Anlässlich der ersten deutschen (nicht-öffentlichen!) Aufführung seines Dramas "Der Sohn" am 8. Oktober 1916 im Dresdener Albert-Theater erklärt Walter Hasenclever vor geladenen Gästen mit überschwänglichem Pathos, dieses Stück sei das Drama der "Menschwerdung" und habe keinen geringeren Zweck als den, "die Welt zu ändern". Damit erweist er sich als Vertreter des "messianischen Expressionismus", d. h. als ein Autor, dessen Protagonist von einer quasi-religiösen Sehnsucht nach Erneuerung angetrieben wird und die Rolle eines Verkünders übernimmt, der wie der Autor selbst ein neues Zeitalter heraufdämmern sieht, wie es im Titel der 1920 von Kurt Pinthus herausgegebenen Gedichtsammlung "Menschheitsdämmerung" zum Ausdruck kommt. Wie sehr Walter Hasenclever von diesem Gedanken beflügelt wird und welche Hoffnungen er mit seinem Protagonisten als Symbolgestalt dieser "Menschwerdung" verbindet, zeigt sich in seinem Bekenntnis, er stehe "mit all seinen Sympathien auf seiten des Sohnes" und sei von ihm "begeistert" (Brief an Kurt Hiller vom 28. November 1913)
Der von Hasenclever verwendete Begriff der "Menschwerdung" wird von den jungen Expressionisten als Kontrastbegriff zur zeitgenössischen Gesellschaft verstanden. Sie wird als überholt betrachtet und muss überwunden werden, um ein in die Zukunft projiziertes säkularisiertes Paradies auf Erden zu schaffen. Kurt Hiller, der Begründer des Aktivismus, ruft zur politischen Tat auf, um diesen Veränderungs- und Erneuerungsprozess zu verwirklichen. Statt sich resignierend in das vermeintlich Unabänderliche zu fügen, solle der Mensch "nicht indisch-weltabgewandt die Schicksale hinnehmen", sondern "sich promethisch gegen sie auflehnen", Schluss machen "mit der Gewohnheit, Opfer der Abläufe zu sein" und "keine Anstrengung scheuen, Herr der Abläufe zu werden."
Inhaltsverzeichnis
Einführung in die Thematik
Die jungen Expressionisten huldigen einem überschwänglichem Lebens- und Jugendkult.
Das expressionistische Wandlungs- und Verkündigungsdrama wurzelt im mittelalterlichen Mysterienspiel.
Die Figuren des expressionistischen Stationendramas sind abstrahiert und typisiert worden; sie gruppieren sich um eine einsame leidende Zentralfigur.
Die Zentralfigur handelt wie unter einem Zwang der Selbstoffenbarung.
Der Leser / Zuschauer erlebt das Dramengeschehen aus der Perspektive der Zentralfigur.
Im expressionistischen Theater wird der Zuschauer als aktiv Partizipierender betrachtet.
Das expressionistische Theater bildet die vertraute Welt nicht realitätsgetreu ab, sondern verfremdet sie bzw. löst sie auf.
Das expressionistische Theater versteht sich in Anlehnung an Richard Wagner als Schauplatz für die Darstellung eines "Gesamtkunstwerkes".
Aspekte des Wandlungs- und Verkündigungsdramas im Überblick
Schlüsselbegriffe und ihre Bedeutung für das Wandlungs- und Verkündigungsdrama (WVD)
- Jugend, Gemeinschaft, Brüderlichkeit
- Der Begriff des Lebens: Vitalismus
- Leben und Geist
- Der neue Mensch
- Der Vater-Sohn-Konflikt: "die Tyrannei der Familie" ("Der Sohn", IV/2, S. 86 f.)
