Die Perzeption deutscher Außenpolitik in Großbritannien in den Jahren 1933 bis 1939


Seminararbeit, 2002
24 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Stereotype Wahrnehmungsmuster Deutschlands in Großbritannien

3 Divergierenden Sichtweisen einzelner Mitarbeiter der Regierung und des Foreign Office

4 Aspekte der Perzeptionsproblematik
4.1 Ursachen widersprüchlicher Perzeption
4.1.1 Wahrnehmung vs. Wirklichkeit
4.1.2 Neuartigkeit und Stereotype
4.1.3 Die Vielgestaltigkeit der Realität
4.2 Die Folge eines uneinheitlichen Bildes: dessen Instrumentalisierbarkeit

5 Schluss

1 Einleitung

Dem britischen Premierminister Chamberlain wie auch anderen Vertretern der so genannten ‚Appeasement-Politik’ wurde noch lange nach dem zweiten Weltkrieg vorgeworfen, das nationalsozialistische Deutschland, dessen Außenpolitik, vor allem aber auch Hitler selbst völlig falsch eingeschätzt und durch ein unentschlossenes Handeln und/oder die Anwendung untauglicher Mittel den Weg zum Krieg geebnet zu haben. Teilweise wurde sogar der Vorwurf erhoben, nicht nur konservativ und starrsinnig gehandelt zu haben, sondern einer (mehr oder weniger bewussten) Selbsttäuschung unterlegen gewesen zu sein[1]. Was für uns heute verblüffend, bzw. irritierend an der damaligen britischen Situation ist, ist folgender Gegensatz: einerseits, und das wissen wir spätestens seit der Öffnung und Ergründung britischer Archive über diesen Zeitraum, gab es über Hitler-Deutschland durchaus realitätsnahe, umfassende und abgewogene Informationen, die den englischen Politikern aus heutiger Sicht eine solide Informationsgrundlage für ihr Handeln boten, bzw. zumindest hätten bieten können. Andererseits jedoch steht diesen Informationen eine teilweise völlig realitätsferne, da einseitige und auf Stereotypen beruhende Wahrnehmung und auch Propagierung eines Deutschland-, bzw. Hitlerbildes gegenüber[2].

Vorliegende Arbeit befasst sich nun mit der britischen Perzeption Deutschlands und der deutschen Außenpolitik insbesondere in der Zeit zwischen 1933 und 1939. Der Terminus Perzeption sollte in diesem Zusammenhang nicht zu eng im Sinne einer Duden-Definition gesehen werden, die Perzeption als die „Wahrnehmung eines Gegenstandes ohne [sein] bewusstes Erfassen und Identifizieren des Wahrgenommenen“[3] beschreibt. Die Perzeptionsproblematik stellt in der Geschichtswissenschaft einen Untersuchungsgegenstand dar, der nicht nur verschiedene Wahrnehmungen zu einem Objekt an sich beschreibt, sondern auch die Ursprungsbedingungen dieser Wahrnehmungen und besondere Wahrnehmungsmuster in diesem Zusammenhang untersucht; wie auch deren Konsequenzen, die sich aus der teilweise falschen Wahrnehmung oder Deutung ergeben können. Auch sei an dieser Stelle noch angemerkt, dass es ja insbesondere im Bereich des Nationalsozialismus schwer fällt, konkrete außenpolitische Vorgänge losgelöst von der Ideologie, der Person Hitlers aber auch teilweise losgelöst von innenpolitischen Gegebenheiten zu betrachten. Daher werden im Folgenden die Übergänge zwischen der Perzeption von Außenpolitik, von Hitler selbst oder den Nationalsozialisten an sich recht fließend sein.

Im ersten Teil dieser Arbeit möchte ich, nach einer kurzen Darstellung erster Deutungen des Nationalsozialismus durch die britischen Beobachter seit seiner Entstehung, überblicksartig die teilweise weit verbreiteten und für die britische Beurteilung Hitler-Deutschlands wichtigen stereotypen Wahrnehmungsmuster darstellen, wie sie vor allem in der Regierung und dem Foreign Office zu finden waren. Im zweiten Teil möchte ich dann anhand einiger Beispiele verdeutlichen, wie manche Personen und Sachverhalte deutscher Politik von den britischen Beobachtern aufgefasst und bewertet wurden, und welche divergierenden Sichtweisen es teilweise gab; im Bezug auf vorher dargestellte Stereotype. Im dritten Teil schließlich möchte ich den Perzeptionsbegriff wie oben beschrieben noch etwas weiter fassen und diskutieren, welche Auswirkungen und Folgen, aber auch welche Ursachen bestimmten Wahrnehmungen und Wahrnehmungsmustern zugeschrieben werden können.

