Das Maritime Cluster der Metropolregion Hamburg

Welche Chancen und Risiken bestehen aufgrund des Clusters der Maritimen Industrie für die Metropolregion Hamburg und seine Akteure?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
47 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1 Theoretische Grundlagen des Clusters
1.1 Definition des Clusterbegriffs
1.2 Merkmale eines Clusters
1.2.1 Räumliche Konzentration
1.2.2 Verflechtungen bzw. Vernetzung der Akteure
1.3 Erklärung der Ballung wirtschaftlicher Aktivität im Raum
1.3.1 Grundsätzliche Annahmen
1.3.2 Das Kern-Peripherie-Modell von Krugman
1.3.3 Modell der verflochtenen industriellen Produktion
1.4 Bedingungen für eine positive Clusterwirkung

2 Analyse des Maritimen Clusters
2.1 Überblick über das Maritime Cluster
2.1.1 Untersuchung der gegenwärtigen Situation
2.1.2 Abgrenzung der maritimen Branchen
2.2 Erstellung einer Clusterpotenzialanalyse
2.2.1 Clusterstruktur und Vernetzung
2.2.2 Produktionsvoraussetzungen und Marktentwicklung im Cluster
2.3 Erstellung einer Innovationspotenzialanalyse
2.3.1 Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft
2.3.2 Innovationsklima und -potenzial

3 Chancen und Risikobetrachtung
3.1 Positive Aspekte des Clusters der Maritimen Industrie
3.1.1 Chancen für beteiligte Unternehmen und Institutionen
3.1.2 Chancen für die Metropolregion Hamburg
3.1.2.1 Ökonomische Effekte
3.1.2.2 Soziale Effekte
3.2 Negative Aspekte des Clusters der Maritimen Industrie
3.2.1 Risiken für beteiligte Unternehmen und Institutionen
3.2.2 Risiken für die Metropolregion Hamburg

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Der Begriff des Clusters wurde in den 1990er Jahre durch den Ökonomen Michael E. Porter populär.[1] Er hat die Grundidee des Clusterkonzepts, die insbesondere in den klassischen Theorien (Strukturalismus, Regulations- und Werttheorie etc.) ihren Ursprung hatte, aufgegriffen und nicht nur als analytischen Ansatz, sondern vor allem als Politik- und Managementstrategie konzipiert. Viele Autoren kritisierten am Porterschen Clusterkonzept jedoch, dass es sich zu einseitig auf die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit von Clustern konzentriert und folglich sozio-kulturelle Faktoren der Clusterbildung vernachlässigt. Nichtsdestotrotz befassten sich ab Ende der 1990er Jahre verstärkt Vertreter der Wirtschaftsgeografie und benachbarter Disziplinen mit der genaueren Konzeptualisierung und Konturierung des (ihres Erachtens) unscharfen Ansatzes, sodass das Clusterkonzept nicht mehr ausschließlich mit Porter in Verbindung gebracht wurde. So entwickelten sich weitere grundlegende Ansätze, beispielsweise die Agglomerationstheorie der industriellen Distrikte. Gegenwärtig wird der Mehrwert des Clusterkonzepts insbesondere darin gesehen, dass es verschiedene Perspektiven zur Erklärung industrieller Agglomerationen innerhalb eines Raumes zusammenführt und damit einen integrativen Diskurs über Disziplingrenzen hinweg ermöglicht. In diesem Sinne wird auch in der vorliegenden Arbeit der Begriff des regionalen Clusters verwendet. Zugrunde liegt also nicht das ursprüngliche Konzept von Porter, sondern ein umfassenderes Konzept, das regionale Cluster als reale Phänomene industrieller Agglomerationen versteht.

Die Hauptaufgabe der vorliegenden Arbeit besteht nun darin, das Maritime Cluster (und speziell den Bereich der Maritimen Industrie) der Metropolregion Hamburg zu analysieren und Möglichkeiten und Grenzen aufzuzeigen, die mit der Clusterbildung und -entwicklung einhergehen.[2] Das genauere Ziel dieser Arbeit ist es, die Chancen und Risiken, die sich aus der räumlichen Zusammenballung und Vernetzung von Unternehmen bzw. Institutionen ergeben können, zu analysieren und anhand des Clusters der Maritimen Industrie zu untersuchen, ob und in welchem Maße diese auch in Bezug auf die Metropolregion Hamburg (einschließlich der beteiligten Akteure) gegeben sind. Dabei interessieren Fragen wie die folgenden: Welche Merkmale zeichnen einen Cluster aus? Aus welchen Branchen setzt sich das Maritime Cluster zusammen? Und wie gestalten sich die Verflechtungsbeziehungen innerhalb des zu untersuchenden Clusters konkret?

