Der Wandel des Bekleidungsgewerbes im langen 19. Jahrhundert


Seminar Paper, 2000
26 Pages, Grade: 1,9

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung... 3

2 Der Wandel des Bekleidungsgewerbes im langen 19. Jahrhundert ... 4

2.1 Das Bekleidungsgewerbe im ausgehenden 18. Jahrhundert ... 4

2.1.1 Das Schneiderhandwerk... 4

2.1.2 Der Altkleiderhandel ... 8

2.2 Die Bedeutung des Verlages für den Wandel des Bekleidungsgewerbes im 19. Jahrhundert... 9

2.3 Die Auswirkungen sich wandelnder Nachfrage auf das Bekleidungsgewerbe12

2.3.1 Die ökonomische Rationalität des Nachfrageverhaltens... 12

2.3.2 Konsumverhalten der Landbevölkerung ...13

2.3.3 Konsumverhalten der Stadtbevölkerung... 15

2.4 Das Entstehen der Konfektionsindustrie ... 16

2.5 Einflußfakoren auf das Entstehen der Konfektionsindustrie... 20

2.5.1 Der Arbeitsmarkt... 20

2.5.2 Die Bedeutung der Nähmaschine ... 22

2.5.3 Der Einfluß von Mode und Saison ... 23

2.6 Quantitative Veränderungen verschiedener Produktionsformen im Bekleidungsgewerbe... 24

3 Resümee... 25

4 Literaturverzeichnis ... 26

1 Einleitung

Die Industrielle Revolution löste in Deutschland gewaltige wirtschaftliche und damit verbunden gesellschaftliche Umwälzungsprozesse aus. Im Laufe des langen 19. Jahrhunderts veränderte sich Deutschland von einem durch das Feudalsystem gekennzeichneten Agrarland zu einem Industriestaat. Die vorher vorherrschenden Bereiche der kleingewerblichen Produktion und der Haushaltsproduktion wurden in vielen Bereichen durch die zunehmende Technisierung und damit einhergehende Arbeitsteilung durch industrielle Massenfertigung in Fabriken zurückgedrängt [1].

Eine Ausnahme dazu stellt in Deutschland das Bekleidungsgewerbe dar. Unter Bekleidungsgewerbe versteht man die handwerkliche oder industrielle Fertigung von Herren-, Damen- oder Kinderoberbekeidung, Wäsche-, Mützen- oder Arbeitskleidung und dergleichen [2].

Als ‚Nachzüglerbranche‘ bezeichnet, nahm es während der Industrialisierung einen völlig anderen Verlauf als die meisten anderen Industriebranchen, insbesondere als die so nahe liegende Textilindustrie. Während in der Textilbranche technische Innovationen wie der mechanische Webstuhl oder die Spinnmaschine zu Konzentrationen in Form von Fabriken führten, trat dies trotz der Erfindung der Nähmaschine Mitte des 19. Jahrhunderts im Bekleidungsgewerbe nicht ein [3].

Das Bekleidungsgewerbe ist im 19. Jahrhundert gekennzeichnet durch einen Wandel weg von handwerklicher oder häuslicher Produktion über ein sich zunehmend verzweigendes, loses Verlagswesen hin zur Kleiderfabrikation in Form eines fest organisierten, industriellen Verlagswesens [4].

Das heißt, die Proportionen zwischen Handwerk und Heimherstellung einerseits und verlagsmäßig industrieller Herstellung andererseits haben sich im letzen Jahrhundert zunehmend zur letzten Gruppe hin verschoben. Einher ging dies mit einer Monetarisierung des Konsums, des Entstehens von Angebot und Nachfrage, d.h. von Konsumgütermärkten. [5]

Im Folgenden soll nun der Wandel vom ausgehenden 18. bis ausgehenden 19. Jahrhundert skizziert und anhand des Schneiderhandwerks, des losen Verlagswesens und des Konfektionsbetriebs für den jeweiligen Zeitraum die typischen gewerblichen Organisationsformen dargestellt werden. Insbesondere sollen auch auf die für den Wandel notwendigen angebots- wie nachfragemäßigen Voraussetzungen und Auswirkungen diskutiert werden.

