Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Sprachphilosophien Humboldts und Chomskys


Seminararbeit, 2000
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Wesen der Sprache
1.1 Sprache und Denken
1.2. Spracherwerb und angeborene Prinzipien

2. Sprache als Weltsicht und universale Grammatik

3. Sprachwissenschaft, Bildung und Politik
3.1. Bildung und Politik
3.2. Sprachwissenschaft und Forschung

4. Literatur

Einleitung

Humboldts Aussage, dass die Sprache „unendlichen Gebrauch von endlichen Mitteln“[1] machen kann, gilt bis heute allen Gelehrten als Anregung, eine klare Traditionslinie von Humboldts Sprachphilosophie zu Chomskys generativer Grammatik zu ziehen.

Die vorliegende Arbeit möchte untersuchen, inwiefern tatsächlich Gemeinsamkeiten oder Unterschiede in den Ansichten dieser beiden Denker zu finden und in welcher Hinsicht sie in Hinblick auf die verschiedenen historischen Epochen zu relativieren sind.

Zu diesem Zweck wirft die Arbeit zunächst einen Blick auf ihre Ansichten vom Wesen der Sprache an sich, geht dann über zu der Differenzierung zwischen Humboldts Unterscheidung der verschiedenen Sprachen und Chomskys Suche nach einer universellen Grammatik und schließt mit einer Betrachtung ihrer politischen Einstellungen und ihren Vorstellungen von sinnvoller Sprachwissenschaft.

Die Arbeit verzichtet dabei größtenteils auf eine Einteilung der Kapitel, da sich im Themenkomplex Sprache gerade bei diesen beiden Denkern ein Argument aus dem anderen ergibt und eine Einteilung somit nur ein künstlicher Bruch der Argumentationsfolge wäre. Ebenso wird auf ein redundantes Fazit verzichtet, da die Komplexität des Stoffes es mit sich bringt, dass bereits die vorliegenden fünfzehn Seiten „nur“ eine Zusammenfassung des Themas sein können.

1. Das Wesen der Sprache

1.1 Sprache und Denken

Für Humboldt beginnt die Sprache bereits in der Reflexion. Der Mensch ist im Gegensatz zum Tier nicht von Instinkten getrieben, sondern dazu fähig, im Strom der äußeren Eindrücke „plötzlich stillzustehen, sich umzusehen und zu orientieren.“[2] Wenn die unsortierte Innenwelt des Menschen auf die Außenwelt trifft, beginnt dieser mit einer Symbiose der beiden Welten, indem er Begriffe formt. Er ist fähig, Eindrücke zu sortieren, in logische Zusammenhänge zu bringen, sie innerlich zu ordnen und sich selbst gegenüberzustellen. Diese Fähigkeit der Reflexion ist bereits der Beginn der Sprache.

„Die Sprache ist nichts anders, als das Komplement des Denkens, das Bestreben, die äußeren Eindrücke und die noch dunklen inneren Empfindungen zu deutlichen Begriffen zu erheben, und diese zur Erzeugung neuer Begriffe miteinander zu verbinden.“[3]

In diesem Prozess der Reflexion werden immer wieder neue Begriffe gebildet. Die Sprache erneuert sich ständig und ist dauerhaft im Wandel. Humboldt bezeichnet die Sprache deshalb ausdrücklich als Tätigkeit und Prozess, nicht als statisches Gebilde.

„Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia). Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische sein. Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen.“[4]

Der Wandel der Sprache geschieht für Humboldt also eindeutig im Sprechen selber, in der Artikulation. Diese Ansicht beruht auf seiner Unterscheidung zwischen dem „Stoff“ und der „Form“ einer Sprache.

Mit Stoff bezeichnet er die Elemente, die als ungeformte Grundlagen jeder Sprache der Welt unterliegen : die Laute und die äußeren Eindrücke. Diese Elemente mögen von Sprachgemeinschaft zu Sprachgemeinschaft je nach geographischer Lage beträchtlich variieren, aber grundsätzlich sind sie der „Stoff“, der jeder Sprache unterliegt.

„Der wirkliche Stoff der Sprache ist auf der einen Seite der Laut überhaupt, auf der andren die Gesamtheit der sinnlichen Eindrücke und selbsttätigen Geistesbewegungen, welche der Bindung des Begriffs mit Hülfe der Sprache vorausgehen.“[5]

Aus diesem unsortierten „Stoff“ ergibt sich dann durch den Prozess der Begriffsbildung die jeweilige „Form“ der Sprache. Die Laute verbinden sich zu artikulierten Wörtern.

Fragen wir uns nun, inwiefern bis hierhin die Vorstellungen Humboldts mit den Ansichten Chomskys in Einklang gebracht werden können. Die Vorstellung von Sprache als Energeia, als Prozess, wurde von den Strukturalisten – insbesondere von Saussure – aufgenommen. Da Chomsky von eben jenen Strukturalisten stark beeinflusst ist, kann diese Sichtweise als eine der Grundannahmen seiner Sprachwissenschaft gesehen werden. Interessant wird es bei der Frage, inwiefern man die menschliche Fähigkeit zur Reflexion und Begriffsbildung in Chomskys Theorien wiederfinden kann. Chomsky ging von einer zentralen Dichotomie aus – der Unterscheidung zwischen „Kompetenz“ und „Performanz“. Unter „Kompetenz“ versteht Chomsky die allgemeine Fähigkeit des Sprechers oder Hörers, seine Sprache überhaupt verstehen zu können. „Performanz“ bezeichnet hingegen den konkreten Sprachgebrauch.

„Wir machen somit eine grundlegende Unterscheidung zwischen Sprachkompetenz (competence ; die Kenntnis des Sprecher-Hörers von seiner Sprache) und Sprachverwendung (performance ; der aktuelle Gebrauch der Sprache in konkreten Situationen).“[6]

Ist es nun möglich, die klar definierten Termini Kompetenz und Performanz nahtlos auf Humboldts Bild von der Fähigkeit der Begriffsbildung und der artikulierten Sprache zu übertragen ? Die reflektierende Fähigkeit unseres Geistes, die chaotische äußere Eindrücke in geordnete Begriffe verwandelt, nennt Humboldt auch „Sprachsinn“. In seinem Aufsatz „Über den Dualis“[7], verdeutlicht er, dass alles, was in den Aufbau der Sprachen „hinübergezogen wird, seine ursprüngliche Form ablegend, die der Sprache annehme.“[8] Die Eindrücke der Außenwelt spiegeln sich in der Struktur der Sprache wieder – in ihrer Grammatik, ihrem Wortschatz, ihren Regeln. Je genauer also die Struktur einer Sprache die Außenwelt wiederspiegele, desto besser und genauer sei sie.[9] Auf den ersten Blick könnte man nun meinen, dass Humboldts „Sprachsinn“ und Chomskys „Kompetenz“ analog seien, aber das erweist sich als Trugschluss. Zwei Hauptunterschiede gibt es zu beachten.

Zum einen bezieht sich Humboldts „Sprachsinn“ auf bestimmte Sprachgemeinschaften und zum zweiten ist er ein normativer Begriff.

Je besser der Bau einer bestimmten Sprache die Welt wiederspiegele, desto optimaler sei diese Sprache. Chomskys „Kompetenz“ bezieht sich dagegen auf alle Menschen – völlig unabhängig, welcher Sprachgemeinschaft sie angehören und ist demnach auch nicht normativ.