Um diese Fragen systematisch abhandeln zu können, wurde diese Hausarbeit in drei Kapitel unterteilt: Im ersten Kapitel werden mit den Merkmalen eines Clusters und auch den Erklärungsansätzen für die Ballung wirtschaftlicher Aktivität im Raum zunächst theoretische und begriffliche Ausgangspunkte dieses Untersuchungsfeldes abgehandelt. Im zweiten Kapitel folgen eine Clusterpotenzialanalyse und eine Innovationspotenzial­analyse, die beide aufzeigen sollen, wie ausgeprägt das zu untersuchende Cluster in der Metropolregion gegenwärtig ist und welche Entwicklungsmöglichkeiten es beinhaltet. Im dritten und letzten Kapitel soll, insbesondere auf Grundlage dieser Erkenntnisse, versucht werden, Chancen und Risiken für die am Cluster beteiligten Unternehmen und Institutionen sowie für die gesamte Metropolregion Hamburg abzuleiten.

Die Auswahl des Themas dieser Arbeit ist dem Umstand geschuldet, dass es über das Phänomen der Cluster zwar reichlich Literatur gibt – dass aber interessanterweise bisher keine Arbeit existiert, in der das ‚Gravitationszentrum‘ der Maritimen Wirtschaft in Deutschland, sprich das Maritime Cluster der Metropolregion Hamburg, analysiert worden wäre. Diese Analyse sei hiermit also nachgeholt.

1 Theoretische Grundlagen des Clusters

Im Wettbewerb der Regionen werden sowohl für die Regionen selbst als auch für Unternehmen und Institutionen, die in ihnen ihren Sitz haben, Faktoren wie Innovationsfähigkeit und -schnelligkeit sowie die generelle Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit immer wichtiger. Obwohl sich der Wettbewerb und die ökonomischen Aktivitäten mehr und mehr globalisieren, sind die entscheidenden Wettbewerbsvorteile oft standortbezogen in der Region zu suchen. Es scheint, als seien Cluster das Laboratorium einer neuen Etappe des Kapitalismus, einer Etappe zur Steigerung sozialer Produktivität und für eine neue Politikform überhaupt, die, in erster Näherung, an die Stelle der kapitalistischen Deregulierung im ausgehenden 20. Jahrhundert tritt (vgl. Hartmann/Geppert 2008, S. 9). Was verbirgt sich hinter dem Begriff des Clusters konkret?

1.1 Definition des Clusterbegriffs

Der Clusterbegriff und seine theoretischen Implikationen werden in den Wirtschaftswissenschaften zunehmend kontrovers diskutiert. So sind Cluster nicht zuletzt aufgrund ihrer definitorischen Unschärfe zu einem ‚geflügelten‘ Wort in der Regionaldebatte geworden. In der Literatur existieren teilweise recht unterschiedliche Auffassungen und Abgrenzungen dieses Begriffs. Einerseits werden Cluster (vor allem in Anlehnung an Porter) relativ eng als räumliche Konzentration von miteinander verbundenen spezialisierten Unternehmen definiert, andererseits jedoch recht weit als eine organisatorische Bündelung und Intensivierung innovativer Energien, gepaart mit aggressiven Sozialstrategien des postfordistischen Kapitalismus innerhalb einer Region (vgl. ebd., S. 23).

Grundlegend lässt sich festhalten, dass ein Cluster eine ortsgebundene konzentrierte Gruppe von Unternehmen bzw. verwandten Institutionen ist, deren Aktivitäten in einem bestimmten Feld miteinander verwandt sind, sich einander ergänzen und mehr oder minder koordiniert und aufeinander abgestimmt sind. Demzufolge bestehen Cluster aus mehr als nur einer Branche. Ihre geografische Konzentration und räumlich-infrastrukturelle Aufeinanderbezogenheit ist dabei der wesentliche Aspekt (vgl. van der Linde 2005, S. 20).