2 Der Wandel des Bekleidungsgewerbes im langen 19. Jahrhundert

2.1 Das Bekleidungsgewerbe im ausgehenden 18. Jahrhundert

Im ausgehenden 18. Jahrhundert gab es grundsätzlich drei Arten der Kleiderproduktion oder des Kleidererwerbs:

a) Durch das Schneiderhandwerk Das alleinige Recht der Neukleiderherstellung zum Zwecke des Gelderwerbs lag jahrhundertelang beim zunftverfaßten Schneiderhandwerk.

b) In Eigenfertigung Die Eigenfertigung von Kleidung stellte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, insbesondere bei den unteren oder bäuerlichen Schichten, den Großteil des Kleidererwerbs dar. Teilweise wurden dabei die Stoffe gekauft und selbständig verarbeitet oder aber, die Stoffe wurden selbst hergestellt und die Kleidung durch das Schneiderhandwerk gefertigt [6].

c) Über den Altkleiderhandel Eine andere Möglichkeit stellte der Altkleiderhandel dar, von dem vornehmlich die unteren sozialen Schichten Gebrauch machten.

2.1.1 Das Schneiderhandwerk

Mit ca. 1,3 Millionen rechtlich selbständigen Meistern bildete das Handwerk generell zu Beginn des 19. Jahrhunderts die größte gewerbliche Schicht, die über viele Jahrhunderte in die ständische Ordnung integriert war und damit einen wesentlichen Bestandteil ausmachte. [7] Die größte Gruppe stellte das Bekleidungs-, Textil- und Lederverarbeitende Gewerbe, wobei in Bekleidung und Lederverarbeitung 40% aller Meister tätig waren. „Schuhmacher und Schneider waren die beiden zahlreichsten Berufe.“ [8]

Die wesentlichen Merkmale des Handwerks sind die Handarbeit und die „Totalität der Arbeit“ [9]. Das bedeutet, daß der Handwerker in der Regel ohne kapitalintensive Maschinen arbeitete und das gesamte Gewerk eigenständig, nicht arbeitsteilig, anfertigte. Alle Verrichtungen konnten von allen Personen des Betriebes – Meistern und Gesellen – ausgeführt werden, wobei im Schneidergewerbe z.B. das Maßnehmen und Zuschneiden eine typische Aufgabe des „geübten und kundigen Meister[s]“ [10] war. „Arbeitsteilung war also nur über Berufsteilung möglich, d.h. als Spezialisierung auf bestimmte Produkte.“ [11]

Zünfte

Jahrhundertelang waren grundsätzlich alle handwerklichen Berufe in Zünften organisiert. Diese stellten einerseits eine wirtschaftliche Interessengemeinschaft und –vertretung der Handwerkerschaft dar, andererseits hatten sie auch eine für ihre Mitglieder sehr wichtige soziale, religiöse, politische und juristische Funktion. Die Zunft umfaßte „einen Trägerkreis [...], der verbindlich genormte Lebensformen, Wertordnungen und eine charakteristische Daseinsgestaltung besaß.“ [12] Für die weitere Betrachtung werde ich mich jedoch auf die wirtschaftliche Funktion der Schneiderzunft beschränken.

Durch den Zusammenschluß in einer Zunft sollte vor allem die ökonomische Chancengleichheit durch Ausschaltung zunftinterner Konkurrenz und damit die ausreichende Versorgung der Mitglieder und ihrer Angehörigen gesichert werden: „Zunftpolitik ist Nahrungspolitik“ [13]. Mit ihren gewerblichen Bestimmungen, die die Arbeit im Innenverhältnis regelte und das Angebot nach außen hin abschottete, war die Zunft ein Instrument „zur Ordnung der Einkaufs- und Absatzmärkte, zur Preisgestaltung oder –beeinflussung, zur Disziplinierung der Gesellen und zur Regulierung der Konkurrenz“ [14]. Die Monopolisierung des Angebots wurde durch Beitrittszwang und durch das Verbot der Kleideranfertigung für den Markt bzw. des Handelns mit Kleidern erreicht. Das bedeutet, daß Schneider ausschließlich für einen Auftraggeber individuell maßgeschneiderte Kleidung anfertigen durften.

