Europäische Identität. Sein oder Schein?


Seminararbeit, 2013
24 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Definition der zentralen Begriffe
2.1. Was ist Identität?
2.2. Was ist Kultur?
2.3. Europas „Soul searching“
2.4. Der EU-Osten

3. Methodische Vorgehensweise
3.1. Explikation der Fragestellung
3.2. Forschungsmethode

4. Forschungsergebnisse.
4.1. Wie „europäisch“ fühlen sich die Mitgliedsstaaten vor 2004?
4.2. „Feel European“ nach 2004
4.3. Die einzelnen Länder im Überblick

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die EU besteht derzeit aus 27 Mitgliedsstaaten. Diese sind zu einem großen Teil Kleinstaaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jeder der 27 Staaten hat seine Geschichte, seine Sprache, sein kulturelles Gut. Vor gar nicht allzu langer Zeit bekriegten sich einige der Staaten noch untereinander. Angesichts dieser Fakten fällt es einem schwer, zu glauben, dass aus dieser Diversität eine einheitliche Identität entwachsen kann. Vor allem in der größten bisherigen EU-Erweiterungsrunde im Jahr 2004 kamen zahlreiche mitteleuropäische Kleinstaaten zur EU, die bezüglich ihrer Kultur und ihrer Geschichte stark vom Kulturgut der bisherigen EU-Mitgliedsstaaten abwichen. Identifikation mit einer politischen Struktur ist heute wie damals ein wichtiges Thema in der EU. Schon im 18. Jahrhundert versuchten verschiedenste Wissenschaftler, das Phänomen der Identitätsbildung zu untersuchen (siehe Kapitel 1.2.). Angesichts der sich immer weiter ausdehnenden Grenzen der EU stellt sich auch hier die Frage, ob eine gemeinsame Identität überhaupt noch entstehen kann. Denn für das Zusammenleben und die Legitimität einer politischen Formation ist es unabdingbar, dass sich die BürgerInnen als Teil derselben anerkennen (vgl. ebd.)

Was als Handelsgemeinschaft in der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl begann, entwickelte sich im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Staatenbund mit einheitlichen Gesetzen in vielen Bereichen, gemeinsamen Exekutivorganen, gemeinsamen Verträgen und gemeinsamer Politik. Viele Staaten haben bereits einen Teil ihrer Souveränität an die EU abgegeben. Doch ihre kulturelle Identität haben die Mitgliedsstaaten bisher sorgsam geschützt. Angesichts dieser Entwicklungen werfen sich einige Fragen auf. Allen voran die Frage: Kann aus der kulturellen Vielfalt in Europa jemals eine EU-Identität hervorgehen? Diesen Fragen werde ich mich in meiner Proseminararbeit widmen.

Die Einleitung skizziert grob den Aufbau meiner Arbeit. Auch meine Forschungsfrage wird erläutert. Die eigentliche Frage, die meiner Arbeit zugrunde liegt, wird lauten: Warum gibt es in der EU keine europäische Identität? Ich gehe also von dem theoretischen Standpunkt aus, dass es aufgrund der verschiedenen Kulturen in Europa mit allem, was dazu gehört, kein einheitliches „Wir-Gefühl“ gibt. Die Unionsbürger identifizieren sich nämlich nach wie vor als Bürger ihres Mitgliedslandes. Kaum jemand bezeichnet sich als „Europäer“. (Vgl. Fischler/Ortner 2006: 163)