1.2 Merkmale eines Clusters

Aufgrund der Vielzahl existierender Begriffsabgrenzungen (siehe Abschnitt 1.1) werden den Clustern teilweise (je nach wissenschaftlicher Disziplin) unterschiedliche Merkmale zugeschrieben. Grundlegend für einen Cluster sind i. d. R. folgende zwei Aspekte: die räumliche Konzentration von Akteuren sowie deren Form der Zusammenarbeit, also die Verflechtungen bzw. Vernetzung untereinander (vgl. Koschatzky 2005, S. 53 ff.). Dabei ist es insbesondere der Vernetzungsaspekt, dessen Bedeutung und Konturierung in den Wirtschaftswissenschaften stark variieren. Hier reicht die Bandbreite der Abgrenzung der Akteursbeziehungen von einer reinen produktionstechnisch orientierten Zulieferer-Abnehmer-Beziehung bis zu koordinierten Netzwerken als Kernen der Cluster (vgl. Mitschke 2009, S. 95 ff.). Im folgenden Abschnitt sei zunächst der Aspekt der räumlichen Konzentration genauer betrachtet.

1.2.1 Räumliche Konzentration

Eines der grundlegenden Merkmale von Clustern ist die räumliche Konzentration von Akteuren in einem Wissens- und Tätigkeitsfeld. Porter spricht in diesem Zusammenhang von einer kritischen Masse, die innerhalb einer räumlichen Ebene (z. B. Stadt, Stadtteil, Region etc.) zwar konzentriert, aber dennoch nicht an administrativ-staatliche Grenzsetzungen gebunden ist (vgl. Porter 1998, S. 78). Wie viele Akteure bilden eine kritische Masse, die für die Entstehung eines Clusters notwendig ist? Die Ausführungen von Porter geben keine exakte Auskunft darüber. Fest steht nur, dass ein Cluster eine bestimmte (undefinierte) Mindestzahl von Akteuren umfassen muss, da sich ansonsten keine funktionsfähigen synergetischen Beziehungen entwickeln können. Mit Blick auf die Makro- und Mikroebene handelt es sich um ein Aggregat, das unterhalb eines Bundeslandes und oberhalb eines Unternehmens bzw. einer Institution anzusiedeln ist (vgl. Bruch-Krumbein/Hochmuth 2000, S. 44 ff.). Allerdings kann aufgrund der räumlichen Konzentration nicht zwangsläufig auf die Existenz eines Clusters geschlossen werden. Rehfeld unterscheidet diesbezüglich zwischen den Begriffen location economies und urban economies (vgl. Rehfeld 1999, S. 66). Unter Ersterem ist die Häufung von Akteuren zu verstehen, die in gleichen bzw. ähnlichen Bereichen tätig sind (also in weitestem Sinne Cluster darstellen), während sich die Bezeichnung urban economies lediglich auf die Konzentration von Unternehmen und Institutionen unterschiedlicher Branchen bezieht, die keine gemeinsame Grundlage für eine Zusammenarbeit haben und somit nicht der Definition eines Cluster entsprechen (siehe Abschnitt 1.1). Aus welchen Unternehmen und Institutionen setzt sich die Gruppe der Akteure zusammen?

Die wichtigsten Akteursgruppen sind, abgesehen von miteinander verbundenen Unternehmen, spezialisierte Zulieferer und Dienstleister, Unternehmen verwandter Branchen sowie verschiedenste Institutionen (Universitäten, Fachhochschulen, Unternehmensverbände etc.). Da die Akteure einerseits (entlang einer Wertschöpfungskette) Kooperationen eingehen, von denen sie gegenseitig profitieren, aber andererseits (im Falle mehrerer Wertschöpfungsketten) in Konkurrenz zueinander stehen, stellt ein Cluster nicht nur die räumliche Konzentration von miteinander verbundenen Unternehmen bzw. Institutionen dar, sondern die Konzentration aller Akteure, die miteinander konkurrieren bzw. kooperieren.

Die räumliche Konzentration von Unternehmen und Institutionen eines Wissens- und Tätigkeitsfeldes ist zwar eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung für die Existenz bzw. Funktionsfähigkeit eines Clusters. Nach Rosenberg müssen innerhalb dieses ‚Gebildes‘ auch aktive Kanäle für wirtschaftliche Transaktionen und Kommunikation existieren (vgl. Rosenfeld 1997, S. 10). Die Verflechtungen bzw. Vernetzung zwischen den Akteuren als wichtiges weiteres Merkmal von Clustern sollen nun etwas näher betrachtet werden.

