Das Problem der Theodizee in David Humes „Dialoge über natürliche Religion“


Hausarbeit, 2006

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Theodizee-Problem in der natürlichen Religion
2.1 Si deus bonus, unde malum? – Das Problem der Theodizee
2.2 Besonderheiten der natürlichen Religion

3. Stellenwert des Theodizee-Problems im Kontext des Dialogs

4. Die Theodizee
4.1 Zehnter Dialog
4.2 Elfter Dialog

5. Zusammenfassung und weitere Aspekte

6. Literatur

1. Einleitung

In Humes postum erschienenem Werk Dialoge über natürliche Religion lässt er

– literarisch ausgefeilt – drei Disputanten über den zeitgenössischen Versuch der theologischen Rationalisten diskutieren, „die Annahme des Welturhebers durch Analogieschlüsse zu untermauern, um den religiösen Glauben mit erfahrungs- wissenschaftlichen Argumenten zu begründen und ihm dadurch größeres Ansehen zu verschaffen.“[1] Das Programm ist dadurch beschränkt auf die Frage nach der empirischen Bestimmbarkeit der göttlichen Prädikate. Dass eine Weltursache existiert, steht außer Frage, es geht vielmehr um die Möglichkeiten und Grenzen der

„Charakterisierung“ des Welturhebers.

Die Dialoge erhalten ihre Besonderheit dadurch, dass sie wahrhaftig dialogisch sind, da es zwar den „heimlichen Protagonisten“ Philo gibt, die anderen beiden Gesprächspartner Cleanthes und Demea aber mehr als nur dumme Stichwortgeber sind.[2]

Methodisch werden in der Arbeit zunächst das Theodizee-Problem an sich dargestellt und der Anspruch der natürlichen Religion. Aus diesem Verständnis heraus wird die Theodizee in den Kontext der Dialoge gestellt. Daraus ergeben sich wiederum das methodische Vorgehen der Disputanten und die Bedeutung des Theodizee-Problems für den Kontext.

2. Das Theodizee-Problem in der natürlichen Religion

2.1 Si deus bonus, unde malum? – Das Problem der Theodizee

Die Theodizee steht in einem langen religions- und philosophiegeschichtlichen Diskurs, obgleich der Begriff Theodizee erst auf Leibniz zurückgeht, der diesen aus dem griechischen ,0sóç’ (Gott) und ,6íny’ (Gerechtigkeit) nach Röm. 3,5 bildete.[3] Zwar ist das Thema kein primär theologisches, sondern ein philosophisches, doch beschäftigte es auch Christen, Buddhisten, Hinduisten etc.[4] Formal und methodisch führt der leibnizsche Begriff „bestimmte Implikationen des metaphysischen Rationalismus mit sich, nach denen die Theodizee das Unternehmen der gerichtsprozeßanalogen Rechtfertigung Gottes angesichts des Vorwurfs der Verantwortlichkeit für die Übel in der Welt beschreibt, wobei sich diese Rechtfertigung vor dem Gerichtshof der menschlichen Vernunft vollzieht. Sie formuliert die Anklage, benennt die entlastenden Argumente der Verteidigung und spricht auch das Urteil“.[5] Inhaltlich geht es im Wesentlichen um die Vereinbarkeit von Übel und Bösem in der Welt mit einem allmächtigen, weisen und gütigen resp. wohlwollenden Gott. Das Problem wird durch Epikurs Frage oder Trilemma in den „Dialogen über natürliche Religion“ auf den Punkt gebracht:

„Will er Übel verhüten und kann nicht? Dann ist er ohnmächtig. Kann er und will nicht? Dann ist er übelwollend. Will er und kann er? Woher dann das Übel?“[6]

Die Theodizee-Frage wird zum Problem durch die zugrunde gelegten Prädikate allmächtig und wohlwollend, die angesichts des Übels in der Welt kontradiktorisch resp. unvereinbar scheinen. Durch die Prädikate ist das Gottesbild schon implizit charakterisiert, das hier kurz expliziert werden soll: Die Theodizee-Frage würde sich bei einem göttlichen Dualismus von Gut und Böse gar nicht stellen.[7] Nur bezüglich eines

wohlwollenden Gottes stellt sich die Frage: „Unde malum?“. Das Wohlwollen des Gottes impliziert des Weiteren ein Bezug des Gottes auf die Menschen; meint also keinen „desinteressierten“ und von der Welt getrennten Gott. Mindestens die Schöpfung muss auf seine Aktivität zurückgehen und der Weltenlauf kann beispielsweise als eine von ihm „prästabilierte Harmonie“, wie Leibniz sie entwarf, vorgestellt werden, denn erst dadurch entsteht die Frage, warum er Leid, Schmerz und Übel zulässt. Noch akuter wird die Frage bei der theistischen Gottes-Vorstellung, nach der Gott nicht nur die Welt erschaffen hat, sondern auch weiterhin in ihr wirkt.

Die Antworten auf das Theodizee-Problem sind facettenreich.[8] In dieser Arbeit soll jedoch Humes Theodizee-Diskussion erörtert werden. Dazu muss zunächst der Rahmen resp. das zugrunde gelegte Gottesbild der natürlichen Religionen geklärt werden.

