Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage: „In wieweit nehmen geschlechterspezifische Unterschiede Einfluss auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler in den vierten Klassen der Grundschule?“ Somit kann auch diese wissenschaftliche Arbeit in den Themenbereich „Gender“ eingeordnet werden und möglicherweise zur Verbesserung des Unterrichts in einer Klasse oder Schule beitragen. Welche methodischen Konzepte fördern beziehungsweise unterstützen den gemeinsamen Unterricht von Mädchen und Jungen und wie lässt sich der Unterricht gestalten mit dem Ziel, Mädchen und Jungen gleichermaßen gerecht zu werden (vgl. LEHMANN, 2003, S. 15)? Wobei in meiner Arbeit das „Lernen“ beziehungsweise das „gemeinsame Lernen“ im Vordergrund steht.
Mit der vorliegenden Examensarbeit möchte ich die wichtigsten Aspekte des Lernens deutlich machen unter dem Gesichtspunkt, dass jedes Kind unterschiedliche, ganz individuelle Vorstellungen und Erwartungen an die Schule hat.
Der Titel meiner Examensarbeit lautet „Was können Mädchen von Jungen und was können Jungen von Mädchen lernen. Dieses komplexe Thema macht es für mich erforderlich, einige grundsätzliche Themenbereiche zu erläutern und komme somit zum Aufbau der Arbeit. Diese Examensarbeit setzt sich, gewissermaßen, aus zwei Teilen zusammen. In dem ersten Teil der Literaturarbeit wird ein thematischer Überblick mit allgemeinen und grundsätzlichen Aspekten, Definitionen, Konzepten und Methoden zum Thema Lernen (Kapitel 2) gegeben. Wann beginnt menschliches Lernen? Was versteht man unter dem Begriff „Lernern“? In welchem Zusammenhang stehen Lernen und Verhalten? Diese Fragen sollen im Verlauf der Arbeit beantwortet werden und dienen letztendlich zur Beantwortung der Forschungsfrage.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Lernen —Einführung in den Themenbereich
2.1 Grundprinzipien des Lernens — Lernen und Verhalten
2.2 Lernen — Konzepte und Theorien
2.2.1 Klassisches Konditionieren
2.2.2 Operantes Konditionieren
2.2.3 Modelllernen
3 Geschlecht — Genaue Bestimmung des Begriffs
3.1 Definitionen Zweier Merkmale
3.2 Entwicklung der Geschlechterforschung
3.3 Geschlechterforschung — Ein historischer Rückblick
3.4 Entwicklung der Geschlechtsidentität
3.4.1 Bedeutung des Geschlechts für Individuum und Gesellschaft
3.5 Geschlecht als Variable in der psychologischen Forschung
3.5.1 Geschlecht als individuelles Merkmal
3.5.2 Geschlecht als soziale Kategorie
3.5.3 Geschlecht in Bezug auf Selbstwahrnehmung und Informationsverarbeitung
4 Geschlechterunterschiede in speziellen kognitiven Funktionsbereichen
4.1 Raumkognition
4.2 Räumliche Wahrnehmung
4.3 Räumliche Visualisierung
4.4 Mentale Rotation
4.6 Sprachliche Kognition
4.7 Wahrnehmung und Wahrnehmungsgeschwindigkeit
4.8 Motorische Fertigkeiten
4.9 Mathematische Fähigkeiten
5 Ursachen kognitiver Geschlechterunterschiede
5.1 Hirnstrukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern
5.2 Geschlechtshormonelle Einflüsse
5.2.1 Organisierende Hormoneffekte
5.2.2 Aktivierende Hormoneffekte
6 Geschlechterrollen und Geschlechterstereotype
7 Empirische Untersuchung
7.1 Schulforschung in Deutschland — Ein kurzer Überblick
7.2 Aktuelle Schwerpunkte der Schulforschung
7.3 Schule und Geschlecht — Gegenwärtige Diskussionen
8 Fragebogenuntersuchung
8.1 Fragebogen — Eine mögliche Definition
8.2 Konstruktion eines Fragebogens
8.3 Gestaltung des Fragebogens
8.4 Offene und geschlossene Fragen
8.5 Befragungsmodus — Frageformen
8.6 Formulierung der Fragen und Antwortvorgaben
8.7 Psychologische Effekte — Verzerrung der Beantwortung
9 Die Stichprobe — Das Auswahlverfahren
9.1 Grundgesamtheit und Stichprobe
9.2 Kategorien von Stichproben
9.3 Beschreibung der Stichprobe
10 Der Pretest — Die Beschreibung des Pretests
11 Fragestellung und Hypothesen der Befragung
12 Vorstellung des Fragebogens
13 Fragebogendurchführung
14 Darstellung und Interpretation der Untersuchung
4.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
4.2 Diskussion der Ergebnisse
15 Gütekriterien
15.1 Hauptgütekriterien
15.2 Nebengütekriterien
16 Empfehlung für die Schulpraxis
17 Zusammenfassung — Abstrakt
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welchen Einfluss geschlechtsspezifische Unterschiede auf das Lernen von Schülerinnen und Schülern in vierten Klassen der Grundschule nehmen, um Ansätze für einen geschlechtergerechteren Unterricht zu identifizieren.
