Am 27. August 1824 wurde Johann Christian Woyzeck auf dem Marktplatz von Leipzig für den Mord an der Witwe Johanna Woost hingerichtet, mit der er ein Liebesverhältnis unterhielt und die ihn betrogen hatte. Dieser Justizfall ereignete sich in einer naturwissenschaftlichen Übergangszeit, in der die psychiatrische Einrichtung in Deutschland und die vorherrschende Lehrmeinung im Wandel begriffen waren. Der Fall des vermeintlich geisteskranken Mörders wurde daher bald zum Justizmord stilisiert. Mehr noch als die real existierende Person des mittellosen Soldaten aus Sachsen rief der entstehende Diskurs über dessen Zurechnungsfähigkeit Gelehrte verschiedenster akademischer Richtungen auf den Plan, die der Debatte eine erstaunliche Langlebigkeit und einen immensen Umfang verliehen. Stein des Anstoßes waren zu jener Zeit die beiden psychiatrischen Gutachten, die der Gerichtsmediziner Johann Christian August Clarus anfertigte und publizierte. Beachtlich ist allerdings die Tatsache, dass dieser Fall bis heute nicht nur durch die Fachliteratur aus dem Rechtswesen oder der Medizin überliefert ist. Bei einem breiten Publikum genießt er vor allem durch das unvollendete Drama „Woyzeck“ des Schriftstellers und Naturwissenschaftlers Karl Georg Büchner, das sich dem Stoff in literarischer Weise annimmt, eine ungebrochen große Popularität.
Gerade auch die Rezeption durch Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann oder Bertolt Brecht, sowie die Orientierung des späteren Naturalismus an Büchners Werk führten dazu, die literaturwissenschaftliche Herangehensweise an sein Werk unter einem politischen Aspekt zu führen und ihn „in Bezug auf seine eigene Zeit als verfrüht […] einzustufen“, wie Roland Borgards herausstellt. Ausgehend von dieser Annahme muss das oben erwähnte Stück „Woyzeck“ mit seiner Hauptfigur des gesellschaftlich unterprivilegierten Soldaten Franz Woyzeck geradezu als Paradebeispiel des sozialen Dramas gelten.
Es soll der Versuch unternommen werden, die treibenden Kräfte des Mordes an Marie herauszuarbeiten. Dies soll aber nicht Selbstzweck bleiben, die Tatbegründung soll darüber hinaus auf außertextliche Bezüge geprüft werden um letztlich eine Antwort auf die Frage nach der Absicht Büchners zu liefern und festzustellen ob es sich bei „Woyzeck“ um ein soziales Drama handelt.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Die sozialen Umstände: Determinismus und gesellschaftliche Isolation
3. Psychologisch-religiöse Umstände: Sünde und Eifersucht
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die treibenden Kräfte hinter dem Mord an Marie im Drama "Woyzeck" von Georg Büchner, um die Berechtigung der Einordnung des Werkes als soziales Drama kritisch zu hinterfragen und die psychologischen sowie sozialen Hintergründe der Tat zu analysieren.
- Analyse der sozialen Umstände (Determinismus und Isolation)
- Untersuchung psychologisch-religiöser Faktoren (Sünde und Eifersucht)
- Bewertung der Gattungszuordnung "soziales Drama"
- Einordnung des Werkes in den literatursoziologischen Kontext
Auszug aus dem Buch
3. Psychologisch-religiöse Umstände: Sünde und Eifersucht
Nachdem Woyzecks soziale Lebensumstände beleuchtet wurden, soll nun sein psychischer Zustand näher untersucht werden. Dass dieser mit seinen ärmlichen Lebensumständen in Zusammenhang steht wurde bereits angedeutet und es finden sich hierfür auch Hinweise im Stück. Es soll aber in diesem Kapitel nicht primär darum gehen, die Wechselwirkung von sozialen Umständen und psychischer Verfassung zu erklären, sondern diese im Hinblick auf das Mordmotiv gegeneinander zu stellen und ferner Woyzecks grundsätzliche Geisteshaltung herauszuarbeiten, sowie die Entwicklung seines psychischen Verfalls zu skizzieren.