2.2 Besonderheiten der natürlichen Religion

Hume beschäftigt sich in seinem Dialog kritisch mit dem Religions-Verständnis und insbesondere mit den aufklärerisch-deistischen Argumentationsweisen zum Beweis der Gottesexistenz des 18. Jahrhunderts.[9] Wie er auch schon zum Beginn der Naturgeschichte der Religion andeutet, ist eine der beiden für ihn interessantesten Fragen, die nach der „Grundlage der Religion in der Vernunft“[10].

„Die vernünftige Religion der Deisten, auch natürliche Religion genannt, d.i. eine rationalistische, monotheistische Gotteslehre, steht somit im Gegensatz zu geoffenbarten Religionen, also den historisch-positiven Religionen […] [D]er religiöse Glaube wird nicht mehr als Faktum hingenommen und erklärt, sondern als Hypothese betrachtet, die grundsätzlich zu überprüfen ist.“[11] Der Deismus basiert im Wesentlichen auf dem so genannten und weiter unten erläuterten Design-Argument und der

Vorstellung, Gott sei zwar die Ursache der Welt, aber wirke nicht mehr in ihr. Im Gegensatz zur Scholastik wird die Vernunft nicht mit dem Geoffenbarten aquilibriert, sondern aus der Vernunft wird die Religion begründet. „Zugrundegelegt wird dabei also die Annahme einer reinen Vernunfts- bzw. Naturreligion, deren Glaubenssätze aus allgemeingültigen, dem Menschen eingeborenen religiösen Wahrheiten [bzw. einem religiösen Instikt] besteht, die erst im Laufe der geschichtlichen Entwicklung [durch Priestertrug und dogmatische Forderungen] verzerrt und [bis zum Aberglauben] entstellt worden sind. […] Dem Dogmenglauben der Kirche wird die Naturreligion, der

,Heiligen Schrift’ das ,Buch der Natur’ entgegengesetzt.“[12] In den Dialogen werden die rationalen Begründungen primär bezüglich des Wesens oder der Eigenschaften und eher sekundär hinsichtlich der Existenz Gottes diskutiert, da die ursprüngliche Ursache, namentlich Gott, zwar von keinem der drei Disputanten angezweifelt wird, jedoch Philos Argumente schließlich die rationale Begründung der Existenz fragwürdig machen.[13] Antizipierend kann man postulieren, dass Hume die Religion nicht auf der Vernunft gegründet sah, sondern auf dem Glauben, der jedoch nicht als ein Glaube der geoffenbarten (theistischen) Religion missverstanden werden darf.[14] Dies wird besonders deutlich am Ende des zehnten Abschnitts der Untersuchung über den menschlichen Verstand: „Vernunft allein reicht nicht aus, uns von [der] Wahrheit [der Religion] zu überzeugen; und wen der Glaube bewegt, ihr zuzustimmen, ist sich eines fortwährenden Wunders in seiner eigenen Person bewusst, das alle seine Verstandesprinzipien umkehrt und ihn bestimmt, das Gewohnheit und Erfahrung am meisten Entgegengesetzte zu glauben.“[15]

3. Stellenwert des Theodizee-Problems im Kontext des Dialogs

Warum die Vernunft nicht hinreicht die Religion zu begründen wird hauptsächlich bis zum zehnten Teil diskutiert. Dialog Zehn und Elf betreffen die Theodizee und im zwölften Dialog wird das in der Untersuchung über den menschlichen Verstand erwähnte Wunder deutlich, indem der Skeptiker Philo trotz der für ihn empirischen Widersprüchlichkeit ein Glaubensbekenntnis ablegt.

Im ersten Teil werden die Positionen der drei gegensätzlichen Gesprächspartner umrissen, die im Verlauf der Dialoge an Tiefe gewinnen: Der – in der Rahmenhandlung von Pamphilus – als unbeugsamer Rechtsgläubiger vorgestellte Demea vertritt einen orthodoxen, biblischen Offenbarungsglauben, der jedoch insofern stark mystisch ist, als dass die menschliche Erkenntnis unfähig ist Gottes Wesen zu begreifen. Cleanthes kann man als Vertreter der natürlichen Religion resp. des Deismus bezeichnen, da er rationalistisch versucht das Wesen Gottes zu bestimmen. Die Gegenposition nimmt der Skeptiker Philo ein. Aus den verschiedenen Position leitet sich das jeweilige Verständnis von Gott ab: Für den Rechtsgläubigen Demea beruht es auf einer Offenbarung, für Cleanthes auf dem empirisch-rationalen „Design-Argument“ und für Philo auf einem nicht beweis- und verifizierbaren natürlichen Glauben, der sich selbst „dem oberflächlichsten und stumpfsinnigen Denker überall“[16] aufdrängt.

Das aposteriorische Design-Argument[17] wird im zweiten Teil von Cleanthes eingeführt als Reaktion auf Philos Feststellung, dass wir „keine Erfahrung von Gottes Eigenschaften und Handlungen“[18] haben könnten:

[...]


