Zur Erkenntnis der Außenwelt in der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie


Seminararbeit, 1984
28 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Abkürzungsverzeichnis

1 Die Außenwelt als Kategorie der marxistisch-leninistischen
Erkenntnistheorie

2 Die Begriffe der absoluten und relativen Wahrheit

3 Zur Kritik der Kategorien Wahrheit und Außenwelt der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie

4 Ein fachwissenschaftliches Beispiel für die Erkenntnis der Außenwelt in der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie

5 Der Streit um die Erkennbarkeit der Außenwelt zwischen Marxismus-Leninismus und Kritischem Rationalismus

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorbemerkungen des Verfassers – Wissenschaft im Kollektiv

Es mag etwas eigenartig erscheinen, eine fast dreißig Jahre alte „Studienarbeit“ zu veröffentlichen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens habe ich erst kürzlich bei diesem Verlag eine Arbeit über das „Schutzgut Landschaft“ veröffentlicht, in der ich u.a. im Zusammenhang mit der Diskussion des Landschaftsbegriffs der Schule von Ernst Neef auf diese Arbeit aus dem Jahr 1984 verwies.

Die Nachvollziehbarkeit meiner Argumentation sicherzustellen, ist daher der erste Grund für diese späte Veröffentlichung. Zweitens ist diese Arbeit möglich­erweise auch aus einem anderen Grund von Interesse: Sie entstand nach ei­nem Auslandssemester in der ehemaligen DDR zum Höhepunkt des Kalten Krieges und war Grundlage für die Zulassung zu den Rigorosen aus Philoso­phie, die nach der damals geltenden österreichischen Studienordnung („Philo­sophische Rigorosen Ordnung aus 1945“) zusätzlich zu den Fachrigorosen im Rahmen eines Doktorats Studiums auch an einer Naturwissenschaftlichen Fa­kultät erforderlich waren[1]. Heute könnte diese Arbeit – aufgrund des Zusammen­bruchs des „Realen Sozialismus“ Ende der Achtziger Jahre – in dieser Form gar nicht mehr zustande kommen, da diese Form einer aufoktro­yierten Weltanschauung mit einer Verpflichtung zum Zitieren der Werke von Marx und Engels auch in Arbeiten ohne inhaltlichen Bezug darauf (wie eben oft in den Naturwissenschaften) heute nur mehr in wenigen Staaten der Erde exis­tiert. Zumindest derzeit. Jeder Zwang zu einer Weltanschauung ist aus Sicht des Verfassers abzulehnen. Da sich Geschichte jedoch immer wieder „wieder­holt“, mag diese kleine Arbeit durchaus auch als kleiner Beitrag zur Diskussion „Freie Wissenschaft oder Wissenschaft im Kollektiv (Meurers 1959) dienen.

Manches würde der Verfasser heute selbstverständlich ganz anders schreiben. Auch aus inhaltlicher Sicht würde er die fachwissenschaftliche Diskussion ge­gen Ende des Beitrags ausführlicher dem Thema „Landschaft“ widmen.

In den Siebziger und Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts war es im Fach Geographie verpönt, das Wort „Landschaft“ in den Mund zu nehmen. Wer es dennoch tat, war als Anhänger reaktionärer Anschauungen punziert. Anfang der Achtziger Jahre lernte der Verfasser im Rahmen seiner Dissertationsarbeit die Leipzig/Dresdener Schule für Landschaftsökologie kennen und plante seine Kenntnisse darüber im Rahmen eines Auslandssemesters zu vertiefen. Dieses Auslandssemester verbrachte der Verfasser im Wintersemester 1983/84 am Institut für Geographie und Geoökologie der Akademie der Wissenschaften der DDR, an welchem neben einer Arbeitsgruppe an der Technischen Universität Dresden und einigen Forschern an den Sektionen Geographie der Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in Halle, Greifswald, Potsdam und Dresden die wesentlichsten Akteure dieser Schule damals forschend tätig waren. Sicher­lich war der Verfasser auch an der Wirklichkeit im realen Sozialismus interes­siert. Damals zitierte der Kommunistische Studentenverband (KSV) nämlich bei diversen Studentenveranstaltungen immer die „vorbildlichen Rechtsnormen“ aus der Verfassung der DDR, was bei vielen politisch interessierten Studieren­den – auch bei mir – zur Meinung führte, dass die „wissenschaftliche Weltan­schauung“ des Marxismus-Leninismus vielleicht doch eine Alternative zu unse­rer westlichen kapitalorientierten Gesellschaft sein könnte.