Das zweite Kapitel definiert die Begriffe Identität und Kultur, wie sie in meiner Arbeit zur Anwendung kommen. Weiters wird der Prozess von Europas „soul-searching“ erläutert. Den letzten Punkt des zweiten Kapitels nimmt der EU-Osten ein. Die Identitätssuche der EU blickt bereits auf eine lange Geschichte zurück. Es ist im Rahmen dieser Arbeit wichtig, zu erläutern, wie sich die kulturelle und wirtschaftliche Landschaft der EU mit der EU-Osterweiterung gewandelt hat. Im dritten Kapitel wird die methodische Vorgehensweise beschrieben. Die vorliegende Arbeit stützt sich auf Statistiken, die die EU-Kommission zum Thema „feel european“ durchgeführt hat. Die genaue Fragestellung, die wichtigsten Hypothesen und die genaue Vorgehensweise bei der Auswertung werden an dieser Stelle ausgeführt. Dabei untersuche ich speziell, ob die Osterweiterung 2004 das „Wir-Gefühl“ der EU-Mitgliedsstaaten beeinflusst hat. Schließlich sind die neu dazugekommenen Staaten kulturell sehr verschieden von den bisherigen EU-Staaten. Im vierten Kapitel werden die Statistiken vor 2004 und nach 2004 untersucht. Auch länderspezifisch werden die Ergebnisse ausgewertet. Im Fazit werde ich meine Ergebnisse präsentieren und Anknüpfungspunkte für weiterführende Untersuchungen formulieren. Eine Proseminararbeit bietet leider nicht den nötigen Umfang, um ein Thema von solcher Größe vollständig zu behandeln. Doch mit Sicherheit werde ich erste Ergebnisse präsentieren können und somit eine vorläufige Antwort darauf geben können, warum sich die EuropäerInnen eher als BürgerInnen ihres Heimatlandes denn als „EuropäerInnen“ bezeichnen.

2. Definition der zentralen Begriffe

Das folgende Kapitel definiert die für die Arbeit relevanten Begriffe Identität und Kultur. Dadurch soll eine Einschränkung der weitreichenden Bedeutung dieser Begriffe erzielt werden.

2.1. Was ist Identität?

Der Begriff Identität lässt sich auf viele Bereiche anwenden. „Die Konstruktion von Identitäten bezieht ihr Material aus Geschichte, der Geographie, der Biologie, aus dem kollektiven Gedächtnis, verstärkt durch Angebote des politischen Systems und der Religion (Beyme 2007: 23)“. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich jedoch hauptsächlich auf die politische Identität der einzelnen EU-BürgerInnen. Michael Bruter definiert die politische Identität eines Menschen „as his sense of belonging to politically relevant human groups and polititcal structures (Bruter 2005: 1)“. Bruter unterstreicht also das Gefühl der Zugehörigkeit jedes/r Einzelnen. Ein wichtiger Punkt dieser Definition ist, dass es hier auf die Bereitschaft des Individuums ankommt, sich in eine politische Gesellschaft eingliedern zu wollen. Diese Bereitschaft jedes/r Einzelnen macht es erst möglich, eine politische Gemeinschaft zu bilden. (Vgl. ebd.: 2)

Politische Identitäten lassen sich weder erzwingen noch messen. Nur durch die Selbst-Charakterisierung der BürgerInnen beispielsweise als EU-Mitglieder führt zum Aufkeimen einer gemeinsamen Identität und damit einhergehend zu einer Beeinflussung der Gefühle, Ansichten, Einstellungen und Verhaltensweisen der Mitglieder. Dennoch kann durch gezielte politische Kommunikation und Überzeugung der Prozess der Identitätsbildung vorangetrieben werden. (Vgl. ebd.: 3f.)

Politische Identität war lange Zeit Gegenstand verschiedenster Diskurse in der Politikwissenschaft. Schon im 18. Jahrhundert zerbrach sich die Wissenschaft den Kopf darüber, was Identität im politischen Sinne bezeichnet und wie sich Identität veräußerlicht. Jean Baptiste Rousseau sah zu Zeiten der französischen Revolution Identität dadurch definiert, dass es politische Institutionen gibt, die von der Gesellschaft akzeptiert werden (vgl. Rosseau 1762, zit. n. Bruter 2005: 11). Einen anderen Zugang wählten deutsche Wissenschaftler wie Fichte (1845) und Herder (1913). Sie sahen politische Gemeinschaften eng verbunden mit einer korrespondierenden `Nation’, die sich durch eine gemeinsame Kultur definiert. Der Aspekt des gemeinsamen kulturellen Guts wurde also schon früh hervorgehoben und gilt noch heute als eine der wichtigsten Bedingungen für eine gemeinsame Identität.

