Die Bindung Isaaks ist eine Erzählung, die immer von neuem Unbehagen, Unverständnis
und Widerstand auslöst. Ihre Wirkungsgeschichte beginnt schon innerhalb der jüdischen
Überlieferung und reicht bis in dieses Jahrhundert.
Die Unerhörtheit dieser Geschichte macht ihre Verwendung im Religionsunterricht nicht
einfach. Hans Mendl plädiert sogar aufgrund von Analysen von Unterrichtsstunden in
verschiedenen Altersstufen über Gen 22 für einen Verzicht auf diese Erzählung im
Religionsunterricht, mindestens in der Grund- und Mittelstufe.1
Nichtsdestotrotz soll hier versucht werden, zwei Unterrichtsstunden zu Gen 22 zu
entwerfen, die innerhalb einer größeren Unterrichtseinheit zum Thema „Gehorsam und
Freiheit“ stehen. Ein bloßer Verzicht geht m.E. über die Wichtigkeit dieser Perikope,
besonders auch in der christlichen Tradition, zu leichtfertig hinweg. Es müsste vielmehr
darum gehen, sich kritisch mit ihrer Wirkungsgeschichte auseinanderzusetzen, um
traditionelle Deutungen aufbrechen und befreiende Perspektiven aufzeigen zu können. Das
ist sicherlich nicht in der Grund- und Mittelstufe möglich. Deshalb werden hier zwei
Stunden für eine zwölfte Klasse konzipiert, die aber auch in einer anderen Jahrgangsstufe
der Oberstufe gehalten werden könnten. Die Beschränkung auf eine Stunde erschien mir
aufgrund der Komplexität des Stoffes nicht sinnvoll.
1 Vgl. Mendl, Gott, 78f.81.90.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Situation der Klasse und der Lebensabschnitt der Jugend
3. Die Unterrichtseinheit „Gehorsam und Freiheit“
4. Die Doppelstunde „Die Bindung Isaaks“
4.1 Reflexion auf das Thema
4.2 Reflexion auf das Verhältnis SchülerInnen - Thema
5. Didaktische Reflexionen
6. Methodische Überlegungen
6.1 Die erste Stunde
6.2 Die zweite Stunde
7. Unterrichtspläne
7.1 Die erste Stunde
7.2 Die zweite Stunde
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit entwickelt einen fachdidaktischen Unterrichtsentwurf für die gymnasiale Oberstufe (12. Klasse) zur biblischen Erzählung der "Bindung Isaaks" (Gen 22, 1-19). Das primäre Ziel ist es, den Lernenden einen kritischen Umgang mit der problematischen Wirkungsgeschichte dieses Textes zu ermöglichen und das Konzept des "absoluten Gehorsams" im Lichte ethischer Verantwortungsübernahme zu hinterfragen.
- Analyse der psychosozialen und kognitiven Entwicklungssituation von Jugendlichen.
- Kritische Aufarbeitung der christlichen Auslegungstradition von Gen 22.
- Entwicklung befreiender Interpretationsperspektiven im Kontrast zu lebensfeindlichem Gehorsam.
- Erarbeitung von Kriterien zur ethischen Beurteilung von Gehorsamsforderungen im Alltag.
- Verzahnung von biblischer Textarbeit mit existentiellen Fragen der Identitätsbildung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Analyse des Themas
Der Gegenstand der beiden Stunden ist die Erzählung Gen 22, 1-19 von der Bindung Isaaks. Als Grundlage dient der Text nach der Übersetzung von Buber / Rosenzweig. Durch die Fremdheit des Textes für die SchülerInnen, denen überwiegend der Wortlaut der Geschichte nach der Lutherübersetzung bekannt sein dürfte, kann schon von der ersten Begegnung mit der Erzählung an die Vertrautheit mit dem Text und dadurch mit seiner „eindeutigen“ Auslegung verunsichert werden.
Es kann hier keine erschöpfende Darstellung aller Aspekte dieser komplexen Geschichte geleistet werden. Der Schwerpunkt der Ausführungen wird auf den für das Thema „Gehorsam und Freiheit“ relevanten Momenten liegen. Es geht hier deshalb vor allem, wie auch dann in den Unterrichtsstunden, um eine genaue Analyse des Textes und um eine kurzen Überblick über ihre Wirkungsgeschichte, insoweit diese den absoluten Gehorsam in den Mittelpunkt stellt. Andere Gesichtspunkte der Wirkungsgeschichte, Exegese und Religionsgeschichte kommen von daher nur ganz am Rande vor.