Mit Erstaunen nahm der Verfasser schon damals zur Kenntnis, dass die Welt im „Realen Sozialismus“ auf den Kopf gestellt war. Die Geographen hatten dort keine Vorbehalte gegen den Begriff „Landschaft“ und die gleichen Menschenty­pen, die im Westen als konservativ bezeichnet wurden, waren dort die Kommu­nisten, während sich die progressiv-alternativ gebenden Personen in den Krei­sen der beiden kirchlichen Studentengemeinden versammelten.

Anstatt die Gelegenheit zu nutzen, einen freiwillig in der DDR kommenden Stu­dierenden für politische Indoktrinierung zu nutzen[2], galt für die Mitarbeiter des Instituts eine Art „Privatkontaktverbot.“ Niemand durfte mich privat in seine Wohnung oder auch in ein Gasthaus einladen[3] und auch im Institut selbst wurde versucht, mich möglichst weit weg von den anderen zu platzieren: ich erhielt einen Arbeitstisch im Lesesaal der Institutsbibliothek. Daher nutzte ich die Zeit während dieses Auslandssemesters nicht nur für meine fachliche Wei­terbildung und die Ausarbeitung der Kerninhalte meiner Dissertation[4], sondern hatte auch ausreichend Gelegenheit für das Studium der Ansichten der marxis­tisch-leninistischen Philosophen. Wobei mir schon damals der „hülsenhafte Charakter“ der zugrunde liegenden Weltanschauung für die Fachwissenschaft auffiel.

Wie in der vorliegenden Arbeit zu lesen ist, vertraten die Ideologen in der DDR die Ansicht, dass alle westlichen Naturwissenschaftler zwar „spontane Materia­listen“ seien, aber alle im Gestrick einer idealistischen Weltanschauung verhaf­tet sind. Den Streit um den Landschaftsbegriff konnte es in der DDR gar nicht geben, weil eine „idealistische“ oder „konstruktivistische“ Position im Wider­spruch zu den Kernlehren des dialektischen Materialismus gestanden wäre. Heute weiß ich, dass sich Ernst Neef und seine Schüler ganz elegant aus die­sem Dilemma befreit hatten: Ernst Neef führte ganz einfach axiomatische Grundsätze ausgehend von der „Realität der Landschaft“ ein (Neef 1956), die entsprechend allgemein akzeptierter wissenschaftstheoretischer Regeln nicht bewiesen werden brauchen und als Basis für seine Landschaftslehre aus dem Jahr 1967 fungierten (Neef 1967). Damit konnte er – im Unterschied zu den Geographen im „Westen“ – weiterhin von einem „ganzheitlichen Wirkungsge­füge“ ausgehen, ohne die Fundamente seines Wissenschaftsgebäudes prüfen­den Hypothesen ausliefern zu müssen, was ihm den Vorwurf des „Neopositi­vismus“ eingebracht hätte.[5]

Auf Grundlage seines Lehrgebäudes konnte er sich daher auch ohne Repressi­onen befürchten zu müssen, mit den Argumenten westdeutscher Geographen auseinandersetzen, denen er getreu „seines“ aufoktroyierten philosophischen Unterbaus „neopositivistischen Idealismus“ vorwarf (z.B. Neef 1977 in einer Rezension zu Gerhard Hard).

