Die Theorie der Schweigespirale - Das sozialpsychologische Konzept der öffentlichen Meinung


Seminararbeit, 2003
20 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Entstehung der Schweigehypothese

2 Die Theorie der Schweigespirale
2.1 Kernpunkte der Theorie
2.1.1 Erläuterung des Spiralprozesses
2.1.2 Ausnahmen der Schweigespirale
2.1.3 Hypothesen aus den verschiedenen Wissenschaften
2.2 Belege zur Schweigespirale
2.2.1 Bedeutung der Geschichtsphilosophie
2.2.2 Konformitätsforschung und Eisenbahntest
2.3 ÖffentlicheMeinung
2.3.1 Erklärung des Schaubildes
2.3.2 Definition der öffentlichen Meinung
2.3.3 Unterscheidung zwischen latenter und manifester Funktion
2.3.4 Fragekatalog zur Analyse
2.3.5 Beispiel für Prozess der öffentlichen Meinung
2.4 Rolle der Massenmedien
2.4.1 Wirkungsfaktoren
2.4.2 Thematisierung durch die Massenmedien
2.5 Kritische Standpunkte zur Theorie
2.5.1 Randbedingungen der Schweigespirale
2.5.2 Unterscheidung zwischen inhaltlicher und methodischer Kritik
2.5.3 Kritikpunkte nach Donsbach
2.5.4 Schlussgedanken zur Kritik

3 Bewertung der Schweigespirale und Ansätze zur Weiterentwicklung

Literaturverzeichnis

1 Entstehung der Schweigehypothese

Die Theorie der Schweigespirale wurde Anfang 1970 von der wohl bekanntesten deutschen Publizistikwissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann aufgestellt und zählt zu den bekanntesten, aber auch umstrittensten sozialpsychologischen Konzepten. Den Anstoß für die Entwicklung der Theorie der Schweigespirale lieferte das Wahljahr 1965, in dem ein unerwartetes Phänomen zum Vorschein kam (s. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Noelle-Neumann 1996, S. 15

Nachdem Umfragen zufolge die CDU/CSU und die SPD über Monate hinweg in etwa gleichauf lagen, gewann letztendlich die CDU/CSU mit einem über zehnprozentigen Vorsprung. Diese scheinbar unlogische Entwicklung warf Spekulationen und Rätsel auf und zahlreiche Untersuchungen folgten, zumal sich im Wahljahr 1972 dieses Phänomen wiederholte. Zunächst lagen die beiden großen Parteien Kopf an Kopf, jedoch erlangte die SPD wenige Wochen vor der Wahl einen Vorsprung, der ihren Sieg bedeutete. Jeweils kurz vor den Wahlen ließ sich ein ”last-minute-swing“,dersogenannteMitläufereffekt zugunsten der allgemeinen Siegeserwartung beobachten (Noelle-Neumann 1996 , S. 16). In der Bevölkerung waren die Zahlen der SPD und CDU/CSU-Anhänger nachweislich gleich, jedoch schien das Auftreten in der Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle für die überraschenden Wahlergebnisse zu spielen. 1972 zeigte die SPD ihreÜberzeugungen und Ansichten öffentlich mit einer wesentlich stärkeren Begeisterung als ihre Gegnerpartei. Offensichtlich hat dieses Verhalten vor allem den unentschlossenen Teil der Bevölkerung dazu bewogen, die SPD zu wählen und sich somit der siegesreichen Seite anzuschließen. Das Kräfteverhältnis beider Parteien wurde von den Bürgern falsch eingestuft und während die SPD nach außen stark auftrat, konnte die CDU/CSU diese Euphorie nicht verbreiten. Dabei ging es im Wesentlichen wohl nicht darum auf der Siegesseite zu sein, sondern die Beweggründe der Menschen lagen vielmehr darin, sich nicht zu isolieren und schlossen sich der Mehrheit an. Folglich war die Isolationsfurcht die essentielle Kraft, die diese Entwicklung hervorgerufen hat und besonders bei jenen Personen mit schwachem Selbstbewusstsein und wenig Interesse an dem politischen Geschehen findet diese Erklärung ihre Berechtigung (Noelle-Neumann 1996, S. 20). Daraus entwickelte sich eine eigene Dynamik, die sogenannte Schweigespirale, die im Folgenden noch genauer erläutert wird.

