Die Verwandlungen Kafkas fraglicher Identitäten Gregor Samsa und Rotpeter

Auswege aus der Gefangenschaft oder Wege in die Ausweglosigkeit?


Hausarbeit, 2012
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. DIE VERWANDLUNGEN GREGOR SAMSAS UND ROTPETERS
2.1 Metamorphose
2.2 Anthropogenese

3. MOTIVE UND AUSLÖSER FÜR DIE VERWANDLUNGEN
3.1 Gefangenschaft als Tier im Käfig
3.2 Gefangener im eigenen Leben

4. AUSWEG ODER AUSWEGLOSIGKEIT?
4.1 Gregors Tod
4.2 Rotpeters „Menschenausweg“

5. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

„ Zwischen Freiheit und Sklaverei

kreuzen sich die wirklichen, schrecklichen Wege

ohne Führung für die kommende Strecke

und unter sofortigem Verlöschen der schon zurückgelegten.

Solcher Wege gibt es unzählige oder nur einen,

man kann das nicht feststellen, denn es gibt keine Übersicht.

Dort bin ich, ich kann nicht weg.“

(Franz Kafka –Tagebücher 1910-1923)

1. EINLEITUNG

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“[1] Ein ähnlich offener Einstieg wie in Franz Kafkas Novelle Die Verwandlung findet sich ebenfalls in seinem Bericht für eine Akademie: „Hohe Herren von der Akademie! Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen.“[2] Warum und weshalb Gregor Samsa an jenem Morgen in der Gestalt eines Ungeziefers erwacht und wie es sein kann, dass Rotpeter, der augenscheinlich einst ein Affe gewesen sein muss, in der Lage dazu ist, einer Akademie eigens Bericht erstatten zu können, bleibt in den Anfängen der Texte zunächst völlig offen. Fakt ist jedoch, dass sich beide Protagonisten jeweils unterschiedlich motivierten Verwandlungen unterzogen haben müssen, die am Anfang, als die Erzählungen einsetzen, bereits abgeschlossen sind.[3]

Betrachtet man sämtliche literarische Werke Franz Kafkas, so bemerkt man, dass er immer wieder das Motiv der Verwandlung aufgreift. Hierbei scheinen es vor allem vier Verwandlungsmodelle zu sein, mit denen er arbeitet. Man findet bei Kafka die Verwandlung eines Menschen in ein Tier, so wie es bei Gregor Samsa der Fall ist, der sich an jenem Morgen als Insekt transformiert findet, aber auch die Verwandlung eines Tieres in einen Menschen, wie es sich bei Rotpeter ereignet. Zudem kann es bei Kafka vorkommen, dass er einen Menschen in ein Nichts verwandelt und die durch seinen Tod geöffnete Leerstelle mit einem Tier besetzt – was in diesem Kontext jedoch nicht weiter interessiert -, oder einen Organismus, egal ob in diesem Fall Mensch oder Tier, in ein Artefakt verwandelt, also in ein Hybrid. Der Affe Rotpeter scheint hier zusätzlich zum zweiten am vierten der genannten Modelle zu partizipieren.[4]

Nun bleibt aber trotz alledem immer noch fraglich, weshalb sich die Protagonisten Kafkas diesen Verwandlungen unterziehen, ob sie ihnen bewusst oder unbewusst widerfahren und wodurch sie überhaupt erst ausgelöst werden. Ein wichtiger Punkt soll an dieser Stelle bereits vorweggenommen werden:

„Verwandlungen erweisen sich für Kafka als Erfahrungen eines Selbst, das im Schock als das unheimliche Andere sich zeigt: als ein >>ungeheures Ungeziefer<<, wie zum Beispiel in der Novelle Die Verwandlung […]. Verwandlung ist für Kafka der ursprünglichste, voraussetzungsloseste, unbegründete und unkommentierbare Lebensschock – der nur auf eine einzige Art, nämlich performativ, aufgefangen werden kann, wie dies im Bericht für eine Akademie geschieht (der eine Gegengeschichte zur Verwandlung gibt).“ [Hervorheb. d. Verf.][5]

Beiden Erzählungen, sowohl der Verwandlung als auch dem Bericht für eine Akademie ist gemeinsam, dass sie das Thema der Transformationen seitens ihrer Protagonisten, die gewissermaßen aus ihren je individuellen Lebensschocks resultieren, aufgreifen. Man muss in beiden Texten nicht lange suchen, um herauszufinden, worin die Lebensschocks Gregor Samsas und Rotpeters begründet liegen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie sich beide in Gefangenschaftssituationen befinden. Als Antwort auf diese Gefangenschaftssituationen reagieren sie mit ihren Verwandlungen, da sie hiermit aus ihren je eigentümlichen Situationen auszubrechen versuchen.

