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Zur kopernikanischen Gegenrevolution

Bruno Latour, Karin Knorr Cetina und die Vergesellschaftung von Objekten

Título: Zur kopernikanischen Gegenrevolution

Tesis de Maestría , 2006 , 95 Páginas , Calificación: 1,5

Autor:in: Ulrike Neumaier (Autor)

Filosofía - Otras
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Kant deklariert in der „Kritik der reinen Vernunft“ seine Vorgehensweise, mit der er der Wissenschaft zu sicheren Erkenntnissen verhelfen und sie vor dem bloßen „Herumtappen“ (B XI) bewahren will, als „Revolution der Denkart“ (ebd.).

200 Jahre nach Kant wurde und wird dieses Projekt von verschiedenen Seiten kritisiert oder sogar in Frage gestellt. Was als Projekt der Aufklärung so verheißungsvoll begann, als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, muss über seine eigenen Grenzen nachdenken.

Damit wird aber auch zugleich der Weg frei, eine „Gegenrevolution“ zu starten. Was geschah mit den Objekten? Was liegt nun „wirklich“ außerhalb des Subjekts? Was ist real, was konstruiert? Konstruiert das Subjekt tatsächlich die Objekte oder können nicht vielleicht doch auch die Objekte das Subjekt konstruieren? Die Wissenschaftsphilosophie, die Wissenschaftsforschung bzw. die science studies eröffnen mit ihren Ausführungen über das Labor und das Experiment Möglichkeiten, einen neuen Blick auf wissenschaftliche Objekte zu werfen.

Somit liegt zuerst einmal das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit daran, diese wissenschaftlichen Objekte zu untersuchen und zu sehen, welche Strukturen sie aufweisen und in welchen Beziehungen sie zum Subjekt und zum Erkenntnisprozess stehen. Wenn man aufgrund dieser Untersuchungen die Objekte als etwas, das außerhalb des Subjekts liegt, ansehen muss, das zwar durchaus vom Subjekt konstruiert wurde, aber auf das Subjekt zurückwirkt und damit die Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsstrukturen im Subjekt nachhaltig beeinflusst, dann kann man Konsequenzen aufzeigen, die für das Subjekt entstehen, jedoch von diesen Objekten ausgelöst wurden.

Mit der Abwendung von einer Subjekt-orientierten Betrachtungsweise hin zu einer Objektorientierten könnte unter Umständen das begriffliche Material zur Verfügung gestellt werden, das Probleme, die in einer „post-traditionalen Wissensgesellschaft“ (vgl. Knorr Cetina) in den Fokus rücken, besser bearbeiten könnte.

