Von Leitmeritz nach Pirna. Der Kaiser, Kursachsen und die Friedensfrage 1633/1634


Seminararbeit, 2012

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Motive der kaiserlichen Friedenspolitik

3) Motive der kursächsischen Friedenspolitik

4) Die Konferenz von Leitmeritz und der geplante Friedenskongress von Breslau 1633

5) Der Vorfrieden von Pirna 1634

6) Schlussbetrachtung

7) Quellenverzeichnis

1) Einleitung

Der Dreißigjährige Krieg, der mit dem Ständeaufstand in Böhmen 1618 seinen Anfang genommen hatte und erst 1648, inzwischen zum Krieg der europäischen Großmächte mutiert, mit Unterzeichnung des Westfälischen Friedens beendet werden konnte, gilt gemeinhin, neben der Reformation Martin Luthers und der Kirchenspaltung, als das einschneidenste Ereignis der Frühen Neuzeit in Europa. Am Ende stand der Aufstieg Frankreichs zum neuen kontinentalen Hegemon und die politische Ohnmacht des Reiches, die durch die Schwächung der kaiserlichen Zentralgewalt zugunsten der Souveränität der Fürsten und Städte zementiert wurde. Der Westfälische Frieden wurde somit, besonders vor dem Hintergrund des seit dem 19. Jahrhundert aufblühenden deutschen Nationalismus, von der historischen Forschung noch bis in die jüngste Vergangenheit als „ein nationales Unglück“ für das deutsche Volk und für das Heilige Römische Reich als Beginn „der tödlichen Krankheit, der es schließlich erlag“ betrachtet.[1] Dass die Geschichte ganz anders hätte verlaufen können, wird dabei häufig übersehen. In der Tat gab es nach dem Tod des schwedischen Königs Gustav Adolf Ende 1632 eine durchaus reelle Möglichkeit, den Frieden im Reich auf der Grundlage eines gesunden Kräftegleichgewichts zwischen Kaiser und Ständen wiederherzustellen. Doch der 1633 nach Breslau einberufene Friedenskongress scheiterte bereits im Vorfeld. Stattdessen schuf der kaiserliche Sieg in der Schlacht von Nördlingen 1634 eine Situation, die den Kaiser dazu verleitete, Kursachsen als Haupt der deutschen Protestanten seine Friedensbedingungen zu diktieren und zugleich die Forderungen Schwedens und Frankreichs völlig zu ignorieren. Der 1635 in Prag geschlossene Frieden zwischen Kaiser und Kursachsen konnte daher, obwohl von der Mehrheit der Stände ratifiziert, dem Reich den ersehnten Frieden nicht sichern. Die historische Forschung hat den Friedensbemühungen nach dem Ableben von Gustav Adolf bis zum Abschluss des Prager Friedens wenig Aufmerksamkeit geschenkt.[2] Maßgebend hierfür ist immer noch die 1997 erschienene Quellenedition von Kathrin Bierther zur Vorgeschichte wie auch zum Prager Frieden selbst, die dem Autor zahlreiche wertvolle Anregungen geliefert hat.[3] Das Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der Forschungsliteratur sowie ausgewählter Quellen, die Friedensbestrebungen von Kaiser Ferdinand II. und des Kurfürsten von Sachsen als den beiden Exponenten ihrer jeweiligen Konfessionsblöcke in der Zeit nach dem Tod von Gustav Adolf 1632 bis zum Pirnaer Vorfrieden 1634 zu untersuchen und dabei einerseits nach den Ursachen ihrer Friedenspolitik zu fragen, andererseits das Scheitern des Breslauer Friedenskongresses zu beleuchten und in diesem Kontext die Unterschiede aufzuzeigen, die nur ein Jahr später zum Erfolg der kaiserlich-kursächsischen Verhandlungen führten.