Auch Bruter (2005) hat sich mit dem Aspekt des Kulturellen auseinandergesetzt. Er unterscheidet zwischen zwei Formen der politischen Identität: der kulturellen und der zivilen (vgl. Bruter 2005: 5). Kulturelle Identität besteht demnach darin, dass sich die Angehörigen einer speziellen politischen Gruppe deshalb zugehörig fühlen, weil sie einer gemeinsamen Kultur angehören. Kultur meint in diesem Sinne gemeinsame Werte, Religion, Ethik etc. Die zivile Identität bezeichnet die Identifikation jedes/r Einzelnen mit einer politischen Struktur wie etwa einem Staat und dessen Institutionen, Rechtssystemen und Regeln. Die kulturelle Perspektive verbindet politische Identität mit der Idee von einer ‚Nation’, während die zivile Perspektive mit der Idee von einem ‚Staat’ einhergeht. (Vgl. Bruter 2005: 12).

In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff der Identität auf die EU angewandt. Da die EU kein Staat ist, sondern mehr einer Nation entspricht, ist die kulturelle Auffassung von Identität hier also besser geeignet. Dafür bedarf es aber auch einer näheren Untersuchung des Begriffes Kultur.

2.2. Was ist Kultur?

Der Begriff Kultur wird je nach Anwendungsbereich unterschiedlich definiert. Für die vorliegende Arbeit eignet sich die schon viel zitierte Definition von Tylor (1871: 1). Er beschreibt Kultur als „that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, laws, customs and any other capabilities and habits acquired by a man as a member of society“. Was diese Definition herausstreicht, ist, dass Kultur eine Sache der Gesellschaft ist. Verschiedene Gemeinschaften haben verschiedene Kulturen, wie es sich auch bei unterschiedlichen Staaten äußert. Alexander Thomas (1993: 380) hat eigens für die interkulturelle Forschung eine ausführlichere Definition entwickelt:

Kultur ist ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft.

Das hier angesprochene Orientierungssystem beinhaltet sicherlich Aspekte wie Sprache, Werte, Religion, Verhaltensweisen, Bräuche, Kunst, Musik, Essgewohnheiten etc. Je nachdem, welches Orientierungssystem eine Gesellschaft anwendet, kommt es zu bestimmten Wahrnehmungen und Handlungen. Diese Definition umfasst also einen Großteil der Aspekte, die für die Untersuchung der Diversität in Europa von Nutzen sind.

2.3. Europas „Soul searching“

Zunehmend rückt in der Ausgestaltung der Europäischen Union die Suche nach einer europäischen „Idee“ ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit. Der französische Politikwissenschaftler Dominique Moisi spricht von einem „Soul searching“ der Nation (Moisi 1999: 45). Europa ist also auf der Suche nach seiner Identität.

Mittlerweile nehmen praktisch alle Mitgliedsstaaten an diesem Diskurs teil. Die EU selbst hat eine Website unter dem Namen „Die Zukunft Europas – Eine Debatte“ eingerichtet, auf der Beiträge einzelner Länder oder Personen veröffentlicht werden. (Vgl. Weiss 2003: 184)

Was aber ist nun Europa? Fakt ist, dass die Identitätssuche Europas stark durch historische Ereignisse wie die EU-Erweiterung 2004, die zunehmende Globalisierung oder den Kosovo-Krieg geprägt wurde. (Vgl. ebd.: 185)

Wenn über Europa gesprochen wird, gilt es immer, mehrere Faktoren zu beleuchten. Dazu zählen Raum und Zeit, Territorium und Geschichte. „Die diskursive Konstruktion europäischer Identität bedeutet immer die Konstruktion eines bestimmten Raum-Zeit-Körpers von Europa (Weiss 2003: 188)“. Europa ist also nicht so einfach zu charakterisieren, da es nach wie vor strukturelle Unterschiede in verschiedenen Gebieten gibt.

Zusammenfassend ist es also nicht sinnvoll, zu fragen, ob Europa mehr und mehr zu einem gemeinsamen Europa wird. Die Frage hat sich mittlerweile dahingehend gewandelt, dass gefragt wird, ob Europa Europa repräsentiert. Das Problem der Identitätssuche hat sich also auf die Repräsentation verlagert. (Vgl. ebd.: 1999). Das Ziel einer europäischen Identität soll es nicht sein, einem homogenen Staatenbund zu entwachsen, sondern die Diversität, wie sie ist und eben schon seit Jahrhunderten existiert, abzubilden.

