei es z. B. durch nervenaufreibende und aufwändige organisatorische Dinge oder lange Wartezeiten auf die Bewilligung von Behörden sowie durch die Suche nach den Gebärdensprachdolmetschern für ihre Vorhaben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Benachteiligung und den Ausschluss Gehörloser durch die Gesellschaft sowie die Notwendigkeit einer Neustrukturierung des Behindertenmodells.
2. Problemdarstellung im Allgemeinen: Dieses Kapitel thematisiert die Notwendigkeit einer historischen Aufarbeitung der gesellschaftlichen Konfrontation und der Suche nach nachhaltigen Strukturen für die Gehörlosencommunity.
3. Forschungsdesign: Hier werden die Gruppendiskussion als qualitative Methode sowie das Prinzip der Aktionsforschung zur zielbezogenen Veränderung sozialer Realitäten erläutert.
4. Gruppenprozess: Der Abschnitt dokumentiert die praktische Durchführung der Forschung, inklusive technischer Hürden und der Dynamik der Diskussionsgruppen.
5. Theoretischer Rahmen: Dieser theoretische Teil definiert verschiedene Aspekte der Gehörlosigkeit, diskutiert den Postkolonialismus und hinterfragt ethische Fragen der menschlichen „Verbesserung“.
6. Auswertung: Die Auswertung analysiert die empirischen Ergebnisse der Gruppendiskussion hinsichtlich Gehörlosigkeit, Machtstrukturen und Partizipationsmöglichkeiten.
7. Resumee: Das Resümee fasst die Erkenntnisse über Gruppenunterschiede und die Notwendigkeit konstruktiver Kommunikation für die Weiterentwicklung der Gehörlosenbewegung zusammen.
Schlüsselwörter
Gehörlosigkeit, Gehörlosenbewegung, Gruppendiskussion, Aktionsforschung, Postkolonialismus, Identitätsfindung, Partizipation, Macht, Behinderung, Inklusion, Kultur, Kommunikation, Gehörlosenkultur, Selbstermächtigung, Bildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der aktuellen Situation der Gehörlosenbewegung, den innergesellschaftlichen Spaltungen und den Herausforderungen bei der Entwicklung einer eigenständigen kollektiven Identität.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Auseinandersetzung mit verschiedenen Facetten der Gehörlosigkeit (sozial, ökonomisch, politisch), Machtstrukturen und der politische Kampf gegen Fremdbestimmung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Gründe für die Schwierigkeiten der Gehörlosenbewegung beim Erreichen einer autonomen sozialen Rolle zu verstehen und Ansätze für eine nachhaltige Strukturierung der Community zu finden.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Der Autor nutzt die qualitative Methode der Gruppendiskussion im Rahmen der Aktionsforschung, um tiefgreifende Motive und Einstellungen der Teilnehmer zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in ein methodisches Forschungsdesign, einen theoretischen Rahmen mit Bezug auf Postkolonialismus und Habermas sowie die detaillierte Auswertung der erhobenen Daten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Gehörlosenkultur, Partizipationshindernisse, kollektives Bewusstsein, Fremdsteuerung und die Unterscheidung zwischen medizinischem und kulturellem Gehörlosigkeitsverständnis.
Wie unterscheidet der Autor zwischen medizinisch und kulturell Gehörlosen?
Der Autor beleuchtet die Spannung zwischen der medizinischen Sichtweise, die auf "Reparatur" und Assimilation abzielt, und der kulturellen Sichtweise, die Gebärdensprache und Gemeinschaft als Identitätsgrundlage betont.
Welche Rolle spielt die Technologie bei der Gehörlosigkeit?
Technologien wie das Cochlear Implant werden kritisch hinterfragt, da sie oft mit einem oralistischen Ideal verknüpft sind, das die natürliche Entwicklung gehörloser Menschen hemmen kann, während andere Technologien die Partizipation erleichtern.
Warum betont der Autor die Notwendigkeit von "Ehrlichkeit und Authentizität" in der Community?
Dies ist notwendig, um die politische Krise innerhalb der Gehörlosenvereine zu bewältigen und eine eigenständige Ideologie zu entwickeln, anstatt sich von fremden Interessen steuern zu lassen.
Welches Fazit zieht der Autor in Bezug auf die Zukunft der Gehörlosenbewegung?
Der Autor fordert eine Aufarbeitung der historischen Spaltung und eine stärkere Besinnung auf gemeinsames Handeln, um durch konstruktive Kommunikation und politische Teilhabe eine echte Selbstermächtigung zu erreichen.
- Citation du texte
- Mag. Siegfried Bachmayer (Auteur), 2013, Gehörlosenbewegung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214550