2 Stereotype Wahrnehmungsmuster Deutschlands in Großbritannien

Die Frage, wer Hitler war und welche Ziele er aus britischer Sicht hatte, kann nicht klar und präzise in wenigen Sätzen erörtert werden. Zu differenziert und zu widersprüchlich ist das Bild, zu viele einzelne, divergierende Meinungen liegen vor, als dass sich ein rundes, einheitliches Gesamtbild ergäbe. Auch veränderten sich im Laufe der Zeit die Bilder, die man sich von Hitler-Deutschland machte. Selbst bei einer Einschränkung auf die Wahrnehmung innerhalb des Foreign Office und der Regierung(en) fällt eine klare Aussage schwer.

Was ich innerhalb dieses Abschnitts zunächst aufzeigen möchte, sind die verschiedenen Deutungen Hitlers und der NSDAP, die seit den 20er Jahren in England gemacht wurden. Und ich möchte einige, sich widersprechende Wahrnehmungsmuster und Schemata darstellen, auf Basis derer dann Hitler und die deutsche Außenpolitik vor allem in der zweiten Hälfte der 30er Jahre wahrgenommen und bewertet wurde. Denn nur durch die Kenntnis der in den 20er und Anfang der 30er Jahre wahrgenommenen Bilder Hitlers und des Nationalsozialismus lassen sich die späteren Interpretationen deutscher Außenpolitik und die britische Reaktionen darauf verstehen.

Hitler als ‚Bayrischer Mussolini’

Sei den 20er Jahren wurde die NSDAP als antidemokratische, rechte Bewegung in Bayern wahrgenommen, die jedoch nicht so recht in das Raster der klassischen ‚reaktionären Kräfte’ passte. Als Grund hierfür sieht man an, dass die britische Wahrnehmung der deutschen Nationalsozialisten unter dem frischen Eindruck der Machtergreifung der faschistischen Führung in Italien stattgefunden hatte. Seit Beginn der Beobachtung Hitlers und der Nationalsozialisten setzte man Mussolini und Hitler miteinander in Bezug und sah Hitler als eine Art „bayrischen Mussolini“[4]. Diese Vorbildfunktion Mussolinis sollte bis zur Mitte der 30er Jahre eines der zentralen Bestandteile des britischen Hitlerbildes bleiben. [MS1]

Zu Zeiten des Ruhrkampfes veränderte sich das Bild Hitlers dann dahingehend, dass er nicht nur als ein bayrischer Radikaler wahrgenommen wurde, sondern dass man im zutraute, sich zur integrativen Figur der gesamten antidemokratischen rechten Szene in Deutschland zu entwickeln. Nach dem Hitler-Putsch befürchtete England, dass dieser sogar zu einer internationalen Gefahr werden könnte, indem er die Regierung der Weimarer Republik durch ein von ihm geleitetes Militärregime ersetzte, was England in eine bewaffnete französische Intervention in Deutschland hätte verwickeln können[5].

Im anschließenden Prozess gegen Hitler und die Putschisten zeigte sich für die britischen Beobachter dann auch, dass die Nationalsozialisten trotz teilweise reaktionärer, preußisch autokratisch klingender Parolen, ganz eigene, zu dieser Zeit jedoch noch nicht klar definierte oder definierbare Ziele verfolgten. Mit der schwindenden Bedeutung der Nationalsozialisten ab dem Jahre 1924 verlor man die Bewegung jedoch etwas aus dem Blickfeld, ohne sich ein konkretes Bild gemacht zu haben. Ab dem Ende der 20er Jahre, als die NSDAP wieder zunehmend nationale Bedeutung erlangt hatte, entwickelte sich ein neues, ein weiters Bild: das der Jugendlichkeit. Der Nationalsozialismus wurde von weiten britischen Kreisen als eine ‚potenziell belebende, zukunftsweisende’ Kraft angesehen[6]. Zumindest im Foreign Office wurde der Aufstieg der Nationalsozialisten zunächst kaum als eine Rückkehr zur preußisch militaristischen Vorkriegsmentalität gesehen. Man erwartete von Hitler eher das Ziel der Errichtung eines faschistischen Staates vor Augen zu haben. Erst mit dem Anspruch Hitlers auf politische Macht ab dem Herbst 1931 und die Kooperation mit den nationalkonservativ Rechten rückten Hitler und die Nationalsozialisten in den Augen vieler in die Ecke reaktionärer Kräfte: er galt als eine Figur der so genannten. ‚Junker’.

