Die Industrielle Revolution löste in Deutschland gewaltige wirtschaftliche und damit verbunden gesellschaftliche Umwälzungsprozesse aus. Im Laufe des langen 19. Jahrhunderts veränderte sich Deutschland von einem durch das Feudalsystem gekennzeichneten Agrarland zu einem Industriestaat. Die vorher vorherrschenden Bereiche der kleingewerblichen Produktion und der Haushaltsproduktion wurden in vielen Bereichen durch die zunehmende Technisierung und damit einhergehende Arbeitsteilung durch industrielle Massenfertigung in Fabriken zurückgedrängt.
Eine Ausnahme dazu stellt in Deutschland das Bekleidungsgewerbe dar. Unter Bekleidungsgewerbe versteht man die handwerkliche oder industrielle Fertigung von Herren-, Damen- oder Kinderoberbekeidung, Wäsche-, Mützen- oder Arbeitskleidung und dergleichen. Als ‚Nachzüglerbranche‘ bezeichnet, nahm es während der Industrialisierung einen völlig anderen Verlauf als die meisten anderen Industriebranchen, insbesondere als die so nahe liegende Textilindustrie. Während in der Textilbranche technische Innovationen wie der mechanische Webstuhl oder die Spinnmaschine zu Konzentrationen in Form von Fabriken führten, trat dies trotz der Erfindung der Nähmaschine Mitte des 19. Jahrhunderts im Bekleidungsgewerbe nicht ein.
Das Bekleidungsgewerbe ist im 19. Jahrhundert gekennzeichnet durch einen Wandel weg von handwerklicher oder häuslicher Produktion über ein sich zunehmend verzweigendes, loses Verlagswesen hin zur Kleiderfabrikation in Form eines fest organisierten, industriellen Verlagswesens. Das heißt, die Proportionen zwischen Handwerk und Heimherstellung einerseits und verlagsmäßig industrieller Herstellung andererseits haben sich im letzen Jahrhundert zunehmend zur letzten Gruppe hin verschoben. Einher ging dies mit einer Monetarisierung des Konsums, des Entstehens von Angebot und Nachfrage, d.h. von Konsumgütermärkten.
Im folgenden soll nun der Wandel vom ausgehenden 18. bis ausgehenden 19. Jahrhundert skizziert und anhand des Schneiderhandwerks, des losen Verlagswesens und des Konfektionsbetriebs für den jeweiligen Zeitraum die typischen gewerblichen Organisationsformen dargestellt werden. Insbesondere sollen auch auf die für den Wandel notwendigen angebots- wie nachfragemäßigen Voraussetzungen und Auswirkungen diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Wandel des Bekleidungsgewerbes im langen 19. Jahrhundert
2.1 Das Bekleidungsgewerbe im ausgehenden 18. Jahrhundert
2.1.1 Das Schneiderhandwerk
2.1.2 Der Altkleiderhandel
2.2 Die Bedeutung des Verlages für den Wandel des Bekleidungsgewerbes im 19. Jahrhundert
2.3 Die Auswirkungen sich wandelnder Nachfrage auf das Bekleidungsgewerbe
2.3.1 Die ökonomische Rationalität des Nachfrageverhaltens
2.3.2 Konsumverhalten der Landbevölkerung
2.3.3 Konsumverhalten der Stadtbevölkerung
2.4 Das Entstehen der Konfektionsindustrie
2.5 Einflußfakoren auf das Entstehen der Konfektionsindustrie
2.5.1 Der Arbeitsmarkt
2.5.2 Die Bedeutung der Nähmaschine
2.5.3 Der Einfluß von Mode und Saison
2.6 Quantitative Veränderungen verschiedere Produktionsformen im Bekleidungsgewerbe
3 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den strukturellen Wandel des deutschen Bekleidungsgewerbes im langen 19. Jahrhundert, wobei der Fokus auf dem Übergang von handwerklicher Produktion und häuslicher Eigenfertigung hin zu einer industriell geprägten Konfektionsindustrie liegt. Dabei wird analysiert, wie wirtschaftliche Faktoren, veränderte Konsumgewohnheiten und neue Organisationsformen, wie das Verlagssystem, diesen Prozess maßgeblich beeinflusst haben.
