Der Elefant Karls des Großen. Kultureller Kontakt zwischen Muslimen und Christen im frühen Mittelalter


Hausarbeit, 2012

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Europa und der Islam
2.1 Krieg und Diplomatie
2.2 Kultur und Wissen
2.3 Handel

3. Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Karl der Große wäre ohne Mohammed nicht denkbar gewesen“1

Diese Kernthese von Henri Pirenne, die bereits aus den 1930er Jahren stammt, wurde in den letzten Jahrzehnten kontrovers diskutiert und von verschieden Standpunkten aus beleuchtet. In seinem Werk Mohammed and Charlemagne legt er als einer der ersten Historiker dar, wie sich zwei Kulturen, die islamische und die westlich-christliche, zueinander verhalten und beeinflussen. Er geht davon aus, dass die Ausbreitung des Islam zu einer Spaltung des Mittelmeerraumes und zu einer wirtschaftlichen Umverteilung in diesem geführt hätte. Als Folge verlagerte sich der Handel in den Norden und Europa wurde von der urbanen Wirtschaft des Südens losgelöst. Somit diente der Islam Karl dem Großen bzw. dem Frankenreich als Mittler zu dieser urbanen Wirtschaftsstruktur.2

Auch in der heutigen politischen Diskussion über die Idee von Europa werden immer wieder die Rolle des Islam und der Umgang mit diesem kontrovers diskutiert. Es wird die Frage aufgeworfen, ob der Islam als Fremdkörper in dem christlich geprägten Europa anzusehen oder ob er legitimer Teil des von ihm geprägtem Europa ist.

Ziel dieser Arbeit ist es nun, den kulturellen Kontakt zwischen dem Islam und Europa in seinen Anfängen, dem frühen Mittelalter, herauszuarbeiten und zu beurteilen. Dafür ist eine Dreiteilung vorgesehen, die sämtliche Formen des Kontaktes abdecken sollen, um abschließend die Ergebnisse zusammenfassend auf die These Pirennes anzuwenden und klar zu ihr Stellung zu beziehen. Die Aktualität von Pirennes Werk spiegelt sich auch in der aktuellen Forschungsliteratur wieder: Seine formulierten Thesen werden aufgegriffen und kontrovers diskutiert. Ergebnisse der jüngeren Forschung, u.a. aus relativ jungen Forschungsdisziplinen, wie der Wirtschafts - und Sozialgeschichte oder der mittelalterliche Archäologie, fließen in die Thesen ein und erweitern diese.3

2. Europa und der Islam

Das Begriffspaar Europa und Islam zeigt auf den ersten Blick eine Asymmetrie auf, bezeichnet der Begriff Europa doch einen Kontinent und der Begriff Islam eine Religion.4 Also würde augenscheinlich das Begriffspaar Christentum - Islam besser passen. Allerdings bringt diese Gegenüberstellung der beiden Religionen Probleme mit sich. Das Christentum war in der Zeit des frühen Mittelalters alles andere als eine geeinte Religion. Es gab verschiedene Splittergruppen, die sich in zentralen, theologischen Aussagen widersprachen. Auch ist die Vorstellung, dass es nur die eine christliche Kirche gab, nicht zutreffend. Somit ließe sich ohne Einschränkung keine eindeutige Beziehung zwischen Christentum und Islam herausarbeiten, vielmehr müsste genauer definiert werden, welche konkrete christliche Gruppierung gemeint ist.5

Für die Muslime ist der Islam Religion, Gesetzeswerk und Kultur zugleich. Im Grundsatz ist er also viel mehr als nur der Glaube an einen Gott, er ist viel tiefer in der Gesellschaft bzw. in dem einzelnen verwurzelt, sodass er wesentlich Pluraler ist, als es das Christentum für die Christen ist.6 Daher ist es durchaus möglich einen Kontinent bzw. einen geographischen Raum mit dem Islam in Beziehung zu setzen. Für diese Arbeit muss allerdings Europa eingegrenzt werden: Wenn hier von Europa gesprochen wird, ist ausschließlich das von den Franken regierte, also das westliche Europa gemeint. Der östliche Teil, zu dem auch das byzantinische Reich gehörte, wird in dieser Arbeit außenvorgelassen, auch wenn es sicherlich ein lohnender Ansatz wäre dieses mit dem Islam zu vergleichen.