„Mit MARX Geographie zu betreiben bzw. Geographie zu kritisieren war in der BRD der 1970er und 1980er alles andere als weit verbreitet“ schreibt Bernd Belina (2011, S. 117) in einer Rezension zu Ulrich Eisels „Landschaft und Ge­sellschaft“ (Eisel 2009). Eigenartigerweise war aber auch in der DDR eine poli­tische Auseinandersetzung mit dem Marxismus innerhalb der Geographie un­erwünscht. Der Grund dafür ist aus Sicht des Verfassers ein sehr banaler: Die „wissenschaftliche Weltanschauung“ des Marxismus/Leninsmus hatte religiös anmutenden Charakter und die fast aggressiv-feindselige Haltung gegenüber der Lehre von Karl R. Popper hat genau darin ihre Ursache, weil dieser vor al­lem in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ genau dies her­ausgearbeitet hat (Popper 1975). Darum wurde es zum Teil auch verwundert wahrgenommen, dass ich aus freien Stücken Aufsätze und Beiträge marxistisch/leninistischer Philosophen las und im Buchhandel auch solche Bü­cher kaufte. Somit ist die hier wiedergegebene Originalarbeit aus dem Jahr 1984 in gewisser Weise auch eine Aufarbeitung eines Stückes Lebensweg.

Der Inhalt der Arbeit verblieb - abgesehen von einem groben Fehler, der nach Korrektur durch zwei Fußnoten gekennzeichnet blieb – unverändert. Die Ortho­graphie wurde aus Gründen der Lesbarkeit an die neue Rechtschreibung auch bei den Zitaten Dritter angepasst. Später erschienene Literatur blieb unberück­sichtigt.

Franz Dollinger, Ende Mai 2013.

Zitierte Literatur im Vorwort:

Belina, Bernd (2011): Ist alle Geographie konservativ? Kapitel 4 im Rezensi­ons-Form-Beitrag von B. Belina, E. Gelinsky, A. Schlottmann und M. Wissen: Eisel heute? Besprechungssymposium zu Ulrich Eisel (2009): Landschaft und Gesellschaft. Räumliches Denken im Visier. – In: Be­richte zur deutschen Landeskunde, Bd. 85, H. 1, S. 105-122.

Bastian, Olaf (1999): Geographie und Landschaftsplanung – Gedanken von Ernst Neef im Spiegel der modernen Landschaftsplanung. – In: K. Mannsfeld und H. Neumeister, Hrsg.: Ernst Neefs Landschaftslehre heute. Gotha und Stuttgart: (= Petermanns Geographische Mitteilungen, Erg.-H. Nr. 294, S. 13-35

Dollinger, Franz (1984): Zur Quantifizierung des Naturraumrisikos. Ein metho­dologischer Beitrag zum Geosystemkonzept auf der Basis einer groß­maßstäbigen geomorphologischen Kartierung zwischen Höllengebirge und den vorgelagerten Flyschbergen in den Nördlichen Kalkalpen (Oberösterreich). Dissertation an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg, 177 S.

Dollinger, Franz (1985): Das Naturraumrisiko im oberen Aurachtal (Oberöster­reich). Methodologische Probleme seiner Quantifizierung mittels einer geomorphologischen Kartierung. Salzburg: (= Salzburger Geographische Arbeiten, Bd. 13), 177 S.

Eisel, Ulrich (2009): Landschaft und Gesellschaft. Räumliches Denken im Vi­sier. Münster: (= Raumproduktionen. Theorie und gesellschaftliche Pra­xis, Bd. 5), 308 S.

Mannsfeld, Karl (1999): Vorwort. – In: K. Mannsfeld und H. Neumeister, Hrsg.: Ernst Neefs Landschaftslehre heute. Gotha und Stuttgart: (= Petermanns Geographische Mitteilungen, Erg.-H. Nr. 294, S. 7-11

Meurers, Joseph (1959): Wissenschaft im Kollektiv. Ein neuer Versuch zum Verständnis des dialektischen Materialismus. München: Verlag Anton Pustet, 231 S.

Neef, Ernst (1956): Die axiomatischen Grundlagen der Geographie, - In: Geo­graphische Berichte. Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik, 2, S. 85-91

Neef, Ernst (1967): Die theoretischen Grundlagen der Landschaftslehre. Gotha: (= Petermanns Geographische Mitteilungen, Erg.-H. Nr. 269), 152 S.