2) Motive der kaiserlichen Friedenspolitik

„Auß welchen und andern mehr ursachen dann wir nichts anders befinden khönnen, alß daß der Friden ainmahl nit allain nuzlich, sondern mehr dann hochnottwendig und also demselben mit allen gedankhen nachzutrachten“ sei.[4] Dieser dringende Appell von seiten hoher und einflussreicher Räte an den Kaiser im Januar 1633, einen baldigen Frieden im Reich anzustreben, war symptomatisch für den Gesinnungswandel am Wiener Hof, der sich unter dem Eindruck des scheinbar unaufhaltsamen Vormarsches der Schweden nach Süden auf die kaiserlichen Erblande und dem Übertritt zahlloser protestantischer Reichsstände, darunter die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, ins schwedische Lager vollzogen hatte.[5] Die Siegeszuversicht der Katholischen, die auf dem Höhepunkt kaiserlich-katholischer Machtentfaltung 1629 noch in der Verabschiedung des Restitutionsediktes gegipfelt hatte, „war einer düsteren Vorahnung dessen gewichen, was im Falle einer Niederlage der katholischen Sache im Reich drohen könnte.“[6]

Der Tod des Schwedenkönigs Gustav Adolf im November 1632 in der Schlacht von Lützen, vom Kaiser als gerechtes Gottesurteil und zugleich als Bestätigung seiner strikten Rekatholisierungspolitik interpretiert, vermochte jedoch bei den kaiserlichen Ratgebern die Einsicht in die Unumgänglichkeit von Friedensverhandlungen nicht zu trüben. Bereits im September 1632 hatte in einem Gutachten Reichsvizekanzler Stralendorf angeraten, „zue verhütung einer totalruin […] uff den Fried zue gehen“.[7] Ende Januar 1633 schließlich legten die Räte des Kaisers ein umfangreiches Dossier vor, das sich ausgiebig der Frage widmete, ob nach dem Ableben von Gustav Adolf der Krieg fortgesetzt oder der Weg der Verständigung mit den Protestanten eingeschlagen werden sollte. Die Weiterführung des Krieges schien vorrangig aus zwei Gründen angezeigt: Zum einen bestünden keinerlei Erfolgschancen, die Exekution des Restitutionsediktes mit Hilfe friedlicher Mittel zu erreichen.[8] Zum anderen habe der Gegner mit dem Verlust des Schwedenkönigs sein politisches und militärisches Haupt verloren, sodass zu hoffen sei, „der Vheindt nicht leicht ein solches Capo finden möchte.“[9] Dieses Machtvakuum könne letztlich die Destabilisierung und Zersplitterung der protestantischen Partei bewirken. Würde der Kaiser in dieser Situation alle Kräfte mobilisieren, müsste eigentlich ein Sieg möglich sein, zumal Schweden wegen des bald auslaufenden Waffenstillstandes mit Polen gezwungen wäre, seine Truppen aus dem Reich wieder abzuziehen.[10]

Indes hielten die Räte nüchtern dagegen, dass es dem Kaiser an den Ressourcen „so zu Continuirung deß Kriegs vor allen Dingen vonnötten, nunmehr genzlich ermangelt“, da diese nach den Eroberungen der Schweden im Reich fast ausschließlich aus den kaiserlichen Erblanden selbst beschafft werden müssten.[11] Doch seien die Länder des Kaisers nach über einer Dekade des kontinuierlichen Kämpfens größtenteils erschöpft und ausgeblutet. Neue Kriegsbeschwerungen könnten leicht in Aufruhr und Rebellion münden. Die Erb- und Kronlande befänden sich generell in einem derart beklagenswerten Zustand, dass überdies ihre Verteidigungsbereitschaft im Falle einer erneuten türkischen Invasion mehr als nur zweifelhaft erscheine, wodurch nicht nur „dise Vormaur der Christenheit“, sondern auch „das ganze Christenthumb in eüßerste gefahr gesetzt“ würde.[12] Unterstützung von anderen Mächten habe der Kaiser in dieser brisanten Lage höchstens von Spanien zu erwarten. Allerdings trage Spanien an den Lasten zur Sicherung seines ausgedehnten Herrschaftsgebietes so schwer, dass man auf die Hilfe der Verwandten in Madrid nicht jederzeit werde bauen können.[13] Schlecht sei es ebenso um das eigene Heer bestellt, welches „ohne geldt und […] ohne rechte disciplin geführt würdt und anders nichts gewohnt ist, alß ein Landt nach dem andern zu verzehren“.[14]