1.2.2 Verflechtungen bzw. Vernetzung der Akteure

Nach Rehfeld existieren in einem Cluster drei Arten von Verflechtungen: Die erste ist eine gemeinsame Infrastruktur, die sowohl die wirtschaftliche als auch soziale Entwicklung eines Raumes ermöglicht. Hierbei ist, abgesehen von der personellen und institutionellen Infrastruktur, vor allem der produktionsorientierte Teil der Infrastruktur (Verkehrsanbindung, Gewerbeflächen, Kommunikationsnetze, Ver- und Entsorgungseinrichtungen etc.) von grundlegender Bedeutung (vgl. Rehfeld 1999, S. 69).

Die Produktions- und Zuliefererverflechtungen, bei denen es sich um marktvermittelte Aktivitäten entlang der Produktionskette handelt, sind die zweite Art. Verflechtungen, die auf dem Kauf von Rohstoffen basieren, werden dabei als technisch-stoffliche Verflechtungen bezeichnet. Derart vernetzte Produktionscluster sind unmittelbar an Rohstoffstandorte gebunden und weisen i. d. R. eine starke räumliche Konzentration auf. Es gibt aber auch Verflechtungen, die lediglich auf den Zukauf von Teilen und Komponenten beschränkt sind, sowie Verflechtungen im Bereich produktionsorientierter Dienstleistungen, die entweder wissens- und tätigkeitsfeldübergreifend oder in spezialisierter Form für einzelne Produktionsketten angeboten werden (vgl. ebd., S. 73).

Bei der dritten Art, den informellen Verflechtungen innerhalb eines Clusters, wird zwischen einem direkten und indirekten Informationsfluss unterschieden. Ersterer findet beispielsweise in Form von Gesprächen auf Konferenzen statt und kann entweder zufällig oder organisiert erfolgen. Der indirekte Informationsfluss tritt hingegen vorwiegend in der Form auf, dass qualifizierte Mitarbeiter von einem Unternehmen bzw. einer Institution zu anderen Unternehmen oder Institutionen wechseln und so als eine Art ‚Wissensträger‘ fungieren (vgl. ebd., S. 79 ff.).

Während Rehfeld insbesondere die herrschenden Marktbeziehungen hervorhebt und in seiner Clusteranalyse Verflechtungen in Form eines Netzwerkes ausblendet, geht die relationale Wirtschaftsgeografie (aufbauend auf dem Konzept der embeddedness von Mark Granovetter) davon aus, dass die Akteure in ein regionales Umfeld eingebettet sind.[3] Die räumliche und soziale Nähe schafft für die Akteure die grundlegenden Voraussetzungen für den Austausch von implizitem, personengebundenem Wissen. Das gemeinsame sozio-institutionelle Umfeld und die räumliche Nähe können dabei die Vertrauensbildung erleichtern und Innovationsprozesse fördern, die häufig in einem regionalen Kontext stattfinden (vgl. Bathelt/Glückler 2003, S. 162).

1.3 Erklärung der Ballung wirtschaftlicher Aktivität im Raum

Die im Verlauf der Jahre gewachsene räumliche Wirtschaftsstruktur und insbesondere die Ballung der wirtschaftlichen Aktivität im Raum wurden in der Vergangenheit mit zwei Erklärungsansätzen (der räumlichen Ökonomik) zu deuten versucht: dem first nature- und second nature- Ansatz.

Den first nature -Erklärungen zufolge führen inhärente Standortvorteile, beispielsweise das Vorkommen natürlicher Ressourcen, bestimmte Klimabedingungen oder auch der Zugang zu Wasserwegen, zu räumlichen Ballungen. Sogenannte second nature -Erklärungen gehen hingegen von einem endogenen Prozess aus, in dem sich aufgrund zirkulärer bzw. kumulativer Kräfte eine zufällige kleine Abweichung von einer anfänglichen relativen Gleichverteilung der wirtschaftlichen Aktivität in einer Art ‚Schneeballeffekt‘ selbst verstärkt und vergrößert (vgl. Pflüger 2007, S. 1 ff.).

Allerdings hat die von Paul Krugman, Anthony Venables und Masahira Fujita geprägte Neue Ökonomische Geografie diese beiden Erklärungsansätze abgelöst.[4] Das entscheidende Abgrenzungsmerkmal gegenüber den Ansätzen der räumlichen Ökonomik liegt dabei in deren Fokussierung auf Marktgrößeneffekte, die mikroökonomisch fundiert und in Modellen allgemeinen Gleichgewichts mit unvollkommenem Wettbewerb auf den Gütermärkten abgebildet werden (vgl. ebd., S. 2 ff.).

