Das journalistische Berufsbild in Deutschland und Japan: Ein Vergleich der Einflussgrößen


Hausarbeit, 2003
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der sozial-geschichtliche Hintergrund
2.1. Konformität in Japan
2.2. Unabhängigkeit in Deutschland

3. Die Gesetzesgrundlage
3.1. Die japanische Verfassung
3.2. Das deutsche Grundgesetz

4. Exkurs: Eliten und Prestige – journalistische Ausbildung in Japan

5. Organisation der Journalisten
5.1. Der Verleger- und Redakteursverband und die gewerkschaftliche Situation in Japan..
5.2. Die japanischen Presseclubs
5.3. Der deutsche Presserat und die Gewerkschaften.

6. Schlussbetrachtung

Bibliographie

1. Einleitung

Das Thema meiner Arbeit ist der Vergleich von Journalisten in Deutschland und Japan. Eine solche Aufgabenstellung übersteigt den Rahmen einer durchschnittlichen Hausarbeit. Ich möchte mich deshalb auf das journalistische Berufsbild in beiden Ländern und dessen bedeutendste Einflussgrößen konzentrieren. Die Fragestellung ist hier: Wer oder was bestimmt das Berufsbild in Deutschland und Japan? Welche Gegebenheiten wirken im Hintergrund? Welche Institutionen haben Einfluss?

Also: Was lässt den deutschen, was den japanischen Journalisten zu dem werden was er ist?

Diese Arbeit konzentriert sich auf den Print-Bereich im journalistischen Tätigkeitsfeld. Das hat folgenden Grund: Eine seriöse Bearbeitung mehrerer, geschweige denn aller Tätigkeitsbereiche unter der oben genannten Aufgabenstellung ist im Umfang einer normalen Hausarbeit nicht zufrieden stellend möglich. Zu unterschiedlich sind die verschiedenen Bereiche, als dass man sie hier in einer Abhandlung zusammenfassen könnte.

Des Weiteren muss eine klare zeitliche Eingrenzung erfolgen. Erst nach 1945 erfolgt in beiden Ländern die Einrichtung der gesetzlichen Pressefreiheit, wie sie bis heute besteht. Demnach ist eine Betrachtung ab diesem Zeitraum als zeitlichen Fokus für meine Arbeit am sinnvollsten. Allein in der Bearbeitung des sozial-geschichtlichen Hintergrundes wird auf Ereignisse und Entwicklungen vor 1945 zurückgegriffen.

Die Reihenfolge der verschiedenen Einflussgrößen basiert auf einem logischen Zusammenhang. Zuerst muss der historische Hintergrund in beiden Ländern mit seinen Auswirkungen dargestellt werden. Die politischen Entwicklungen und Konsequenzen nach Beendigung des zweiten Weltkriegs haben entscheidenden Einfluss auf die Charakteristika des jeweiligen Berufsbildes. Der Krieg verändert auch die gesetzliche Lage in beiden Ländern. Neue Verfassungen und die Freiheit von Presse und Meinungsäußerung modifizieren die Rolle des Journalisten. Hier findet nun ein kleiner Exkurs in das Ausbildungssystem des japanischen Journalistennachwuchses statt. Erst im Berufsleben integriert, sind Journalisten dem direkten Einfluss von Institutionen und Organisationen ihres Metiers ausgesetzt. Organisationen wie der Zeitungsverlegerverband sowie die Presseclubs in Japan werden dem deutschen Presserat und den Gewerkschaften gegenüber gestellt. In der Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse der Bearbeitung zusammenfassend dargestellt.

2. Der sozial-geschichtliche Hintergrund

2.1. Konformität in Japan

Japans Presselandschaft ist einmalig im internationalen Vergleich. Nirgendwo auf der Welt findet sich eine so hohe Zeitungsdichte wie in Japan[1] (vgl. Weischenberg (1995), S. 250). Die drei größten Tageszeitungen[2] erreichen trotz, oder gerade wegen ihres hohen Niveaus Auflagenzahlen, von denen selbst die stärksten deutschen (Boulevard-) Zeitungen nur träumen können.

Doch warum finden diese Blätter Zugang zu einer so großen Leserschaft? Das japanische Zeitungspublikum scheint auf den ersten Blick informationshungriger zu sein als das deutsche, jedoch muss man bedenken: „Wer täglich 15 Millionen Exemplare verkaufen will, muss es allen recht machen, dem erschöpft heimkehrenden Arbeiter genauso wie dem alerten Bankmanager.“ (Dambmann (1996), S. XIV) Und genau darin findet sich die Grundhaltung des japanischen Journalisten wieder. Denn betrachtet man die japanische Presse etwas näher, fällt ihre ausgeprägte Neutralität auf. Ihre Inhalte ähneln sich auffällig und dem Leser wird es nahezu unmöglich gemacht, sich eine eigene Meinung aus verschiedenen Berichterstattungen und Kommentaren zu bilden. Es entspricht der Erziehung und der Natur japanischer Journalisten loyal und unauffällig zu sein. Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen stellen sie sich nicht an die Spitze ihrer Gesellschaft und führen sie an, eher sehen sie sich als ihr Spiegel und folgen der öffentlichen Meinung, anstatt ihr Ziele zu setzen (vgl. ebd. (1996), S. XIV).

