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Betrachtet man nun den gegenwärtigen NSU Prozess und versucht obige Reflektion darauf anzuwenden, so scheint dieser zumindest ambivalent zu sein und zwar zunächst hinsichtlich der Zuordenbarkeit der Täterschaft. Die Frage der Zuordenbarkeit der Täterschaft ist hier, da es sich um ein gesellschaftspolitisches Phänomen handelt, unklar und nur annähernd präzisierbar, obschon die dem rechtsextremistischen Terror angelasteten Taten hinsichtlich ihrer materiellen Ausführung personell einigermaßen zuordenbar sind. Konkrete Individuen haben durch explosives Material Menschen- und Sachschaden verursacht. Der weitere Kontext dieser Täter offenbart einen weiteren Kreis, der aus Helfern besteht, die die Taten materiell und operativ ermöglicht haben und somit mitverantwortlich sind. Doch neben dem Kern der NSU, der den ersten Kreis der Täter bildet und dem weiteren, zweiten Kreis der Täter, der aus Mithelfern besteht, gibt es noch einen dritten Kreis, der der eigentliche strategische Hintergrund des Terrors ist und der in unserem Rechtsverständnis häufig ausgeklammert wird...
Inhaltsverzeichnis
1. Die Frage der Schuld und Sühne
2. Eine deutsche kulturelle Tiefenpsychologie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die tiefenpsychologischen und soziokulturellen Ursprünge deutscher Schuld- und Sühnefragen sowie deren Auswirkungen auf gegenwärtige politische Phänomene und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
- Analyse der kollektiven Schuld und ihrer historischen sowie individuellen Dimensionen.
- Untersuchung der strukturellen Verstrickungen durch das Erbe des Nationalsozialismus.
- Psychologische Deutung aktueller politischer Bewegungen als Symptome eines gestörten gesellschaftlichen Organismus.
- Die Rolle der christlichen Ethik und des Schöpfungsgesetzes als Ausweg aus destruktiven Schuldspiralen.
- Reflektion über nationale Identität und die Notwendigkeit einer kulturellen Reintegration.
Auszug aus dem Buch
Die Frage der Schuld und Sühne
Die Frage der Kollektivschuld wird in der Regel auf die Verantwortung für die Gräuel, die in Zusammenhang mit dem Dritten Reich verübt wurden bezogen verwendet. Hier wird die Frage der Schuld auf Mittäter- und Mitwisserschaft ausgedehnt. Nicht nur die Ausführenden einer Politik des Grauens und der Vernichtung und Zerstörung, sondern auch alle, die im geistigen Umfeld aktiv oder passiv daran beteiligt waren, werden für rechenschaftspflichtig und sühnepflichtig gehalten. So kommt es, dass ein ganzes Volk implizit oder explizit in das Täterumfeld miteinbezogen und juristisch und ethisch haftbar ist und gegebenenfalls Komepensationsleistungen erbringen muss. Dies ist als Wiedergutmachung geläufig und hat die Bundesrepublik Deutschland über Jahrzehnte belastet. Es ist die Sühne für die Schuld, die man auf sich geladen hat und stellt ein universelles Prinzip der menschlichen Zivilisation dar.
Modern formuliert heißt das „Polluter pays“ oder der Verursacher haftet für den Schaden. Schaden kann im privat- und öffentlich-rechtlichen Bereich häufig durch Versicherungen abgedeckt werden. Menschen wissen, dass sie fehlbar sind und dass sie sowohl selbst absichtlich oder unabsichtlich Schaden verursachen und schuldig werden können und dass ihnen dasselbe auch durch andere widerfahren kann. Und um diesen Bereich der bedingt wiedergutmachbaren und wiedergutmachungspflichtigen Schuld durch aktive oder passive Schädigung im Rahmen des Materiellen und Menschenmöglichen zu regulieren und zur Entlastung des Gewissens floriert ein immenser Versicherungssektor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Frage der Schuld und Sühne: Dieses Kapitel erörtert die Konzepte von Haftung, Schuld und Sühne im kollektiven Kontext und setzt sich kritisch mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung sowie der Dynamik von Täterstrukturen auseinander.
2. Eine deutsche kulturelle Tiefenpsychologie: Hier wird der deutsche gesellschaftliche Zustand als organischer Prozess analysiert, wobei historische Kontinuitäten als Symptome einer tieferliegenden kulturellen und geistigen Diskrepanz gedeutet werden.
Schlüsselwörter
Kollektivschuld, Sühne, Haftung, Tiefenpsychologie, Xenophobie, nationalsozialistische Vergangenheit, soziale Interdependenz, kulturelle Identität, Schuldspirale, christliche Ethik, NSU-Prozess, gesellschaftlicher Organismus, Erbschuld, politische Verantwortung, nationale Selbstbehauptung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der psychologischen und soziologischen Aufarbeitung von Schuld und Sühne, insbesondere vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und deren Einfluss auf aktuelle gesellschaftliche Prozesse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Unterscheidung zwischen materieller Haftung und geistiger Sühne, die Analyse kollektiver Schuldstrukturen sowie der Zusammenhang zwischen kultureller Identität und gesellschaftlicher Stabilität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die tieferliegenden, oft unbewussten Ursachen für destruktive gesellschaftliche Konflikte in Deutschland aufzudecken und Wege zu einer gesunden, auf authentischen Werten basierenden kulturellen Reintegration aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Perspektive wird verwendet?
Der Autor wählt einen tiefenpsychologischen sowie kulturphilosophischen Ansatz, der ergänzt durch ethische und religiöse Reflexionen, die gesellschaftliche Ebene als einen interdependenten Organismus betrachtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen von Schuldverstrickungen, die Rolle des Staates, das Phänomen der Xenophobie sowie die notwendige Transformation des Einzelnen und der Gesellschaft durch eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Erbe.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Begriffe Kollektivschuld, Sühne, Interdependenz und das Modell des sozialen Organismus sind für das Verständnis des Werkes essenziell.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Haftung und Sühne?
Haftung bezieht sich laut Autor primär auf messbare, materielle Schäden, die kompensiert werden können. Sühne hingegen betrifft den geistigen Bereich, ist oft unermessbar und erfordert eine tiefe innere Umkehr über Generationen hinweg.
Warum wird der NSU-Prozess als ambivalentes Phänomen bezeichnet?
Der Autor sieht im NSU-Prozess eine Ambivalenz, da zwar die direkten Täter verurteilt werden, der Prozess jedoch den strategischen Hintergrund und das gesellschaftliche Klima der Xenophobie, das den Terror erst ermöglichte, oft ausklammert.
- Arbeit zitieren
- D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deißler (Autor:in), 2013, Kollektiv oder Individual-Verantwortung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214804