2 Die Theorie der Schweigespirale

2.1 Kernpunkte der Theorie

2.1.1 Erläuterung des Spiralprozesses

Der Spiralprozess dieser Theorie entwickelt sich dadurch, dass Menschen schweigen, wenn sie die Mehrheitsmeinung gegen sich glauben, die andere Seite jedoch bereit dazu ist, öffentlich ihre Meinung zu zeigen. Dadurch wird die tatsächliche oder scheinbare Mehrheit immer stärker und wortkräftiger wohingegen die tatsächliche oder scheinbare Minderheit immer schwächer wird und schweigt.

”Wersieht,daßseineMeinungzunimmt,istgestärkt,redetöffentlich,läßt die Vorsicht fallen. Wer sieht, daß seine Meinung an Boden verliert, verfällt in Schweigen. Indem die einen laut reden, öffentlich zu sehen sind, wirken sie stärker, als sie wirklich sind, die anderen schwächer, als sie wirklich sind.“ (Noelle-Neumann 1989, S. 264 )

Um den Spiralprozess in Gang zu bringen ist ein Anstoß, die Thematisierung einer öffentlichen Angelegenheit, erforderlich und diese Situation ist besonders dann gegeben, wenn eine Gefahr für dieÖffentlichkeit entsteht. Meist bringen die Massenmedien solche Themen zu Sprache und rücken sie durch ihre große Reichweite in das Licht derÖffentlichkeit. Die besondere Rolle der Medien in diesem Konzept sowie die Thematisierung sollen später noch einmal aufgegriffen und genauer erläutert werden.

2.1.2 Ausnahmen der Schweigespirale

Eine gewisse Ausnahme für die Schweigespirale sind jene als Ketzer, Avantgardisten oder Außenseiter bezeichnete Menschen, die in der Lage sind die Gesellschaft zu verändern, da sie die Isolation nicht fürchten. Solche Personen bereiten den Weg in die Zukunft und schrecken nicht vor gesellschaftlicher Missbilligung zurück. Beispiele für diese Ausnahmen sind John Locke, der meinte, dass sich die Menschen kaum um die Gebote Gottes oder staatliche Gesetze kümmern würden, oder Rainer Werner Fassbinder, der bekannte Filmregisseur, der seine Projekte nicht an die Öffentlichkeit anpasst, sondern sich selbst verwirklicht (Noelle-Neumann 1996, S. 200-212).

2.1.3 Hypothesen aus den verschiedenen Wissenschaften

Psychologie Insgesamt stellt die Schweigespirale eine Makrotheorie mit Variablenzusammenhängen aus der Psychologie, der Soziologie und der Kommunikationstheorie dar. (Donsbach 1987, S. 324) Bei der Auseinandersetzung mit der Theorie zeigen die Einzelhypothesen die Bedeutung der Schweigespirale in den verschiedenen Wissenschaften auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Noelle-Neumann 1996, S. 60

Die wichtigsten psychologischen Aspekte sind die bereits erwähnte Angst des Menschen vor Isolation und die Existenz des sogenannten ”quasi-statistischenWahrnehmungsorgans“, das es den Menschen laut Noelle-Neumann ermöglicht die Zu- und Abnahme von Meinungsverteilungen in der Gesellschaft zu registrieren. Dieses Organ könnte somit als Bindeglied betrachtet werden, ”dasdieindividuelleundkollektiveSphäreverknüpft“ (Noelle-Neumann 1996, S. 165 ). Durch die Fähigkeit, Zustimmung und Ablehnung in der Umwelt zu erkennen, wird es dem Menschen auch ermöglicht dementsprechend zu reagieren um sich nicht zu isolieren.

In einigen Fällen kann man auch von einer Störung der Wahrnehmung des Meinungsklimas in der Bevölkerung sprechen und folglich liegt dann eine Verzerrung vor, die als doppeltes Meinungsklima bezeichnet wird. In diesem besonderen Zusammenhang vermitteln die Medien ein anderes Bild des Meinungsklimas, als tatsächlich in der Bevölkerung vorherrscht. Wenn somit die Einstellung der Journalisten und jene der Bevölkerung auseinanderfallen, dann greift die Theorie der Schweigespirale nicht mehr, da sich die Minderheit in der Bevölkerung durch die Unterstützung der Massenmedien gestärkt fühlt und eine stärkere Redebereitschaft zeigt (Noelle-Neumann 1996, S. 243 ). Im Zusammenhang mit den psychologischen Hypothesen besitzt die Isolationsfurcht eine besondere Bedeutung, da sie Gegenstand zahlreicher Untersuchungen war und ist, wie beispielsweise in der Konformitätsforschung. Hierbei wird oftmals das Strichexperiment aus den fünfziger Jahren von Solomon E. Asch angeführt, das den Konformitätsdruck aufzeigen soll (s. Abb. 2 ).