Doch gibt es für dieses Verhalten einen historischen Ursprung?

Japans Zeitungsgeschichte beginnt rund 250 Jahre später als die Deutsche (vgl. Plitsch-Kußmaul (1995), S.323). Erst mit Beginn der Meiji-Zeit (1868-1912) erscheinen die ersten (im strengeren Sinne) Zeitungen. Anfangs zirkulierten die gedruckten, geheim gehaltenen Informationen nur unter hohen Beamten der Tokugawa-Regierung. Über 200[3] Jahre war das japanische Volk völlig von ausländischen Informationen abgeschottet. Mit der gewaltsamen Öffnung des Landes 1853 durch die Amerikaner stieg der Informationsbedarf der japanischen Bevölkerung sprunghaft an (vgl. Pohl (1981), S.10). Dieser Bedarf ist, wie man an der bestehenden Medienlandschaft (siehe Fußnoten 1+2) erkennen kann, bis heute eher gewachsen als zurückgegangen.

In der Meiji-Dekade liegt einer der Grundsteine für das bis heute gültige Mentalitätsmuster der japanischen Journalisten. Führenden Herausgeber und Redakteure waren vollständig integrierte Wesen einer streng hierarchisch gegliederten Gesellschaft. Die meisten von ihnen kamen aus der herrschenden Klasse der Samurai. Die Bedingungen für den gesicherten Stand in der Gesellschaft waren unbedingter Autoritätsglaube und absolute Loyalität. Ein direkter Angriff oder sogar ein Sturz der Regierung durch Veröffentlichungen der Presse waren auch nach der Abschaffung des Klassensystems undenkbare Vergehen gegen die eigene Überzeugung[4].

Der japanische Journalist identifiziert sich traditionell mit dem Regierungsapparat. Er diente mit seiner Arbeit stets den Machthabern und genoss als Gegenleistung entsprechenden Einfluss. „Japans Presseleute waren bereit, die sachliche Berichterstattung, die kritische Kommentierung aufzugeben, sobald sie damit ihren unmittelbaren politischen Einfluss in Gefahr brachten.“ (vgl. ebd., S.12.). Und ob „als Sprachrohr für die Reformpolitik der Meiji-Zeit, für die militaristisch-nationalistische Indoktrinierung der dreißiger Jahre und schließlich auch für die Kriegs- und Gräuelpropaganda des Zweiten Weltkriegs“ (Dambmann (1996), S.XV) – das Berufsbild des japanischen Journalisten ist geprägt von Instrumentalisierung und loyaler Ergebenheit gegenüber den Herrschenden.

Japan und Deutschland sind beide Verlierer des zweiten Weltkriegs. Doch während in Deutschland die Alliierten das Land in vier Zonen aufteilen und damit die Eigenständigkeit des Staates zerstören, bleibt Japans Staatlichkeit unter der alleinigen Herrschaft der Amerikaner erhalten. Deutschland verliert mit seiner Besetzung auch seine historische und nationale Identität. (Vgl. Plitsch-Kußmaul (1995), S.318). Nur ein paar wenige führende Pressevertreter werden entlassen. Doch anders als im Westen bleiben in Japan alle bis 1945 existierenden Zeitungen bestehen. Einige Journalisten werden ausgetauscht, die Medien überleben. In Japan brauchen Herausgeber keine Lizenzen, wie ihre deutschen Kollegen, um ihre Zeitung zu betreiben. (Vgl. ebd., S. 325). Die derzeit existierenden fünf überregionalen Zeitungen hatten auch vor dem Krieg einen großen Einfluss und existieren seit ihrer Gründung nahezu ohne einschneidende Veränderungen (vgl. ebd., S.326). „So wie der Kaiser nicht enttrohnt wurde und wie sich der Regierungsapparat nicht zu verantworten brauchte, konnten auch die großen Zeitungen, nachdem einige wenige Journalisten in Pension geschickt worden waren, weiter erscheinen.“ (Dambmann (1996), S.XV).

Was bedeutet dieser Hintergrund für das Berufsbild des japanischen Journalisten?

Aus der japanischen Geschichte ergeben sich folgende Zusammenhänge. Die ersten Journalisten waren Teil der herrschenden Klasse. Daraus resultiert eine natürliche Loyalität gegenüber den Mitgliedern ihres Standes. Investigativer Journalismus ist nicht möglich, ohne den gesellschaftlichen Autoritätsglauben zu verletzen. Diese Nähe zur Macht bleibt auch nach der Kommerzialisierung der Presse und dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhalten. Während der deutsche Journalismus im Zuge der vier unterschiedlichen Besatzungsmächte entnazifiziert wird und sich die gesamte Presselandschaft neu kreiert, treffen japanische Journalisten auf bestehende Medien und kehren zu altbekanntem zurück. Es darf allerdings nicht behauptet werden, japanische Journalisten hätten ihre „amerikanische Lektion“ nicht gelernt. Es folgten ehrliche Bemühungen um neutrale, sachliche Berichterstattung. (Vgl. Pohl (1981), S.23). Doch blieben die schon vor dem Krieg existierenden Denkstrukturen erhalten.