Neef, Ernst (1977): „Destruktive Geographie.“ Einige notwendige Bemerkungen zu G. Hard „Die Geographie“. – In: Petermanns Geographische Mittei­lungen, 121. Jg., H. 2, S. 138-140

Niemann, Eberhard (1982): Methodik zur Bestimmung der Eignung, Leistung und Belastbarkeit von Landschaftselementen und Landschaftseinheiten. Leipzig: (= Wissenschaftliche Mitteilungen des Instituts für Geographie und Geoökologie der Akademie der Wissenschaften der DDR, Sonder­heft 2), 84 S.

Popper, Karl R. (1975): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band 2: Fal­sche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen. 4. Aufl. Tübingen: (= Uni-Taschenbücher, Nr. 473), 483 S.

Abkürzungsverzeichnis

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1 Die Außenwelt als Kategorie der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie

Die Definition der Außenwelt in der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie als "Gesamtheit der außerhalb des Bewusstseins und unabhängig von ihm ob­jektiv in Raum und Zeit existierenden Struktur-, Bewegungs- und Entwick­lungsformen der Materie zum Unterschied von der psychischen Welt der Wahr­nehmungen, Vorstellungen usw., die auch Innenwelt des Menschen genannt wird" (KLAUS & BUHR 1976, S. 179) trennt die materielle Außenwelt vom im­materiellen Bewusstsein, in dem nach W. I. LENIN (1962, S. 261) die objektive Realität abgebildet wird.

Der vor allem von W. I. LENIN geprägte Begriff der Widerspiegelung stellt des­halb den zentralen Teil der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie dar, als dessen besondere Art das Erkennen von der nicht bewussten Widerspiegelung unterschieden wird (AUTORENKOLLEKTIV 1982, S. 278). Das Erkennen als bewusste Widerspiegelung setzt menschliches Bewusstsein und Denken vo­raus, das in der Lage ist, von den Objektbereichen der Außenwelt durch die Hilfe von Hypothesen und Theorien ein idealisiertes Modell der wesentlichen Eigenschaften dieser Objektbereiche zu entwerfen. Diese Modelle sind homo­morphe Abbilder von Objekten der objektiven Realität, das heißt, dass zwischen den Elementen der objektiven Realität und den Elementen der kognitiven Abbil­dung keine eineindeutige[6] Zuordnung getroffen werden kann. Trotz dieser nicht vollständigen Widerspiegelung der Außenwelt im Bewusstsein des Erkennen­den darf nach der Lehrmeinung der marxistisch-leninistischen Philosophie diese homomorphe Abbildung als ausreichende Grundlage für die praktische Tätigkeit des Menschen angesehen werden, "da die wesentlichsten Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der Natur und Gesellschaft mit einem sol­chen Grad. von Adäquatheit" erkannt werden können, "dass die zweckmäßige praktische Tätigkeit der Menschen eine zuverlässige theoretische Grundlage erhält" (AUTORENKOLLEKTIV 1982, S. 279. vgl. auch WITTICH et al 1980, S. 165f).

Eine wesentliche philosophische Grundlage für diesen Erkenntnisprozess ist durch die These von der Erkennbarkeit der Welt gegeben. Nach D. WITTICH et al. (1980, S. 511-514) stellt das Problem der Erkennbarkeit der objektiven Rea­lität eine große weltanschauliche Frage dar, da die Auffassung von der Gültig­keit dieser Aussage in Verbindung mit der historisch-materialistischen An­schauung und von der Abhängigkeit vom jeweiligen geschichtlichen Entwick­lungsstand der Gesellschaft zum ideologischen Klassenkampf führen müsse. Die marxistisch-leninistische Erkenntnistheorie, die prinzipiell davon ausgeht, dass die Erkennbarkeit der Welt gegeben ist, erfordert daher die besondere Berücksichtigung des ererbten Wissens der gesamten Menschheit, das durch das sogenannte "Kriterium der Praxis" im Bewusstsein der Individuen gefestigt wird (W. I. LENIN, zit. n. SLOTNIKOW 1977, S. 251).