Im Zuge dieses Laboratoriumsexperiments wurde Versuchspersonen eine Musterlinie und drei weitere, unterschiedlich lange Vergleichslinien vorgelegt und die Frage gestellt, welche Linie der Länge der Musterlinie entspräche. Dabei befand sich die jeweilige Versuchsperson allein in einem Raum mit Aschs Gehilfen, die bewusst eine eindeutig falsche Antwort gaben indem sie eine kürzere Linie auswählten. Nun wurde beobachtet, wie sich die Versuchsperson in dieser Situation verhalten würden. Das Resultat zeigte deutlich, dass Menschen selbst bei einer harmlosen Frage dazu bereit waren sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen, selbst wenn diese offensichtlich falsch war (Noelle-Neumann 1996, S. 59-61). Die Isolationsfurcht als Motiv für konformes Verhalten scheint somit durchaus ihre Berechtigung zu finden und spielt gerade bei den psychologischen Aspekten der Schweigespirale eine bedeutende Rolle. Allerdings arbeitet die Theorie der Schweigespirale, wie bereits oben erwähnt, ebenso mit Hypothesen aus anderen Wissenschaften wie der Kommunikationstheorie, die sich teilweise überschneiden.

Kommunikationstheorie Hierbei ist es wichtig, dass das Individuum die Umwelt über sein direktes soziales Umfeld einerseits und die Massenmedien andererseits wahrnimmt. Dabei nehmen die Medien vor allem jene Rolle ein, zu vermitteln, wie die Mehrheit denkt, während die direkte Umwelt verdeutlicht, mit welchen Einstellungen sich das Individuum isoliert. Die Massenmedien haben zusätzlich eine Artikulationsfunktion inne, was bedeutet, dass sie die Macht haben, bestimmte Themen in das Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit zu rücken und andere zu vernachlässigen (Donsbach 1987, S.325). Deutlich wird diese mediale Thematisierung und Selektion bei zahlreichen internationalen Nachrichten. Während der Kampf gegen den Terrorismus seit 2001 sehr stark in der täglichen Berichterstattung präsent war, stehen andere Probleme, wie vorherrschende Bürgerkriege in Afrika oder der andauernde Konflikt zwischen Indien und Pakistan eher im Hintergrund. Besonders die Großmächte betreffende aktuelle Ereignisse werden für die Nachrichten selektiert und erhalten große Bedeutung in den Massenmedien. Dabei verleihen sie den Menschen die Worte, mit denen sie ihren Standpunkt verteidigen können, denn wer in den Medien keine häufige Ausdrucksweisen für seine Ansichten findet, verfällt in Schweigen. Besonders stark ist der Einfluss der Massenmedien auf die öffentliche Meinung, wenn die Medieninhalte stark konsonant sind. Folglich wird die selektive Wahrnehmung des Rezipienten ausgeschaltet und er ist mit einer starken Einseitigkeit der Berichterstattung konfrontiert. Somit haben Journalisten einen großen

Einfluss auf die öffentliche Meinung und ”Veränderungeninsozialenundpolitischen Meinungen und Einstellungen werden wesentlich von den Intentionen einer Berufsgruppe bestimmt“ (Donsbach 1987, S. 326 ). Es wird deutlich, dass die Massenmedien eine große Bedeutung bei der Theorie der Schweigespirale und öffentlicher Meinung besitzen und im Gliederungspunkt 2.4 soll nochmals ausführlich die Rolle der Medien behandelt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Theorie der Schweigespirale - Das sozialpsychologische Konzept der öffentlichen Meinung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Note
1.3
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V22079
ISBN (eBook)
9783638255141
Dateigröße
939 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Schweigespirale, Konzept, Meinung
Arbeit zitieren
Sonja Kriependorf (Autor), 2003, Die Theorie der Schweigespirale - Das sozialpsychologische Konzept der öffentlichen Meinung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22079

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