Als die Muslime Anfang des 8. Jahrhunderts in Spanien landeten7 und Mitte des 9. Jahrhunderts in Italien einfielen8, standen sich nun zwei Reiche gegenüber, die unterschiedlicher kaum sein konnten: Auf der einen Seite, das junge, auf den Handel spezialisierte und in vielen Bereichen sehr fortschrittliche islamische Reich, auf der anderen Seite das sich aus den Trümmern des römischen Reiches gebildete Frankenreich, das auf einer Agrargesellschaft basierte.9 Aus verschiedenen Darstellungen lässt sich festhalten, dass das Frankenreich dem islamischen Reich in vielen Punkten unterlegen war, wie z.B. relativ geringe Zahl von Analphabeten. An und für sich war das Frankenreich für die Muslime auch nicht weiter interessant war, da es sich, um es mit den Worten Fletchers auszudrücken, um „eine in sich gekehrte, rückwärts gewandte und äußerst konservative Kultur“10 handelte.

Dennoch gab es trotz oder auch gerade wegen diesen prägnanten Unterschieden zwischen diesen Kulturen diplomatischen Kontakt, Kultur - und Wissenstransfer und auch wirtschaftliche Beziehungen.

2.1 Krieg und Diplomatie

Die ersten Kontakte zwischen Europa und dem islamischen Reich waren von kriegerischer Natur: Die Muslime drangen bis zu den südlichen Grenzen des Frankenreiches vor, was die Grundlage des späteren kulturellen Einflusses auf Europa darstellte.11 Um aber verstehen zu können, weshalb die Muslime bis nach Europa vordringen konnten, muss zuvor geklärt werden, weshalb es zu einer kriegerischen Expansion gekommen war.

Der Kern dieser Bemühungen ist bereits in den Anfängen des Islams zu finden: Mohammed hatte es durch seine göttliche Offenbarung und die Verkündung des Islams erreicht, die rivalisierenden Nomadenstämme in Mekka bzw. Medina zu einen. Diese Nomadenstämme haben sich über Jahrhunderte überfallen und unternahmen Raubzüge, sog. Razzien, gegeneinander. Es war allerdings Usus, dass verbündete Stämme sich nicht untereinander bekriegten. Auch der Zusammenschluss zu einer Glaubensgemeinschaft, der Umma, war aus der Sicht der Nomaden eine Art Stamm, sodass diese (kriegerische) Energie sich nach außen richten musste. Verbunden mit diesem Sachverhalt ist der Begriff des gihad, was grob übersetzt „streben für Gott“ bedeutet, weshalb dieses Streben sich gegen die heidnischen Nachbarn richtete. Somit musste aus dem Verbund von nomadischer und islamischer Wertevorstellung eben diese nach außen gerichtete Expansion resultieren.12

Deshalb konnte es den Muslimen also gelingen in relativ kurzer Zeit ein neues Weltreich zu begründen, dass sich bis an die südlichen Grenzen des Frankenreiches ausdehnen sollte.

Über die Meerenge von Gibraltar gelangen 710 erste arabische Truppen nach Spanien, was 711 in einem gezielten Einfall mündete. Die islamischen Truppen konnten gegen den regierenden Westgotenkönig Roderich etliche Siege erkämpfen, was zur Folge hatte, dass die Zentralverwaltung der Westgoten zusammenbrach und 715 alle wichtigen Städte Spaniens besetzt werden konnten. Somit war Spanien de facto in der Hand der arabischen Eroberer und wurde Provinz des arabischen Kalifats.13

Im Jahr 732 wagten die Muslime einen Vorstoß über die Pyrenäen hin nach Gallien, wo sie jedoch in der Schlacht von Tours von dem fränkischen Hausmeier Karl Martell geschlagen wurden und 759 von König Pippin endgültig aus dem Frankenreich vertrieben wurden.14

Der nun herrschende Frieden in Spanien wurde nur von rivalisierenden Muslim- Gruppen gestört. Mit der Machtergreifung der Umajiden, einer der rivalisierenden Gruppen, wurde Spanien 756 ein unabhängiger, islamischer Staat, nachdem es 750 einen Dynastien-Wechsel innerhalb des arabischen Kalifats gegeben hatte. Die Umaijaden wurden von den Abbasiden abgelöst, was mit einer Verlagerung der Hauptstadt von Damaskus in das neu gegründete Bagdad einher ging. Die spanischen Umajiden holten rechtzeitig einen überlebenden Prinzen aus der Umaijiden-Synastie nach Spanien. Mit ihm an der Spitze setzte sich diese Splittergruppe durch. Als Emir `Abd ar-Rahman I. regierte dieser den neuen, unabhängigen Staat und begründete so eine neue Umaijaden-Dynastie auf dem europäischen Festland. In den folgenden Jahren wurde Spanien gänzlich geeint und war bis zum Fall von Toledo 1085 fest in arabischer Hand.15