Die Begriffe als ideelle Abbilder der objektiven Realität werden in der marxis­tisch-leninistischen Erkenntnistheorie als ein Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeit aufgefasst, bei der auf der Basis von Sinneserfassungen durch Denkope­rationen (z.B. Vergleich, Analyse. Abstrahieren, Konkretisieren, Verallgemei­nern) die allgemeinen Merkmale des betreffenden Objektes herausgestellt und begrifflich fixiert werden (PANSA et al. 1982, S. 99). Da der Begriff nur die we­sentlichsten Merkmale des Objektes enthält, entfernt er sich von der objektiven Realität, erfasst diese jedoch umso tiefer (ebda). S. v. BUBNOFF (1954, S. 5f) formuliert diesen Gedanken mit der Hilfe von Begriffen aus der Geologie, indem er schreibt: "Wenn ich aus einer Beobachtung einen Begriff formuliere, so ist dieser Begriff mit der Wirklichkeit gleichzusetzen; er enthält eine Abstraktion, eine Formel unseres Geistes; er enthält weniger und mehr als die Wirklichkeit. Weniger, indem er von Einzelheiten absieht, mehr indem er nach wichtig und unwichtig wertet. In jeder Wissenschaft operieren wir aber mit Begriffen, nie mit der Wirklichkeit selber." Das Wissen über die Außenwelt muss aus diesem Grunde in empirisches Wissen und theoretisches Wissen unterteilt werden. Das empirische Wissen besteht aus der Gesamtheit von Feststellungen über empiri­sche Objekte (PANSA et al. 1982, S. 94) und bildet nach der marxistisch-leni­nistischen Erkenntnistheorie die erste Aussagenebene ("empirische Ebene"), die jene Aussagen enthält, die innerhalb einer wissenschaftlichen Theorie die Funktion haben, die Aussagen der zweiten Ebene ("theoretische Ebene") zu begründen (WITTICH et al 1980, S. 223). Dagegen enthält die theoretische Ebene jene Aussagen, die innerhalb einer wissenschaftlichen Theorie die Aus­sagen der empirischen Ebene erklären (ebda). Dieser Vorgang des Entstehens von Wissen über die Außenwelt erfordert die Berücksichtigung einer Reihe von Voraussetzungen, Bedingungen und Konsequenzen, die in Anlehnung an D. WITTICH et al. (1980, S. 224-228) erläutert seien:

1. Das Empirische ist entscheidend dafür, was als theoretische Aussage einer Theorie möglich ist. Diese empirischen Aussagen werden der wissenschaftli­chen Theorie als wahr zugrunde gelegt. Die Eigenschaft, wahr zu sein, be­sitzt das Empirische nicht kraft seiner Funktion innerhalb einer Theorie, son­dern dadurch, dass es den objektiv-realen oder von diesen abhängigen Sachverhalten entspricht. Was als wahr akzeptiert wird, ist in der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie durch das Kriterium der Praxis definiert.
2. Zur Erklärung der Aussagen der theoretischen Ebene müssen mindestens folgende zwei Bedingungen erfüllt sein:
a) sie müssen auf denselben Gegenstand bezogen sein.
b) sie müssen allgemeine, notwendige oder gesetzmäßige Zusammenhänge behaupten, deren Existenz die der empirischen Sachverhalte bedingt oder verursacht.
Dies erfordert nach der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie qualita­tive Höherorganisiertheit der theoretischen Ebene, so dass die Aussagen der theoretischen Ebene nicht auf die Aussagen der empirischen Ebene redu­ziert werden können.
3. Da Empirisches und Theoretisches auf denselben Gegenstand bezogen sind und durch die Beziehungen der Begründung und Erklärung inhaltlich und lo­gisch miteinander verbunden sind, stellt jede Theorie ein Gedankensystem "der Beschreibung der Gesamtheit der mit Hilfe einiger Begriffe und logischer Operationen zu einem einheitlichen Ganzen vereinigten Tatsachen dar" (P.W. KOPNIN & M.W. POPOWITSCH o.J., S. 87, zit. n. WITTICH et al. 1980, S. 225f).
4. Der Einfluss des Theoretischen auf das Empirische beschränkt sich nicht auf eine Erklärung der Aussagen der empirischen Ebene, sondern es werden durch das Theoretische die empirischen Sachverhalte mittels Begriffe er­fasst, die erst in der theoretischen Ebene entwickelt wurden und die die we­sentlichen, allgemeinen und gesetzmäßigen Merkmale hervorheben.