In den folgenden Punkten dieser Arbeit soll zunächst erläutert werden, wie genau die Transformationen Gregor Samsas und Rotpeters vonstatten gehen und was die genauen Motive und Auslöser für ihre Verwandlungen sind. Ob es ihnen gelingt, aus ihren Gefängnissen ausbrechen zu können, inwieweit die Verwandlungen sie tiefer in ihre Lebensmiseren hinein- oder auf der anderen Seite betrachtet aus ihnen hinausführen und welche Sonderstellung der Bericht für eine Akademie gegenüber Kafkas anderen Verwandlungsgeschichten einnimmt, soll daraufhin analysiert werden. Am Ende wird danndie zentrale Frage geklärt, ob die Verwandlungen Gregors und Rotpeters als Auswege aus ihrer Gefangenschaft in die Freiheit oder als Wege in die Ausweglosigkeit gedeutet werden können.

„Dieses Leben scheint unerträglich,

ein anderes unerreichbar.“

(Franz Kafka zu Max Brod – Betrachtungen über

Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg)

2. DIE VERWANDLUNGEN GREGOR SAMSAS UND ROTPETERS

Wie in der Einleitung bereits darauf hingewiesen wurde, ist sowohl der Verwandlung als auch dem Bericht für eine Akademie gemeinsam, dass die Transformationen Gregor Samsas und Rotpeters bereits abgeschlossen sind, als die Erzählungen einsetzen.[6] Erst die fortlaufende Geschichte deckt schrittweise auf, wie genau sich die Verwandlungen vollzogen haben müssen. Rotpeter ist in der Lage, seine eigene Entwicklung relativ genau zu schildern. Ihm ist zwar der Großteil seiner Vergangenheit entfallen, er scheint sich dafür aber auf verlässliche fremde Berichte stützen zu können, die er seinem Publikum präsentiert.[7] Gregors Geschichte dagegen wird fast ausschließlich aus seiner eigenen Perspektive erzählt. Es bleibt hier mehr oder weniger dem Leser überlassen, sich sein eigenes Bild der Situation zu machen, da keinerlei objektive Kommentare bezüglich der Situation Gregors erfolgen.[8] In den nächsten beiden Punkten soll nun mittels einschlägiger inhaltlicher Textstellen gewissermaßen eine Ausgangssituation der Verwandlungen sowohl Gregor Samsas als auch Rotpeters gezeichnet werden.

2.1 Metamorphose

Betrachtet man die Formulierung „fand er sich“ im ersten Satz der Verwandlung - „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ (V 115) -, so fällt auf, dass Franz Kafkas hierfür gewählte Formulierung vorerst relativ vage erscheint und außerdem erst einmal offen lässt, ob sich sein Protagonist wirklich in ein übergroßes Insekt verwandelt haben könnte, oder ob er sich nur so fühlt, das heißt, ob seine Verwandlung vielleicht lediglich eine rein mentale ist.[9]

Nach seinem Erwachen stellt Gregor Samsa fest, dass er verschlafen hat, er möchte also sofort den nächsten Zug zu seiner Arbeitsstelle nehmen, fühlt sich jedoch nicht be

