Elitenbildung in Deutschland

Inwiefern beruht die Zugehörigkeit zu den „Spitzen“ der Gesellschaft auf dem Leistungsprinzip?


Hausarbeit, 2011

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1 Grundlagen der Eliteforschung
1.1 Elitebegriff und die gesellschaftliche Funktion von Eliten
1.2 Kriterien der Eliteselektion
1.2.1 Formale Zugangskriterien
1.2.2 Informelle Zugangskriterien
1.3 Elitenpluralismus und Einflussstruktur

2 Herkunftsspezifische Ungleichheiten
2.1 Karrierechancen in der Politik
2.2 Karrierechancen in der Wirtschaft
2.2.1 Führungspositionen in Groß- und Spitzenunternehmen
2.2.2 Führungspositionen in öffentlich-rechtlichen Unternehmen
2.3 Karrierechancen in der Wissenschaft
2.4 Zusammenhang von Herkunft, Bildung und Elitestatus

3 Herkunfts- und geschlechtsspezifische Ungleichheiten
3.1 Soziale Herkunft und Geschlecht als Selektionskriterien
3.1.1 Geschlechtsklassenhypothese
3.1.2 Klassengeschlechtshypothese
3.2 Disparitäten in Wirtschaft und Politik
3.3 Benachteiligungen in der Wissenschaft

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Elite – das ist ein gegenwärtig viel diskutierter Begriff. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht von Politikern, Professoren oder Medienvertretern beklagt wird, dass es Deutschland an einer selbstbewussten Elite und zielorientierter Eliteförderung mangele. Hierbei spielt der Ruf nach Eliteförderung vor allem im bildungspolitischen Kontext eine zunehmend größere Rolle. Über alle Parteigrenzen hinweg, vonseiten der Christ- und Freidemokraten ebenso wie von Seiten der Sozialdemokraten und Grünen, ist Eliteförderung eine zentrale Forderung geworden. Um sie erfüllen zu können, muss jedoch geklärt werden, ob im Prozess der Eliterekrutierung womöglich einfach die Eintrittsbarrieren zu hoch sind und es nicht generell an einer zielorientierten Elite- und Nachwuchsförderung mangelt. Dabei interessiert speziell die Frage, ob der Zugang zu Eliten eher über die Leistung der Individuen oder deren sozialen Habitus erfolgt.

Die Hauptaufgabe der vorliegenden Arbeit besteht darin, die sozial- und geschlechtsspezifischen Chancenungleichheiten in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu untersuchen. Der Auswahl der untersuchten Bereiche lag die Überlegung zugrunde, dass es sich bei diesen um die zentralen Bereiche der heutigen Gesellschaft handelt und dass in diesen drei Sektoren (abgesehen von den Bereichen Justiz, Verwaltung und Medien) insofern auch die maßgeblichen Eliten Deutschlands zu finden sind. Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, inwiefern der Zugang zur Elite in den genannten Sektoren auf dem Leistungsprinzip basiert. Die Anfangshypothese dieser Ar­beit ist, dass beim Zugang zu Eliten bezüglich sozialer Herkunft und Geschlecht keine Chancengleichheit existiert. Fraglich ist jedoch, wie stark diese Ungleichheiten jeweils ausgeprägt sind.

Um eine systematische Abhandlung des Themas zu ermöglichen, wurde diese Hausarbeit in drei Kapitel unterteilt: Das erste Kapitel dient zunächst dazu, den Begriff der Elite mit seinen wichtigsten Charakteristika zu definieren und die Funktion von Eliten als gesellschaftliche „Spitzengruppen“ (Krais 2001, S. 19) herauszuarbeiten. Im zweiten Kapitel werden die Chancen, in Eliten aufzusteigen, anhand verschiedener Herkunftsklassen analysiert. Im dritten und letzten Kapitel wird Chancenungleichheit beim Zugang zu Eliten speziell mit Bezug auf das Geschlecht untersucht und der Frage nachgegangen, in welchem Bereich es die größte Chancenungleichheit zwischen Männern und Frauen gibt.

Die Entscheidung zugunsten dieses Themas ist dem Umstand geschuldet, dass es auf dem Gebiet der sozialwissenschaftlichen Eliteforschung zwar mittlerweile eine Vielzahl von Büchern, Artikeln und Diskussionspapieren gibt – dass aber bezüglich der Frage der Abhängigkeit des Zugangs zu Eliten von sozialen und geschlechtsspezifischen Kriterien nur in eingeschränktem Maße wissenschaftliche Abhandlungen vorliegen und so­mit weiterer Forschungsbedarf besteht.