Zusammenfassend kann die Erkenntnis der Außenwelt in der marxistisch-leni­nistischen Erkenntnistheorie durch eine Aussage von K. MARX (1962, S. 27) begründet werden, nach der "das Ideelle nichts andres als das im Menschen­kopf umgesetzte und übersetzte Materielle" sei. Das durch bewusste Wider­spiegelung reproduzierte Abbild der Außenwelt stellt daher nach der marxis­tisch-leninistischen Erkenntnistheorie keine isomorphe Abbildung der Außen­welt dar, sodass in der Folge der Wahrheitsbegriff der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie diskutiert werden muss.

2 Die Begriffe der absoluten und relativen Wahrheit

Nach G. KLAUS und M. BUHR (1976, S. 1274) ist die Unterscheidung von rela­tiver und absoluter Wahrheit von grundlegender Bedeutung für das richtige Ver­ständnis des dialektischen Entwicklungsprozesses der Erkenntnis. Zur Ver­ständnis des Begriffes der relativen Wahrheit muss der Wahrheitsbegriff der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie im Allgemeinen diskutiert werden. Nach AUTORENKOLLEKTIV (1982, S. 295-300) "knüpft die marxistisch-leni­nistische Wahrheitstheorie an die materialistische Konzeption von Aristoteles an und arbeitet sie auf der Grundlage der materialistischen Widerspiegelungstheo­rie umfassend aus.“ Der dialektische Materialismus versteht unter "Wahrheit" im allgemeinen Sinne die Adäquatheit der Erkenntnis (ebda, S. 295) oder "die Übereinstimmung von Behauptungen mit objektivrealen oder abhängig von der objektiven Realität existierenden Sachverhalten" (WITTICH et al. 1980, S. 268).

Da die Objektivität der Wahrheit in der Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Objekt begründet liegt, kann die objektive Wahrheit als in der Adäquatheit der Erkenntnis bestehend bezeichnet werden. Aus diesem Grunde wird der Inhalt der kognitiven Abbilder durch das Erkenntnisobjekt bestimmt und ist nicht vom Erkennenden abhängig. D. WITTICH et al. (1980, S. 274) geben als Bei­spiel einer objektiven Wahrheit die Erkenntnis des Kopernikus "Die Erde be­wegt sich um die Sonne" an, da diese Aussage dem betreffenden objektiv-rea­len Sachverhalt entspricht. Diese Aussage war auch gültig, als es noch kein Leben auf der Erde gab und existiert völlig unabhängig davon, ob die Menschen diesen Sachverhalt erkennen oder nicht. In der marxistisch-leninistischen Er­kenntnistheorie hat es eigentlich keinen Sinn, von der Wahrheit der Wahrneh­mung zu sprechen, da die sinnlichen Abbildformen, die Empfindung und die Wahrnehmung „infolge ihres unmittelbaren Charakters und durch die Gesetz­mäßigkeit der Sinnes- und Nerventätigkeit bedingt ihrer Natur gemäß immer adäquat (sind)" (AUTORENKOLLEKTIV 1982, S. 296), sodass es nach der Auffassung marxistischer Philosophen keine falschen Wahrnehmungen geben kann.

