Tizinas Zinsgroschen war, obwohl er in den Privaträumen des Herzogs sicher nur einer ausgewählten Öffentlichkeit zugänglich, bereits kurz nach seiner Entstehung so bekannt, dass noch zu Lebzeiten des Künstlers zahlreiche Kopien angefertigt worden sind, worin sich eine offensichtliche zeitgenössische Anerkennung der künstlerischen Leistung äußert.
Bisher sind Informationen, die das Gemälde sowie seinen ursprünglichen Aufenthaltsort betreffen, nicht umfassend zusammengetragen, bzw. Kontexte generell vernachlässigt worden. In dieser Arbeit möchte ich daher die bisherigen Forschungsleistungen einer besonneneren Prüfung unterziehen und im Vergleich zu einander neu bewerten. Der Zinsgroschen ist mehr als ein simples ‚Probestück’, mit dem sich Tizian dem Herzog von Ferrara empfahl, auch wenn Werbegeschenke durchaus nicht unüblich waren, um an Aufträge zu gelangen. Werke des 16. Jahrhunderts verfügten über eine Eloquenz, die für den heutigen Betrachter nur schwer zu entschlüsseln ist, daher geht es mir darum diese anderen Dimensionen des Gemäldes aufzuzeigen.
Neben einer intensiven Bildbeschreibung und -analyse, bei der besonders auf die kontrastreiche Gegenüberstellung der beiden Hauptfiguren eingegangen werden soll, möchte ich auf die Beziehung des jungen Künstlers zu seinem Auftraggeber sowie auf soziokulturelle und historische Zusammenhänge eingehen. Vor allem im Sammlungskontext des herzoglichen Studiolo blieb der Zinsgroschen bisher fast unbeachtet, obwohl diese spezifische Rezeptionsform, neben der Ikonographie, grundlegend für das Verständnis von frühneuzeitlicher Kunst ist. Eine besondere Rolle spielt in meiner Untersuchung darüber hinaus eine Neuinterpretation mittels der zeitgenössischen, humanistischen Vita activa et contemplativa-Debatte, die durch die psychologisierende Dualität des Bildthemas und dessen Umsetzung nahe liegt, von der Forschung jedoch bisher unbeachtet blieb. Die Diskussion um das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis war im 16. Jahrhundert für Kirche und Politik ein gegenwärtiger Konflikt, der mit Sicherheit durch die Kunst der Zeit seinen Ausdruck finden musste. Dieser Aspekt wird heute oftmals unterschätzt und bleibt deswegen unbemerkt. Den Kern meiner Arbeit bildet die Münze, die alle Wirklichkeitsebenen miteinander verbindet und den Schlüssel zur Neudeutung des Werkes darstellt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Historischer Kontext und biographische Bezüge
1.1 Zur Vita des Tiziano Vecellio da Cadore
1.1.1 Zwischen Innovation und Tradition: Der junge Tizian in Venedig
1.2 Italien und die Markusrepublik im 15. und 16. Jahrhundert
1.3 Ferrara und das Haus Este
2. Politik und Kunst: Alfonso I. d’Este als Mäzen
2.1 Ogni medaglia ha il suo rovescio… Numismatische Politik der Este
2.2 Tizians Beziehung zum Hof von Ferrara – Porträts des Herzogs
2.3 Das Studiolo als Sammlungsraum
2.3.1 Alfonsos Camerino d’Alabastero
2.4 Zur Provenienz des Zinsgroschen „nella porta d’un armario“
2.4.1 Ein Porträtdeckel? Zur Hypothese Herbert Siebenhüners
2.4.2 Überlegungen zur Etymologie des Schrankbegriffs
2.4.3 Der Medaillenschrank im „primo camerino adorato“
3. Tizians Arbeit im Auftrag des Herzogs Alfonso I. d’Este von Ferrara
3.1 ·QVE·SVNT·DEI·DEO· Das Biblische Thema
3.2 Vorbilder und Einflüsse?
3.3 Beschreibung und Analyse des Zinsgroschen
3.3.1 Zur Theorie des immaneten Selbstbildnisses
3.3.2 Schönheit vs. Hässlichkeit – Zur Physiognomie
3.3.3 „Beredte Hände“ – Die Gestik im Zinsgroschen
3.3.4 Vita activa et contemplativa
3.3.5 Die Münze
4. Spätere Darstellungen der Zinsgroschenthematik
4.1 Tizian: Der Zinsgroschen, 1568. National Gallery, London
4.2 Mariachers „neuer Christus mit dem Zinsgroschen“
Schlusswort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Tizians Zinsgroschen nicht nur als religiöses Gemälde, sondern als zentrales, politisch aufgeladenes Bedeutungsinstrument im Kontext des herzoglichen Studiolo von Alfonso I. d’Este, wobei eine Neudeutung mittels der humanistischen Vita activa et contemplativa-Debatte angestrebt wird.
- Historischer Kontext von Ferrara und der Rolle Alfonsos I. d’Este als Mäzen.
- Die numismatische Politik der Este und deren Verbindung zum Gemälde.
- Ikonographische Analyse des Zinsgroschen unter Einbeziehung physiognomischer Theorien.
- Untersuchung der Bedeutung von Gestik und Handhaltung im frühneuzeitlichen Diskurs.
- Rezeptionsgeschichte und Vergleich mit späteren Darstellungen der Thematik.