sonders „frisch und beweglich“ (V 118). Er hat Probleme mit dem Aufstehen, was daran liegt, dass er sich nun in einem komplett befremdlichen Körper befindet. Gregor fühlt sich zwar anders als vorher, doch scheint er das bis zu diesem Punkt nicht wirklich ernst zu nehmen. Nicht einmal dann, als er bemerkt, dass seine Stimme „wohl unverkennbar seine frühere sein konnte, in die sich […] wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes Piepsen mischte“ (V 119). Es bleibt also vorerst unklar, ob Gregor wirklich nicht realisiert, was hier mit ihm geschehen ist, oder ob er seine Situation ganz einfach verdrängt. Ihm geht lediglich durch den Kopf, sich morgens schon des Öfteren in einer Situation befunden zu haben, in der ihm beim Aufwachen ein eventuell durch ungeschicktes Liegen erzeugter Schmerz aufgefallen ist, der sich nachher beim Aufstehen als reine Einbildung herausgestellt hat. Deswegen ist er auch der festen Überzeugung, dass sich seine zu diesem Zeitpunkt gegenwärtigen Vorstellungen allmählich auflösen würden. Seine veränderte Stimme führt er auf eine Verkühlung zurück, wie sie bei Reisenden häufiger als Berufskrankheit gelten würde. Nichts scheint ihn auch nur ansatzweise zu schockieren, denn selbst dann noch, als ihm seine überzähligen Arme und Beine auffallen, bleibt er gelassen. Sein Verdrängungsmechanismus scheint selbst dann noch hervorragend zu funktionieren, als er sich seiner Schreckgestalt langsam bewusst wird. Er nimmt seine Situation vielmehr mit Humor, denn anstatt auch nur ansatzweise ein Gefühl von Angst oder Ähnlichem zu empfinden, ist „er [...] begierig zu erfahren, was die anderen, die jetzt so nach ihm verlangten, bei seinem Anblick sagen würden“ (V 130).[10]

Betrachtet man die fortlaufende Handlung der Erzählung, wird sichtbar, dass Gregor sich wirklich einer Metamorphose, also einer körperlichen Gestaltwandlung unterzogen haben muss.[11] Indizien hierfür sind, dass er herausfindet, anstatt seiner Zähne nun Kiefer zu besitzen und auch seine Gewohnheiten verändern sich, da er nun immer mehr tierische Züge annimmt. Dies wird unter anderem daran deutlich, dass er das Kanapee in seinem Zimmer als Versteckmöglichkeit – vergleichbar mit einer Art Höhle – benutzt und er Spaß daran hat, seine Zimmerwände hinauf zu krabbeln, sich an die Decke zu hängen und sich von dort aus wieder hinunter auf seinen Rücken fallen zu lassen. Zudem reagieren die anderen Menschen aus seinem Umfeld, sprich seine Familie, aber zum Beispiel auch der Prokurist, mit Angst und Schrecken auf seinen Anblick. Der Prokurist läuft vor Gregor davon, seine Mutter fällt sogar in Ohnmacht.[12] Das Einzige, das Gregor beibehält, ist seine menschliche Identität. Damit ist jedoch immer noch nicht geklärt, ob sich trotz allem vielleicht doch nur alles subjektiv in Gregors Kopf abspielt, also ob es sich bei ihm vielleicht nur um einen Traum oder um reine Einbildung handelt.[13]

2.2 Anthropogenese

Etwas anders verhält sich diese Komponente bei Rotpeter. Auch er hat sich einer Verwandlung unterzogen, allerdings geht diese Art der Transformation in seinem Fall nicht mit einer körperlichen Gestaltwandlung einher. Wie der erste Satz der Erzählung bereits einleitet, legt Rotpeter den hohen Herren einer Akademie einen Bericht vor, der erzählen soll, wie seine fünfjährige Entwicklung von einem Affen - also von seinem Einfang als Tier - in der gegenwärtig gezeigten Situation der Berichterstattung - die er ja selbst vollzieht - enden konnte.[14] Wie also Rotpeters ganz individuelle Verwandlung von einem Tier in einen Menschen - also seine Anthropogenese - möglich werden konnte.

Rotpeter war in seinem früheren Leben ein Affe, der von der Goldküste stammte und von einer Jagdexpedition der Firma Hagenbeck angeschossen wurde. Einer der beiden abgefeuerten Schüsse, der ihn an der Wange verletzte, hinterließ eine große, rote Narbe, die ihm seinen Namen „Rotpeter“ einbrachte. Nachdem Rotpeter angeschossen worden war, erwacht er „in einem Käfig im Zwischendeck des Hagenbeckschen Dampfers“ (B 302). Er fasst kurz darauf den Beschluss, aufzuhören, Affe zu sein und beginnt nach und nach damit, die Menschen, die ihm auf dem Schiff begegnen, zu beobachten, später sogar, ihre Handlungen zu imitieren. Rotpeter lernt das Anspucken und wird bald darauf im Pfeiferauchen und Schnapstrinken unterrichtet. Als seinen persönlichen Sieg sieht er den Moment, in dem er zum ersten Mal spricht, nämlich als er

„kurz und gut ,Hallo!҆ ausrief, in Menschenlaut ausbrach, mit diesem Ruf in die Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo: ,Hört nur, er spricht!҆ wie einen Kuß auf [s]einem ganzen schweißtriefenden Körper fühlte“ (B 311).

