Der Neoinstitutionalismus - Eine Symbiose aus Intergouvernementalismus und Neofunktionalismus?


Essay, 2004

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Der Neoliberale Institutionalismus

Eine Symbiose aus Intergouvernementalismus und Neofunktionalismus?

Der „Neo-Institutionalismus“ beschreibt nicht eine einzige Theorie, sondern dient als Oberbegriff, der drei unterschiedliche Theoriestränge in sich vereint: den soziologischen, den historischen und den rationalistischen Institutionalismus, welcher auch als Rational-Choice-Ansatz bezeichnet wird. Betrachtet man letzteren Argumentationsstrang etwas näher, so stellt man einige Parallelen zum Intergouvernementalismus einerseits und zum Neofunktionalismus andererseits fest. Möchte man nun Aufschluss über die spezifischen Vor- bzw. Nachteile des rationalistischen Institutionalismus erhalten, ist es unabdingbar, sowohl die Gemeinsamkeiten mit, als auch die Unterschiede zu den beiden anderen Theorien genauer zu beleuchten.

Im Folgenden soll eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob man den neoliberalen Institutionalismus (in seiner rationalistischen Ausprägung) als eine Symbiose aus Intergouvernementalismus und Neofunktionalismus auffassen kann.

Hierfür werden zunächst die Charakteristika (Akteure, Motive, Prozess und internationales Umfeld) des Neoinstitutionalismus anhand der anderen beiden Integrationstheorien hergeleitet, um eine kritische Betrachtung zu ermöglichen.

Richten wir unseren Blick zunächst auf diejenigen Akteure, welche in den einzelnen Theorien als die wichtigsten aufgefasst werden: Der Intergouvernementalismus betont die Bedeutung von Nationalstaaten – genauer gesagt, deren Regierungen.[1] Diese vertreten den jeweiligen nationalen politischen Willen, der sich in innerstaatlichen Willensbildungsprozessen herauskristallisiert hat. In zwischenstaatlichen Verhandlungen versuchen sie einerseits, die Sicherheit des jeweiligen Staates in einer anarchischen Staatenwelt zu gewährleisten und dessen Macht zu erhalten, sowie andererseits den gesellschaftlichen Wohlstand zu steigern.[2] Sind die einzelnen Staaten von politischen und/oder ökonomischen Problemen betroffen, die sich nicht durch unilaterales Handeln lösen lassen, so kann (in zwischenstaatlichen Verhandlungen) die Bildung von Institutionen beschlossen werden. Diese Institutionen erleichtern die zwischenstaatliche Kooperation insofern, da sie zum einen Transaktionskosten reduzieren und dadurch Kooperationsgewinne versprechen, und zum anderen die staatlichen Handlungsmöglichkeiten bezüglich eines gemeinsamen Problems erhöhen.[3]

Gleichwohl muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass der Intergouvernementalismus den Institutionen selbst keine große Bedeutung beimisst. Sie sind lediglich zu verstehen als „outcome“ von Regierungskonferenzen, quasi als festes Verhandlungsergebnis, welches ausschließlich durch eine erneute Regierungskonferenz eine Veränderung erfahren könnte.[4] Ebenso ist es aus intergouvernementaler Sicht möglich, dass die Institution selbst keine optimale Problemlösung darstellt, da sie von Staaten geschaffen wurde, die aufgrund unterschiedlicher Interessen und Ziele zu einer Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners neigen.[5]

Im Gegensatz dazu stellen im Neofunktionalismus nicht die Nationalstaaten, sondern nationale und supranationale Eliten sowie supranationale Institutionen die wichtigsten Akteure dar. Ziele dieser Akteure sind zum einen die Überwindung nationalstaatlicher Macht und dadurch die Schaffung von Frieden (ergo Sicherheit), und zum anderen die Mehrung von Wohlstand.[6] Angetrieben werden die Akteure dabei von funktionalen Sachzwängen, die sich ebenso wie im Intergouvernementalismus aus dem Unvermögen unilateraler Problemlösung ergeben, aber im Gegensatz zum Intergouvernementalismus auf die Interdependenenz moderner Industriestaaten abstellen.[7]

Obgleich der Neofunktionalismus der einzige integrationstheoretische Ansatz ist, der alle drei Ebenen (subnational, national & supranational) des politischen Geschehens beleuchtet, so weist er doch einige Defizite auf: Die wohl größte Schwachstelle ist dabei, dass Nationalstaaten zu Akteuren unter vielen degradiert werden und ihnen weniger Handlungsspielraum eingeräumt wird als den o.g. Eliten und Institutionen.[8] Auch ist es von Nachteil, dass sowohl die sub- als auch die supranationale Ebene auf die Betrachtung weniger Eliten beschränkt wird. Diese Eliten folgen ihren eigenen Interessen und versuchen, diese durchzusetzen, indem sie die Integration voranzutreiben suchen, sofern sie sich davon einen Gewinn versprechen.[9] Dies hat zur Folge, dass sowohl innerstaatliche Faktoren (politische Kultur, politisches System, Parteienlandschaft und Regierung, Verfassung, ...) als auch eine spezifische Betrachtung supranationaler Institutionen von der Analyse ausgeschlossen werden. Der Neofunktionalismus ersetzt die verschiedenen Aufgaben und Handlungsspielräume der einzelnen Institutionen und damit deren unterschiedlichen Einfluss auf politische Prozesse schlichtweg durch die Logik des „spillover“-Automatismus, demzufolge eine erfolgreiche Kooperation im Bereich der „low-politics“ zwangsläufig auf den Bereich der „high-politics“ übergreifen wird.[10]

[...]


[1] Moravcsik (1991), S. 26 f.

[2] Rosamond (2000), S. 136 ff.

[3] Woyke (2000), S. 483

[4] Moravcsik (1991), S. 26 f.

[5] Moravcsik (1991), S. 26 & 49 sowie Rosamond (2000), S. 141

[6] Karolewski (2000), S. 27 f.

[7] Woyke (2000), S. 482

[8] Carporaso (1995), S. 33 f. & 36

[9] Karolewski (2000), S. 27 f.

[10] Schaffner (?), S. 33

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Der Neoinstitutionalismus - Eine Symbiose aus Intergouvernementalismus und Neofunktionalismus?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Internationale Politik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
9
Katalognummer
V22105
ISBN (eBook)
9783638255356
ISBN (Buch)
9783656564553
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neoinstitutionalismus, Eine, Symbiose, Intergouvernementalismus, Neofunktionalismus
Arbeit zitieren
Sebastian Wiesnet (Autor), 2004, Der Neoinstitutionalismus - Eine Symbiose aus Intergouvernementalismus und Neofunktionalismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22105

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Neoinstitutionalismus - Eine Symbiose aus Intergouvernementalismus und Neofunktionalismus?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden