Soll es um Wissenssoziologie gehen, so drängt sich zuallererst das soziologische Standardwerk von Berger und Luckmann über die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit auf, das wohl wie keine zweite Arbeit zu erklären versuchte, wie Alltagswissen gesellschaftlich produziert und reproduziert wird (vgl. Berger und Luckmann 1980). Jedoch soll das kein Ende der Theorieentwicklung bedeuten und den Blick auf ältere oder neuere theoretische Ansätze versperren. Daher sei in dieser Arbeit der Fokus auf einen Theorieentwurf gerichtet, der lange vor Berger und Luckmanns Werk entstand, sowie auf einen der erst später das Licht der Welt erblickte. Beide Ansätze haben allerdings gemeinsam, sich nicht als explizit wissenssoziologische Theorien zu verstehen: Bei Marx und Engels heißt unser Gegenstand Ideologie oder Bewusstsein, bei Pierre Bourdieu ist Wissen einerseits in den Begriff des kulturellen Kapitals, andererseits in den des Habitus eingeflochten. Es liegt auf der Hand, dass Wissen nicht gleich Wissen ist: Es kann sich um wissenschaftlich hergestelltes Wissen handeln, das methodisch kontrolliert hergestellt und evaluiert wird, oder um Alltagswissen, das sich dadurch legitimiert, dass es Handlungsfähigkeit erzeugt oder bewahrt. Es kann die Rede sein von explizitem Wissen, das den wissenden Subjekten auch als solches entgegensteht, aber auch implizitem Wissen, das alltäglich angewendet und produziert wird, ohne als solches überhaupt Gegenstand der Reflexion zu werden. Im Rahmen dieser Arbeit soll nun herausgearbeitet werden, welche Wissensformen durch Ideologie und Habitus beschrieben werden, wie sie erklärt werden und worin der theoretische Mehrwert dieser Begriffe liegen kann. Der Bourdieu'sche Kapitalbegriff - und damit auch der des kulturellen Kapitals - wird an dieser Stelle nicht diskutiert, da er unter anderem auf den Habitus rekurriert und im Hinblick auf die Frage nach der Herstellung und Reproduktion von Wissen den Habitusbegriff nicht an Erklärungskraft übertrifft.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ideologie und Bewusstsein bei Marx und Engels
2.1 Kritik am Deutschen Idealismus
2.2 Die materielle Basis der gesellschaftlichen Verhältnisse
2.3 Der Ideologiebegriff
2.4 Die wissenssoziologische Bedeutung
3 Pierre Bourdieus Habituskonzept
3.1 Der Habitusbegriff
3.2 Der Wissenssoziologische Aspekt des Habituskonzeptes
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die wissenssoziologischen Ansätze von Karl Marx und Friedrich Engels einerseits sowie Pierre Bourdieu andererseits. Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie unterschiedliche theoretische Perspektiven die Entstehung, Reproduktion und den gesellschaftlichen Stellenwert von Wissen und Bewusstsein erklären und worin der jeweilige theoretische Mehrwert der Begriffe Ideologie und Habitus liegt.
- Materialistisches Geschichtsverständnis nach Marx und Engels
- Entwicklung und Funktionen des Ideologiebegriffs
- Bourdieus Habitusbegriff als Erklärung sozialer Praxis
- Theoretische Gegenüberstellung von deterministischen und strukturellen Wissensmodellen
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Habitusbegriff
Pierre Bourdieu entwickelte den Habitusbegriff als Antwort auf die Frage, wie soziale Praxis zustande kommt und wie es sein kann, dass die soziale Praxis von Individuen einer Klasse oder eines Milieus sich im Regelfall so stark ähnelt.
Er geht davon aus, dass beispielsweise Klassen bestimmte gemeinsame materielle Grundbedingungen teilen, die zur Herausbildung von jeweils klassenspezifischen Habitusformen beitragen. Was diese Habitusformen genau sein sollen, beschreibt er in seinen eigenen Worten wie folgt:
„[...] Systeme dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken, mit anderen Worten: als Erzeugungs- und Strukturierungsprinzip von Praxisformen und Repräsentationen [...]“ (Bourdieu 1979, S. 165)
Damit grenzt Bourdieu sich ab von Vertretern des symbolischen Interaktionismus, die davon ausgehen, dass soziales Handeln das Ergebnis wechselseitiger situationsspezifischer Aushandlungsprozesse sei (vgl. Bourdieu 1979, S. 181). Vielmehr bieten Habitusformen also etwas wie Rahmenrichtlinien, die konkrete Situationen überdauern und soziales Handeln in bestimmte Bahnen leiten, ohne die soziale Praxis tatsächlich zu determinieren. Bourdieu lässt sich nicht darauf ein, soziale Handlungen als das Resultat bestehender Wahrscheinlichkeiten zu betrachten, sondern bezeichnet diese statistisch erfassbaren Wahrscheinlichkeiten im Gegenteil als Ausdruck impliziter, der sozialen Praxis zugrundeliegenden Regeln. Diese Regeln wiederum haben ihren Ursprung nicht in objektiv erfassten, sondern ganz subjektiv empfundenen Erfolgsaussichten, die einer sogenannten „spontanen Statistik“ (Bourdieu 1979, S. 167) entspringen können, die wiederum durch Prinzipien, Weisheiten oder ethische Grundsätze beeinflusst werde, denen sich die Individuen keinesfalls bewusst sein müssen. Trotz des zugestandenen Raumes für Spontanität ist Bourdieu allerdings der Ansicht, dass Habitusformen die soziale Praxis tendenziell so organisieren, dass sie die Bedingungen, die die jeweilige Habitusform haben entstehen lassen, reproduzieren (vgl. Bourdieu 1979, S. 164-167, 170f).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die wissenssoziologische Thematik ein und legt den Fokus auf den Vergleich zwischen den Ansätzen von Marx/Engels und Bourdieu hinsichtlich der Genese von Wissen.