1 Grundlagen der Eliteforschung

Bevor in den beiden folgenden Kapiteln die herkunfts- bzw. geschlechtsspezifischen Chancenungleichheiten beim Zugang zu Eliten untersucht werden, müssen einige Fakten geklärt werden, die in diesem Kontext von grundlegender Bedeutung sind. Dabei ist es zunächst unerlässlich, den Elitebegriff zu definieren, um seine wesentlichen Charakteristika gegenüber sinnesähnlichen Begriffen abgrenzen und die gesellschaft­­lichen Funk­tionen von Eliten herauszuarbeiten zu können.

1.1 Elitebegriff und die gesellschaftliche Funktion von Eliten

Eine generelle, allgemein akzeptierte Definition des Elitebegriffs existiert nicht, da je nach unterstellter sozialstruktureller Grundlage die Bezeichnungen und Eingrenzungen variieren. Es gibt jedoch zahlreiche Versuche, diesen Begriff übergreifend zu definieren, wobei ein Versuch wie folgt lautet:

„The term elite refers to those who wield power and influence on the basis of their active control of a disproportionate share of society’s resources.” (Etzioni-Halevy 1993, S. 29)

Allerdings wird der Elitebegriff seit seinem Aufkommen im 19. Jahrhundert primär als Gegenbegriff zu dem der Masse verstanden. Dabei werden der sogenannten Masse negative Attribute wie grob, diffus und gewöhnlich zugeordnet, während die Elite als fein, einzigartig und sozial höhergestellt aufgefasst wird (vgl. Krais 2001, S. 11).

Eliten haben die Funktion, so eine weitverbreitete Auffassung, Orientierungspunkte für ‚richtiges Handeln‘ abzugeben – sie haben in dieser Blickrichtung also primär eine Orientierungsfunktion. Gerade in den differenzierten modernen Gesellschaften mit ihren divergierenden Lebenswelten ist die praktizierte, sprich die ‚gelebte Form‘ der Vermittlung von Werten und Idealen durch das „charakteristische Sosein“ (ebd., S. 23) der Personen, die als Eliten gewissermaßen im Fokus des Interesses stehen, ein zentraler Orientierungspunkt bei der Vergesellschaftung der Individuen – und sei es nur einer partiellen, differenzierten Vergesellschaftung. So kann man an Personen, die zur Elite zählen, sehen, welche Leistungen, welches Handeln und welches Sein gesellschaftlich aner­kannt und prämiert werden (vgl. ebd., S. 22).

Die Funktion von Eliten in hochkomplexen Gesellschaften ist in einem engeren Sinne, in gesellschaftlichen Subsystemen Führungs-, Koordinations- und Innovationsleistungen zu erbringen. Was Eliten aber von reinen Funktionsträgern unterscheidet, ist ihr Selbstbewusstsein als Elite und die gesellschaftliche Anerkennung ihres Daseins als Elite sowie ihrer Orientierungsfunktion.

1.2 Kriterien der Eliteselektion

Nachdem die grundlegende gesellschaftliche Funktion von Eliten verdeutlicht wurde, gilt es zu klären, was die Zugehörigkeit zu Eliten in modernen Gesellschaften konkret ausmacht. Sind es Leistung und Erfolg, Eigentum und Besitz, Bildung und Expertenwissen, Herkunft und Stand, Wertebewusstsein, Reputation oder Selbstzuschreibung, die diese Zugehörigkeit definieren? Auch wenn in der wissenschaftlichen Praxis teilweise umstritten ist, was ein Individuum konkret zur Elite qualifiziert, wird im Folgenden zwischen formalen und informellen Zugangskriterien unterschieden.

1.2.1 Formale Zugangskriterien

Eine unabdingbare Voraussetzung für den Zugang zu elitären Positionen ist der Erwerb von exklusiven Bildungstiteln und hohen Qualifikationen. So müssen die Individuen nach den Normen des jeweiligen Auslesesystems maximale Leistungen erbringen bzw. schon erbracht haben, um die formalen Voraussetzungen für den Zugang zur jeweiligen Elite zu erfüllen, wobei auch die Exklusivität und die Qualität des Zertifikats, z. B. Diplom, Doktortitel oder Habilitation, eine wesentliche Rolle spielen (vgl. Zimmermann et al. 2004, S. 42 ff.). Die Leistungsqualifizierung kann grundsätzlich auf jedem Gebiet erfolgen, das für die Gesellschaft von Interesse und Bedeutung ist (vgl. Krais 2001, S. 19 ff.). Darüber hinaus beeinflussen bei der Besetzung von Gremien oder Stellen auch genderbezogene Quotenregelungen, wie z. B. im öffentlichen Dienst oder in politischen Parteien, den Zugang zu elitären Positionen.[1]

