Die patriarchalische Hegemonie und ihre Auswirkung auf die Ehe in Südkorea. Eine sozialkritische Betrachtung

Der Konfuzianismus als ein den Traditionalismus tragendes Element


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Genese der Tradition

3. Die Transformation der Gendersituation
3.1 Demographische Trends
3.2 Familienstruktur und Familiengröße
3.3 Mechanismen sozialer Diskriminierung gegen die (Ehe-) Frau
3.4 Konfliktpotential der maritalen Domestizität im Alltag

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das koreanische Wirtschaftswunder[1] und die damit einsetzende und zügig progressierende Integration Südkoreas in die globale Wirtschaftsgemeinschaft verblieb nicht ohne konkrete Auswirkung auf sozialer und kultureller Ebene als Reaktion auf die stattgefundene ökonomische Restrukturierung – Urbanisierung, Veränderung des Klassen- und Familiengefüges sowie ein Wandel im Bildungs- und professionellen Umfeld – diese Transformation führte desgleichen zu einem einschneidenden Paradigmenwechsel in den Sphären menschlicher Glaubenssysteme und Ideologien. Auch die Beschäftigung mit westlichen Werten und Vorstellungen führte zu einem Wechsel traditioneller Familienstruktur und Genderverständnisses. Es treffen in der südkoreanischen Gegenwart aufeinander vielgestaltige Elemente der Modernität und althergebrachte, patriarchalische Wirkungsprinzipien, welche verankert im koreanischen Bewusstsein, das koreanische Alltagsleben immer noch in erheblichem Maße beeinflussen.

In der vorliegenden Arbeit wird der gängige Forschungsstandpunkt zu dem Konzept Ehe und dessen praktischer Auslegung in Südkorea erörtert. Sie behandelt in diesem Sinne nicht die persönliche Meinung des Autors, sondern stellt die Reflexion diverser wissenschaftlicher Anschauungen zu dem Forschungsgegenstand dar, welcher vorwiegend negativ belegt zu sein scheint. Das Nachwirken neokonfuzianischer Tradition wird als strukturelles Makel, als ein dem gesellschaftlichen System inhärentes Übel karikaturisiert. In meinem Hauptteil skizziere ich Mechanismen und Wege der Machtentfaltung der konfuzianischen Lehre innerhalb des Gesellschaftsgefüges der Yi-Dynastie, rekapituliere darauf folgend traditionelle konfuzianische Axiome und widme mich schließlich der Moderne, versuche Veränderungen, eine Wende aufzuzeigen, konstatiere aber gleichzeitig, dass es auch Kriterien gibt, die auch gegenwärtig in kaum veränderter Form fortwirken. Im Rahmen des Fazits komme ich zu dem Schluss, patriarchalische Strukturen, welche in der konfuzianischen Tradition fest verwurzelt zu sein scheinen, übten in der Tat entscheidenden Einfluss auf die südkoreanische Realität im Bezugsrahmen von Ehe und Gendersituation aus; es sei aber nicht zulässig diese Hierarchie als ein exklusiv südkoreanisches Phänomen zu betrachten, sondern habe sich auch global und transkontinental parallele Entwicklungen zu vergegenwärtigen.

Bei der Darstellung koreanischer Namen und Begriffe folgt diese Arbeit der jeweils international gebräuchlichsten Schreibweise, da sich im Koreanischen bislang kein Transkriptionssystem als Standard durchsetzen konnte, ansonsten wird das New Romanization System 2000 angewandt.

2. Die Genese der Tradition

An dieser Stelle soll in Kürze die Begrifflichkeit des Metakonfuzianismus dargestellt werden, da im weiteren Verlaufe der vorliegenden Arbeit der Autor die Annahme einer metakonfuzianischen südkoreanischen Gesellschaft machen wird.

Das Wesen des Meta-Konfuzianismus sind nicht klassische Kodices und Prinzipien der fünf konfuzianischen Klassiker und vier Bücher, zentraler Texte dieser philosophischen Lehre, es ist indes vielmehr ein mittelbares Fortleben dieser Lehre, welche in abgewandelter Form hohe gesellschaftliche Wirkungskraft entfaltet in Gesellschaften, in denen Elemente des Konfuzianismus historisch Fuß fassen konnten. Prädominierend sind es demgemäß Gesellschaften, in welchen die chinesische Schrift, Träger kultureller und sozialer Imprinte, sich verbreiten und entwickeln und somit entscheidenden Einfluss auf menschliche Denksysteme, ethische Vorstellungen und Konzepte nehmen konnte (SLOTE 1998: 72).

Um die grundlegende Basis moderner koreanischer Familien-, Ehe- und Genderbeziehungen und deren strukturelle Merkmale holistisch erfassen zu können, ist es an dieser Stelle essentiell, das traditionelle Familien- und Gendermodell seit den Anfängen des neo-konfuzianischen Patriarchats zu untersuchen. Mit Beginn der Yi-Dynastie (1392-1910) wurde der Neokonfuzianismus von den herrschenden Eliten eingeführt in primärer Linie mit dem Ziel, das neu entstandene Staatsgefüge zu konsolidieren und die konkurrierende Lehre des Buddhismus zu unterdrücken. Der Neokonfuzianismus, welcher eine penible hierarchische Ordnung zwischenmenschlicher Beziehungen, basierend auf Alter, Geschlecht und vererbten gesellschaftlichen Status, postulierte, wurde seitens der Elite als effektives Instrument erkannt, die koreanische Gesellschaft zu reformieren (CHONG 2008: 58).