Extracto


Inhaltsverzeichnis

1. Eine „kopernikanische Gegenrevolution“

1.1. Kant und seine kopernikanische Wende

1.2. Peirce und seine pragmatische Wende

2. Karin Knorr Cetina und die „Sozialität mit Objekten“

2.1. Die Bedeutung der Laborwissenschaften

2.1.1. Drei unterschiedliche Labortypen

2.1.2. Das CERN

2.1.3. Von den epistemischen Kulturen zum epistemischen Objekt

2.2. Die Objekte in den Laboratorien

2.3. Die Bedeutung der Struktur des Wünschens und Begehrens in der Wissenschaftsforschung

2.4. Die Bedeutung der Reziprozität und Solidarität für eine Objekt-orientierte Sozialität

2.5. Auseinandersetzungen mit Karin Knorr Cetina

2.6. Objekt-zentrierte Beziehungen

3. Latour und die Geschichtlichkeit der Dinge

3.1. Die Frage nach der Wirklichkeit

3.2. Ein Referenzmodell

3.3. Die Wissenschaft als Blutkreislauf

3.4. Die Herstellung von Realität

3.4.1. Die Entstehung der Substanz

3.4.2. Ereignisse

3.4.3. Ein Lösungsversuch für den Konflikt zwischen Konstruktivismus und Realismus

3.4.4. Der Versuch einer Neuverteilung der Sprachfähigkeit zwischen Menschen und nichtmenschlichen Wesen

3.4.5. Die Dinge und ihre Geschichtlichkeit

3.4.5.1. Eine raum-zeitliche Hülle für Propositionen

3.4.5.2. Die Substanz als Institution

3.4.5.3. Eine rückwärtsgerichtete Verursachung

3.5. Latours Handlungsprogramm oder die Aktor-Netzwerk-Theorie (ANT)

3.6. Auseinandersetzungen mit Bruno Latour

3.6.1. Eine Objekt-orientierte Handlungstheorie

4. Eine Vergesellschaftung von Objekten

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Objekten im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess, indem sie die theoretischen Ansätze von Karin Knorr Cetina und Bruno Latour vergleicht. Ziel ist es, die klassische Subjekt-Objekt-Dichotomie zu hinterfragen und zu zeigen, dass Objekte als aktive Mitgestalter menschlicher Erkenntnis und Sozialität fungieren.

  • Kritik an der erkenntnistheoretischen Subjektzentrierung (von Kant zu Peirce).
  • Analyse der Laborpraxis und der verschiedenen Typen wissenschaftlicher Objekte (epistemische vs. technische Dinge).
  • Konzeptualisierung der „Sozialität mit Objekten“ und der „symmetrischen Anthropologie“.
  • Untersuchung der Geschichtlichkeit der Dinge und der Akteur-Netzwerk-Theorie.
  • Diskussion über die Gestaltbarkeit von Zukünften in einer Wissensgesellschaft.

Auszug aus dem Buch

3.4.1. Die Entstehung der Substanz

Aus Pasteurs Aufzeichnungen geht hervor, dass zu Beginn seiner Arbeiten nicht wirklich etwas unter dem Mikroskop zu erkennen war, dass damit anfangs sogar die Existenz einer neuen Substanz nicht unbedingt vorausgesetzt werden konnte (143). Nur „mit einer Wolke flüchtiger Wahrnehmungen, die noch keine Prädikate einer zusammenhängenden Substanz darstellen,“ (ebd.) hatte Pasteur es zu tun. Obwohl noch keine bestimmte Substanz festzustellen war, konnte Pasteur über eine Reihe von Laborversuchen bestimmte Eigenschaften ermitteln, die dieser Substanz zugeschrieben werden konnten: „Noch wissen wir nicht, was es ist, doch wir wissen aus den durchgeführten Laborversuchen, was es tut. Eine Reihe von Performanzen geht der Definition der Kompetenz voraus, die später zur Ursache ebendieser Performanzen werden wird.“ (144)

Diese Eigenschaften sind „auf der Suche nach der Substanz, deren Eigenschaften sie sind.“ (ebd.) Doch weitere Versuche waren erforderlich, um dieser Substanz zu einem ontologischen Status zu verhelfen, um von einem „Aktionsnamen“ zu einem „Dingnamen“ zu gelangen. Gerade weil Pasteur eine Vermutung hatte, die sich gegen die Chemie Liebigs absetzte, musste er weitere Beobachtungen anstellen und weitere Experimente durchführen, um zu einer neuen Substanz zu gelangen. Neue Fragen mussten an sie gestellt werden. Wie agiert sie? Über welche Kompetenzen verfügt sie? Wie kann man diese Kompetenzen so in Laborversuche übersetzen, dass sie sich in verschiedenen Performanzen „äußern“ oder „manifestieren“ können?

Zusammenfassung der Kapitel

1. Eine „kopernikanische Gegenrevolution“: Dieses Kapitel skizziert den historischen Übergang von einer subjektorientierten Erkenntnistheorie bei Kant hin zu einer pragmatischen, objektorientierten Perspektive bei Peirce.

2. Karin Knorr Cetina und die „Sozialität mit Objekten“: Hier werden die Laborwissenschaften untersucht, wobei Knorr Cetinas Konzept der epistemischen Kulturen und die Einbettung des Experten in eine durch Objekte strukturierte Welt im Zentrum stehen.

3. Latour und die Geschichtlichkeit der Dinge: Dieses Kapitel expliziert Bruno Latours Aktor-Netzwerk-Theorie und sein Konzept der symmetrischen Anthropologie, die menschliche und nicht-menschliche Akteure gleichsetzt.