Erst auf der Ebene des rationalen Erkennens entsteht das Problem der Unter­scheidung von adäquaten und nichtadäquaten Abbildern, da das Denken mit den Begriffen, die als Resultat und Verallgemeinerung aus der Verarbeitung der Sinneswahrnehmungen entstehen, so frei operieren kann, dass adäquate oder nicht adäquate Aussagen über das Erkenntnisobjekt entstehen können. Es ist daher zulässig, von wahren oder falschen Aussagen und Aussagenverbindun­gen zu sprechen, während dies für Wahrnehmungen nicht gilt. Bei dieser Prob­lematik besteht zur Zeit auch eine intensive Diskussion unter den marxistischen Philosophen, da verschiedene Autoren (vgl. WAGNER et al. 1974) Überein­stimmung mit Wahrheit identifizieren, ohne zu beachten, dass es verschiedene Formen der Übereinstimmung von Widerspiegelung und Widergespiegeltem gibt. Bei AUTORENKOLLEKTIV (1982, S. 297) ist dafür als Beispiel die Mög­lichkeit religiöser Anschauungen angeführt, die auch eine Widerspiegelung der natürlichen und gesellschaftlichen Realität sei, während daraus keineswegs ihre Wahrheit folge.

Nach AUTORENKOLLEKTIV (ebda) ist vom Standpunkt der marxistisch-leni­nistischen Erkenntnistheorie jede Wahrheit objektive Wahrheit, wobei jedoch die objektive Wahrheit, die wir im Erkenntnisprozess erlangen, niemals eine abgeschlossene, ewige Wahrheit ist, da erstens die Materie in ihren Erschei­nungsformen und in ihrer Entwicklung unerschöpflich sei, zweitens wir immer nur unter den Bedingungen unserer Epoche erkennen, drittens alle Erkennt­nisse bruchstückhaft sind und schließlich viertens das Erkennen ein Prozess der unendlichen Annäherung der Erkenntnis an das Objekt ist. Dies wird in der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie durch den Begriff der "relativen Wahrheit" ausgedrückt.

Die relative Wahrheit ist keine neue Art von Wahrheit neben der objektiven Wahrheit, sondern entspricht der objektiven Wahrheit unter dem Gesichtspunkt der historischen Entwicklung der Erkenntnis. Als relative Wahrheit wird deshalb in der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie die objektive Wahrheit be­zeichnet, um auszudrücken, dass das Erkennen der Wahrheit ein Prozess ist.

Aus diesen Gründen ist jede objektive Wahrheit eine relative Wahrheit und keine absolute. Zwischen dem Relativen und dem Absoluten besteht nach AU­TORENKOLLEKTIV (ebda, S. 298) eine dialektische Wechselbeziehung in der Form, dass im Relativen auch immer etwas Absolutes zum Ausdruck kommt und im Absoluten zugleich auch Relatives enthalten ist. Daher sei die relative Wahrheit objektiv und enthalte trotz ihrer Relativität auch absolute, unveränder­liche Elemente und sei damit als ein Schritt auf dem Wege zur absoluten Wahr­heit anzusehen.

Unter dem Begriff "absolute Wahrheit" versteht man in der marxistisch-leninisti­schen Erkenntnistheorie die umfassende Erkenntnis der objektiven Welt bzw. die Menge aller wahren Aussagen über alle in der Welt existierenden Sachver­halte (AUTORENKOLLEKTIV ebda). Das Erkennen der absoluten Wahrheit wird auch in der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie als unmöglich be­zeichnet, da ein "allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte (…) im Widerspruch mit den Grundgeset­zen des dialektischen Denkens (steht)" (ENGELS1962, S. 608f). Nach AUTO­RENKOLLEKTIV (1982, S. 299) existiert die absolute Wahrheit nur insofern, "als sie in der historischen Entwicklung des menschlichen Erkennens schritt­weise erfasst wird, (sie) existiert (…) zugleich auch nicht, da sie niemals end­gültig erreicht werden kann." W.I. LENIN (1962, 6. 129) beschreibt den dialekti­schen Widerspruch der Erkenntnis und seine fortwährende Lösung und Neu­setzung auf folgende Weise: "Das menschliche Denken ist also seiner Natur nach fähig, uns die absolute Wahrheit, die sich aus der Summe der relativen Wahrheiten zusammensetzt, zu vermitteln, und es tut dies auch. Jede Stufe in der Entwicklung der Wissenschaft fügt dieser Summe der absoluten Wahrheit neue Körnchen hinzu, aber die Grenzen der Wahrheit jedes wissenschaftlichen Satzes sind relativ und können durch die weitere Entwicklung des Wissens entweder weiter oder enger gezogen werden."

[...]


[1] Bei der Universitätsreform 1975 wurde die Philosophische Fakultät der Paris-Lodron-Universität Salzburg in eine Geisteswissenschaftliche und in eine Naturwissenschaftliche Fakultät aufgeteilt. Bis zum Inkrafttreten der neuen Studienpläne infolge dieser Universitätsreform Anfang der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts galt die Prüfungsordnung der ehemaligen Philosophischen Fakultät weiter. Nach dieser Studienordnung gab es keine Diplomstudien sondern nur Lehramtsstudien und Doktoratsstudien (mindestens acht Semester, drei bzw. fünf „strenge Prüfungen“ (Rigorosen) aus dem Haupt- und Nebenfach sowie aus Philosophie. Der Promovend war damit bis zur Promotion formal ein Student.

[2] Der einzige, der dafür einen konkreten Auftrag hatte, – mein persönlicher Mentor, dessen Name ich aus datenschutzrechtlichen Gründen verschweige – setzte diesen Auftrag nicht um, sondern warnte mich, indem er bei einem Besuch in meinem Untermietzimmer einfach einmal „aus Versehen“ seine Unterlagen liegen ließ, in dem offen ein Instruktionsblatt zu finden war, über welche politischen Themen er mit mir zu diskutieren hätte. Was er allerdings niemals ausführte.

[3] Dies erfuhr ich nach der Wende 1989 durch mehrere Kollegen, mit denen ich nach der Wende in Kontakt verblieben war bzw. die ich wieder getroffen habe. Resultat dieses Verbots war, dass ich schon drei Wochen nach Ankunft in der DDR bei der Katholischen Studentengemeinde in Leipzig täglicher Abendgast war und zum Vergnügen der dort Anwesenden diesen österreichische Volks- und Bergsteigerlieder beibrachte. Diese erzwungene Trennung zwischen beruflichen Alltag und Privatleben hat meiner Psyche ausgesprochen gut getan. Manche Freundschaften aus dieser Zeit halten bis heute.

[4] Dollinger 1984, veröffentlicht als Dollinger 1985. In dieser naturwissenschaftlichen Dissertation wurden die Arbeitsansätze, die ich in Leipzig, Dresden, Halle und Greifswald kennen lernte, im Rahmen einer geomorphologischen Arbeit umgesetzt, insbesondere die ökologisch orientierte polyfunktionale Landschaftsbewertung nach Eberhard Niemann (1982).

[5] Ernst Neefs Lehre aus heutiger Sicht wird bei Bastian (1999) und Mannsfeld (1999) am ausführlichsten und nachvollziehbarsten dargestellt.

[6] Dies steht für eine zweiseitig eindeutige Zuordnung, Anmerkung F.D.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Zur Erkenntnis der Außenwelt in der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie
Hochschule
Universität Salzburg  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar Grundzüge der Erkenntnistheorie
Note
2
Autor
Jahr
1984
Seiten
28
Katalognummer
V215515
ISBN (eBook)
9783656457626
ISBN (Buch)
9783656458340
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Gründe für diese späte Veröffentlichung sind in den Vorbemerkungen ausführlich beschrieben: 1. Nachvollziehbarkeit für eine 2013 verfasste Arbeit, 2. Aufarbeitung eines Stücks des wissenschaftlichen Lebensweges.
Schlagworte
Erkenntnistheorie, Marxismus/Leninismus, Landschaft, Weltanschauung
Arbeit zitieren
Univ.-Doz. Dr. Franz Dollinger (Autor), 1984, Zur Erkenntnis der Außenwelt in der marxistisch-leninistischen Erkenntnistheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215515

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