Dagegen sei das Übergewicht des Feindes in militärischer, finanzieller, materieller und logistischer Hinsicht erdrückend. Ganz Deutschland, namentlich „die fürnembsten, sterkhisten Stätt, Vesstungen und Päß zu Waßer undt Landt sambt dem Teutschen Mehr“ habe er in seiner Gewalt.[15] Er könne somit, im Unterschied zum Kaiser, auf ein weit größeres Reservoir an Mitteln zur Fortsetzung des Krieges zurückgreifen. Dies gelte umso mehr, da dem Feind eine Vielzahl von Verbündeten, darunter Frankreich, England und Dänemark, Beistand gewähren würden. Besondere Beachtung müsse in erster Linie Frankreich erfahren, welches zur Schwächung des Hauses Österreichs und zur Rückgewinnung seiner alten Rheingrenze vor allen anderen bestrebt sei, im Reich militärisch zu intervenieren.[16]

In anbetracht dieses ungleichen Kräfteverhältnisses müssten die dem Kaiser gehorsamen Reichsstände, d.h. sowohl diejenigen, welche bereits aus ihren Ländern verjagt worden seien, als auch jene, denen das selbe Schicksal noch zuteil werden drohe, jede Hoffnung verlieren. Sie hätten schließlich keine andere Alternative, als „auf frembder Königen und Potentaten Protection sich zu verlaßen“ und bei diesen Schutz zu suchen, um entweder zu ihren Landen zurück zu gelangen oder ihnen den Gang ins Exil zu ersparen.[17] Sollte sich der Krieg weiter in die Länge ziehen wäre zu befürchten, dass sich die Reichsstände für immer vom Haus Österreich abwenden und, „damit die verlohrnen Länder bey dem Reich zu erhalten,“ zu einer neuen Königswahl schreiten könnten, wodurch die Habsburger ihren Anspruch auf die Nachfolge im Reich für alle Ewigkeit verwirkt hätten.[18] Auswärtige Monarchen, die selbst nach der Kaiserwürde trachteten, könnten sich zu diesem Zweck mit den Kurfürsten arrangieren. Sollte der Kaiser in dieser unheilvollen Situation plötzlich sterben, so stünde zu vermuten, dass seinem Sohn das Reich entgleiten und es endgültig in die Hände ausländischer Herrscher fallen würde.[19]

Das Reich wiederum sei vollkommen im Niedergang begriffen und versinke derweil in Chaos und Anarchie: Die Justiz liege allerorts darnieder und „in vornemen Chur- und Fürstenthumben thun eüßerliche nationes zu ewiger schmach des Teütschlandtß nit allain das militärische, sondern auch das politische regiment führen.“[20] Hinzu komme die allgemeine Not der leidenden Bevölkerung, die durch Hunger, Krankheiten und die marodierende Soldateska auf beiden Seiten zu Tausenden dahin gerafft werde.[21]

Darüber hinaus konstatierten die Räte, dass die eingangs von ihnen erwogenen Gründe zur Fortsetzung des Krieges einer kritischen Revision unterzogen werden müssten. Zum einen habe der Gegner stets aufs Neue begabte Befehlshaber hervor gebracht, sodass der Tod von Gustav Adolf nur eine temporäre Schwächung der Protestanten bedeuten dürfte. Auch seien keinerlei Anzeichen für eine Auflösung der feindlichen Koalition, etwa ein Ausscheren der Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen, zu beobachten.[22] An eine militärische Wende glaubten die Räte ebenso wenig, bezweifelten sie doch, dass es dem Kaiser nochmals gelingen werde, ein großes und schlagkräftiges Heer aufzustellen. Dessen Unterhalt könne einzig zu Lasten der kaiserlichen Erblande erfolgen und würde den Untergang des Hauses Österreich lediglich beschleunigen.[23] Selbst der Gewinn einer weiteren Schlacht könne das Ruder nicht mehr herum reißen, denn es bestehe ein prinzipieller Unterschied zwischen den Siegen des Kaisers und des Feindes: Trotz zahlreicher Siege hätte der Kaiser „nit ein handtbrait Landtß erlangt“, während Schweden „durch aine ainzige […] Victorj bey Leibzig fast ganz Teutschlandt nach und nach ohne widerstandt erhalten“ habe.[24]

Zum anderen sei zwar leicht zu ermessen, dass ein Friedensschluss den Verzicht auf die Exekution des Restitutionsediktes impliziere, doch verfüge der Kaiser unlängst über ein theologisches Gutachten, das umfassende Konzessionen in diesem Punkt für legitim erachte, um dadurch nach dem Vorbild Kaiser Ferdinands I. die Religion vor größerem Schaden zu bewahren.[25] Immerhin habe es seit der Zeit der Kirchenspaltung nie schlechter um die katholische Sache im Reich gestanden und schließlich würden die Unkatholischen allein die Intention hegen, „die Religion genzlich außzutilgen.“[26]

[...]