Blendet man nun allerdings bei Humboldt die Bezüge auf konkrete Sprachen aus und versteht „Sprachsinn“ in seiner essentiellen Bedeutung als die allgemeine Fähigkeit des Menschen zur Begriffsbildung, scheint sich der Terminus allmählich dem der „Kompetenz“ anzunähern. Demnach wäre „Sprachsinn“ zunächst einmal nichts weiter als unsere Fähigkeit, aus dem unsortierten „Stoff“ die konkrete „Form“ unserer Sprache zu bilden. Also „Kompetenz“ ? Nein, denn dazu liegt die Betonung Humboldts viel zu stark auf der Bedeutung des Sprechens. Laut Humboldt kann unsere Fähigkeit zur Reflektion und Begriffsbildung „nur [...] in der verbundenen Rede wahrgenommen oder geahndet werden.“[10] Demnach kann keine Übereinstimmung mit Chomskys „Kompetenz“ hergestellt werden, da diese für Chomsky von der konkreten Rede (der „Performanz“) völlig unabhängig ist.

„Nur in der im vorangegangenen Abschnitt postulierten Idealisierung kann die Sprachverwendung als direkte Widerspiegelung der Sprach-Kompetenz aufgefaßt werden, in Wirklichkeit besteht ein so direktes Verhältnis offensichtlich nicht. [Hervorhebung d.d. Verf.]

Eine Aufzeichnung natürlicher Rede zeigt stets zahlreiche falsche Ansätze, Abweichungen von Regeln, Abänderungen der Strategie mitten im Sprechen usw.“[11]

Für Humboldt findet der dauerhafte Prozess der Reflektion und Begriffsbildung gerade erst in der gesprochenen Sprache (Chomskys „Performanz“) statt ; für Chomsky ist sie als Erklärung innerer Prozesse unbedeutsam. Dies‘ spiegelt sich sehr deutlich in der Frage wieder, wie man das Wesen der Sprache demnach untersuchen solle.

Während Humboldt ganz klar sagt, dass man die konkrete gesprochene Sprache und die grammatischen Regeln einzelner Sprachen akribisch untersuchen sollte, vertritt Chomsky das genau gegenteilige Konzept einer extremen „Idealisierung“ auf der Suche nach abstrakten Prinzipien. Folgende Gegenüberstellung macht dies anschaulich :

„Dies führt freilich in eine mühevolle, oft ins Kleinliche gehende Elementaruntersuchung ; es sind aber auch lauter in sich kleinliche Einzelheiten, auf welchen der Totaleindruck der Sprachen beruht, und nichts ist mit ihrem Studium so unverträglich, als in ihnen bloß das Große, Geistige, Vorherrschende aufsuchen zu wollen.“ [Hervorhebung d.d. Verf.]

Genau dieses Große und Geistige sucht aber Chomsky, wenn er sagt :

„Daher ist die Sprach-Theorie mentalistisch in einem bestimmten Sinn, weil sie um die Aufdeckung einer mentalen Realität, die dem aktuellen Verhalten zugrunde liegt, bemüht ist. Beobachtungen des Sprachgebrauchs oder Hypothesen über die Anlagen, sprachlich zu reagieren, über Gewohnheiten usw. können wohl Evidenzen für die Beschaffenheit dieser mentalen Realität beibringen, sie können aber sicherlich nicht den tatsächlichen Gegenstand der Linguistik ausmachen, wenn diese eine ernsthafte Disziplin sein soll.“ [Hervorhebung d.d. Verf.]

Deutlicher könnten die Unterschiede kaum zu fassen sein. Der abstrakte Ansatz, dass Sprache ein Instrument der Reflexion und Begriffsbildung und nicht „ein bloßes Verständigungsmittel“[12] ist, ist sicherlich der gleiche. Humboldt und Chomsky gehen beide davon aus, dass in jedem Menschen der Kern der Sprache angeboren vorhanden sei und der Prozess der Sprachentwicklung dazu diene, diesen Kern zu aktivieren und die konkrete Sprache zu formen, wie der nächste Abschnitt noch mal genauer erläutern wird. Die konkreten Vorstellungen aber, wie dieser Prozess der Sprachentwicklung vonstatten geht und wie er demnach untersucht werden soll, gehen bei Humboldt und Chomsky sehr weit auseinander. Während Humboldt diesen angeborenen Kern der Sprache mit Hilfe akribischer Analysen der „Performanz“ freilegen will, konzentriert sich Chomsky auf eine „idealisierende“, abstrakte Konstruktion. In der grundsätzlichen rationalistischen Philosophie von Sprache als angeborenem Prinzip treffen sich beide Denker aber umso deutlicher, wie im nächsten Abschnitt gezeigt werden soll.