Innerhalb der Neuen Ökonomischen Geografie gibt es zwei Mainstreams: das von Krugman entwickelte Kern-Peripherie-Modell und ein alternatives Modell der verflochtenen industriellen Produktion, das von Venables und Krugman gemeinsam formuliert wurde.[5]

1.3.1 Grundsätzliche Annahmen

Damit das Konzept des Raumes überhaupt einen wirtschaftlichen Sinn erhält, wird in beiden Hauptrichtungen unterstellt, dass der Transport von Gütern Kosten verursacht. Ebenso nehmen beide Ansätze an, dass auf Unternehmensebene mit steigenden Skalenerträgen, sprich sinkenden Durchschnittskosten produziert wird (vgl. Krugman 1998, S. 9). Aus dieser Annahme folgt zum einen, dass jedes industriell hergestellte Gut nur an einem bestimmten, nämlich dem kostengünstigsten Ort produziert wird. Zum anderen impliziert diese Annahme, dass auch die Größe des Marktes (wie von Adam Smith, dem Begründer der klassischen Nationalökonomie, einst beschrieben) für die Ansiedlung von Unternehmen von großer Relevanz ist. Die Annahme steigender Skalenerträge auf Unternehmensebene verlangt, dass auf den Gütermärkten unvollkommener Wettbewerb herrscht, auch wenn typischerweise ein monopolistischer Wettbewerb unterstellt wird (vgl. Krugman 1991, S. 483 ff.). Aufgrund des freien Markteintritts und -austritts ergibt sich dann ein Gleichgewicht, bei dem die Unternehmen gerade kostendeckend arbeiten. Um alle möglichen first nature-Faktoren auszuschalten (siehe Abschnitt 1.3), gehen beide Ansätze von zwei anfänglich in allen Belangen identischen Regionen aus (vgl. Pflüger 2007, S. 2 ff.). Wie kann unter diesen Annahmen die Ballung wirtschaftlicher Aktivität im Raum erklärt werden?

1.3.2 Das Kern-Peripherie-Modell von Krugman

Das Kern-Peripherie-Modell (mit mobilen Arbeitskräften) geht davon aus, dass sich Unternehmen aus Gründen der Profitabilität in der Nähe großer Absatzmärkte niederlassen.[6] Dadurch können sie hohe Löhne zahlen und die für die Produktion benötigten qualifizierten Arbeitskräfte anlocken (Nachfragevorteil). Die Unternehmen bevorzugen große Märkte aber auch, weil sie Güter (anders als an entlegenen Orten) zu geringen Handelskosten beziehen können (Kostenvorteil). Märkte werden jedoch insbesondere dadurch groß, dass sich viele mobile Arbeitskräfte an ihren Standorten ansiedeln. Demzufolge ist das zirkuläre Element bei der Erklärung räumlicher Ballung evident, d. h., ist ein Standort anfänglich größer als ein anderer, führen die genannten Nachfrage- und Kostenvorteile dazu, dass sich weitere mobile Arbeitskräfte und auch Unternehmen ansiedeln (vgl. ebd., S. 3 ff.). Diese Konzentration von produzierenden Unternehmen führt zu steigenden Skalenerträgen, d. h. zu höheren Gewinnen durch Massenproduktion (economies of scale) – ein Faktor, der in den ausschließlich mathematisch formulierten Modellen der neoklassischen Ökonomie nicht berücksichtigt wurde, obwohl er zu positiven externen Effekten (unentgeltliche Vorteile für alle am Cluster beteiligten Akteure), insbesondere in Form der Verbreitung technologischer Neuerungen führt (vgl. Krugman 2000, S. 49).