Hitler als Figur der ‚Junker’

‚Hitler als Figur der Junker’ ist eines der bedeutendsten Wahrnehmungsmuster, das noch bis zum zweiten Weltkrieg in vielen Köpfen erhalten bleiben sollte und auf Basis dessen Hitlers Außenpolitik beurteilt wurde. Der Typus des Junker verkörperte das deutsche Feindbild der Engländer. Der Begriff subsumiert Junker (Großgrundbesitzer), Großargarier, Industrielle und Militärs und wird in die diesem Zusammenhang gleichgesetzt mit negativem, aggressivem und nach imperialer Herrschaft strebendem Preussentum, Wilhelminismus und Militarismus[7] [8].

Die Belastungen von Versailles

Ein weiteres, wichtiges und vor allem verharmlosendes Schema war der Verweis auf die Belastung durch Versailles[MS2] , die den Aufstieg der Nationalsozialisten erst provoziert hätten. In England gab es ein recht starkes Schuldbewusstsein, für die Verschärfung der Konflikte ab Mitte der 30er Jahre mitverantwortlich zu sein. Und so schien es für die meisten Briten nun Zeit, den ‚deutschen Beschwerden’ ernsthaft Rechnung zu tragen[9]. Alle deutschen Revisionsschritte, bis hin zur Eingliederung des Sudetenlandes ließen sich mit dem Argument der ungerechtfertigten Behandlung nach dem ersten Weltkrieg rechtfertigen. Im Umkehrschluss aber leiteten sich daraus auch Forderungen ab, Hitlers Bereitschaft zu einem neuen Friedenssystem zu einem Prüfstein für die Qualität seines Friedenswillens zu machen und Deutschland in eine allseits anerkannte Friedensordnung einzubetten[10]. In eine ähnliche Richtung zielt die häufig vertretenen Meinung, dass erst die Blockbildung und das Wettrüsten vor dem ersten Weltkrieg zum Krieg geführt hätten. Es war daher jetzt ein wesentliches Bestreben der britischen Politik, diesen Fehler nicht zu wiederholen. [MS3]

Deutschland als ‚antibolschewistisches Bollwerk’

Vor allem von Teilen der Presse (Rothermere) stammte das bekannte Klischee von ‚Deutschland als dem anitbolschewistischen Bollwerk’, auf Grund dessen man sich Hitler nicht zum Feind machen dürfe. Kritisch wurde der Antibolschewismus auch im FO diskutiert und es wurde gefragt, ob die in Hitlers ‚Mein Kampf’ beschriebenen Pläne zur Gewinnung von Lebensraum im Osten ernst zu nehmen sein oder nicht.[MS4] Doch selbst wenn dies stimmen sollte, so leiteten sich daraus zwei mögliche Konsquenzen für die britischen Außenpolitik ab, je nachdem welchem Land man das größere Gefährungspotential beimaß und man sich dementsprechend eher mit Deutschland, mit Russland oder mit keinem von beiden verbünden sollte[11].

Die Machtposition Hitlers innerhalb der Nationalsozialisten

Das bedeutendste Schema aber, das bis in den zweiten Weltkrieg hinein Gültigkeit behalten sollte, und für alle verharmlosenden Deutungen der Nationalsozialisten unverzichtbar war, war das des zwischen ‚gemäßigten’ und den ‚radikalen’ Nationalsozialisten hin und her schwanken bzw. getriebenen Hitler. Bis weit in die 30er Jahre noch bestand eine Diskussion über die Position und Verantwortlichkeit Hitlers innerhalb der Nationalsozialisten[12]. Etwas pauschaliert lässt sich wohl sagen, dass es in England grundsätzlich zwei diametrale Sichtweisen gab, die sich letztendlich auch in der propagierten Politik widerspiegeln sollten: Es gab zum einen die Gruppe derer, die Hitler eher den gemäßigten Kräften zurechneten und demzufolge mit ihrer Politik Hitler gegenüber den ‚Radikalen’ stärken wollten; z.B. indem sie moderater und weniger aggressiv gegenüber Deutschland auftaten und bereit waren, größere Zugeständnisse bei der Remilitarisierung und expansiven Politik zu machen. Zum anderen gab es die Gruppe, die in Hitler schon sehr früh den maßgeblich Verantwortlichen und somit eigentlich Radikalen erkannt hatten. Dementsprechend sprachen sie sich auch schon deutlich früher für eine kompromisslosere Haltung gegenüber Deutschland aus[13].