Formale Kriterien dienen aber nur bis zu einem gewissen Grad als Selektionsmittel. Die Zugangs- und Erfolgschancen sind von weiteren (informellen) Kriterien abhängig, die in direktem Zusammenhang mit der sozialen Herkunftsgruppe der Bewerber und den damit verbundenen Sozialisationsbedingungen und familiären Ressourcen stehen. Doch worum handelt es sich bei diesen Kriterien genau?

1.2.2 Informelle Zugangskriterien

Nach Bourdieu existieren mit dem kulturellen, sozialen und ökonomischen Kapital drei verschiedene Kapitalformen, die unmittelbaren Einfluss auf den Zugang zu Eliten haben. Beim kulturellen Kapital handelt es sich um die Gesamtheit der individuell akkumulierten kulturellen Inhalte: kulturelle Werte und Einstellungen, bestimmte Sprachfertigkeiten, Bildungsaspirationen oder auch dominante Interaktions- und Kommunikationsstile.[2] Mit sozialem Kapital sind jene Ressourcen gemeint, die auf herkunftsbedingten Netzwerken und der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe beruhen und, in Abhängigkeit vom sozialen Status, entsprechende Tausch- und Einflussmöglichkeiten zur Folge haben. Diese Ressourcen sichern, abhängig von der Ausdehnung des Netzes bzw. dem Umfang des Kapitals der jeweiligen Gruppe, Vorteile in der sozialen Konkurrenz um knappe Güter, Einflusschancen oder Positionen (vgl. Rebenstorf 1995, S. 68). Die dritte Kapitalform ist das ökonomische Kapital, das benötigt wird, um höhere Bildung zu finanzieren, denn damit sind nicht nur direkte, sondern auch indirekte Kosten verbunden, weil z. B. während des Studiums kein Erwerbseinkommen zur Verfügung steht.

Von diesen Faktoren abgesehen ist der im Rahmen familialer Sozialisation und des dazugehörigen Umfelds angeeignete und internalisierte klassenspezifische Habitus von enormer Bedeutung. Unter einem solchen Habitus sind Charakterzüge und ‑eigenschaf­ten zu verstehen, die in der Persönlichkeit verankert sind und in spezifischen Verhaltensmerkmalen ihre Ausprägung finden (vgl. Hartmann/Kopp 2001, S. 458). Dazu zählen eine gewisse Vertrautheit mit gültigen Dress- und Verhaltenscodes, eine breite Allgemeinbildung, unternehmerisches Denken sowie Souveränität im Auftreten und Verhalten (vgl. Leeman 2002, S. 31).

1.3 Elitenpluralismus und Einflussstruktur

Der Umstand, dass in dieser Arbeit die Bereiche Wirtschaft, Politik und Wissenschaft untersucht werden, ist Ausdruck davon, dass es nicht nur eine oder gar die Elite gibt, sondern eine Vielfalt von Eliten analog zur Vielfalt der gesellschaftlichen Bereiche. Rainer Geißler nimmt eine Unterteilung in die Bereiche Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz, Gewerkschaften, Kultur, Militär sowie Medien und Verwaltung vor (vgl. Geißler 2008, S. 128).[3] Jede der Eliten dieser Bereiche hat bestimmenden Einfluss auf Entscheidungen, die dort gefällt werden. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei die politische Elite, die sowohl staatliche Aufgaben erledigt, als auch an Entscheidungsprozessen im Wirtschafts- und Sozialbereich aktiv beteiligt ist. Unmittelbar unter- bzw. neben der politischen Elite ist die wirtschaftliche Elite einzuordnen, die – je nach Auffassung – nochmals in diverse Subeliten aufgeteilt werden kann. Um diese beiden Zentraleliten des Politik- und Wirtschaftsbereiches gruppieren sich die Eliten der Bereiche Wissenschaft, Justiz, Medien und Verwaltung. Andere Funktionseliten, etwa die der Be­reiche Kultur oder Militär, sind hingegen eher an der Peripherie der Machtstruktur angesiedelt. Das Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Eliten ist nach Geißler von einem „pluralistischen Mit- und Gegeneinander“ (ebd., S. 128) bestimmt.

