Der Artusroman – in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts erreicht Chrétien de Troyes mit seinem Roman Erec et Enide eine neue Dimension der mittelhochdeutschen höfischen Dichtung, bei der volkssprachliche Werke Einzug in die Literatur halten und gleichberechtigt neben der lateinischen Klerikerliteratur bestehen. Chrétien eröffnet ein neues stoffliches von Traditionen unbelastet Themengebiet, welches um den mustergültigen König Artus und seine Ritter der Tafelrunde kreist und dabei zentrale Themen des Hofes als neuen kulturellen Träger und literarisches Zentrum anspricht – Minne und Aventiure. Über den Artusroman sagt Wace, „daß die Geschichten über Arthur weder alle Lügen sind, noch alle wahr.“ Die stoffliche Grundlage bietet der bretonische Kriegsheld und Heerführer König Artus, der sich als dux bellorum in zwölf siegreichen Schlachten gegen die Sachsen durchgesetzt hat. Die Historie wird im Artusroman vom Märchenhaften, Sagenhaften und Mythischen überformt und im Sinne höfischer Gesellschaftsideale in Rittertum und Liebe ausgestaltet. „Im Kern ist die Figur also wohl eine historische Gestalt, die in der mündlichen Tradition fortlebt und als heroische Figur kollektiven Geschichtsbewußtseins (…) vermittelt wird.“ Der höfische Ritter und höfische Dame fungieren als Leitbilder einer Gesellschaft, weshalb der Adel großes Interesse an höfischer weltlicher Literatur zeigt. Obwohl die Realität des höfischen Gesellschaftsleben verzerrt und überhöht dargestellt und als unwirklich, utopisch erkannt wurde, entstand eine Konzeption, die man als „schmeichelhaft empfand und zu (der) man sich gerne bekannte, weil (sie) als Rechtfertigung und Verherrlichung der eigenen gesellschaftlichen Ansprüche und Bestrebungen empfunden wurde.“
Interessant ist zu beobachten, dass die zentrale Person Artus in den nach ihm benannten Romanen eher eine passive Rolle spielt und selbst kaum als Held in Erscheinung tritt, der gefährliche Abenteuer besteht. In meiner Hausarbeit möchte ich dieses Phänomen näher untersuchen und gleichzeitig seine Funktion im Artusroman anhand der Hirschjagdszene in Erec von Hartmann von Aue herausstellen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Erec – von der Entstehung bis zur Überlieferungssituation
3 Einordnung der Hirschjagdszene
4 König Artus – seine Bedeutung im Artusroman am Exempel der Hirschjagdszene in Erec
4.1 Artus und die Ritter der Tafelrunde als gesellschaftliches Ideal
4.2 Die Hirschjagdszene im Erec als costume
4.3 Die Hirschjagdszene – und wozu?
4.4 Von der Hirschjagd zu Erecs Abenteuer
4.5 Artus Königskuss – die Bedeutung für Enite
5 Minne und Aventiure – ein Nebeneinander und Miteinander
6 Die Hirschjagdszene bei Chrétien und Hartmann im Vergleich
7 Abschließende Worte
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von König Artus im mittelhochdeutschen Artusroman, wobei der Fokus auf dessen Funktion als ruhende, idealisierte Instanz im Kontext der Hirschjagdszene in Hartmanns von Aue Werk "Erec" liegt. Es wird analysiert, wie Artus durch die rituellen Vorgaben der höfischen Gesellschaft als Initiator für das Handeln seiner Ritter fungiert und welche Bedeutung die Kussweihe als symbolischer Akt für die Protagonisten Erec und Enite hat.
- Die symbolische und strukturelle Funktion des Artushofes als normsetzende Instanz.
- Die Analyse der Hirschjagdszene als rituelles Element (costume) und handlungsauslösendes Motiv.
- Das Wechselspiel zwischen Rittertum, höfischen Tugenden (Minne) und ritterlichen Abenteuern (Aventiure).
- Der komparative Vergleich der narrativen Ausgestaltung zwischen Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue.