- Theoretische Grundlagen des Lernens und der Geschlechterforschung
- Analyse kognitiver Geschlechterunterschiede
- Empirische Untersuchung mittels Fragebogen in Grundschulen
- Reflektion über Geschlechterrollen und Stereotype im Schulalltag
- Praktische Empfehlungen für eine geschlechtersensible Unterrichtsgestaltung
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Klassisches Konditionieren
Unter dem Begriff „Konditionieren“ versteht man in der experimentellen Psychologie „[…] Lernvorgänge, bei denen Reaktionen oder Verhaltensweisen mit bestimmten Reizen verknüpft werden, von denen sie nachfolgend mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder ausgelöst werden können“ (Schülerduden, 2002, S. 207).
Die klassische Konditionierung ist eine von Iwan Pawlow, dem russischen Physiologen, begründete Lerntheorie. Anfang des 20. Jahrhunderts beobachtete Pawlow `zufällig` während der Entwicklung einer Methode zur Untersuchung von Verdauungsprozessen bei Hunden eine Reflexreaktion auf Futter (vgl. LEFRANCIS, 2006, S. 32f) Er beobachtete „das bei hungrigen [Hunden] bereits beim Anblick von Nahrung […] Speichel zu fließen beginnt“ (EDELMANN / WITTMANN, 2012, S. 46f). Diese Beobachtung war Ausgangspunkt für zahlreiche weitere Experimente, um eine wissenschaftliche Erklärung für den vermehrten Speichelfluss vor der Fütterung zu finden. In diesen Experimenten demonstrierte er, dass nicht nur das Futter Ursache für den Speichelfluss war, sondern dass fast jeder andere Stimulus genau dieselbe Wirkung haben konnte. In seinen Ausführungen beschreibt Pawlow das Futter als unkonditionierten (natürlichen) Stimulus und den Speichel als unkonditionierte Reaktion. In diesem Zusammenhang wird die Formulierung unkonditioniert gewählt, weil Lernen zuvor nicht stattgefunden hat. (vgl. LEFRANCIS, 2006, S. 32f). Damit ist gemeint, dass Lernen durch die Bildung bedingter Reflexe oder Reaktionen erklärt wird. Der Prozess des klassischen Konditionierens als Lernform entwickelt sich dadurch, dass einem Organismus (Mensch oder Tier) eine neue Assoziation zwischen zwei Reizen (Stimuli) vermittelt wird. „Ein ursprünglich neutraler Reiz wird mit einem unbedingten (natürlichen) Reiz gekoppelt“ (Schülerduden, 2002, S. 207), in der Literatur spricht man auch von Paarung und löst bei erfolgreicher Konditionierung dieselben Reaktionen aus wie der unbedingte (neutrale) Reiz.
In der Literatur findet man zahlreiche Beispiele für die klassische Konditionierung auch in Bezug auf Schule. Viele Reaktionen von Schülern (z. B. Angst, Freude o. Ä.) werden motivational oder affektiv über das klassische Konditionieren erklärt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die Relevanz der Thematik hinsichtlich Koedukation und stellt die Forschungsfrage nach geschlechtsspezifischen Einflüssen im Lernprozess der vierten Grundschulklassen dar.
2 Lernen —Einführung in den Themenbereich: Dieses Kapitel definiert Lernen als lebenslangen Prozess und stellt grundlegende Lerntheorien wie das klassische und operante Konditionieren sowie das Modelllernen vor.
3 Geschlecht — Genaue Bestimmung des Begriffs: Hier werden die Begriffe Sex und Gender differenziert und die Entwicklung der Geschlechterforschung sowie deren Bedeutung für Identität und soziale Kategorisierung beleuchtet.
4 Geschlechterunterschiede in speziellen kognitiven Funktionsbereichen: Das Kapitel untersucht empirisch beobachtete Unterschiede zwischen den Geschlechtern in kognitiven Feldern wie Raumkognition, sprachlicher Kognition und mathematischen Fähigkeiten.
5 Ursachen kognitiver Geschlechterunterschiede: Dieses Kapitel analysiert mögliche Ursachen für kognitive Leistungsunterschiede, insbesondere durch hirnstrukturelle Unterschiede und den Einfluss von Sexualhormonen.