4. Eine Vergesellschaftung von Objekten: Das Abschlusskapitel überträgt die gewonnenen Erkenntnisse auf gesellschaftliche Zukunftsgestaltungen und die Problematik von Realexperimenten in der Wissensgesellschaft.

Schlüsselwörter

Wissenschaftsforschung, Laborstudien, Epistemische Kulturen, Aktor-Netzwerk-Theorie, Symmetrische Anthropologie, Erkenntnistheorie, Bruno Latour, Karin Knorr Cetina, Objektmangel, Sozialität, Subjekt-Objekt-Dichotomie, Handlungsfähigkeit, Propositionen, Konstruktivismus, Wissenschaftliche Tatsache.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht, wie moderne Ansätze der Wissenschaftsforschung (insbesondere von Karin Knorr Cetina und Bruno Latour) das Verhältnis zwischen Menschen und Objekten neu bewerten und die traditionelle Trennung von Subjekt und Objekt aufheben.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zu den zentralen Themen gehören die Laborpraxis, die Rolle von Instrumenten und Objekten bei der Wissensproduktion, die Bedeutung der „Sozialität mit Objekten“ sowie die Analyse von Entscheidungsprozessen in der Wissensgesellschaft.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass wissenschaftliche Objekte nicht nur als passive Produkte menschlicher Forschung gelten, sondern als aktive „Aktanten“ die soziale und kognitive Welt der Experten maßgeblich mitgestalten.

Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?

Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden theoretischen Analyse soziologischer und wissenschaftsphilosophischer Literatur, ergänzt durch die Rekonstruktion empirischer Fallbeispiele (wie etwa die Arbeit von Louis Pasteur).

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden detailliert die Konzepte von Knorr Cetina (epistemische Kulturen, Sorge um sich) und Latour (zirkulierende Referenz, Symmetrische Anthropologie, Propositionen) diskutiert und auf ihre Relevanz für die moderne Sozialtheorie geprüft.

Welche Schlüsselbegriffe definieren diese Arbeit?

Schlüsselbegriffe sind vor allem „Epistemische Kulturen“, „Objektmangel“, „Aktor-Netzwerk-Theorie“, „Symmetrische Anthropologie“ und „Realexperimente“.

Wie unterscheidet sich die Rolle von Objekten bei Knorr Cetina von der bei Latour?

Während Knorr Cetina vor allem die „Sozialität mit Objekten“ innerhalb von Expertengemeinschaften und das Experten-Selbst betont, fordert Latour eine radikalere Symmetrie, bei der die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur vollständig aufgegeben wird.

Was bedeutet die „rückwärtsgerichtete Verursachung“ im Kontext von Latour?

Dieser Begriff beschreibt, dass ein wissenschaftliches Ereignis (z.B. eine Entdeckung) im Nachhinein die Geschichte so umdeutet, dass die neuen Tatsachen erscheinen, als wären sie schon immer Teil der Realität gewesen.

Warum ist das Labor für diese Arbeit so wichtig?

Das Labor dient als „gesteigerte Umwelt“, in der nicht-menschliche Wesen unter kontrollierten Bedingungen zu Akteuren werden, was es ermöglicht, die Konstruktion von Wissen und Wirklichkeit transparent zu machen.

Final del extracto de 95 páginas  - subir

Detalles

Título
Zur kopernikanischen Gegenrevolution
Subtítulo
Bruno Latour, Karin Knorr Cetina und die Vergesellschaftung von Objekten
Universidad
Technical University of Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Calificación
1,5
Autor
Ulrike Neumaier (Autor)
Año de publicación
2006
Páginas
95
No. de catálogo
V214743
ISBN (Ebook)
9783656429272
ISBN (Libro)
9783656433910
Idioma
Alemán
Etiqueta
gegenrevolution bruno latour karin knorr cetina vergesellschaftung objekten
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Ulrike Neumaier (Autor), 2006, Zur kopernikanischen Gegenrevolution, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214743
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