Ein ökonomisches Agglomerationsmodell muss jedoch neben den Konzentrationskräften, welche die räumliche Konzentration von Unternehmen forcieren, auch die Dispersionskräfte erklären können, sprich die räumliche Verteilung der Unternehmen in der Fläche. Ansonsten würde den genannten Selbstverstärkungsmechanismen keine Kraft entgegenstehen und die räumliche Ballung der wirtschaftlichen Aktivität wäre unaufhaltsam. Im Standardmodell gelingt das aufgrund der Berücksichtigung einer deglomerativen Kraft. Krugman unterstellt, dass ein Teil der Arbeitskräfte immobil ist und jeweils zur Hälfte in zwei verschiedenen Regionen angesiedelt ist. Da die Nachfrage lokal gleich verteilt ist, siedeln sich die Unternehmen je zur Hälfte an beiden Standorten an. Eine hypothetische Umsiedlung von Unternehmen (ausgehend von dieser Gleichverteilung) würde in der sich daraufhin vergrößernden Region einen intensiveren Wettbewerb auf dem Absatzmarkt verursachen. Das hätte zur Folge, dass den Arbeitskräften nur ein geringerer Lohn bezahlt werden könnte als in der kleineren Region, wodurch wiederum nicht genügend qualifizierte Arbeitskräfte angelockt werden könnten. Dieser sogenannte Wettbewerbseffekt führt also dazu, dass sich die Unternehmen im Raum ausbreiten (vgl. Pflüger 2007, S. 3 ff.). Die räumlichen Implikationen des Modells von Krugman können mittels eines Bifurkationsdiagramms abgebildet werden.[7]

Anteil mobiler Arbeitskräfte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Bifurkationsdiagramm für das Krugman Kern-Peripherie-Modell (in Anlehnung an Pflüger 2007, S. 5)

In Abbildung 1 wird ersichtlich, dass das Gleichgewicht bei voller Dispersion und hohen Handelskosten stabil ist und erst unterhalb der kritischen Schwelle TB (break point) instabil wird. Wird diese Schwelle aufgrund eines Prozesses der Handelsintegration zwischen zwei anfänglich identischen Regionen erreicht, so destabilisiert sich das Gleichgewicht abrupt und es entsteht auf ‚katastrophische Weise‘ eine vollständige Agglomeration innerhalb einer Region. Im Modell von Krugman sind die Peripherie-Gleichgewichte aber bereits unterhalb der kritischen Schwelle TS (sustain point) stabil (TS > TB). Das liegt in der Hysterese-Eigenschaft des Modells begründet, d. h., wird eine Handelsliberalisierung, die zur katastrophischen Agglomeration geführt hat, rückgängig gemacht, so verharrt die Ökonomie im Kern-Peripherie-Zustand, solange die Handelskosten unterhalb von TS liegen (vgl. ebd., S. 4 ff.).

1.3.3 Modell der verflochtenen industriellen Produktion

Im Kern-Peripherie-Modell von Krugman sind wirtschaftliche Agglomerationen Marktgrößeneffekte. Es ist (in der hier betrachteten Modellvariante) vor allem für Regionen relevant, deren Arbeitskräfte sehr mobil sind. Allerdings können marktgrößeninduzierte endogene Agglomerationen auch erklärt werden, wenn die Arbeitskräfte wenig mobil bzw. sogar vollständig immobil sind.

Der entscheidende Faktor ist in diesem Kontext der Kostenvorteil, den die Final- und Zwischengüterproduzenten aufgrund der räumlichen Nähe zueinander haben. Hierbei profitieren die Endgüterproduzenten von der Nähe der Zwischengüterproduzenten, da sie auf diese Weise ihre Zwischengüter günstig, also zu vergleichsweise geringen Handelskosten beziehen können. Für die Zwischengüterindustrie ist die lokale Nähe zu den Endgüterproduzenten hingegen vorteilhaft, weil sie dadurch einen großen Absatzmarkt für ihre Zwischenprodukte hat. Venables und Krugman haben in Anlehnung an diese Idee ein alternatives Modell der industriellen Verflechtung geschaffen, dessen Eigenschaften denen des Standard-Peripherie-Modells sehr nahe kommen. Im Bifurkationsdiagramm in Abbildung 1 muss dabei gedanklich folgende Veränderung vorgenommen werden: Während auf der Abszisse auch weiterhin die Handelskosten (nun aber in Bezug auf die Zwischen- und Endgütertauschprozesse zwischen zwei Regionen) abgetragen werden, muss man sich auf der Ordinate den Anteil der Beschäftigten abgetragen denken, die in einer der beiden betrachteten Regionen im Industriegütersektor arbeiten, wobei die anderen Arbeitskräfte in anderen Sektoren der betrachteten Volkswirtschaft beschäftigt sind (vgl. ebd., S. 5 ff.). Durch das Modell der industriellen Verflechtung wird der Blickwinkel weg von einer bloßen Agglomeration der Arbeitskraftressourcen, sprich der mobilen Arbeitskräfte, und hin zu einer geografischen Konzentration von Unternehmen, Branchen und Industriezweigen gelenkt und somit ein Erklärungsansatz für industrielle Cluster geliefert (vgl. Fujita/Mori 2005, S. 382 ff.). Allerdings schließen sich beide Agglomerationsmodelle, trotz teilweise unterschiedlicher Sichtweisen, nicht gegenseitig aus, sondern sind häufig in fruchtbarer Weise miteinander verbunden.

