Konzeption der truiwe und instrumentalisierte Minnethematik in Konrads von Würzburg "Engelhard"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Begriffserklärung
2.1. Die triuwe: Eigenschaft und Fundament der Feudalgesellschaft
2.2. Mhd. t riuwe versus nhd. Treue

III. Die Realisierung der triuwe Konzeptionen im Engelhard
3.1. Der Prolog
3.2. Die Apfelprobe
3.3. Der Rollentausch und das manipulierte Gottesurteil
3.4. Die Aussatzerkrankung von Dietrich und das Opfern Engelhards Kinder

IV. Die instrumentalisierte Minnehandlung
4.1. Engeltruds triuwe
4.2. Die Frau von Dietrich

V. Fazit

VI. Abstract

VII. Bibliographie

I. Einleitung

Die Konzeption der triuwe soll in der vorliegenden Arbeit in Hinsicht auf den mhd. Bedeutungsspektrum genauer betrachtet werden. Das gewählte Thema ergab sich aus der Beobachtung der marginalen Bedeutung der triuwe im Mittelalter und der Prä- senz dieser Thematik in dem Werk Engelhard von Konrad von Würzburg. In diesem Kurzroman macht Konrad von Würzburg das Freundschaftsmotiv zu einem zentralen Thema. Dieses Freundschaftsmotiv wird durch das Konzept der triuwe realisiert und auch konsolidiert. Dieses angeführte Freundschaftsmotiv trägt die Handlung der Protagonisten. Indes spielt die Minnehandlung innerhalb des fiktionalen Geschehens lediglich eine untergeordnete Rolle und wird geradezu instrumentalisiert, da diese unter anderem zu einer ersten Freundschaftsprobe führt. Ferner gewinnt die Freund- schaft durch die Unterordnung der Minnethematik eine höhere Relevanz.

Die Widersprüche und Ambivalenzen, die vom Autor offenbar bewusst nicht aufge- löst werden,[1] sorgen für eine Komplexität der Interpretation dieses Werks, trotz der Überschaubarkeit der Thematik.[2] Allerdings machen gerade diese verschiedenen Interpretationsansätze und Polyvalenz diesen Text überaus interessant.

Die Gesamtheit der Interpretationsmöglichkeiten werde ich in den folgenden Ausfüh- rungen kaum erläutern können. Um den Rahmen der vorliegenden Ausführungen nicht zu sprengen, konzentriere ich mich daher auf die Frage, ob eine Ambivalenz der triuwe -Konzeption im Werk vorliegt. Des Weiteren werde ich den Primärtext anhand ausgewählter Szenen auf die Existenz potentieller Negativformen, des Scheiterns der triuwe sowie eines Negativexempels der triuwe untersuchen. Ich werde mich zu diesem Zwecke auf die Szenen der Apfelprobe, des Rollentauschs und die der Aussatzerkrankung Dietrichs basieren, die das Kinderopfer zur Folge hat. In einem nächsten Schritt setze ich die Analyse dahingehend fort, dass ich untersuche inwiefern die Minnehandlung innerhalb des Geschehens instrumentalisiert wird. Das Augenmerk lege ich auf Engeltruds truiwe -Beweis und auf die Position der Ehefrau Dietrichs innerhalb des Geschehens. Die These von Kokott, dass dieser Roman auch als Minneroman[3] zu lesen sei, möchte ich abschließend widerlegen.

II. Begriffserklärung

2.1. Die triuwe: Eigenschaft und Fundament der Feudalgesellschaft

Die mittelalterliche Konzeption der triuwe umfasst ein umfangreiches Spektrum von bedeutsamen Eigenschaften. Des Weiteren wird in der höfischen Dichtung das Le- xem triuwe als ein Ausdruck übergreifender Tugend und einer inneren Gesinnung des edlen Menschen verstanden.[4] Ein triuwe -Verhältnis bindet zwei Parteien sowohl rechtlich als auch moralisch aneinander und hat ein breites Anwendungsspektrum, das sich in einer Art von alle Bereichen der Gesellschaft beeinflussendem Rege- lungsprinzip[5] äußert. Die triuwe ist nicht nur eine ehrenwerte Tugend sondern auch eine Verpflichtung, die zu Lebzeiten einer anderen Person gegenüber eingegangen wird. Dieser Schwur ist mit einem Eid zu besiegeln.[6]