Mithilfe der zunfteigenen Gerichtsbarkeit, die „über einen breiten Katalog von Sanktionsmitteln“ [15] verfügte, sollten die den gewerblichen Bestimmungen zugrunde liegenden, bereits oben erwähnten Ziele durchgesetzt werden. Die wichtigsten Bestimmungen waren u.a.:

a) Die „Regelung des Zugangs zum Meisteramt und die Anzahl der Gesellen und Lehrlinge pro Meisterbetrieb“ [16]. Damit jedem Mitglied ein ausreichendes Auskommen gesichert werden konnte, mußte die Kleidungsnachfrage auf die entsprechende Menge Schneider verteilt werden. Ein Problem stellten dabei saisonale Schwankungen dar, die es auszugleichen galt. In Phasen des Nachfragerückgangs versuchte die Zunft durch Verschärfungen der Zunftordnung das Arbeitsangebot einzudämmen, z.B. durch

• die Verschärfung der Prüfungsbedingungen bei der Meisterprüfung

• die Beschränkung der Gesellenzahl oder einer Verlängerung der Gesellenzeit

• die Beschränkung der Zuwanderung fremder Meister, etc.

Bei Nachfragesteigerungen wurden die Regeln dann gegenteilig angewandt. War ein Meister mit Aufträgen überlastet bestand das Gebot, diese durch andere Meister der Zunft bearbeiten zu lassen. Die Mehrheit der Schneidergesellen war zwar als Wochenschneider bei ihrem Meister beschäftigt, für Kapazitätsspitzen konnte dieser jedoch teilweise auch Tagschneider einstellen, die im Tagelohn arbeiteten und kurzfristig flexibel einsetzbar waren.

b) „Die Regelung der Preise durch den ständischen Rat“ [17]

Die Preise wurden durch die städtischen bzw. landesgesetzlichen Taxordnungen zentral gesteuert den „allgemeinen Veränderungen des Preisniveaus angeglichen“ [18], d.h. weder die Zunft noch der einzelne Meister konnte Preise selbständig festlegen.

c) Die Kontrolle der Qualität durch die ständische Zunft

Die Qualität der Produkte sollte auf einem gleichbleibend hohen Niveau gehalten werden, um damit durch mangelnde Qualität erkaufte „Vorteile“ einzelner Meister zu verhindern. Andererseits sollte so auch unzünftige Konkurrenz, sogenannte ‚Pfuscher‘, verdrängt werden.

Zur wirtschaftliche Lage im Handwerk

Die obige Beschreibung der Zünfte ist sicherlich eine idealtypische. Trotz ihrer sehr konservativen, bewahrenden Grundorientierung waren sie häufigem Wandel unterworfen und befanden sich zum Ende des 18. Jahrhunderts in einer maroden Situation. Vor allem das Hauptziel der Zunft, jedem Meister und seiner Familie eine ausreichende wirtschaftliche Versorgung zu sichern, konnte nur schwer, wenn überhaupt, erreicht werden. Detaillierte und verläßliche Aussagen über das Einkommen von Schneidermeistern und –gesellen zu dieser Zeit sind leider kaum zu machen, da Handwerker in der Regel keine Bücher führten und über Preise und Löhne nur wenig bekannt ist. Die verfügbaren Zahlen deuten jedoch auf eine ungünstige, sich verschlechternde Lage hin, „die ihren Mann nur kümmerlich nährte[n]“ [19]. Die „ökonomische[n] Situation der gewerblichen Gesellen und Gehilfen in dieser Zeit [scheint] prekär.“ [20]

Meister, die Gesellen beschäftigten – um die Jahrhundertwende etwa 50 Prozent [21] – lebten vergleichsweise besser. Dank der Arbeitsleistung des Gesellen konnte die Kapazität und damit das Einkommen des Meisters erhöht werden, der Geselle wurde jedoch nicht proportional am Kapazitätszuwachs beteiligt. Dem Meister war natürlich daran gelegen, den Gesellen so schlecht wie möglich zu entlohnen, um das eigene Einkommen zu maximieren. Im Zuge der daraus resultierenden soziale Spannungen bildeten sich Gesellenbruderschaften und –verbände, die „Instrumente solidarischer Aktion“ [22] waren, Hilfe in Notlagen boten und ein Zusammengehörigkeitsgefühl schufen.