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Ein Porträtdeckel? Zur Hypothese Herbert Siebenhüners
Zur Frage, ob Tizians Zinsgroschen (Abb. 1) die Bedeckung eines verschollenen Porträts Alfonso I. darstellt, greift Angelica Dülberg Überlegungen von Hadelns zum timpano, als spezielle Form eines schützenden Gemäldedeckels auf und versucht Form und Funktion näher darzulegen. In erster Linie handelte es sich bei timpani um textile Träger, da diesen für alle Bildmaße kaum Grenzen gesetzt waren. Des Weiteren führt Dülberg aus, dass es sich bei einer möglichen Bemalung meist um eine flüchtige alla prima-Malerei gehandelt haben wird. Bemalte Holzdeckel sind nur vereinzelt erhalten, nämlich dann, wenn sie ihrer ursprünglichen Funktion bei Zeiten enthoben wurden und selbst in eine Sammlung Aufnahme fanden. Nach Ausführungen über Giorgiones Vecchia, die als Deckel eines Männerporträts fungierte und Erläuterungen darüber, dass die Allegorie der Weisheit als Deckel zu einem Selbstbildnis Tizians verstanden wird, berichtet sie von einer Bemerkung Ridolfis über die bemalte coperta eines Porträts Speronis, ein Hinweis darauf, dass Tizian diese Praxis durchaus vertraut war. In Anlehnung an eine Erwägung Herbert Siebenhüners in einem Vortrag vom 17. Mai 1978 vermutet sie, dass der Zinsgroschen (Abb. 1) eine Art Schiebe- oder Klappdeckel eines Porträts des Ferraresischen Herzogs dargestellt haben könnte.
Dieser Vermutung wird die Parallele zu der 1505 geprägten Goldmünze zugrunde gelegt, wo Profil Alfonsos und Revers mit gleicher christlicher Devise eine Einheit bilden, wie Porträt und Zinsgroschen (Abb. 1), die im verschlossenen Zustand eine Art inhaltlich verbundenes Kästchen gebildet haben könnten, welches Vasari irrtümlicherweise als ‚Schränkchen’ beschrieben hat. So schlüssig sie zunächst erscheint, muss diese These aber falsifiziert werden. Dülberg führt selbst genügend Fakten an, die gegen die Funktion des Zinsgroschen (Abb. 1) als Deckel für ein Gemälde sprechen. Es handelt sich um ein sehr detailliert und technisch fein ausgearbeitetes Gemälde in Öl über Temperauntermalung auf Holz, wobei alle Farb- und Grundschichten, trotz des schlechten Konservierungszustandes, fast unversehrt sind.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die komplexe Symbolsprache der Kunst des 16. Jahrhunderts und die Relevanz des Zinsgroschen als vernachlässigtes Hauptwerk.
1. Historischer Kontext und biographische Bezüge: Darstellung der Vita Tizians sowie des politischen und kulturellen Umfelds in Venedig und dem Herzogtum Ferrara.
2. Politik und Kunst: Alfonso I. d’Este als Mäzen: Analyse der Rolle Alfonsos als Kunstpatron, der numismatischen Strategien und der spezifischen Einbettung des Zinsgroschen in sein Studiolo.
3. Tizians Arbeit im Auftrag des Herzogs Alfonso I. d’Este von Ferrara: Detaillierte ikonographische und formale Analyse des Gemäldes, inklusive der physiognomischen Deutung und der humanistischen Debatte über die Vita activa et contemplativa.
4. Spätere Darstellungen der Zinsgroschenthematik: Untersuchung der Nachwirkung von Tizians Werk und Vergleich mit späteren Versionen des Künstlers und anderer Maler.
Schlusswort: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Einordnung des Zinsgroschen als Meisterwerk, das politische Botschaft und biblische Moral verbindet.
Schlüsselwörter
Tizian, Alfonso I. d'Este, Zinsgroschen, Ferrara, Studiolo, Humanismus, Vita activa, Vita contemplativa, Numismatik, Physiognomik, Renaissance, Ikonographie, Medaillen, Porträt, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit befasst sich mit Tizians Zinsgroschen, einem bedeutenden Jugendwerk, und dessen spezifischer Funktion sowie Bedeutung für den Auftraggeber Alfonso I. d’Este von Ferrara.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft kunstgeschichtliche Analyse mit politischer Geschichte, numismatischer Propaganda, humanistischen Lebensidealen und philosophischen Debatten der Renaissance.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine Neudeutung des Gemäldes, indem es aus seinem Schattendasein geholt und als zentrales Bedeutungsinstrument innerhalb des humanistischen Kontexts des herzoglichen Studiolos verstanden wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine interdisziplinäre ikonologische und ikonographische Methode angewandt, die kunsthistorische Forschung mit zeitgenössischer Philosophie, Physiognomik und historischer Quellenarbeit verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der intensiven Bildanalyse, dem Vergleich mit zeitgenössischen Vorbildern, der Rolle des Zinsgroschen als Tür zu einem Münzschrank und der Interpretation durch die Debatte der Vita activa et contemplativa.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Tizian, Alfonso I. d’Este, Zinsgroschen, Studiolo, Vita activa, Vita contemplativa, Ikonographie und Physiognomik.
Welche Rolle spielt die Münze im Bild?
Die Münze fungiert als Schlüssel zur Deutung: Sie ist biblischer Gegenstand, politisches Symbol für Alfonsos Münzpolitik und funktionales Objekt als Tür zum Medaillenschrank des Herzogs.
Wie deutet die Autorin die Gestik im Gemälde?
Die Gestik wird als rhetorisches Mittel interpretiert, das nicht nur den biblischen Inhalt unterstützt, sondern im Kontext des Studiolos als Gebot oder Warnung vor der Geldgier verstanden werden soll.
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- Josephine Klingebeil (Author), 2010, QVE SVNT DEI DEO - Zwei Seiten einer Medaille, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215284