1.4 Bedingungen für eine positive Clusterwirkung

Ein Cluster sollte, gemessen am Gesamtpotenzial der Region, eine signifikante Mindestgröße aufweisen (Anzahl der Akteure, Innovationsoutput, Steueraufkommen etc.). Zwar ist dies keine formale Voraussetzung für die Existenz eines Clusters – für die regionalwirtschaftliche Wirksamkeit des Clusters ist eine bestimmte Größe jedoch unabdinglich.

Auch die Verteilung der Größenklassen bei Unternehmen bzw. Institutionen sollte so aussehen, dass Diversifizierung erkennbar ist, d. h., ein Cluster sollte weder nur kleine noch nur große Einrichtungen umfassen. Hierbei sollten originäre Neugründungen aus der Region stets in angemessener Zahl und Qualität vorhanden sein. Schließlich können nur aus solchen Start-ups die angestrebten „Gazellen“ (Sternberg 2005, S. 131) und dann irgendwann neue Großunternehmen oder andere relevante Marktteilnehmer hervorgehen. Deren regionale Bindung ist dann sehr groß und führt zu den seitens der Wirtschaftspolitik von Clustern erhofften Beschäftigungseffekten innerhalb der Region.

Zudem ist ein an den regionalen Potenzialen orientierter Branchenmix im Cluster (siehe Abschnitt 1.2.1) von enormer Bedeutung. Hierbei sollten sich die Unternehmen bzw. Institutionen der einzelnen Branchen zwar so ähnlich wie möglich sein, um die notwendige Spezifität der Region zu erreichen, aber dennoch auch bis zu einem gewissen Grad durch Heterogenität gekennzeichnet sein, um Lerneffekte zu generieren (vgl. Sternberg 2005, S. 130 ff.).

2 Analyse des Maritimen Clusters

Um die Chancen und Risiken aufzuzeigen, die sich aus der Vernetzung maritimer Branchen für die Metropolregion Hamburg (einschließlich aller am Cluster beteiligten Akteure) ergeben, ist es zunächst erforderlich, das Maritime Cluster entsprechend zu analysieren. Maritime Cluster setzen sich aus einem sehr vielfältigen Branchenspektrum der Maritimen Wirtschaft zusammen, wobei einzelne Kernsegmente in ihrer Genese und ihren Strukturen teilweise stark divergieren, aber nichtsdestotrotz aufgrund ihrer starken Wechselbeziehungen und ihrer relativ starken Standortgebundenheit eine in sich zusammengehörige Einheit darstellen. In der Metropolregion Hamburg stellt das Maritime Cluster ein interaktives ‚Gebilde‘ mit vielfältigen Austauschbeziehungen dar, das wiederum in das Maritime Verbundcluster Norddeutschlands eingebunden ist.[8]

[...]


[1] Michael E. Porter (1947 geboren) ist Universitätsprofessor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard Business School und Leiter des Institute for Strategy and Competitiveness. Er gilt als einer der führenden Managementtheoretiker, der u. a. aufgrund seines Buches über die „Wettbewerbsfähigkeit der Nationen“ (1991) und seiner späteren Arbeiten über Cluster bekannt geworden ist, in denen er sein Konzept der Außenwirtschaftstheorie auf die regionale Entwicklung ausgedehnt und dabei den Industriedistrikt als Spezialfall integriert hat.

[2] Als Metropolregion gelten Räume, in denen sich politische und wirtschaftliche Steuerungsfunktionen, spezialisierte Dienstleister, ein international wahrnehmbares Kulturangebot sowie eine hoch entwickelte Infrastruktur konzentrieren. Dem in dieser Arbeit als Metropolregion Hamburg bezeichneten Untersuchungsraum bilden die Freie und Hansestadt Hamburg sowie die Landkreise Cuxhaven, Stade, Harburg, Lüneburg, Rotenburg (Wümme), Soltau-Fallingbostel, Uelzen und Lüchow-Dannenberg.