Walter Hasenclevers "Der Sohn" als paradigmatisches Wandlungs-und Verkündigungsdrama (WVD)
- Zur Entstehungs- und Aufführungsgeschichte
- Analyse des Stückes
Erster Akt
Zweiter Akt
Dritter Akt
Vierter Akt
Fünfter Akt
Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das expressionistische Wandlungs- und Verkündigungsdrama am Beispiel von Walter Hasenclevers "Der Sohn" (1913). Ziel ist es, das Stück als paradigmatische Ausprägung eines Dramentyps zu analysieren, der den Leidensweg und die Bewusstwerdung eines Individuums gegen eine erstarrte, autoritäre Gesellschaft inszeniert und den Protagonisten als messianischen Hoffnungsträger etabliert.
- Die Wurzeln des expressionistischen Dramas im mittelalterlichen Mysterienspiel und im Stationendrama.
- Die Funktion der Zentralfigur als Ideenträger einer säkularisierten Heilsbotschaft.
- Die Bedeutung der Vater-Sohn-Konflikts als zentrales Motiv der gesellschaftlichen Rebellion.
- Die theoretischen Konzepte von "neuem Menschen", Vitalismus und dem "Gesamtkunstwerk" im expressionistischen Theater.
Auszug aus dem Buch
Die Zentralfigur handelt wie unter einem Zwang der Selbstoffenbarung.
Das Verhalten des Protagonisten wirkt häufig aufgesetzt und übertrieben deklamatorisch, so als stünde er unter einem unwiderstehlichen Zwang der Selbstentblößung und Selbstoffenbarung. Dieser Drang zur Selbstenthüllung spiegelt das innere Aufgewühltsein und die Intensität des Erlebten wider, wobei einerseits die grammatische und syntaktische Regelhaftigkeit der Sprache durchbrochen wird und die Äußerungen andererseits in einer abstrakten Formelhaftigkeit zu erstarren drohen.
Der eigentümlich schwärmerisch überspannte, expressive und gefühlsgetränkte Stil hat in Kombination mit der blutleeren Abstraktheit der Figuren als Ideenträger für den Leser/Zuschauer etwas Gleichförmiges und Ermüdendes an sich. Der rhetorische Gestus "tendiert zur Rezitation und Deklamation, die Gebärde schrumpft zur ornamentalen Pose, zur Operngeste, zur bildhaften Formel zusammen und besitzt lediglich noch attributiven Wert." (Viviani, S. 100)
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung in die Thematik: Die Einführung erläutert Hasenclevers Verständnis seines Stückes als Drama der "Menschwerdung" und verortet es im Kontext des messianischen Expressionismus.
Die jungen Expressionisten huldigen einem überschwänglichem Lebens- und Jugendkult.: Dieses Kapitel beschreibt die Lebensphilosophie der jungen Generation, die sich durch rauschhafte Intensität und die Ablehnung bürgerlicher Normen definiert.
Das expressionistische Wandlungs- und Verkündigungsdrama wurzelt im mittelalterlichen Mysterienspiel.: Hier werden die gattungsspezifischen Merkmale und die religiösen Vorbilder des expressionistischen Stationendramas analysiert.
Die Figuren des expressionistischen Stationendramas sind abstrahiert und typisiert worden; sie gruppieren sich um eine einsame leidende Zentralfigur.: Das Kapitel erläutert die Typisierung der Figuren als Ideenträger und die monologische Struktur, die den Fokus auf die Hauptperson legt.
Die Zentralfigur handelt wie unter einem Zwang der Selbstoffenbarung.: Die Analyse fokussiert auf den deklamatorischen und pathetischen Sprachstil des Protagonisten, der sein inneres Aufgewühltsein widerspiegelt.
Der Leser / Zuschauer erlebt das Dramengeschehen aus der Perspektive der Zentralfigur.: Hier wird die einpolige, subjektive Erzählperspektive des Dramas beleuchtet.
Im expressionistischen Theater wird der Zuschauer als aktiv Partizipierender betrachtet.: Das Kapitel beschreibt die Aufhebung der Guckkastenbühne und die Einbeziehung des Publikums als Ziel des Theaters.
Das expressionistische Theater bildet die vertraute Welt nicht realitätsgetreu ab, sondern verfremdet sie bzw. löst sie auf.: Diese Analyse zeigt, wie die realistische Darstellung durch Verzerrung und die Aufwertung visueller Kommunikation zugunsten einer neuen Ästhetik ersetzt wird.