- Die Transformation des traditionellen Schneiderhandwerks
- Die Rolle des Altkleiderhandels als Impulsgeber
- Entwicklung und Bedeutung des Verlagswesens
- Einflussfaktoren der Konfektionsindustrie (Arbeitsmarkt, Nähmaschine, Mode)
Auszug aus dem Buch
2.5.2 Die Bedeutung der Nähmaschine
Die Industrielle Revolution, insbesondere aber das Entstehen von Fabriken - im Sinne zentralisierter, kapitalintensiver Produktionsstätten - ist in der Regel mit der Innovation technischer Anlagen verbunden. Auch wenn Dampfmaschine oder mechanischer Webstuhl sicherlich nicht als Auslöser der Industriellen Revolution betrachtet werden können, so sind sie doch in engem Zusammenhang mit Zentralisierung und Mechanisierung von Produktion und Fertigung zu sehen.
Gänzlich anders ist die Rolle der Nähmaschine im 19. Jahrhundert, welche als ‚die‘ bedeutende technische Innovation im Bekleidungsgewerbe zu sehen ist. Mit ihrer Einführung in Deutschland ab etwa 1855 und ihrem massenhaften Einsatz ab den siebziger Jahren hatte sie keinen maßgeblichen Einfluß auf den Wandel der organisatorischen Strukturen des Konfektionsgewerbes, wenngleich sie jedoch zur Festigung und Intensivierung dieser beitrug, da der überwiegende Teil der Nähmaschinen für die industrielle Produktion eingesetzt worden sein soll.
Die Nähmaschine trug folglich dazu bei, die Kluft zwischen dem rückläufigen Schneiderhandwerk und der Konfektionsindustrie größer werden zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung skizziert den Wandel vom Agrarland zum Industriestaat in Deutschland und definiert das Bekleidungsgewerbe als untypische "Nachzüglerbranche", die sich durch einen langsamen Prozess weg von handwerklicher Produktion hin zur industriellen Kleiderfabrikation entwickelte.
2 Der Wandel des Bekleidungsgewerbes im langen 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel analysiert die ursprünglichen Produktionsformen, die Rolle des Altkleiderhandels sowie die Bedeutung des Verlagssystems und die ökonomischen Faktoren, die zum Aufstieg der Konfektionsindustrie führten.
3 Resümee: Das Schlusskapitel fasst zusammen, dass der Wandel des Bekleidungsgewerbes das Ergebnis eines komplexen Zusammenwirkens wirtschaftlicher, sozialer und struktureller Faktoren war, bei dem technische Innovationen eine unterstützende, aber nicht alleinige Rolle spielten.
Schlüsselwörter
Bekleidungsgewerbe, Konfektionsindustrie, 19. Jahrhundert, Industrialisierung, Schneiderhandwerk, Verlagswesen, Heimarbeit, Konsumverhalten, Monetarisierung, Nähmaschine, Arbeitsteilung, Modewandel, Produktionsformen, Deutschland, Wirtschaftsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den tiefgreifenden Wandel der Bekleidungsproduktion in Deutschland während des 19. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden beleuchtet?
Zentrale Themen sind der Übergang vom zunftgebundenen Handwerk zur industriellen Konfektion, die Rolle des Verlagssystems und die Veränderung des Konsumverhaltens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Faktoren und Organisationsformen zu identifizieren, die den marktwirtschaftlichen Wandel in dieser Branche maßgeblich bestimmt haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse, die qualitative Entwicklungen beschreibt und durch quantitative Indikatoren untermauert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Organisationsstrukturen (Verlagswesen), die ökonomische Rationalität, den Einfluss von Mode und Saison sowie die Faktoren Arbeitsmarkt und Nähmaschine.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Bekleidungsgewerbe, Konfektionsindustrie, Industrialisierung, Schneiderhandwerk und Verlagswesen definieren.
Warum war das Verlagswesen für die Konfektionsindustrie so bedeutend?
Das Verlagswesen ermöglichte eine flexible Anpassung an saisonale Schwankungen und Modetrends, da es dezentrale Arbeit erlaubte, ohne hohe Fixkosten für Gebäude oder Anlagen zu binden.
Welchen Einfluss hatte die Nähmaschine tatsächlich?
Obwohl die Nähmaschine eine technologische Innovation darstellte, veränderte sie die grundlegende Organisationsstruktur nicht, trug jedoch maßgeblich zur Effizienzsteigerung und zur Festigung der Konfektionsindustrie bei.
- Citation du texte
- Michael Schulz (Auteur), 2000, Der Wandel des Bekleidungsgewerbes im langen 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214848