2 Herkunftsspezifische Chancenungleichheiten

Dieses Kapitel befasst sich mit dem Einfluss, den die soziale Herkunft auf den Zugang zu Eliten hat. Hierbei gilt es insbesondere zu prüfen, inwieweit die Zugangschancen, die unter formalen Gesichtspunkten für jeden Menschen gleich sind, aufgrund der Klassenherkunft variieren. Die Offenheit – oder Geschlossenheit – der Eliterekrutierung wird dabei zunächst im Bereich der Politik untersucht, der aufgrund seiner demokratischen Strukturierung die geringsten Chancenungleichheiten erwarten lässt.

2.1 Karrierechancen in der Politik

In der Politik, die unzweifelhaft einen großen Einfluss auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ausübt (siehe Abschnitt 1.3), gibt es kein spezifisches Anforderungsprofil an die Ausbildung der Aspiranten. Die politische ‚Standardkarriere‘ zeichnet sich vielmehr durch einen stetigen Aufstieg innerhalb politischer Parteien (Parteigremien, Wahlämter etc.) aus, sodass Leistung vor allem mit Bezug auf die innerparteiliche Mitarbeit und weniger anhand formaler Bildungsabschlüsse gemessen wird (vgl. Schubert 2005, S. 72). Nichtsdestotrotz hat der überwiegende Teil des politischen Führungspersonals in Deutschland ein Hochschulstudium abgeschlossen und ist nicht selten promoviert oder gar habilitiert (siehe Anhang E).

Was die Bedeutung der sozialen Herkunft angeht, so wirkt sich eine bürgerliche Herkunft nicht zwangsläufig positiv auf den Karriereverlauf aus. In der Politik haben auch Vertreter der Arbeiterklasse und der breiten Mittelschichten relativ gute Karriereaussichten. Der gewünschte und erforderliche Habitus, der bei der Eliterekrutierung eine wichtige Rolle spielt, ist in der Politik weit weniger vom Habitus des Bürgertums geprägt als in anderen Gesellschaftsbereichen, da Parteipolitiker nicht nur ihren Parteigenossen verpflichtet sind, sondern insbesondere auch ihrer Wählerklientel. Dieser Umstand begünstigt die Karrierechancen von Individuen aus verschiedensten Bevölkerungsschichten. Der Habitus eines Politikers muss eine gewisse Affinität zu dem der Wählerschaft aufweisen, um von dieser gewählt zu werden (vgl. Hartmann 2002a, S. 142).

Bei der Betrachtung zweier Elitestudien zur sozialen Herkunft der Eliten aus den Jahren 1981 (Mannheimer Elitestudie) und 1995 (Potsdamer Elitestudie) wird deutlich, dass bei den großen Volksparteien CDU/CSU und SPD, mit Anteilen zwischen 30 und 50 Prozent, eindeutig der Nachwuchs aus der Nichtdienstklasse dominiert. Lediglich bei der FDP (abgesehen davon, dass sie mittlerweile keine große Volkspartei mehr ist) überwiegt, mit rund 50 bis 60 Prozent, der Anteil des Nachwuchses aus der oberen Dienstklasse (vgl. Schnapp 1997, S. 77).

Bei der Betrachtung der eingeschlagenen Bildungswege wird deutlich, dass, mit einem Anteil von 22 Prozent, die meisten politischen Funktionsträger Jura studiert haben. Allerdings sind, mit 12 bzw. 10 Prozent, auch die Fächer Pädagogik und Wirtschaftswissenschaften stark vertreten (siehe Anhang E). Folglich geht, was den Bildungshintergrund politischer Aspiranten betrifft, der stärkste Selektionseffekt eindeutig vom gewählten Studienfach aus (vgl. Hartmann 2002a, S. 99).