Das expressionistische Theater versteht sich in Anlehnung an Richard Wagner als Schauplatz für die Darstellung eines "Gesamtkunstwerkes".: Das Kapitel erläutert die Verknüpfung von Wort, Bild, Musik und Bewegung zur avantgardistischen Bühnenkunst.
Aspekte des Wandlungs- und Verkündigungsdramas im Überblick: Eine Zusammenfassung der zehn wesentlichen Grundgedanken und Merkmale des WVD.
Schlüsselbegriffe und ihre Bedeutung für das Wandlungs- und Verkündigungsdrama (WVD): Detaillierte Untersuchung zentraler Konzepte wie Jugend, Gemeinschaft, Vitalismus und Geist.
Walter Hasenclevers "Der Sohn" als paradigmatisches Wandlungs-und Verkündigungsdrama (WVD): Dieses Kapitel widmet sich der Entstehung des Werkes sowie der inhaltlichen Analyse der fünf Akte.
Zusammenfassung und Ausblick: Ein Resümee über die Bedeutung des Stückes im Kontext seiner Zeit und eine kritische Reflexion des expressionistischen Pathos aus heutiger Sicht.
Schlüsselwörter
Expressionismus, Walter Hasenclever, Der Sohn, Wandlungsdrama, Verkündigungsdrama, Vitalismus, Generationenkonflikt, Menschwerdung, Stationendrama, Aktivismus, Gesamtkunstwerk, Vater-Sohn-Konflikt, Avantgarde, Bühnenästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Walter Hasenclevers Stück "Der Sohn" und untersucht, inwiefern es ein typisches Beispiel für das expressionistische Wandlungs- und Verkündigungsdrama darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern gehören die Rebellion der jungen Generation gegen autoritäre Väter, der Wunsch nach einer geistigen Erneuerung der Welt sowie die Suche nach einem "neuen Menschen" mittels Vitalismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Untersuchung der literarischen Umsetzung des Wandlungsprozesses vom Individuum zum messianischen Führer innerhalb der speziellen Formensprache des Expressionismus.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primäre Quellen des expressionistischen Dramas mit zeitgenössischen Manifesten und sekundärwissenschaftlicher Forschung verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Struktur des Stationendramas, die Schlüsselbegriffe des Expressionismus (wie Geist, Leben und Vitalismus) sowie eine detaillierte aktweise Analyse des Dramas "Der Sohn".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Expressionismus, Wandlungsdrama, Vater-Sohn-Konflikt, Vitalismus und messianische Verkündigung charakterisiert.
Wie wird der "Vater-Sohn-Konflikt" im Stück dargestellt?
Der Konflikt wird nicht als individuelles familiäres Problem begriffen, sondern als symbolischer Kampf gegen die erstarrten Machtstrukturen der wilhelminischen Gesellschaft.
Welche Rolle spielt der Freund für den Protagonisten?
Der Freund fungiert als Katalysator und Alter Ego des Sohnes, der diesen mit suggestiven Kräften antreibt, seine revolutionäre Mission zu vollenden.
Wie bewertet die Arbeit das "expressionistische Erneuerungspathos"?
Die Arbeit erkennt das Pathos als Ausdruck einer revolutionären Aufbruchsstimmung an, merkt jedoch an, dass es aus heutiger Sicht oft als hohl oder rein visionär-mystisch wahrgenommen wird.
Was ist die Besonderheit der "stationenhaften" Handlung?
Die stationenhafte Handlung löst die geschlossene Dramenform auf und fokussiert stattdessen auf die subjektive Erlebnisperspektive der Zentralfigur während ihrer Wandlung.
- Arbeit zitieren
- Hans-Georg Wendland (Autor:in), 2013, Das expressionistische Wandlungs- und Verkündigungsdrama am Beispiel von Walter Hasenclevers 'Der Sohn', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214572