2.4. Der EU-Osten

Die bisher größte Erweiterungsrunde der EU im Jahre 2004 hat den Beitritt von insgesamt acht osteuropäische Staaten, inklusive Zypern und Malta, sichergestellt. Dadurch hat sich der EU-Binnenmarkt um 75 Mio. Einwohner vergrößert. (Vgl. Welfens/Borbély 2009: 6) Diese Erweiterung hat stark zum Strukturwandel und Größenausbau der EU beigetragen. Stellt man die mittelfristige Konvergenzentwicklung in den Fokus, haben sich einige Staaten erfolgreich geschlagen. Dennoch weisen viele dieser „neuen“ EU-Staaten erhebliche Leistungsbilanz-defizite auf und neigen zu einer Anfälligkeit für internationale finanzielle Schocks. Die zweite Osterweiterung im Jahr 2007, die Rumänien und Bulgarien zu EU-Mitgliedsländern machte, war nicht minder problematisch. (Vgl. Welfens/Borbély 2009: 1)

Auf Seiten der EU-15-Länder Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Niederlande, Großbritannien, Irland, Luxemburg, Dänemark, Spanien, Portugal, Griechenland, Finnland, Schweden und Österreich, die schon vor der Osterweiterung feste Mitglieder der EU waren, war der Ausbau der Unionsgrenzen 2004 mit einigen Nachteilen verbunden. Aus ökonomischer Sicht war es vor allem der Ausbau der Personenfreizügigkeit, der die EU-15-Staaten einen Arbeitnehmerstrom aus den Ex-UdSSR-Staaten befürchten ließ. (Vgl. ebd.)

Auch in kultureller Hinsicht war die Aufnahme dieser osteuropäischen Länder mit Schwierigkeiten verbunden, prallten nun doch teilweise unterschiedlichste Kulturen aufeinander. Nicht nur in sprachlicher und historischer Hinsicht, sondern auch bezüglich des Wertesystems der neuen EU-Staaten und ehemaligen Mitglieder der UdSSR war eine Integration mit viel Aufwand verbunden. (Vgl. Plümper/Schneider 2007: 569)

3. Methodische Vorgehensweise

Im Folgenden wird nun die wissenschaftliche Methode erläutert, auf welche sich die vorliegende Arbeit stützt. Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse sollen dadurch erreicht werden.

3.1. Explikation der Fragestellung

Die vorliegende Arbeit versucht, Antworten auf folgende Forschungsfrage zu finden:

Warum gibt es in der EU keine europäische Identität?

Es wird also von dem theoretischen Standpunkt ausgegangen, dass Europa mit seinen unterschiedlichen Mitgliedsstaaten keine eigene bzw. einheitliche Identität aufweist. Die Gründe dafür liegen in vielen Faktoren begraben. Es wird angenommen, dass es jedoch in erster Linie die gemeinsame Kultur ist, die Identität implementiert. Europas Staaten haben jeweils einen hohen Grad an Individualität, begründet durch eigene Geschichte, Sprache und Kultur. Erschwerend kommt hinzu, dass bis vor etwa 70 Jahren Krieg zwischen zahlreichen heutigen EU-Staaten herrschte. Das sind nur wenige der Gründe dafür, dass es in Europa kein „Wir-Gefühl“ gibt. Die UnionsbürgerInnen identifizieren sich nämlich nach wie vor als BürgerInnen ihres Mitgliedslandes. Kaum jemand bezeichnet sich als „EuropäerIn“. (Vgl. Fischler/Ortner 2006: 163)

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Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Europäische Identität. Sein oder Schein?
Hochschule
Universität Salzburg
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V215481
ISBN (eBook)
9783656432180
ISBN (Buch)
9783656435426
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
europäische, identität, sein, schein
Arbeit zitieren
Bakk. Komm. Maria Vögele (Autor), 2013, Europäische Identität. Sein oder Schein?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215481

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