2.2 Karrierechancen in der Wirtschaft

In der Wirtschaft ist die nachgewiesene Leistung eines Individuums ein unabdingbarer Faktor, um in eine Spitzenposition gelangen zu können (siehe Abschnitt 1.2.1). Allerdings sind die Qualifikationsanforderungen, die an Bewerber um Führungspositionen in der Wirtschaft gestellt werden, weder wirtschaftsintern formalisiert noch durch rechtliche Vorgaben geregelt, sodass es keinen ‚Masterplan‘ für den Einstieg in die Wirtschaftselite gibt. Da Leistung (wie viele Studien belegen) jedoch nicht das einzige Selektionskriterium für den Zugang zur Wirtschaftselite ist, stellt sich die Frage, welche Faktoren zudem von Bedeutung sind.[4]

Viel wichtiger als die – in Form von Bildungsabschlüssen, Zeugnissen etc. – nachgewiesene Leistung ist in der Wirtschaft der soziale Habitus des jeweiligen Kandidaten.[5] So profitiert der Nachwuchs des gehobenen Bürgertums und noch stärker des Groß­bürgertums von bestimmten, während des Aufwachsens in diesen sozialen Milieus erworbenen Persönlichkeitsmerkmalen. Wer also in die Chefetage aufsteigen möchte, sollte neben bestimmten Leistungskriterien auch bestimmte informelle Zugangskriterien erfüllen (siehe Abschnitt 1.2.2), d. h. von seiner Persönlichkeitsstruktur her denjenigen ähneln, die bereits solche Positionen innehaben. Schließlich wollen sich Geschäftsvorstände in ihren Nachfolgern wiedererkennen und diesen – bis zu einem gewissen, eben habituell verbürgten Grad – auch ‚blind‘ vertrauen können (vgl. ebd., S. 117 ff.). Das Selektionsmerkmal soziale Herkunft wirkt sich bei der Besetzung von Spitzenpositionen in der Wirtschaft (abgesehen von öffentlich-rechtlichen Unternehmen) also weit weniger in Form sozialstrukturell differierender Bildungswege und -titel aus, als vielmehr über den klassenspezifischen Habitus, wie die im nachfolgenden Abschnitt dargestellten empirischen Ergebnisse belegen.

2.2.1 Führungspositionen in Groß- und Spitzenunternehmen

Obwohl mit der Promotion als zweithöchstem deutschen Bildungsabschluss bereits eine entscheidende soziale Vorabauslese verbunden ist – denn Vertreter niederer sozialer Schichten promovieren weit weniger häufig als Vertreter höherer –, greift auch bei den Inhabern eines Doktortitels mit der sozialen Herkunft eine zweites, ebenfalls sehr scharfes Selektionskriterium, sodass sich die Karriereerfolge je nach sozialer Herkunft sehr un­terschiedlich verteilen (siehe Anhang B). So haben es Promovierte aus der Arbeiterschaft und Mittelschicht lediglich zu 9,3 Prozent in das Top-Management von Großunternehmen geschafft, während sich Promovierte aus dem gehobenen Bürgertum mit 13,2 und aus dem Großbürgertum mit 19 Prozent durchgesetzt haben. Bei der Besetzung von Führungspositionen in Spitzenunternehmen der Wirtschaft ist die Situation noch eindeutiger. Hier ist es nur 2,1 Prozent der Promovierten aus der Arbeiter- und Mittelschicht gelungen, in eine Führungsposition aufzusteigen. Aus dem gehobenen Bür­gertum hingegen waren es mit 3,9 Prozent fast doppelt so viele und aus dem Großbürgertum mit 6,2 Prozent sogar fast dreimal so viele (vgl. Hartmannb 2002, S. 366).[6]

Sozial bedingte Unterschiede bei der Besetzung hoher Positionen in der Wirtschaft zeigen sich auch beim Blick auf den zeitlichen Verlauf der Karrieren (siehe Anhang C). So ist der Nachwuchs aus dem gehobenen Bürgertum und vor allem aus dem Großbürgertum nicht nur erfolgreicher, sondern er macht auch schneller Karriere. Gerade in den ersten zehn Jahren gelangen die Promovierten aus großbürgerlichen Familien teilweise zwei- bis dreimal so schnell in hohe Führungspositionen. Sie gewinnen dabei einen Vorsprung, den sie in den folgenden zwei Jahrzehnten gegenüber den promovierten Sprösslingen aus dem gehobenen Bürgertum halten und gegenüber denen aus der Arbeiterschicht sogar noch ausbauen können (vgl. Hartmann 2002a, S. 70).

Betrachtet man zusätzlich das Studienverhalten, also Faktoren wie Studiendauer, Promotionsalter, Auslandssemester und vorherige Berufstätigkeiten, wird deutlich, dass diese Faktoren die Wahrscheinlichkeit, eine Top-Position in Groß- und Spitzenunternehmen zu erreichen, deutlich beeinflussen – denn promovierte Schnellstarter mit Auslands- und Berufserfahrung sind in solchen Positionen weit überproportional vertreten. Allerdings verringert sich dadurch der dominierende Einfluss der sozialen Herkunft auf den beruflichen Erfolg nur unwesentlich (vgl. ebd., S. 86).