[1] Hume, David: Dialoge über natürliche Religion. Neu bearb. u. hrsg. v. Gawlick, Günter. 5., erneut bearb. Aufl. u. mit erw. Bibliogr. Hamburg: Meiner 1980 (=Philosophische Bibliothek, Bd. 36), S. XXV. (Einleitung)

[2] Vgl. Kulenkampff, Jens: David Hume. Orig.-Ausg. München: Beck 1989 (=Beck’sche Reihe, 517: Große Denker), S. 145.

[3] Vgl. Honecker, Martin: Einführung in die theologische Ethik. Berlin [u.a.]: de Gruyter 1990, S. 367. Leibniz setzt sich mit dem Problem in Die Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels (1710) auseinander. Er wollte zeigen, dass unsere Welt die beste aller möglichen Welten ist.

[4] Vgl. Krause, Gerhard u. Gerhard Müller (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie. Bd. 33. Technik – Transzendenz. Berlin [u.a.]: de Gruyter 2002, S. 210-230.

[5] Ebd., S. 231. Zur rationalen Methode weiter unten (2.2 Besonderheiten der natürlichen Religion).

[6] Hume (wie Anm. 1), S. 86. Das von Philo verwendete und verkürzte Epikurzitat stammt aus De ira dei (13,20; Usener-Fragment 374) von Lactantius. Es wird auch das „angebliche Epikurfragment“ bezeichnet, da nur durch Lactantius’ Kritik an dem Epikur-Zitat dessen Urheber benannt wurde.

[7] Vgl. Honecker (wie Anm. 3), S. 368.

[8] So z. B. Leibniz’ „prästabilierte Harmonie“; Hegels Verweis auf das Gute des Ganzen, das Einzelerfahrungen des Leids ausblendet, also einer Depotenzierung des Bösen; Dionysius’ oder auch Thomas von Aquins’ Behauptung, das Böse sein nicht existent, sondern ein Mangel am Guten; Camus’ Atheismus (Vgl. dazu Honecker [wie Anm. 3], S. 368 u. Krause [wie Anm.4], S. 233), die verbreitete Ansicht eines undurchsichtigen, unhinterfragbaren Plans, eine Modifizierung des Prädikats allmächtig, die Erbsündenerklärung etc.

[9] Vgl. Krause, Gerhard u. Gerhard Müller (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie. Bd. 24. Napoleonische Epoche – Obrigkeit. Berlin: de Gruyter 1994, S. 81.

[10] Hume, David: Die Naturgeschichte der Religion. Über Aberglaube und Schwärmerei [u.a.]. Übers. u. hrsg. v. Lothar Kreimendahl. Hamburg: Meiner 1984, S. 1. Die andere betrifft den Ursprung der Religion in der Vernunft, die in der Naturgeschichte der Religion behandelt wird.

[11] Buchegger, Josef: David Humes Argumente gegen das Christentum. Frankfurt a. M. [u.a.]: Lang 1987 (=Europäische Hochschulschriften: Reihe 20. Philosophie, 225), S. 32.

[12] Buchegger (wie Anm. 11), S. 39.

[13] Vgl. Hume (wie Anm. 1), S.18.

[14] Vgl. Hume, David: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Übers. u. hrsg. v. Herbert Herring. durchges. u. verbess. Ausg. Stuttgart: Reclam 2003, S. 165. Im Traktat über die menschliche Natur und der Naturgeschichte der Religion scheint Hume den so genannten phyiko-theologischen (vernunftsmäßigen) Gottesbeweis resp. das Design-Argument noch zu akzeptieren. In den Dialogen über natürliche Religion und der Untersuchung über den menschlichen Verstand hingegen zweifelt er die Beweiskraft an. (Vgl. dazu Anm. d. Hrsg. von Hume [wie Anm. 10], S.101.) Ebenfalls in der Untersuchung (im X. Abschnitt) zeigt er, dass eine Offenbarungsreligion durch Wunder nicht legitimiert werden kann. (Vgl. Buchegger [wie Anm. 11], S. 83.)

[15] Hume (wie Anm. 14), S. 167.

[16] Hume (wie Anm. 1), S. 105.

[17] Die Bezeichnungen des Arguments variieren. Es wird nicht nur als argument from design bezeichnet, sondern auch als religiöse Hypothese, teleologischer oder physiko-theologischer Gottesbeweis. In der Regel wird, wenn nicht schon die Stoiker, vor allem Newton mit seinen wissenschaftlichen Methoden als Wegbereiter für dieses Argument genannt. (Vgl. Buchegger [wie Anm. 11], S. 82f.)

[18] Ebd., S. 19.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Problem der Theodizee in David Humes „Dialoge über natürliche Religion“
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Philosophisches Fakultät I - Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Tugendethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V215179
ISBN (eBook)
9783656431961
ISBN (Buch)
9783656437536
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
problem, theodizee, david, humes, dialoge, religion
Arbeit zitieren
Johannes Key (Autor), 2006, Das Problem der Theodizee in David Humes „Dialoge über natürliche Religion“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215179

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