Es ist hierbei zu akzentuieren, dass jener im Choson-Reich[2] eingeführte Konfuzianismus ein in Bezug auf seine soziale Implikation deutlich weniger liberales Pendant darstellte in Kontrast zu seinem historisch überlieferten Idealtypus. Es wurde eine reichliche Umdeutung und Modifikation des klassischen Inhalts und Form vorgenommen und die konfuzianische Lehre in erheblich abgewandelter Form eingeführt. Die so genannten Samgang Oryun (dt. annähernd „Die drei sittlichen Grundsätze und fünf menschlichen Beziehungen“) des althergebrachten Konfuzianismus wurden politisch instrumentalisiert und nun rigoroser vorgetragen: War der Mann zunächst lediglich „Leitfigur“ für die Frau, dieses Verhältnis sich also auf eine bedingterweise egalitäre Basis stützend, so war dieser nun unangefochtene Autorität. Auch kosmologische Einflüsse des Daoismus, welche in diesen „neuen“ Konfuzianismus der Yi-Dynastie allmählich Eingang fanden, wurden praktisch aufgegriffen und politisch angewandt – demnach repräsentiere die Frau die Erde, der Mann der Himmel (SLOTE 1998: 87-88).

Die neue Organisationsbasis der (neo-) konfuzianischen Gesellschaft und Familienstruktur war damit ein apodiktisch patrilineales und patrilokales Deszedenzsystem. Abgesichert und solidisiert wurde dieses primär durch das Ritual der Ahnenverehrung, welches auszuführen ausschließlich dem ältesten Sohn der Familie zustand. Folglich war die Geburt von männlichen Nachkommen ein essentieller Faktor für das Renommee einer Familie im Rahmen des gesellschaftlichen Verhältnisnetzes. Männer waren ein bestimmendes Element, die Führenden, Weisenden im familialen Gefüge (KIM 2005: 28).

Der entstandene Neokonfuzianismus basierte insbesondere auf den folgenden zwei Grundsätzen: Dem Prinzip einer hierarchischen Ordnung zwischen Älteren und Jüngeren sowie auf dem Unterschied zwischen Mann und Frau. Die Tatsache, dass die Frau „anders“ sei, fungierte als Basis für eine strikte Geschlechtertrennung und Rollenteilung; die Frau wurde dabei in die „innere Sphäre“ verbannt, in Unterordnung zur „äußeren Sphäre“, in welcher die Männer agierten. Diese hatten die Funktion, ihre Familien gegenüber der Öffentlichkeit zu präsentieren, Familienmitglieder zu beaufsichtigen und anzuleiten sowie Familienbesitz und Eigentum zu kontrollieren (CHONG 2008: 60).

In Kontrast dazu war die Gendersituation während der vorhergehenden historischen Zeitabschnitte in Korea noch ganz anders beschaffen: Während der vereinten Shilla-Periode (668-935), in welcher die buddhistische Lehre breitere und offene Verbreitung besaß, erfreuten sich Frauen vergleichsweise breiterer Freiheit, physischer Mobilität und mannigfaltiger Rechte. Eine Frau hatte sogar den Anspruch, als Familienvorstand das familiale Gefüge lenken zu dürfen. Auch gab es vereinzelt weibliche Regenten, welche großen politischen Einfluss und Macht auszuüben wussten. Noch während der Goryo-Periode (935-1392) verfügten Frauen über etliche grundlegende humane Rechte: ein ausgewogenes Erbschaftsverhältnis, das Recht auf Wiederverheiratung, physische Mobilität, relative Freiheit des Verkehrs mit Männern und sogar das Privileg der uxorilokalen Residenz (SLOTE 1998: 80).

[...]


[1] Nach dem Koreakrieg 1950-53 gelang Südkorea innerhalb nur weniger Jahrzehnte die Entwicklung von einem Agrarstaat zu einer weltweit führenden Industrienation

[2] Weitere Möglichkeit auf die auch als Yi-Dynastie bekannte Herrschaftsperiode zwischen 1392 und 1897 Bezug zu nehmen

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Details

Titel
Die patriarchalische Hegemonie und ihre Auswirkung auf die Ehe in Südkorea. Eine sozialkritische Betrachtung
Untertitel
Der Konfuzianismus als ein den Traditionalismus tragendes Element
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V215834
ISBN (eBook)
9783656444213
ISBN (Buch)
9783656444343
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hegemonie, auswirkung, südkorea, eine, betrachtung, konfuzianismus, traditionalismus, element
Arbeit zitieren
Benjamin Stark (Autor), 2011, Die patriarchalische Hegemonie und ihre Auswirkung auf die Ehe in Südkorea. Eine sozialkritische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215834

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