Danach stehen ihm die beiden Möglichkeiten offen, entweder in den Zoologischen Garten, oder in das Varieté zu gehen, also setzt Rotpeter alles daran, letzteres zu verwirklichen, da er nicht erneut in einem Käfig enden will. Von sich selbst sagt Rotpeter, er habe „die Durchschnittsbildung eines Europäers erreicht“ (B 312). Außerdem scheint er zufrieden zu sein, da er laut eigener Aussagen das erreicht habe, was er erreichen wollte.[15] In Rotpeters Fall liegt demnach ganz eindeutig eine Anthropogenese, oder anders ausgedrückt, eine Hominisation vor. Er entwickelt sich von einem Tier zu einem Menschen, bleibt aber rein körperlich der Affe, der er immer schon gewesen ist.

3. MOTIVE UND AUSLÖSER FÜR DIE VERWANDLUNGEN

Die vorangegangenen beiden Punkte dieser Arbeit sollten vorerst einmal grundsätzlich dazu dienen, zu veranschaulichen, dass sich Gregor Samsa und Rotpeter komplett unterschiedlichen Transformationen unterziehen. Auf der einen Seite liegt rein oberflächlich betrachtet eine physische, auf der anderen Seite eine rein geistig-mentale Verwandlung vor. Nun bleibt aber immer noch die Frage offen, weshalb sich beide Protagonisten verwandeln.

Die Texte Franz Kafkas sind durchzogen von der Grundsituation des Ausgeschlossenseins oder des Ausgeschlossenwerdens.[16] In den meisten Fällen sind seine Helden durch Fremdheitserfahrungen gekennzeichnet, denen gemeinsam ist, dass sie alle Versuche einer identifikatorischen Rede aufzeigen und das in ihren je eigentümlichen Situationen. Jedes Mal stellt sich heraus, dass es bei verzweifelten Versuchen bleibt.[17]

„[D]aß die Selbstbehauptung gegenüber der sozialen Urteilswelt, deren öffentlicher Rede und Macht über die Ordnung der Dinge die Namen der Figuren auslöscht, oder statt der Auslöschung des Namens ein physisches Verschwinden fordert. Für Kafkas ,Heldenʼ, so könnte man formulieren, ist kein Platz in den Räumen, die sie bewohnen.“[18]

Genau dieser Fall trifft auch auf die Protagonisten Gregor Samsa und Rotpeter zu. Und so unterschiedlichen Verwandlungen sich beide auch unterzogen haben, so unterschiedlich motivierte Auslöser und Begründungen finden sich hierfür. Diese Gründe und Auslöser, also die Frage nach dem Warum, soll in den folgenden beiden Punkten genauer beleuchtet werden.

3.1 Gefangenschaft als Tier im Käfig

Der Affe Rotpeter wird an der Goldküste – dort einst als Tier in Freiheit lebend - von einer Jagdexpedition der Firma Hagenbeck zwei Mal angeschossen und auf diese Weise unfreiwillig eingefangen, Erinnerungen an sein früheres Leben als Affe hat er jedoch keine mehr. Rotpeter beschreibt diese Tatsache folgendermaßen: Der Sturm,

„der mir aus meiner Vergangenheit nachblies, sänftigte sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die Fersen kühlt; und das Loch in der Ferne, durch das er kommt und durch das ich einstmals kam, ist so klein geworden, […] um bis dorthin zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden müßte, um durchzukommen“ (B 300).