Zu Beginn des Dramas ist Woyzecks psychische Erkrankung bereits zu erkennen, man erfährt allerdings nichts über deren Ursprung. Seine Wahnvorstellung hat dabei eine doppelte Ausprägung. Einerseits glaubt sich Woyzeck von den Freimaurern verfolgt, die sich hinter der für ihn sichtbaren Welt bewegen: „WOYZECK Es pocht hinter mir, unter mir stampft auf den Boden hohl, hörst du? Alles hohl da unten. Die Freimaurer (W, S. 147)!“ Die Freimaurer scheinen für ihn eine Bedrohung darzustellen: „Sieh nicht hinter dich. Reißt ihn in’s Gebüsch (W, S. 147).“ Andererseits unterliegt Woyzeck auch religiösen Wahnvorstellungen mit apokalyptischen Gedanken: „Andres! Wie hell! Ein Feuer fährt um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen. Wie’s heraufzieht (W, S. 147)!“ Diese Wahnvorstellungen bewegen sich aber dabei auf der schwammigen Grenze zwischen religiöser Überzeugung und psychotischem Wahn. Aus den Gedanken, die Woyzeck im Dialog mitteilt, lässt sich das Bild eines tief religiösen Menschen gewinnen. So diskutiert er etwa mit dem Hauptmann auf der Grundlage christlicher Lehre. Seinen unehelichen Sohn rechtfertigt er mit Bibelzitaten: „WOYZECK Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehn ob das Amen drüber gesagt ist, eh‘ er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kindlein zu mir kommen (W, S. 155).“
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Dieses Kapitel führt in den historischen Fall von Johann Christian Woyzeck ein und stellt Georg Büchners Drama "Woyzeck" in den Kontext der Zeit des Vormärzes sowie der literaturwissenschaftlichen Debatte.
2. Die sozialen Umstände: Determinismus und gesellschaftliche Isolation: Hier werden die sozioökonomischen Faktoren wie Armut, Arbeit und Standesunterschiede analysiert, die Woyzeck in seine isolationistische Lage drängen und sein Handeln beeinflussen.
3. Psychologisch-religiöse Umstände: Sünde und Eifersucht: Das Kapitel untersucht Woyzecks psychischen Verfall, seine Wahnvorstellungen sowie die Rolle von Religion und Eifersucht als zentrale Motive für die Mordtat an Marie.
4. Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und bewertet kritisch, inwieweit das Drama tatsächlich als soziales Drama eingestuft werden kann oder ob andere Faktoren wie psychische Dispositionen und individuelle Schicksalsschläge überwiegen.
Schlüsselwörter
Woyzeck, Georg Büchner, soziales Drama, Mordmotiv, psychischer Verfall, Vormärz, Determinismus, soziale Isolation, Eifersucht, Literaturanalyse, Zurechnungsfähigkeit, Gesellschaftskritik, religiöser Wahn, literatursoziologische Analyse, Dramenfragment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ursachen für den Mord im Drama "Woyzeck" und prüft, ob das Werk korrekt als soziales Drama kategorisiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die sozialen Rahmenbedingungen des Protagonisten, seine psychische Verfassung sowie religiöse Einflüsse und das Motiv der Eifersucht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die treibenden Kräfte hinter der Mordtat an Marie zu identifizieren und das Drama in den Kontext der Epoche und literarischer Gattungsmerkmale einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine werkimmanente Analyse, ergänzt durch literatursoziologische Erklärungsansätze und Bezüge zur zeitgenössischen Literatur und historischen Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung sozialer Umstände (Determinismus, Isolation) und die Analyse psychisch-religiöser Faktoren (Wahn, Eifersucht, Sünde).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Woyzeck, Georg Büchner, soziales Drama, Mordmotiv, psychischer Verfall, Vormärz, Determinismus, soziale Isolation, Eifersucht, Zurechnungsfähigkeit.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Andres für Woyzeck?
Andres wird als einziger Charakter dargestellt, der Woyzeck gegenüber freundschaftlich gesinnt ist, wenngleich er die Schwere von dessen psychischem Zustand nicht vollumfänglich erfasst.
Warum wird die Rolle des Doktors im Drama als negativ hervorgehoben?
Der Doktor degradiert Woyzeck zu einem bloßen Studien- und Anschauungsobjekt und ignoriert dessen psychische Belastung durch die Erbsendiät für seine wissenschaftlichen Zwecke.
Inwiefern beeinflusst das Märchen der Großmutter die Deutung der sozialen Lage?
Das Märchen fungiert als "Anti-Märchen" und symbolisiert die totale Isolation und soziale Aussichtslosigkeit, in der sich Woyzeck befindet.
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- Fabian Rink (Author), 2013, Die Mordtat im „Woyzeck“ und seine Einstufung als soziales Drama., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215951