Die Entwicklung und Verbreitung des Identitätsbegriffs ist historisch- theoretisch gewachsen und begann zu Meads Zeiten um 1900. „Geist, Identität und Gesellschaft. Aus der Perspektive des Sozialbehaviorismus“ (Mind, Self and Society. From the standpoint of a social behaviorist) herausgegeben von Charles W. Morris auf der Basis von Vorlesungsmitschriften von Studierenden bei Mead ist ein Klassiker der Sozialpsychologie. Die Seminarssitzung „Identität und Gesellschaft“ aus dem Seminar „Sozialmachung & Sozialisation & Selbstsozialisation“ behandelt aus dem oben angegebenen Buch die Seiten 187-206. In meinen Vorüberlegungen zu dem schlichten Titel der Sitzung entstand die These: Identität entsteht nur in der empathischen Interaktion und im Austausch mit anderen. Dies ergibt, dass weder komplette Anpassung noch totale Abkehr möglich sind.
Nach einem erstmaligen Einlesen, interessierte ich mich vor allem für Meads Theorie zur Entwicklung der Identität und welchen Einfluss darauf die Gesellschaft hat. Zur besseren Einordnung dieses Themas beleuchte ich im zweiten Kapitel auch Meads Leben und seine Einflüsse, die ihn zu seinem Denken bewegten. Im dritten Kapitel zeige ich auf, wie er die verschiedenen Theorien seiner Zeit zusammenbrachte, erweiterte und so seine Theorie entwickelte. Ein wichtiger Teil seiner Theorie besteht in der Bedeutung der Sprache zur Bildung der Identität und wie diese Sprache zur Anwendung kommt im nachahmenden und organisierten Spiel. Da die Vorlesungsmitschriften meiner Meinung nach oft den sprichwörtlichen roten Faden verlassen, habe ich das Kapitel 19 „Zur Entstehung der Identität“ (vgl. Morris, 1973, S. 187- 194) in Tabellenform aufgegriffen, um eine bessere Übersicht zu schaffen.
In diesem Zusammenhang fielen beim Lesen immer wieder die Schlagwörter gehörlos und Probleme der Identitätsbildung bei Gehörlosen. Im vorliegenden Text zur Seminarssitzung selber kam nur in einem Satz erwähnt das Beispiel der taubblinden Helen Keller vor. Dieses Beispiel der Identitätsfindung durch andere führe ich durch die Biografie von Helen Keller weiter aus und ergänze es mit Literatur von Bernd Ahrbeck, der einer der wenigen ist, der sich mit Identitätsentwicklung bei Gehörlosen beschäftigt. So lassen sich Grenzen und Möglichkeiten der Meadschen Identitätsbildung im Praktischen darstellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vier Strömungen, die in Meads Theorie beeinflusst haben
2. Entstehung der Identität
2.1. Wie die Bedeutung ins Bewusstsein kommt
2.2. Sprache
2.3. Nachahmendes und organisiertes Spiel
3. Möglichkeiten und Grenzen der Identitätsbildung
3.1. Helen Keller ein Beispiel
3.2. Identitätsbildung bei Gehörlosen
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, die Identitätstheorie von George Herbert Mead grundlegend zu erläutern und deren Anwendbarkeit sowie Grenzen im Kontext der Identitätsentwicklung bei Gehörlosen kritisch zu hinterfragen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht dabei, wie Identität durch soziale Interaktion und Sprache entsteht und welche Barrieren sich für gehörlose Menschen bei der Ausbildung einer vollständigen Identität ergeben.
- Historische Einordnung und theoretische Einflüsse auf Meads Denken
- Mechanismen der Identitätsbildung durch Sprache und soziale Prozesse
- Die Bedeutung von Nachahmungsspiel und organisiertem Spiel für die Rollenübernahme
- Analyse der Identitätsfindung am Fallbeispiel von Helen Keller
- Kritische Auseinandersetzung mit den Grenzen der Identitätsbildung bei Gehörlosen
Auszug aus dem Buch
3.1. Helen Keller ein Beispiel
So bringt er das Beispiel von Helen Keller an, die Symbole durch „Kontakterfahrung, die einem anderen ebenso wie ihr selbst übermittelt werden“ (Morris, 1973, S. 191) erlernt hat. Erst dadurch gelang es ihr, Identität und geistigen Inhalt zu erlangen (vgl. Morris, 1973, S. 191).