Wenn im Folgenden die Rede von der Wirkungsgeschichte ist, so ist damit die christliche gemeint, die zum einen in Abraham den Vater des Glaubens bzw. des Gehorsams sah, da er bereit war, seinen Sohn zu töten. Als Beispiele seien hier genannt Augustin: „Abraham also wurde mit der Opferung seines heißgeliebten Sohnes versucht, damit sein gottseliger Gehorsam erprobt werde, der nicht ... Gott, wohl aber den kommenden Jahrhunderten kundgetan werden sollte. (...) Wenn ein Befehl Gottes ergeht, heißt es gehorchen, nicht sich herumstreiten.“ und die Reformatoren, die in Gen 22 „eine Glaubensprüfung (sahen) und ... die Einmaligkeit und Beispielhaftigkeit der Erzählung (hervorhoben).“ Diese Auslegung reicht bis in die heutige Zeit. In zahlreichen Katechismen, Glaubensbüchern und Liedern wird Gehorsam, oft mit einem Hinweis auf Abraham verbunden, gefordert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Begründung für die Behandlung der schwierigen Gen 22-Perikope in der Oberstufe, um traditionelle Deutungen kritisch zu hinterfragen.
2. Die Situation der Klasse und der Lebensabschnitt der Jugend: Analyse der kognitiven, psychosozialen und religiösen Entwicklung von Jugendlichen als Voraussetzung für den Unterricht.
3. Die Unterrichtseinheit „Gehorsam und Freiheit“: Vorstellung des dreistufigen Unterrichtskonzepts, das von Milgram-Experimenten bis hin zu biblisch begründetem zivilen Ungehorsam reicht.
4. Die Doppelstunde „Die Bindung Isaaks“: Detaillierte exegetische und wirkungsgeschichtliche Analyse der Erzählung sowie Reflexion auf die Widerstände der Schülerinnen und Schüler.
5. Didaktische Reflexionen: Begründung des kritischen Bildungsverständnisses als notwendiges Korrektiv zu unhinterfragter Traditionsweitergabe.
6. Methodische Überlegungen: Beschreibung des konkreten methodischen Vorgehens für beide Unterrichtsstunden, einschließlich der „Stillen Diskussion“.
7. Unterrichtspläne: Tabellarische Übersicht des zeitlichen und inhaltlichen Verlaufs beider Unterrichtsstunden.
Schlüsselwörter
Bindung Isaaks, Gehorsam, Freiheit, Religionsunterricht, Wirkungsgeschichte, Gen 22, Identitätsbildung, kritische Didaktik, Opferproblematik, religiöse Entwicklung, Autonomie, Ziviler Ungehorsam, Lebensentscheidung, biblische Exegese, Adoleszenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit entwirft ein religionspädagogisches Konzept für die Oberstufe, um die biblische Erzählung der "Bindung Isaaks" kritisch zu bearbeiten und die Problematik von absolutem Gehorsam zu reflektieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Spannungsfeld zwischen Gehorsam und Freiheit, die Analyse von autoritären Strukturen, die Auseinandersetzung mit der christlichen Opfer-Tradition und die Identitätsentwicklung Jugendlicher.
Was ist das primäre Ziel des Unterrichtsentwurfs?
Das Ziel ist die Anleitung zum kritischen Umgang mit der Wirkungsgeschichte biblischer Texte, um Jugendliche zu befähigen, traditionelle Normen zu hinterfragen und eigene ethische Maßstäbe zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden wirkungsgeschichtliche und exegetische Analysen mit sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen zur Jugendpsychologie (nach Erikson, Hurrelmann, Fowler und Oser/Gmünder) verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine tiefgehende Analyse von Gen 22, die kritische Reflexion des Gehorsamsbegriffs, didaktische Überlegungen zum Bildungsauftrag und detaillierte Unterrichtspläne für zwei Doppelstunden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind u.a. Bindung Isaaks, Gehorsam, Freiheit, Identitätsbildung, kritische Didaktik, Opferproblematik und Adoleszenz.
Warum ist die Wahl der Altersstufe 12. Klasse entscheidend?
In diesem Alter verfügen Jugendliche bereits über das formale und abstrakte Denkvermögen, um Widersprüche und Mehrdeutigkeiten in religiösen Texten kritisch zu reflektieren und die "Wirkungsgeschichte" als solche zu identifizieren.
Wie wird in den Unterrichtsstunden mit der "Provokation" des Textes umgegangen?
Anstatt die Geschichte auszublenden, wird sie durch eine "Stille Diskussion" und den Fokus auf den "Gott des Lebens" genutzt, um den Schülerinnen und Schülern befreiende Interpretationswege zu eröffnen, die den Wert des Menschen über den des absoluten Gehorsams stellen.
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- Winfried Kändler (Author), 2000, Die Bindung Isaaks. Unterrichtsentwurf für eine zwölfte Klasse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21843