Auszug aus dem Buch
4.1 Artus und die Ritter der Tafelrunde als gesellschaftliches Ideal
Die zauberische Atmosphäre der Artusgesellschaft gilt als „Phantasie- und Wunschwelt, indem sie Träume vom Leben schreibt.“ Der König Artus und seine Ritter werden als überhöhtes Idealbild dargestellt und stehen für höfische Vollkommenheit. Doch was bedeutet eigentlich hövesch? Das Wort kann im Neuhochdeutschen keine adäquate Übersetzung finden und kann mit seiner Ableitung von ‚Hof‘ als ‚zum Hof gehörig‘ verstanden werden. Die Mitglieder dieser exklusiven Gesellschaft agieren in einem Kooperationsnetz als Angehörige des Adels, die sich durch mustergültige Lebensführung auszeichnen. „Mit hövesch verbindet sich hier die neue und vorbildliche Lebensform (site) des Fürstenhofes (…).“ Hövesch war das, was ein gebildetes Wesen und Handeln der Personen sowie „die Summe jener materiellen und ideellen Wertvorstellungen bezeichnete, die sich mit der neuen ritterlichen Zivilisation verbanden.“
Der Ritterstand und das dazugehörende Adjektiv ritterlich werden zum Wertebegriff an sich mit der Forderung, sich nach den Geboten der christlichen Religion in Orientierung an maßgebende Tugenden und auch nach Erwartungen der Gesellschaft zu verhalten. Artusromane „vermitteln Lebenslehre, nämlich ein Verhalten, welches durch zuht und hüfscheit, staete, mâze, reht, milte usw. (güete, triuwe,…) geprägt ist.“ Artus und die Ritter der Tafelrunde handeln in ihrer Vorbildlichkeit nach einem normativen, ritterlichen Tugendsystem und zeichnen sich durch Attribute wie fromm, schön, stolz, prachtliebend, voll Ruhmverlangen und von hoher Abkunft aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Gattung des Artusromans ein, erläutert die Bedeutung von Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Funktion der Artusfigur.
2 Erec – von der Entstehung bis zur Überlieferungssituation: Das Kapitel behandelt die historische Genese des Artusstoffs und gibt einen Überblick über die Überlieferungsgeschichte des "Erec" von Hartmann von Aue.
3 Einordnung der Hirschjagdszene: Hier erfolgt eine inhaltliche Verortung der Hirschjagd innerhalb der Doppelwegstruktur des Artusromans basierend auf der Vorlage von Chrétien de Troyes.
4 König Artus – seine Bedeutung im Artusroman am Exempel der Hirschjagdszene in Erec: Dieser Hauptteil analysiert Artus als passives, aber normgebendes Idealbild und untersucht die rituelle Bedeutung der Hirschjagd sowie die Rolle der Kussweihe.
5 Minne und Aventiure – ein Nebeneinander und Miteinander: Dieses Kapitel zeigt das konstitutive Zusammenspiel von ritterlichen Taten und Minnebeziehungen als zentrale Elemente der Artusepik auf.
6 Die Hirschjagdszene bei Chrétien und Hartmann im Vergleich: Ein direkter Vergleich der beiden Autoren verdeutlicht Unterschiede in der narrativen Gewichtung, insbesondere hinsichtlich der Rolle der Tafelritter und der Artusfigur.
7 Abschließende Worte: Die Zusammenfassung resümiert die Funktion des Artus als ruhendes Zentrum, das durch rituelles Handeln die gesellschaftliche Ordnung wiederherstellt und Ritter für Bewährungsfahrten legitimiert.
Schlüsselwörter
Artusroman, Hartmann von Aue, Erec, Hirschjagdszene, Höfischkeit, Tafelrunde, Aventiure, Minne, Costume, Rittertum, Enite, Mittelalter, Literaturwissenschaft, Literaturgeschichte, Sozialstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Funktion von König Artus in Hartmanns von Aue "Erec", wobei die Hirschjagdszene als zentrales Beispiel für seine Rolle als ruhende, gesellschaftsbildende Instanz dient.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören das höfische Gesellschaftsideal, die Bedeutung von Rechtsbräuchen (costume) im Mittelalter sowie das Zusammenspiel von Minne und Aventiure.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Artus als passives, aber symbolisch aufgeladenes Herrscherideal Abenteuer initiiert, um die Ordnung am Hof zu sichern und die Entwicklung des Ritters Erec zu legitimieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Textverlauf des Erec-Romans unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zur höfischen Kultur untersucht und Vergleiche zur Vorlage von Chrétien de Troyes zieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Bedeutung der Artusfigur und der Ritter der Tafelrunde, der rituellen Funktion der Hirschjagd sowie der symbolischen Wirkung der Kussweihe für die Protagonistin Enite.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Artusroman, Höfischkeit, Aventiure, Minne, Ritterlichkeit und Hartmann von Aue beschreiben.
Warum wird Artus in dieser Arbeit als "ruhender Herrscher" bezeichnet?
Artus selbst agiert in den Romanen nicht als aktiver Held, der gefährliche Abenteuer besteht, sondern als Mittelpunkt und Integrationsfigur, der durch seine Existenz und die Pflege von Bräuchen den Rahmen für die ritterliche Bewährung anderer schafft.
Welche Rolle spielt der Vergleich zwischen Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue?
Der Vergleich verdeutlicht, dass Hartmann von Aue eine stärker auf Mäßigung und Harmonisierung ausgerichtete Darstellung wählt, indem er beispielsweise den Konflikt unter den Rittern während der Hirschjagd gegenüber dem Original reduziert.
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- Elisa Dambeck (Autor), 2013, Artus als höchste Instanz vollkommener Höfischkeit in Hartmanns 'Erec', Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215006