Eines hatten nun allen obigen Erklärungsmustern gemein, egal ob sie in Hitler, dem Nationalsozialismus, etc. eine größere oder eine weniger große Gefahr sahen: sie unterstellten Hitlers Handeln ein hohes Maß an Rationalität. Und dementsprechend baute auch die britische Politik auf dieser Unterstellung auf, wenn sie z.B. durch eine Stärkung der ‚gemäßigten’ Nationalsozialisten Deutschland ‚friedlicher’ machen wollte, oder wenn durch Zugeständnisse im Bereich der Versailler Verträge den revisionistischen Forderungen Deutschlands Genüge getan werden sollte. Ebenso waren das ‚colonial apppeasement’ oder ein stärkere wirtschaftliche Einbindung Deutschlands nur auf Grundlage eines rational handelnden Gegenübers denkbar. Erst im Nachhinein wurde deutlich, dass man sich, ob aus Unverständnis oder aus mangelndem Vorstellungsvermögen, einer Illusion hingegen hatte. Zwar schätzten fast alle Politiker und Beamte des Foreign Office Hitler als einen nicht vertrauenswürdigen Gegenspieler ein – Nevile Henderson sah in Hitler z.B. „ein einzigartig unberechenbares Individuum“[14] und Halifax hielt ihn für einen „madman“[15] – man hatte jedoch stets die wirkliche Tragweite der nationalsozialistischen Ideologie und die Massivität der Mittel, die Hitler einzusetzen bereit war, unterschätzt[16].

[...]


[1] Vgl. Wendt, Bernd Jürgen (1): „Appeasement“ – Eine Friedenspolitik ohne Echo. In: Wolfgang J. Mommsen (Hrsg.): Die ungleichen Partner. Deutsch-britische Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Stuttgart 1999. S. 169

[2] Vgl. Clemens, Detlev: Herr Hitler in Germany: Wahrnehmungen und Deutungen des Nationalsozialismus in Großbritannien 1920 bis 1939. Göttingen 1996.

[3] Duden Fremdwörterbuch, in: Microsoft Lexirom 2000

[4] Clemens, S. 439

[5] Clemens, S. 440

[6] Clemens, S. 441

[7] Meyers, Reinhard: Das Dritte Reich in britischer Sicht. Grundzüge und Determinanten britischer Deutschlandbilder in den 30er Jahren. S. 132 ff. In: Bernd Jürgen Wendt (Hrsg.): Das britische Deutschlandbild im Wandel des 19. und 20. Jahrhunderts. Bochum 1984. S. 127-144

[8] Clemens, S. 374 f., 441

[9] Wendt (1), S. 164

[10] Niedhart, Gottfried (1): Weltmacht im Niedergang. Großbritannien im Zeitalter der Weltkriege. In: Andreas Hillgruber, Jost Dülffer (Hrsg.): Plötz. Geschichte der Weltkriege. Mächte, Ereignisse, Entwicklungen 1900-1945. Freiburg/Würzburg 1981. S. 228.

[11] Clemens, S. 413

[12] Clemens, S. 414

[13] Meyers, S. 142 ff., Wendt (1), S. 159 und Clemens, S. 414

[14] zitiert nach Clemens, S. 422

[15] zitiert nach Clemens, S. 422

[16] Clemens, S. 421f

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Perzeption deutscher Außenpolitik in Großbritannien in den Jahren 1933 bis 1939
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,5
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V214849
ISBN (eBook)
9783668708150
ISBN (Buch)
9783668708167
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
perzeption, außenpolitik, großbritannien, jahren
Arbeit zitieren
Michael Schulz (Autor), 2002, Die Perzeption deutscher Außenpolitik in Großbritannien in den Jahren 1933 bis 1939, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214849

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