„Das Versprechen der triuwe impliziert ‘Zuverlässigkeit, Wahrheit, Aufrichtigkeit, Vertrauen, Zuversichtʼ und ʻHilfe ’. Die Treue als ein vertragliches Verhältnis auf Gegenseitigkeit ist konstitutiv sowohl für das germ. Gefolgschafts- als auch für das mittelalterliche Lehenswesen. Sie verpflichtet zur Unter- lassung aller Handlungen, die zum Nachteil von Herrn und Mann ausschlagen könnten. Der feudalrechtliche Begriff der Herrentreue wird übertragen auf das Verhältnis zwischen

Mensch und Gott sowie auf das zwischen Frau und Mann, und zwar sowohl in der Ehe als auch in der Minne (€stæte).“[7]

Das breite Bedeutungsspektrum lässt sich aus der oben angeführten Begriffserklä- rung erschließen. Die triuwe bildete eine der Grundlagen für die soziale Gesellschaft im Mittelalter. Das Gesamtkonstrukt der Feudalgesellschaft wurde durch dieses Konzept getragen. Dies spiegelt sich in der Literatur wider, da die wiederholte Exis- tenz dieser Thematik in den Werken dieser Epoche zeigt, dass genau jene Werte der triuwe einen bedeutsamen Stellenwert hatten.

Koch unterscheidet bei den Formen der triuwe unter einer horizontalen und einer vertikalen Motivation der triuwe.[8] Auf diese Unterscheidung werde ich zu einem späteren Zeitpunkt in meiner Forschungsarbeit zurückkommen.

2.2. Mhd. triuwe versus nhd. Treue

Der mhd. Begriff triuwe ist mit dem nhd. Treue in der Bedeutung nicht gleichzuset- zen. Der nhd. Begriff der Treue ist heute bei langfristiger sozialer Nähe individuali- sierend-subjektiv[9] konnotiert, während triuwe im Mittelalter ein Fundament für das Feudalsystem darstellte und folglich, wie zuvor genant, ebenso eine rechtliche und gesellschaftliche Relevanz beinhaltete. Es gilt demzufolge bei diesem Begriff stets zu unterscheiden, ob die triuwe in einem religiösen Kontext steht, ob dieser im Zusam- menhang mit einer Freundschaft oder ob dieser aus einer rechtlichen Verpflichtung, wie beispielsweise aus der Vasallentreue, resultiert (zu den verschiedenen Formen der truiwe, s. Seite 7).

III. Die Realisierung der triuwe -Konzeptionen im Engelhard

In den folgenden Ausführungen basiert sich die Analyse auf ausgewählte Textstellen, die die triuwe -Thematik behandeln. Hierzu werde ich den Prolog unter anderem ei- ner quantitativen Analyse unterziehen, um anschließend auf die maßgeblichen Sze- nen einzugehen.

3.1. Der Prolog

Ein auffallendes Moment findet sich unmittelbar zu Beginn des Werks. Der Prolog, setzt sich über 216 Verse hinweg mit dem Grundgedanken von triuwe auseinander und wird mit einem breiten Spektrum an elementaren Eigenschaften beschrieben. Ebenso beachtlich ist die Tatsache, dass das Wort triuwe im Prolog 33mal genannt wird. Des Weiteren formuliert Konrad mit den Worten der hôhen triuwen / ein wârez

m æ re erniuwen [10] die zentrale Intention, die sein Werk beinhaltet. Konrad von Würz-

burg beginnt in den ersten elf Versen des Prologs mit einem Loblied auf die triuwe

und klagt zeitgleich über ihren Verlust. Anschließend folgen im Erzählverlauf zahl- reiche Szenen, die die triuwe -Thematik im späteren Erzählverlauf als handlungstra- gend weiterhin realisieren. Überdies findet der Leser im Prolog durchaus für diese Epoche typische Moralsentenzen wieder, die abschließend im Epilog wiederaufge- griffen werden.