2.2.2 Führungspositionen in öffentlich-rechtlichen Unternehmen

Beim Aufstieg in die oberen Etagen öffentlich-rechtlicher Unternehmen bietet sich ein gänzlich anderes Bild als bei den Karriereverläufen in der freien Wirtschaft. Bei der Besetzung von Top-Positionen sind die Promovierten, die aus einem Arbeiterhaushalt oder einer Mittelschichtfamilie stammen, ungleich erfolgreicher als die promovierte Konkurrenz aus den „besseren Kreisen“ der Gesellschaft (ebd., S. 70). Der Einfluss der Politik sorgt hier dafür, dass die für die Wirtschaft gültigen Rekrutierungsmaßstäbe und -mechanismen größtenteils außer Kraft gesetzt sind. Der Zugang zu Spitzenstellungen im öffentlich-rechtlichen Bereich (wie auch in der Politik) ist damit sozial offener und für breite Bevölkerungsschichten möglich (vgl. ebd., S. 91).

[...]


[1] Im Gleichstellungsgesetz für den öffentlichen Dienst (Bundesgleichstellungsgesetz) ist eine relative Quotenregelung enthalten. Dadurch werden Stellenausschreibungen im öffentlichen Dienst mit dem Zusatz versehen, dass bei gleicher Qualifikation Bewerberinnen bevorzugt werden. Auch in der Politik gibt es geschlechtsbezogene Quotenregelungen. So beschlossen die Grünen bereits 1979 eine Frau­en­quote, die besagt, dass mindestens die Hälfte aller Ämter mit Frauen besetzt werden sollen. Die SPD beschloss 1988 eine 40-Prozent-Frauenquote für Ämter und Mandate. Die CDU führte 1996 ein sogenanntes Frauenquorum ein, das eine Frauenquote von einem Drittel vorsieht. In anderen Bereichen, etwa der Wirtschaft, wird gegenwärtig über eine geschlechtsspezifische (freiwillige) Quotenregelung diskutiert.

[2] Nach Pierre Bourdieu (1930-2002), einem französischen Soziologen, lassen sich folgende drei Zustandsformen kulturellen Kapitals unterscheiden: der inkorporierte, der institutionalisierte und der objektivierte Zustand.

[3] Rainer Geißler (1939 geboren) ist ein deutscher Soziologe, der an der Universität Siegen lehrt. Bekannt wurde er insbesondere durch die Erforschung sozialer Ungleichheit sowie von Sozialstrukturen mit dem besonderen Schwerpunkt des Vergleichs zwischen Ost- und Westdeutschland.

[4] So kommt u. a. Hilke Rebenstorf (auf Grundlage der Ergebnisse der Mannheimer Elitestudie aus dem Jahr 1981) zu dem Schluss, dass der sozialen Herkunft eine „gewisse Determinationskraft auf die Sektorzugehörigkeit und Ausbildung“ nicht abgesprochen werden könne (Rebenstorf 1997, S. 154).

[5] Pierre Bourdieu bezeichnet den Begriff Habitus wie folgt: „Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person versperrt ist. Wer z. B. über einen kleinbürgerlichen Habitus verfügt, der hat eben auch, wie Marx einmal sagte, Grenzen seines Hirns, die er nicht überschreiten kann.“ (Bourdieu 1989, S. 26 ff.)

[6] Der Selektionseffekt der sozialen Herkunft kann dabei nicht auf eine schichtspezifische Wahl von Studienfächern zurückgeführt werden, d. h. bei der Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft findet für die Promovierten aller Fächer eine soziale Auslese statt (vgl. Hartmann 2002a, S. 76).

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Elitenbildung in Deutschland
Untertitel
Inwiefern beruht die Zugehörigkeit zu den „Spitzen“ der Gesellschaft auf dem Leistungsprinzip?
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Soziale Ungleichheitsforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
27
Katalognummer
V214802
ISBN (eBook)
9783656428930
ISBN (Buch)
9783656435969
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
elitenbildung, deutschland, inwiefern, zugehörigkeit, spitzen, gesellschaft, leistungsprinzip, eine, untersuchung, bereichen, politik, wirtschaft, wissenschaft
Arbeit zitieren
Master of Arts (M.A.) Christian Kaufmann (Autor), 2011, Elitenbildung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214802

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