1.2. Spracherwerb und angeborene Prinzipien

Wir haben gesehen, dass Humboldt und Chomsky in dem Punkt übereinstimmen, dass Sprache bereits bei der inneren Begriffsbildung und Reflexion beginnt. „Die Sprache beginnt daher unmittelbar und sogleich mit dem ersten Akt der Reflexion[...]“[13] Diese Fähigkeit zur Reflexion aber muss nicht erlernt werden, sondern ist ein elementarer Bestandteil der menschlichen Spezies. Jeder Mensch kann innerlich Begriffe bilden und sortieren – völlig unabhängig von der Anatomie seines Gehirnes, seinem Intelligenzquotienten oder den äußeren Umständen. Wenn der Kern der Sprache also nun bereits in dieser Fähigkeit zur Reflexion liegt, dann folgert aus dieser Annahme Humboldts ganz selbstverständlich, dass Sprache nicht einfach erlernt werden kann, sondern zu Teilen bereits in jedem Menschen vorhanden ist. Dies harmoniert mit seiner Vorstellung von Sprache als „Energeia“, als Tätigkeit. Sprache ist ein Prozess, der dazu dient, die bereits vorhandenen Sprachfähigkeiten zu entwickeln. Sie ist kein

„daliegender, in seinem Ganzen übersehbarer oder nach und nach mitteilbarer Stoff, sondern muss als ein sich ewig erzeugender angesehen werden, wo die Gesetze der Erzeugung bestimmt sind, aber der Umfang und gewissermaßen auch die Art des Erzeugnisses gänzlich unbestimmt bleibt.“[14]

[...]


[1] Arens, S. 210.

[2] Humboldt, S. 3.

[3] Ebd., S. 8.

[4] Ebd., S. 36.

[5] Ebd., S.41.

[6] Chomsky 1969, S. 14.

[7] Humboldt, S. 21-29.

[8] Ebd., S. 27

[9] Humboldt illustriert dies in seinem Aufsatz an dem Beispiel des Dualis. Da der Mensch die Welt seit jeher in Dichotomien wie hell / dunkel, Mann / Frau, Land / Meer oder eben paarweise (Augen, Gliedmasse) wahrge-nommen habe, sei eine optimale Sprache eben jene, die den Dualis als grammatische Form in ihren Bau aufge-nommen hat. In ihr spiegelt sich die Welt am genauesten wieder.

[10] Humboldt, S. 37.

[11] Chomsky 1969, S. 14

[12] Humboldt, S. 21

[13] Ebd., S. 3

[14] Ebd., S. 50

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Sprachphilosophien Humboldts und Chomskys
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Humboldts Sprachphilosophie und die Folgen
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
17
Katalognummer
V21593
ISBN (eBook)
9783638251716
ISBN (Buch)
9783638815956
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit gibt einen griffigen Überblick über die wichtigsten Konzepte der Sprachphilosophien von Wilhem von Humboldt und Noam Chomsky. Es geht um die Beziehung zwischen Sprache und Denken, Chomskys hoch-umstrittene Vorstellung einer angeborenen Sprachkompetenz und universalen Grammatik und dem Zusammenhang zwischen Sprache und Weltsicht. Die Arbeit wird abgerundet durch Exkurse zu den Themen &quot,Sprache und Politik&quot, sowie &quot,Sprachwissenschaft und Forschung&quot,. Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Sprachphilosophien, Humboldts, Chomskys, Sprachphilosophie, Folgen
Arbeit zitieren
Oliver Uschmann (Autor), 2000, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Sprachphilosophien Humboldts und Chomskys, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21593

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