3.2. Die Apfelprobe

Engelhards Vater gibt ihm drei Äpfel mit auf die Reise zum Hofe von König Fruote von Dänemark. Er solle anhand dieser prüfen, welcher Weggefährte ein treuer Freund ist und dies durch das Teilen des Apfels unter Beweis stellt. Den Rat des Vaters über das Zustandekommen einer wahren Freundschaft formuliert er folgen- dermaßen:

triuw ist daz beste êren kleit daz den friunde lôsen man in dem ellende kann erfröwen und erhœhen wol. (V. 372 - 375)

Dietrich, der dritte Gefährte, teilt den Apfel mit ihm, nachdem er ihn geschält hat. Er bezeugt durch diese Handlung eine edle Gesinnung und zugleich eine höfische Bil- dung. Diese Eigenschaften teilt er mit Engelhard.

ouch was ir leben tugentrîch an der geschepfede ein und ein.

ouch flôz ein sprâche von in zwein und was ouch ein gebærde an in. gelîche stuont ir beider sin

ûf tugent unde ûf êre. in was diu schande sêre

entfremdet unde entwildet.

(Vers 462 - 469)

Das identische Erscheinungsbild von Engelhard und Dietrich symbolisiert sowohl eine brüderliche Wesensgleichheit als auch eine Gleichheit der triuwe trotz der un- terschiedlichen Standeszugehörigkeit. Es handelt sich folglich um eine „innerlich- motivierte (horizontale)“ und nicht um eine „rechtlich-verpflichtende (vertikale)“ Form der triuwe.[11] Eine tiefe sowie enge Verbundenheit entsteht zwischen Engel- hard und Dietrich. Die dargelegte physische und charakterliche Ähnlichkeit der bei- den ist ebenfalls als eine Deskription dieser brüderlichen und starken Zusammenge- hörigkeit zu sehen. Der oben genannte Vergleich ist auch als ein Sinnbild für die

freundschaftliche triuwe zwischen Engelhard und Dietrich zu deuten. Gleicherma- ßen argumentiert Göttert in seinen Ausführungen über die Ähnlichkeit der Protago- nisten:

„Von der äußeren Erscheinung über Lebensführung, Sprache und Gebärde als Zeugnis der Gesinnung erhöht Konrad die Gleichheit der Gestalt immer mehr zu jener inneren Überein- stimmung, die tugent und êre ihren Höhepunkt findet.“[12]

3.3. Der Rollentausch und das manipulierte Gottesurteil

Dem Rollentausch zwischen Engelhard und Dietrich liegt der Verrat durch Ritschier

– der verleumderische Ritter[13] und Neffe des Königs Fruote – des Liebestreffens von Engelhard und Engeltrud zugrunde.

iuwer friunt, her Engelhart, hât iuwer êre niht bewart, als er ze rehte solte,

ob er bedenken wollte

waz ir im liebes habet getan. geloubet, herre, sunder wân und wizzet von mir über lût daz iuwer tohter Engetrût hât ir muot ûf in gewant.

[...]


[1] Brandt 2000, S. 141.

[2] Ebd, S. 140.

[3] Kokott 1989, S.44.

[4] Göttert, 1971, S. 122-125.

[5] Brandt, 2009, S. 111.

[6] Nolte, 1990, S. 129.

[7] Weddige, 2010, S. 129.

[8] Koch, 1999, S. 201.

[9] Brandt, 2009, S. 111.

[10] Konrad von Würzburg, Vers 153f.

[11] Koch, 1999, S. 201.

[12] Göttert, 1971, S. 149.

[13] de Boor, 1997, S. 85.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Konzeption der truiwe und instrumentalisierte Minnethematik in Konrads von Würzburg "Engelhard"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Germanische Philologie)
Veranstaltung
Metaphorizität und Körperlichkeit getauschter Herzen
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V215243
ISBN (eBook)
9783656430698
ISBN (Buch)
9783656440512
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mediävistik, Konrad von Würzburg, Minnethematik, Herzen, Tauschthematik, Minnekonzeption, truiwe, Treue, Treuthematik, Treuekonzeption
Arbeit zitieren
Clotilde Bry-Chemarin (Autor), 2013, Konzeption der truiwe und instrumentalisierte Minnethematik in Konrads von Würzburg "Engelhard", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215243

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