2 Ideologie und Bewusstsein bei Marx und Engels: In diesem Kapitel wird der materialistische Ansatz erläutert, der Ideologien und Bewusstsein als notwendige Produkte materieller Lebensbedingungen versteht.
2.1 Kritik am Deutschen Idealismus: Die Auseinandersetzung mit den Junghegelianern verdeutlicht die marxsche Ablehnung einer rein geistigen Interpretation der Weltgeschichte.
2.2 Die materielle Basis der gesellschaftlichen Verhältnisse: Hier wird dargelegt, wie die Art der Produktion und die Arbeitsteilung das Bewusstsein und die sozialen Strukturen maßgeblich formen.
2.3 Der Ideologiebegriff: Dieses Kapitel definiert Ideologie als falsches Bewusstsein, das jedoch tief in den realen materiellen Lebensprozessen verwurzelt ist.
2.4 Die wissenssoziologische Bedeutung: Es wird diskutiert, wie die Annahme einer materiellen Bedingtheit von Wissen für moderne gesellschaftliche Kontexte und Forschungsbereiche relevant bleibt.
3 Pierre Bourdieus Habituskonzept: Dieses Kapitel kontrastiert den marxschen Ansatz mit dem Habitusmodell von Bourdieu, um eine differenziertere Perspektive auf soziales Handeln zu bieten.
3.1 Der Habitusbegriff: Einführung in Bourdieus Konzept der dauerhaften Dispositionen als Strukturierungsprinzipien der menschlichen Praxis.
3.2 Der Wissenssoziologische Aspekt des Habituskonzeptes: Darstellung des Habitus als „kulturelle Kompetenz“ und seine Rolle bei der unbewussten Reproduktion sozialer Klassenunterschiede.
4 Fazit: Eine abschließende Zusammenführung der Erkenntnisse, die beide Theorien als komplementäre oder weiterentwickelte Ansätze zur Analyse der Wissensproduktion bewertet.
Schlüsselwörter
Wissenssoziologie, Ideologie, Habitus, Karl Marx, Friedrich Engels, Pierre Bourdieu, Materialismus, Bewusstsein, soziale Praxis, gesellschaftliche Konstruktion, Klassengesellschaft, Reproduktion, Dispositionen, Ideologiebegriff, Struktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einem theoretischen Vergleich zwischen zwei zentralen Ansätzen der Wissenssoziologie: dem historischen Materialismus von Marx und Engels und dem Habituskonzept von Pierre Bourdieu.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die materielle Bedingtheit von Wissen, die Rolle der Ideologiekritik, die Herausbildung sozialer Habitusformen und die Mechanismen der Reproduktion von Gesellschaftsstrukturen durch das Handeln der Individuen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel besteht darin, herauszuarbeiten, wie diese Theorien die Genese und den gesellschaftlichen Einfluss von Wissen erklären und wo die spezifischen Stärken der jeweiligen theoretischen Konstrukte liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode (Theorienvergleich), um durch die Gegenüberstellung von Primärtexten Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Begrifflichkeit und der Logik der Wissensentstehung aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert zunächst detailliert das Verständnis von Ideologie bei Marx und Engels, um anschließend Bourdieus Habituskonzept als eine Antwort auf Fragen der sozialen Praxis und der Verinnerlichung sozialer Strukturen darzustellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Wissenssoziologie, Ideologie, Habitus, Materialismus und soziale Reproduktion gekennzeichnet.
Was ist die spezifische Besonderheit des Habitusbegriffs nach Bourdieu im Vergleich zu Marx?
Im Gegensatz zu dem oft als eindimensional kritisierten Ideologiebegriff von Marx, bietet das Habituskonzept eine komplexere, bidirektionale Sichtweise, die auch alltägliche Praktiken und unbewusste Dispositionen als Form der Wissensreproduktion integriert.
Wie bewertet der Autor das Verhältnis der beiden Theorien zueinander?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Bourdieus Modell das marxsche Erbe ein Stück weit weiterentwickelt und verfeinert hat, wobei beide Ansätze wertvolle Werkzeuge zur soziologischen Untersuchung der Wissensproduktion darstellen.
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- Boris Reinecke (Autor), 2012, Ideologie und Habitus. Ein Theorievergleich, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215923