[3] Mark Granovetter (1943 geboren) gilt als einer der bedeutendsten modernen Soziologen und als ‚Urvater‘ des Netzwerkgedankens. Er hat den Begriff der sozio-institutionellen embeddedness geprägt. Hiernach sind die ökonomischen Interaktionen der Akteure entscheidend durch soziale Netzwerke beeinflusst, die die Grenzen von Unternehmen überlagern (vgl. Gordon/McCann 2000, S. 514 ff.).

[4] Die Neue Ökonomische Geografie ist ein neuer Ansatz der Außenwirtschaftstheorie, der räumliche Agglomerationsprozesse in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt. Paul Krugman (1953 geboren), Anthony Venables (1953 geboren) und Masahira Fujita (1956 geboren) gelten als Pioniere der Neuen Ökonomischen Geografie. Hierbei ist es insbesondere Krugman, aus dessen Theorie sich positive Impulse für die Regionalentwicklung in Clustern herleiten lassen, da er aus einem weiten wirtschaftswissenschaftlichen Kenntnishintergrund schöpft. Krugman ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University und seit 2008 Träger des Wirtschaftsnobelpreises.

[5] Beide Mainstreams beziehen sich ausschließlich auf Unternehmen. In der folgenden Analyse der Metropolregion Hamburg (Kapitel 2) sowie der mit der Clusterbildung verbundenen Chancen und Risiken (Kapitel 3) werden jedoch nicht nur Unternehmen, sondern auch Institutionen (Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen etc.) einbezogen, da sie ebenfalls zur Gruppe der Akteure gehören (siehe Abschnitt 1.2.1).

[6] Krugman setzt sich in seinem Kern-Peripherie-Modell mit verschiedenen Konzepten der Entstehung industrieller Zentren auseinander. In der hier betrachteten Sichtweise basiert der Erklärungsansatz der Ballung wirtschaftlicher Aktivität im Raum insbesondere auf dem Aspekt der Mobilität der Arbeitskräfte, während in einer anderen Modellvariante beispielsweise davon ausgegangen wird, dass es ausschließlich der Einfluss der Transportkosten ist, der die Produzenten dazu bringt, sich in der Nähe großer Märkte anzusiedeln. Entscheidend ist in diesem Kontext jedoch nicht die Erklärungsgrundlage als solche, sondern vielmehr die Annahme, dass in urbanen Zentren und industriellen Kernen durch die größeren Märkte steigende Skalenerträge und eine hochspezialisierte Produktion entstehen.

[7] In Abbildung 1 ist auf der Abszisse das wachsende Handelskostenniveau T abgetragen. Auf der Ordinate hingegen sind die räumlichen Gleichgewichte anhand des Anteils mobiler Arbeitskräfte dargestellt. Die durchgezogenen Linien symbolisieren stabile und die gebrochenen Linien instabile Gleichgewichte.

[8] Die räumliche Lokalisation maritimer Branchen entlang der norddeutschen Küste sowie im angrenzenden Binnenland wird in ihrer Gesamtheit als das Maritime Verbundcluster Norddeutschland betrachtet. Die Besonderheit dieses Verbundclusters der maritimen Wirtschaft, bei dem die Metropolregion Hamburg das Gravitationszentrum bildet, sind die verschiedenen Kristallisationskerne sowie die zahlreichen Wertschöpfungsverflechtungen innerhalb bzw. zwischen den verschiedenen Teilräumen (vgl. Nord/LB/EBP/MR 2009, S. 241).

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Das Maritime Cluster der Metropolregion Hamburg
Untertitel
Welche Chancen und Risiken bestehen aufgrund des Clusters der Maritimen Industrie für die Metropolregion Hamburg und seine Akteure?
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Lernwerkstatt 2
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
47
Katalognummer
V215136
ISBN (eBook)
9783656428039
ISBN (Buch)
9783656435044
Dateigröße
1097 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
möglichkeiten, grenzen, clusterbildung, kritische, analyse, maritimen, clusters, metropolregion, hamburg, welche, chancen, risiken, industrie, akteure
Arbeit zitieren
Master of Arts (M.A.) Christian Kaufmann (Autor), 2012, Das Maritime Cluster der Metropolregion Hamburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215136

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