Die Entwicklung in Sizilien und Italien stellte sich für die Araber schwieriger dar. Bereits im 7. Jahrhundert kam es zu ersten arabischen Überfällen auf Sizilien. Allerdings konnte keine feste, arabische Herrschaft installiert werden. Im Jahr 800 zeichnete sich eine Wende ab: Das arabische Geschlecht der Aglabiden wurde im Namen des Abbasiden-Kalifen in Bagdad Herrscher über Tunesien. 827 erreichte die Aglabiden ein Hilferuf von Sizilien, den diese dankend entgegen nahmen, hatte sie nun eine Legitimation, um auf Sizilien einzufallen. Die abschließende Besetzung kann auf 902 datiert werden. Von Sizilien aus bewegten sich die Araber auf das europäische Festland, nach Italien. 837 befanden sich die Muslime vor Neapel und besetzten schließlich 841 oder 847 Bari. 846 und 849 standen sie vor Rom. Dieses blieb aber nur durch Tributzahlungen des Papstes Johannes VIII. verschont. Allerdings war es den Arabern nicht möglich den Einfluss in Italien und Sizilien dauerhaft zu halten. Im 11. Jahrhundert wurden sie von normannischen Söldnern vertrieben.16

Über diese kriegerischen Auseinandersetzungen kam Europa erstmals mit dem Islam und dem arabischen Reich in Kontakt. Trotz oder gerade wegen diesem kriegerischen Kontakt kam es dennoch zu intensiven diplomatischen Kontakten zwischen den Franken und den Muslimen.17 Bereits vor der Regentschaft Karl des Großen kam es zu diplomatischen Kontakten zwischen seinem Vater Pippin, König der Franken und dem arabischen Kalifen Abῡ Dschafar al- Mansῡr.18

[...]


1 zitiert nach: FLETCHER, Richard, Ein Elefant für Karl den Großen. Christen und Muslime im Mittelalter, Darmstadt 2005, S. 70.

2 Vgl. ibid.

3 Vgl. ibid.

4 Vgl. CARDINI, Franco, Europa und der Islam. Geschichte eines Mißverständnisses, München 2001, S. 12.

5 Vgl. FLETCHER, Ein Elefant für Karl den Großen. Christen und Muslime im Mittelalter, Darmstadt 2005, S. 14 - 15.

6 Vgl. CARDINI, Europa und der Islam, S. 12 - 13.

7 Vgl. FLETCHER, Ein Elefant für Karl den Großen, S. 25.

8 Vgl. WATT, William Montgomery, Der Einfluß des Islam auf das europäische Mittelalter, Berlin 1992, S. 16 - 17.

9 Vgl. ibid. S. 58 - 59.

10 ibid. S. 59.

11 Vgl. ibid. S. 14.

12 Vgl. ibid. S. 18 - 19.

13 Vgl. ibid. S. 14 - 15.

14 Vgl. BOSL, Karl, Europa im Mittelalter,Darmstadt 2005, S. 146 - 147.

15 Vgl. WATT, Der Einfluß des Islam auf das europäische Mittelalter, Berlin 1992, S. 15 - 16.

16 Vgl. ibid. S. 16 - 18.

17 Vgl. FLETCHER, Ein Elefant für Karl den Großen, S. 59.

18 Vgl. CARDINI, Europa und der Islam, S. 26.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Elefant Karls des Großen. Kultureller Kontakt zwischen Muslimen und Christen im frühen Mittelalter
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Die Geburt Europas im Frühmittelalter
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V215158
ISBN (eBook)
9783668612402
ISBN (Buch)
9783668612419
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
elefant, karls, großen, kultureller, kontakt, muslimen, christen, mittelalter
Arbeit zitieren
Lars-Steffen Meier (Autor:in), 2012, Der Elefant Karls des Großen. Kultureller Kontakt zwischen Muslimen und Christen im frühen Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215158

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