2.2 Unabhängigkeit in Deutschland

Die deutsche Tagespresse kann auf eine wesentlich längere Geschichte zurückblicken als die Japanische. Während in Deutschland die periodischen Publikationen selbständig über die Jahrhunderte wuchsen, entstand die japanische Presse nicht aus den eigenen Vorläufern, wie Flugblättern und Einblattdrucken. Sie resultierte aus ausländischen Vorbildern. (Vgl. Plitsch-Kußmaul (1995), S. 323).

Die Berufsgeschichte des deutschen Journalismus ist soweit erforscht, dass ihre Anfänge bis ins Mittelalter zurück zu verfolgen sind. Auf die, in diesem Zeitraum angesiedelte präjournalistische Periode[5] folgen der korrespondierende[6], der schriftstellerische[7] und der redaktionelle[8] Journalismus (vgl. Baumert).

Genau wie ihre japanischen Kollegen hatten die Journalisten in Deutschland in ihrer Entwicklung unter der mehr oder weniger streng ausgeübten Zensur zu leiden (vgl. Plitsch-Kußmaul (1995), S. 324). Doch trotz der Einschränkungen ihrer Arbeit bestand das Grundinteresse der schreibenden, deutschen Zunft an einer kritischen Auseinandersetzung mit bestehenden Problemen in Politik und Gesellschaft. Besonders die Phase des schriftstellerischen Journalismus war getragen vom Geist der Aufklärung

„und (den) daraus resultierende(n) veränderte(n) philosophisch-politische(n) und soziale(n) Verhältnisse(n) gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Damals entstanden schriftstellerische Kräfte, die sich im Kampf um die Freiheit des Denkens an die Öffentlichkeit wandten und zunächst historische, philosophische sowie religiöse Fragen aufgriffen. Später, vor allem in den Jahren vor der Märzrevolution von 1848, auch politische.“ (Pürer/ Raabe (1994), S. 34)[9]

Die Journalisten dieser Zeit kamen aus der Schriftstellerei. Ihr Aufgabenfeld beinhaltete nicht nur das Verfassen von Texten, sie waren zeitgleich auch Herausgeber und Verleger. Doch aus finanzieller Überlastung des Einzelnen, alle Aufgaben wahrnehmenden Journalisten, wurden die Unternehmertätigkeiten an Außenstehende abgegeben (vgl. Pürer/ Raabe (1994), S.34). Dies war der erste Schritt zur der journalistischen Arbeitsteilung.

[...]


[1] In Japan kommen auf je 1.000 Einwohner 576 Tageszeitungsexemplare; zum Vergleich: Deutschland 324, Österreich 328, Schweiz 404, USA 233, Großbritannien 351, Frankreich 154, Italien 113 (vgl. Die Zeitung (1995) 1-2: 17) Zitat aus Weischenberg (1995), S.250; Originalquelle nicht auffindbar

[2] Die auflagenstärkste Yomiuri Shimbun erscheint in einer Morgenausgabe von etwa 10 Millionen und in einer Abendausgabe von etwa 5 Millionen Exemplaren. Danach folgen die Konkurrenzblätter: Asahi Shimbun mit einer Tagesauflage von 13 Millionen Exemplaren, Mainichi Shimbun mit einer Tagesauflage von 6 Millionen Exemplaren (vgl. Dambmann (1996): XIII)

[3] Japan war unter der Tokugawa-Regierung von 1636 bis 1853 hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt (vgl. Muzik (1996): S.19)

[4] Des Weiteren wurden alle großen Tageszeitungen dieser Zeit durch Machenschaften der Regierung staatlich subventioniert. Die Regierung verpflichtete ihre Beamten mindestens eine Zeitung zu abonnieren. Und nur durch ein geheimes Finanzierungsabkommen zwischen Finanzminister Okuma und dem Herausgeber Edward H. House konnte die englischsprachige „Tokio Times“ erscheinen (vgl. Pohl (1981), S.11).

[5] Präjournalistische Phase: Mittelalter und beginnende Neuzeit

[6] Korrespondierender Journalismus: Ende des 16. bis Mitte des 18. Jahrhunderts

[7] Schriftstellerischer Journalismus: Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts

[8] Redaktioneller Journalismus: Ab Mitte des 19. Jahrhunderts

[9] Zitat grammatisch angepasst.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das journalistische Berufsbild in Deutschland und Japan: Ein Vergleich der Einflussgrößen
Hochschule
Hochschule Bremen  (Journalistik)
Veranstaltung
Medientheorie II
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V22291
ISBN (eBook)
9783638256766
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berufsbild, Deutschland, Japan, Vergleich, Einflussgrößen, Medientheorie
Arbeit zitieren
Katharina Bader (Autor), 2003, Das journalistische Berufsbild in Deutschland und Japan: Ein Vergleich der Einflussgrößen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22291

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