[1] Dickmann, Der Westfälische Frieden, S. 494.

[2] Ausgenommen hiervon sind die Aktivitäten Wallensteins, die in jeder größeren biographischen Abhandlung über den kaiserlichen Generalissimus nachgelesen werden können. Der Autor hat für diese Arbeit jedoch darauf verzichtet, auf die Wallenstein-Problematik einzugehen, da aufgrund des zwielichtigen Charakters und des sprunghaften Verhaltens die Ernsthaftigkeit der Friedensabsichten Wallensteins nicht ermittelt werden kann und zudem die Autorisierung seiner Verhandlungen mit Kursachsen durch den Kaiser nicht gesichert ist.

[3] Vgl. Bierther, Kathrin (Bearb.), Die Politik Maximilians I. von Bayern und seiner Verbündeten 1618-1651, Zweiter Teil, Zehnter Band, Der Prager Frieden von 1635, 4 Teilbände, München/Wien 1997.

[4] Votum deputierter Räte, 28. Januar 1633 (zit. nach: Hallwich, Briefe und Akten, III. Bd., S. 761).

[5] Unter den betreffenden Räten waren Reichsvizekanzler Stralendorf, der Bischof von Wien, Anton Wolfradt, und der Geheime Rat Graf Trauttmansdorff.

[6] Brendle, Der Erzkanzler im Religionskrieg, S. 387.

[7] Gutachten Stralendorfs, 24. September 1632 (zit. nach: Hallwich, Briefe und Akten, III. Bd., S. 153).

[8] Votum deputierter Räte, 28. Januar 1633 (zit. nach: Hallwich, Briefe und Akten, III. Bd., S. 755).

[9] Ebenda.

[10] Ebenda S. 756.

[11] Ebenda.

[12] Ebenda S. 756-757.

[13] Ebenda S. 759.

[14] Ebenda.

[15] Ebenda S. 757.

[16] Ebenda S. 758 u. S. 764.

[17] Ebenda S. 757; Hier wurde offen auf Kurtrier rekurriert, das sich 1632 unter französische Protektion begeben hatte. Frankreich war ebenso bemüht, die Kurfürsten von Köln, Bayern und Sachsen mit ähnlichen Offerten auf seine Seite zu bringen.

[18] Ebenda; Die Tatsache, dass auf dem Regensburger Kurfürstentag 1630 die Wahl des Sohnes von Ferdinand zum römisch-deutschen König und somit zum designierten Erben seines Vaters als Kaiser gescheitert war, hat gewiss zu dieser geäußerten Angst der Räte erheblich beigetragen.

[19] Ebenda S. 760.

[20] Ebenda.

[21] Ebenda S. 759.

[22] Ebenda S. 761; Im Falle von Kursachsen eine Fehleinschätzung, Vgl. unten S. 6-8.

[23] Ebenda S. 763.

[24] Ebenda S. 758; Gemeint ist der Sieg der schwedisch-kursächsischen Truppen in der Schlacht von Breitenfeld im September 1631.

[25] Das Gutachten der Theologenkommission wurde 1631 im Vorfeld der in Mühlhausen geplanten, jedoch nicht zustande gekommenen katholisch-protestantischen Ausgleichsverhandlungen erstellt, Vgl. Bireley, Maximilian von Bayern, S. 190.

[26] Votum deputierter Räte, 28. Januar 1633 (zit. nach: Hallwich, Briefe und Akten, III. Bd., S. 763).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Von Leitmeritz nach Pirna. Der Kaiser, Kursachsen und die Friedensfrage 1633/1634
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Der Dreißigjährige Krieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V215906
ISBN (eBook)
9783656448891
ISBN (Buch)
9783656450078
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leitmeritz, pirna, kaiser, kursachsen, friedensfrage
Arbeit zitieren
Steffen Prosser (Autor), 2012, Von Leitmeritz nach Pirna. Der Kaiser, Kursachsen und die Friedensfrage 1633/1634, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215906

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