Der folgende Absatz ist, da Mead dieses Thema nur kurz anschneidet, aus einem Buch von Klaus Beyer zusammengefasst (vgl. Keller 1906, S. 10f.; zit. nach Beyer 1987, S. 53- 57):
Helen Keller beschreibt hier ihre Lebensgeschichte. Sie ist durch eine Krankheit im Kleinkindalter taub und blind geworden. Mit der Zeit fing sie an, sich mit ihrer Mutter zu verständigen durch Kopfschütteln oder einzelne Handbewegungen, die aber willkürlich gewählt worden sind und auch nur von ihrer Mutter verstanden wurden. Es ging aber meist um rudimentäre Gegebenheiten, wie etwas zu holen oder Essen zu bekommen. 1887 bekam Helen eine Lehrerin, die jedes Mal, wenn Helen etwas in der Hand hielt, wie ihre Puppe, ihr den Namen dieses Gegenstands in die Hand schrieb. Es dauerte mehrere Wochen bis Helen merke, dass jede Sache eine eigene konkrete Bezeichnung hatte. In dem Moment, in dem sie begriff, beschreibt sie, hat jede Bezeichnung einen Gedanken bei ihr ausgelöst. Oder wie im Kapitel 3.1 gesagt: Das Individuum macht sich bewusst, welche Symbole im Zusammenhang mit Artgenossen wichtig sind. So kommt die Bedeutung ins Bewusstsein. Sie empfand Reue und Schmerz, wenn sie etwas kaputt machte, da es durch die Bezeichnung eine Beziehung gab. Etwas länger dauerte es für sie einen Zusammenhang zu finden zwischen ihren Gefühlen und den dazu passenden Bezeichnungen. Was „Liebe“ und „Gedanken“ sind begriff sie, als sie die Aufgabe bekam Perlen der Größe nach aufzureihen und es nicht schaffte. Sie dachte darüber nach und in dem Moment buchstabierte ihre Lehrerin „Denken“. Sie begriff, dass nicht alle Bezeichnungen zu berührbaren Sachen gehören.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vier Strömungen, die in Meads Theorie beeinflusst haben: Dieses Kapitel skizziert die wissenschaftlichen und biografischen Einflüsse auf Mead, darunter die Evolutionstheorie, den Behaviorismus sowie den deutschen Idealismus und amerikanischen Pragmatismus.
2. Entstehung der Identität: Es wird dargelegt, wie Identität durch Sozialbehaviorismus, Sprache und spielerische Interaktion als gesellschaftlicher Prozess geformt wird.
3. Möglichkeiten und Grenzen der Identitätsbildung: Die Arbeit verknüpft die theoretischen Ansätze mit der Praxis und untersucht anhand der Biografie von Helen Keller sowie der Situation Gehörloser die Bedingungen für erfolgreiche Identitätsbildung.
4. Schlussbetrachtung: Die Autorin reflektiert die Bedeutung von Meads Theorie für die Soziale Arbeit und identifiziert Grenzen in der Definition von Gesellschaft sowie in der Anwendbarkeit bei Menschen mit sensorischen Einschränkungen.
Schlüsselwörter
Identität, Sozialbehaviorismus, George Herbert Mead, Sprache, Signifikante Symbole, Rollenübernahme, Verallgemeinerter Anderer, Helen Keller, Gehörlosigkeit, Identitätsbildung, Soziale Interaktion, Sozialisation, Pragmatismus, Kommunikation, Identitätsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der sozialpsychologischen Identitätstheorie von George Herbert Mead und deren praktischer Anwendung sowie kritischer Reflexion im Kontext von Identitätsproblemen bei gehörlosen Menschen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf den theoretischen Grundlagen der Identitätsentstehung (Sprache, Spiel, Symbole), dem Einfluss gesellschaftlicher Strukturen auf das Individuum und den spezifischen Herausforderungen der Identitätsbildung bei Taubheit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Erläuterung der Meadschen Theorie zur Identitätsentwicklung und die Untersuchung der Möglichkeiten und Grenzen dieser Theorie, wenn sie auf das Leben von Menschen mit gravierender Hörschädigung übertragen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit der Fachliteratur zu George Herbert Mead und ergänzt diese durch eine fallbezogene Analyse der Lebensgeschichte von Helen Keller sowie soziologische Erkenntnisse von Bernd Ahrbeck.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Einflüsse auf Mead, die Erklärung der Identitätsentstehung durch Sprache und soziale Interaktion (Spiel) sowie die konkrete Anwendung der Theorie auf Gehörlosigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Identität, Sozialbehaviorismus, signifikante Symbole, verallgemeinerter Anderer, Identitätsbildung und Gehörlosigkeit.
Warum ist das Beispiel von Helen Keller für die Identitätstheorie relevant?
Helen Keller dient als empirisches Beispiel, um aufzuzeigen, wie Identität und Denken erst durch das Erlernen von symbolischen Bezeichnungen in der Interaktion mit anderen Menschen ermöglicht werden.
Welche Schwäche der Theorie Meads identifiziert die Autorin?
Die Autorin kritisiert, dass Mead den Begriff "Gesellschaft" nicht präzise definiert und keine konkreten Angaben dazu macht, in welchem Umfang soziale Interaktion notwendig ist, damit eine Identität stabil ausgebildet werden kann.
- Quote paper
- Amelie Wellhausen (Author), 2013, Identität und Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215427