Seine Affennatur sei angeblich noch nicht vollständig unterdrückt. Er berichtet, der Beweis hierfür sei seine Vorliebe, vor kommenden Besuchern seine Hosen auszuziehen, „um die Einlaufstelle jenes Schusses zu zeigen“ (B 301). Rotpeter erwacht also nach jenen Schüssen auf dem Zwischendeck des Hagenbeckschen Dampfers, eingesperrt in einem Käfig. Hier hat er in seinem Leben zum ersten Mal das Gefühl, keinen Ausweg zu haben: „Ich hatte doch so viele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich war festgerannt“ (B 304). Rotpeter sieht sich mit dem Schock konfrontiert, keinen Ausweg mehr zu haben und muss sich diesen verschaffen, denn ohne ihn will und kann er nicht leben, daran wäre er laut eigener Angaben gestorben, also beschließt er, aufzuhören, Affe zu sein, was für ihn selbst aber keinesfalls auch nur ansatzweise mit Freiheit zu vergleichen sei.[19] Er sieht sich mit der Kultur des Fremden in einer so eindringlichen und lebensbedrohlichen Weise konfrontiert, dass er von diesem Moment an um sein Überleben zu kämpfen beginnt.[20] Nach dem Wissenschaftler Eibl-Eibesfeldt adaptiert Rotpeter sich

„an seine neue Welt, freundet sich schnell mit seinem neuen Leben an. Da Fluchtversuche sinnlos erscheinen, und Rotpeter bemerkt, dass Affen bei Hagenbecks scheinbar in eine solche ungemütliche Kiste wie die seine gehören, entscheidet er sich für den Weg, nicht mehr Affe zu sein. Dieser besondere Ausweg wird ihm durch seine mentale Verwandlungsmöglichkeit vom Affen zum Menschen gewährt.“[21]

Rotpeters Menschwerdungsprozess ist demnach mehr als eine Notlösung als seine freie Entscheidung zu bewerten. Seine Selbstdressur sieht er als einzigen Ausweg, der Gefangenschaft im Käfig zu entkommen. Sein Verwandlungsprozess ist für ihn also absolut notwendig, da dieser seinen einzig möglichen Ausweg darstellt. Rotpeter verwendet hierfür ausdrücklich nicht den Begriff „Freiheit“, da dieser überhaupt nur auf seine Affenexistenz anwendbar gewesen wäre.[22]

3.2 Gefangener im eigenen Leben

Gregor Samsas individuelle Auslöser für seine Verwandlung sehen dagegen komplett anders aus. Zuerst einmal scheint er einen äußerst anstrengenden Beruf auszuüben, der ihn sehr zu vereinnahmen scheint:

„,Ach Gott҆, dachte er, ,was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen sind viel größer, als im eigentlichen Geschäft zu Hause […]. Der Teufel soll das alles holen!҆“ (V 116).

Gregor scheint dieser ungeliebten Tätigkeit lediglich seiner Familie zuliebe nachzugehen: „Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte längst gekündigt“ (V 117). Aus reinem Pflichtbewusstsein geht er dem Beruf trotzdem weiter nach und funktioniert nur noch dafür, die Schuld seiner Eltern, die fünf Jahre zuvor durch einen geschäftlichen Zusammenbruch entstanden ist, abzutragen. Dies würde wohl noch etwa fünf bis sechs Jahre dauern. Hier findet sich eine wichtige Schlüsselstelle, denn Gregor redet von einem „große[n] Schnitt“ (V 118), den er machen werde, wenn er damit fertig sei. Dabei war es einzig und allein Gregor, der seiner Familie den gegenwärtigen Lebensstandard überhaupt erst ermöglicht hat. Die restlichen Familienmitglieder konnten sich allesamt zur Ruhe setzen, da Gregor durch seinen beruflichen Aufstieg bald alleine dazu imstande war, seine Familie zu ernähren. Trotzdem denkt er immer wieder nur daran, ihnen in irgendeiner Art und Weise dankbar sein zu müssen, da sie seine neue Situation mit der größten Rücksichtnahme bezüglich der Unannehmlichkeiten, die er ihnen bereite, hinnehmen würden. Und auch nach seiner Verwandlung ist er nur um das finanzielle Wohl seiner Familie besorgt. Von seinem eigens verdienten Geld hat Gregor selbst immer nur einen sehr geringen Teil für sich behalten. Er zeigt nicht einmal einen kleinen Anflug von Ärger, als ans Licht kommt, dass der Vater vom Geld seines Sohnes wohl ein kleineres Vermögen angespart hatte, das Gregor eigentlich längst dafür hätte verwenden können, um mehr von den Schulden zu begleichen. Gregor erfreut sich hier sogar noch an der „Sparsamkeit“ (V 154) seiner Familie.[23]