6 Geschlechterrollen und Geschlechterstereotype: Es wird erörtert, wie gesellschaftliche Erwartungen und Rollenbilder Prozesse der Geschlechtsstereotypisierung fördern und indirekt kognitive Leistungen beeinflussen können.
7 Empirische Untersuchung: Das Kapitel bietet einen historischen Überblick zur Schulforschung in Deutschland und grenzt die eigene Fragestellung gegen andere Forschungsansätze ab.
8 Fragebogenuntersuchung: Es werden die theoretischen Grundlagen zur Konstruktion, Gestaltung und Durchführung von Fragebogenuntersuchungen dargelegt sowie psychologische Effekte der Beantwortung diskutiert.
9 Die Stichprobe — Das Auswahlverfahren: Dieses Kapitel definiert Grundgesamtheit und Stichprobe und beschreibt das Auswahlverfahren für die konkrete empirische Untersuchung an Grundschulen.
10 Der Pretest — Die Beschreibung des Pretests: Hier wird der Probelauf der Untersuchung zur Qualitätssicherung und zur Optimierung des Fragebogens beschrieben.
11 Fragestellung und Hypothesen der Befragung: Dieses Kapitel leitet aus der Literaturarbeit die Forschungsfragen ab und formuliert konkrete Hypothesen für die empirische Erhebung.
12 Vorstellung des Fragebogens: Die Struktur, die Einteilung der Fragen und das methodische Vorgehen bei der Erstellung des Fragebogens werden erläutert.
13 Fragebogendurchführung: Es wird die praktische Umsetzung der Datenerhebung an den Schulen beschrieben, inklusive der Vorgehensweise bei der Befragung der Kinder.
14 Darstellung und Interpretation der Untersuchung: Das Hauptkapitel präsentiert die erhobenen Daten, wertet diese grafisch aus und interpretiert die Ergebnisse im Lichte der zuvor formulierten Hypothesen.
15 Gütekriterien: Das Kapitel erläutert die wissenschaftlichen Qualitätskriterien wie Objektivität, Reliabilität und Validität, die für die Durchführung der Untersuchung maßgeblich sind.
16 Empfehlung für die Schulpraxis: Abschließend werden Handlungsempfehlungen für Lehrkräfte zur Gestaltung eines geschlechtergerechteren Unterrichts gegeben.
17 Zusammenfassung — Abstrakt: Das letzte Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse der Literaturarbeit und der empirischen Untersuchung zusammen.
Schlüsselwörter
Lernen, Geschlecht, Gender Studies, Koedukation, Grundschule, Fragebogenuntersuchung, kognitive Fähigkeiten, Geschlechterstereotype, Geschlechtsidentität, Schulforschung, Sozialpsychologie, mathematische Kompetenz, Sprachliche Kognition, Hilfsbereitschaft, Unterrichtsmethoden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Lernverhalten und die Wahrnehmung von Fähigkeiten bei Jungen und Mädchen in der vierten Klasse der Grundschule unter dem Aspekt der Geschlechterunterschiede.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themenfelder umfassen Lerntheorien, die biologische und soziale Definition von Geschlecht, kognitive Geschlechterunterschiede sowie die empirische Untersuchung von Rollenbildern und Hilfsbereitschaft im schulischen Kontext.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist herauszufinden, inwieweit geschlechtsspezifische Unterschiede das Lernen beeinflussen, um daraus Ansätze für einen methodisch verbesserten, geschlechtergerechten Unterricht abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert einen theoretischen Teil basierend auf Literaturanalyse mit einer deskriptiven empirischen Untersuchung mittels eines standardisierten Fragebogens in mehreren vierten Grundschulklassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Grundlagen zu Lernen und Geschlecht, die kognitiven Funktionen und deren mögliche Ursachen sowie die detaillierte Darstellung und Interpretation der empirischen Fragebogenergebnisse präsentiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Lernen, Geschlecht, Gender, Grundschule, kognitive Unterschiede, Fragebogenuntersuchung und geschlechtergerechte Erziehung.
Warum wurde die Freiarbeit als spezifisches Thema in der Untersuchung gewählt?
Die Freiarbeit wurde untersucht, da sie als offene Unterrichtsform einen hohen Grad an Selbstbestimmung bietet und die Untersuchung zeigen sollte, ob Schüler dabei bevorzugt innerhalb ihres eigenen Geschlechts kooperieren.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin für die Schulpraxis?
Die Autorin empfiehlt Lehrkräften, geschlechtsbezogene Stereotype kritisch zu reflektieren, Selektionsprozesse zu vermeiden und durch individualisierte Unterrichtsformen die Motivation und das soziale Lernen aller Kinder zu fördern.
- Quote paper
- Kristina Hüggelmeyer (Author), 2013, Was können Mädchen von Jungen und was können Jungen von Mädchen lernen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214824