Aus der obigen Darstellung ergibt sich, daß das Zunftwesen für den marktlichen Vertrieb von neu hergestellter Oberbekleidung und den damit verbundenen Kapazitätsausweitungen, sowie organisatorischer Umstellungen ein extrem hemmendes Moment darstellte.

[...]


[1] vgl. Baar, Lothar: Die Berliner Industrie in der industriellen Revolution. Berlin, 1966. S. 11.

[2] vgl. Brockhaus Enzyklopädie, Stichwort Bekleidungsgewerbe, Bd. 2, Wiesbaden, 1967.

[3] vgl. Döring, Friedrich-Wilhelm: Vom Konfektionsgewerbe zur Bekleidungsindustrie, Frankfurt a.M.,1992. S. 59.

[4] vgl. Döring, Friedrich-Wilhelm: Seite 50.

[5] vgl. Steiner, André, S. 479.

[6] vgl. Steiner, André: Überlegungen zur Monetarisierung des Konsums in Deutschland im 19. Jahrhundert am Beispiel der Kleidung, S. 481f. In: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Band 86, Stuttgart, 1999, S. 480ff.

[7] vgl. Kaufhold, Karl H.: Das Gewerbe in Preußen um 1800, Göttingen, 1978, S. 379 ff.

[8] Kaufhold, Karl. H.: Das deutsche Gewerbe am Ende des 18. Jahrhunderts. Handwerk, Verlag und Manufaktur, S. 312. In: H. Berding, H.-P. Ullmann (Hrsg.): Deutschland zwischen Revolution und Restauration, Königstein/Ts., 1981

[9] Kaufhold, Karl H. (1981), S. 314.

[10] Mendelson, Dr. Max: Die Stellung des Handwerks in den hauptsaechlichsten der ehemals zünftigen Gewerbe. In: Dr. J. Conrad (Hg.): Sammlung nationalökonomischer und statistischer Abhandlungen des staatswissenschaftlichen Seminars zu Halle a.d.S,. Jena, 1899, S. 160.

[11] Kaufhold, Karl H. (1981), S. 314.

[12] Bergmann, Jürgen: Das Berliner Handwerk in den Frühphasen der Industrialisierung, Berlin, 1973, S. 7.

[13] Weber, Max: Wirtschaftsgeschichte, Berlin, 1958. Zitiert nach: Döring, Friedrich-Wilhelm S. 38.

[14] Kaufhold, Karl H.(1981), S. 316.

[15] Döring, Friedrich-Wilhelm, S.44.

[16] Döring, Friedrich-Wilhelm, S.39.

[17] Döring, Friedrich-Wilhelm, S.39.

[18] Döring, Friedrich-Wilhelm, S.42.

[19] Kaufhold, Karl H. (1981), S. 315.

[20] Kaufhold, Karl H. (1978), S. 355.

[21] vgl. Ka[21] Kaufhold, Karl H. (1981), S. 311.

[22] Kaufhold, Karl H. (1978), S. 357.

Excerpt out of 26 pages

Details

Title
Der Wandel des Bekleidungsgewerbes im langen 19. Jahrhundert
College
University of Mannheim
Grade
1,9
Author
Year
2000
Pages
26
Catalog Number
V214848
ISBN (eBook)
9783668708136
ISBN (Book)
9783668708143
File size
529 KB
Language
German
Tags
wandel, bekleidungsgewerbes, jahrhundert
Quote paper
Michael Schulz (Author), 2000, Der Wandel des Bekleidungsgewerbes im langen 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214848

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