Fakt ist, dass Gregor innerhalb seiner Familie auf seine Funktion als Verdiener und Ernährer reduziert wurde. Das wird daran sichtbar, dass sein erstes Gehalt von einer „erstaunten und beglückten Familie“ (V 152) entgegengenommen wurde, danach „nahm man das Geld dankbar an […] aber eine besondere Wärme wollte sich nicht mehr ergeben“ (V 152). Gregor scheint also von seiner Familie – gutmütig und aufopfernd wie er trotz allem für sie gesorgt hat - nie besonders geliebt worden zu sein, denn ohne seine Funktion als Ernährer scheint er für sie relativ wertlos. Seine Verwandlung in ein Ungeziefer kann dahingehend gedeutet werden, dass er für ein ungeliebtes Familienmitglied steht, das ohne das Ausüben seiner Funktion als Ernährer nichts weiter als ein lästiges Insekt zu sein scheint.[24] Ein „Käfer, jedenfalls in der Wohnung, ist ein Ungeziefer. Er ist hässlich, er ist unnütz oder schädlich“.[25] Diese vielleicht unterbewusste Wahrnehmung Gregors kann als springender Punkt für seine Verwandlung gelten und genau diese These lässt sich noch dadurch unterstreichen, dass die Verwandlung nachts stattfindet. Im Schlaf ist der Mensch offen für unterbewusste Impulse, deshalb kann die Transformation Gregors als Reaktion seiner unterbewusst vorhandenen Selbstwahrnehmung angesehen werden.[26] Gregor Samsa muss mit seinem bestehenden Leben vor seiner Verwandlung unzufrieden gewesen sein.

Es bleibt natürlich nach wie vor spekulativ, was die im Grunde genauen Auslöser für Gregors Verwandlung waren. Darum ranken sich viele Deutungsansätze verschiedener Forschungsrichtungen, deren Erwähnung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden. Jedoch soll an dieser Stelle kurz auf den psychopathologischen Deutungsansatz verwiesen werden, der mir persönlich sehr interessant erscheint. Dieser beinhaltet grob, dass Gregor seine ihm bis dato nicht bewusste Unzufriedenheit mit seinem Leben in der Verwandlung zum ungeheuren Ungeziefer - zurückzuführen auf seinen psychischen Zusammenbruch - kompensiert hat und hier unterbewusst - wahrscheinlich im Schlaf - genau den Schnitt macht, zu dem er anderweitig - also in diesem Fall bewusst - nicht in der Lage gewesen wäre. Betrachtet man Gregors Verwandlung in diesem Sinne als seine Phantasie oder als die Verarbeitung von Depersonalisierungsmöglichkeiten, so erklärt sich auch die merkwürdige Ruhe und Gelassenheit, mit der er auf seine Transformation reagiert.[27] Gregor dreht den Spieß nun ganz einfach um: Lag seine Familie ihm vorher auf der Tasche und hat ihn finanziell ausgebeutet, wird er der Parasit in seiner Familie.

[...]


[1] KAFKA, Franz: Die Verwandlung, in: DERS.: Schriften, Tagebücher, Briefe. Kritische Ausgabe, Bd. 6.1: Drucke zu Lebzeiten, hrsg. v. Wolf KITTLER, Hans-Gerhard KOCH und Gerhard NEUMANN, New York City 1994, S. 113-200, hier: S. 115. - Im Folgenden werden alle direkten Zitate aus dieser Ausgabe unter Verwendung der Sigle >V< und angabe der seitenzahl im laufenden text>

[2] KAFKA, Franz: Ein Bericht für eine Akademie, in: DERS.: Schriften, Tagebücher, Briefe. Kritische Ausgabe, Bd. 6.1: Drucke zu Lebzeiten, hrsg. v. Wolf KITTLER, Hans-Gerhard KOCH und Gerhard NEUMANN, New York City 1994, S. 299-313, hier: S. 299. - Im Folgenden werden alle direkten Zitate aus dieser Ausgabe unter Verwendung der Sigle >B< und angabe der seitenzahl im laufenden text>

[3] Vgl. MENSE, Josef Hermann: Die Bedeutung des Todes im Werk Franz Kafkas, in: Kasseler Arbeiten zur Sprache und Literatur. Anglistik – Germanistik - Romanistik, Bd. 4, hrsg. v. Johannes ANDEREGG, Manfred RAUPACH und Martin SCHILZE, Frankfurt am Main, Bern, Las Vegas 1978, S. 29.

[4] Vgl. NEUMANN, Gerhard: Der Affe als Ethnologe. Kafkas Bericht über den Ursprung der Kultur und dessen kulturhistorischer Hintergrund, in: Friedrich BALKE, Joseph VOGL und Benno WAGNER (Hrsg.): Für Alle und Keinen. Lektüre, Schrift und Leben bei Nietzsche und Kafka, Zürich-Berlin 2008, S. 79-97, hier: S. 95.

[5] Ebd., S. 96.

[6] Vgl. MENSE: Die Bedeutung des Todes im Werk Franz Kafkas, S. 29.

[7] Vgl. KAFKA: Ein Bericht für eine Akademie, S. 301.

[8] Vgl. ENGEL, Manfred und AUEROCHS, Bernd (Hrsg.): Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Suttgart, Weimar 2010, S. 166.

[9] Vgl. Ebd., S. 166.

[10] Vgl. KAFKA: Die Verwandlung, S. 113-200.

[11] Vgl. ENGEL / AUEROCHS: Kafka Handbuch, S. 166.

[12] Vgl. KAFKA: Die Verwandlung, S. 113-200.

[13] Vgl. ENGEL / AUEROCHS: Kafka Handbuch, S. 166.

[14] Vgl. KAFKA: Ein Bericht für eine Akademie, S. 299-313.

[15] Vgl. KAFKA: Ein Bericht für eine Akademie, S. 299-313.

[16] Vgl. RIECK, Gerhard: Kafka konkret – das Trauma ein Leben. Wiederholungsmotive im Werk als Grundlage einer psychologischen Deutung, Würzburg 1999, S. 27.

[17] Vgl. JAGOW, Bettina von: Rotpeters Rituale der Befriedung: Ein zweifelhafter „Menschenausweg“. Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“ aus eth(n)ologischer Perspektive, in: Zeitschrift für Germanistik. Jahresinhaltsverzeichnis, Neue Folge XII (2002), S. 597-607, hier: 598 f.

[18] Ebd., S. 598 f.

[19] Vgl. KAFKA: Ein Bericht für eine Akademie, S. 299-313.

[20] Vgl. JAGOW, Bettina von und JAHRAUS, Oliver: Kafka Handbuch, Göttingen 2008, S. 513.

[21] Ebd., S. 513.

[22] Vgl. ENGEL / AUEROCHS: Kafka Handbuch, S. 234 f.

[23] Vgl. KAFKA: Die Verwandlung, S. 113-200.

[24] Vgl. JAGOW / JAHRAUS: Kafka Handbuch, S. 425.

[25] Ebd., S. 425.

[26] Vgl. ENGEL / AUEROCHS: Kafka Handbuch, S. 171.

[27] Vgl. hierzu auch: MICHEL, Gabriele: „Die Verwandlung“ von Franz Kafka – psychopathologisch gelesen. Aspekte eines shizophren-psychotischen Zusammenbruchs, in: Jahrbuch für Internationale Germanistik. Jahrgang XXIII – Heft 1 (1991), S. 69-92.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Verwandlungen Kafkas fraglicher Identitäten Gregor Samsa und Rotpeter
Untertitel
Auswege aus der Gefangenschaft oder Wege in die Ausweglosigkeit?
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für deutsche Philologie / Neuere Abteilung)
Veranstaltung
Fallgeschichten
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V214750
ISBN (eBook)
9783656429234
ISBN (Buch)
9783656438854
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rotpeter, auswege, gefangenschaft, ausweglosigkeit, verwandlung, kafka, gregor samsa
Arbeit zitieren
Julia Steinbichl (Autor), 2012, Die Verwandlungen Kafkas fraglicher Identitäten Gregor Samsa und Rotpeter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214750

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