Das von Johann Wolfgang von Goethe verfasste Schauspiel gilt bis heute als das Beispiel für ein Drama der geschlossenen Form und entspricht mehr als seine anderen Dramen der „classique doctrine.“1 Es ist ein klassisches Drama, das sich, entsprechend der Epoche, die Antike als Vorbild nimmt. Das betrifft die Komposition, d.h. Aufbau und Gestaltung, als auch die Thematik bzw. die Stoffauswahl.2
Die Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit das Bühnenwerk die Anforderungen eines tektonischen Dramas erfüllt. Dazu werden zunächst die Merkmale dieses Dramentyps im Einzelnen aufgeführt. Im Anschluss daran werden diese Aspekte mit Beispielen aus dem Schauspiel belegt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den formalen Merkmalen und besonders auf dem Handlungsgang. Die Arbeit bedient sich vorwiegend der Darstellung aus dem Buch von Volker Klotz „Die geschlossene und offene Form des Dramas“. 3 Darin fasst er u.a die Charakteristika des klassizistischen Regeldramas Frankreichs des 17. Jahrhundert mit all seinen Konventionen, Ort, Zeit und Handlung betreffend, zusammen. Ferner erweitert er diese Aspekte durch die von Gustav Freytag 1863 beschriebenen Aktfunktionen und den pyramidialen Dramenaufbau.4
Die Arbeit beschränkt sich auf die Darstellung der geschlossenen Dramenform. Sie verzichtet auf eine Gegenüberstellung mit dem offenen Dramentyp. Als Hilfsmittel zur Analyse und Erschließung des Schauspiels dienen vorwiegend die Monographien von Walter Henze5 und die Interpretation von Achim Geisenhanslüke.6 Es wird versucht, formale Gestaltungsmerkmale und inhaltliche Themen miteinander zu verbinden, damit der Aspekt der Geschlossenheit vollends in dem Schauspiel aufgedeckt wird. Auch die Merkmale, bei denen das Drama von den Vorgaben abweicht, werden aufgeführt.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Merkmale des geschlossenen Dramas
II. 1 Die Handlung und ihre Komposition
II. 2 Raum und Zeit
II. 3 Personen und Sprache
III. Iphigenie auf Tauris als ein Drama der geschlossenen Form
III. 1 Handlung und Komposition
III. 2 Raum und Zeit als Rahmen
III. 3 Personen und ihre Sprache
IV. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“ unter dem Aspekt der „geschlossenen Form“ des Dramas, um zu analysieren, inwieweit das Werk die Anforderungen eines tektonischen Dramentyps erfüllt und wie formale Gestaltungsmerkmale mit inhaltlichen Themen korrespondieren.
- Analyse der strukturellen Merkmale geschlossener Dramen nach Volker Klotz.
- Untersuchung der Handlungskomposition und des dramatischen Aufbaus.
- Betrachtung von Raum- und Zeitkonzeptionen in der klassischen Dramatik.
- Analyse der Personenkonstellation und der rhetorischen Gestaltung (Stichomythie, Metaphorik).
- Reflexion über die moralische Entscheidungsfindung der Titelfigur im Kontext der „Ideenwelt“.
Auszug aus dem Buch
II. 1 Die Handlung und ihre Komposition
Aristoteles formuliert in seinem Werk „Poetik“ die für ihn wichtigen Bestandteile einer Tragödie. Er gibt der Handlung Vorrang vor den Personen und sieht in der Einheit und Ganzheit die Merkmale, welche die Handlung eines Dramas der geschlossenen Form charakterisieren. So gibt es eine einzige kontinuierlich verlaufende Haupthandlung. Nebenhandlungen bleiben ihrem Namen treu und sind dieser untergeordnet. Dabei wird dem Akt eine größere Bedeutung beigemessen als der Szene. Er stellt selbst eine in sich geschlossene, architektonische Einheit dar. Darüber hinaus beginnt mit jedem Akt eine neue Stufe des Entwicklungsprozesses im Drama. Dieser Vorgang vollzieht sich in fünf, gelegentlich auch in drei Akten mit den von Gustav Freytag beschriebenen Funktionen. Die Handlung wird eingeleitet durch die Exposition, steigert sich zum Höhepunkt und endet schließlich in der Lösung bzw. der Katastrophe. Die Haupthandlung markiert dabei den Schlusspunkt eines Geschehens, das seinen Lauf vor Beginn des Dramas nahm und im weiteren dessen Abschluss darstellt. Jedoch ist sie nicht nur ein bloßer Ausschnitt, denn sie bezieht die Vorgeschichte mit ein, so dass sie zu einem großen Ganzen abgerundet wird.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob das Werk die Anforderungen eines tektonischen Dramas erfüllt, und definiert das methodische Vorgehen unter Einbezug von Volker Klotz.
II. Merkmale des geschlossenen Dramas: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der geschlossenen Form, insbesondere die Anforderungen an eine kontinuierliche Haupthandlung, die Einheiten von Raum und Zeit sowie die rhetorische Gestaltung.
III. Iphigenie auf Tauris als ein Drama der geschlossenen Form: Hier wird das theoretische Gerüst auf Goethes Schauspiel angewendet, wobei Handlungskomposition, der statische Rahmen von Raum und Zeit sowie die Charakterentwicklung detailliert belegt werden.
IV. Zusammenfassung: Das Fazit bestätigt, dass das Schauspiel die Prinzipien der geschlossenen Form weitestgehend vorbildlich verwirklicht, auch wenn bei den Vertrautenfiguren leichte Abweichungen erkennbar sind.
Schlüsselwörter
Iphigenie auf Tauris, Goethes Schauspiel, geschlossene Form, tektonisches Drama, Handlungskomposition, Humanität, Dramenanalyse, Raum-Zeit-Einheit, Stichomythie, Sentenzen, Metaphorik, Klassisches Drama, Tragödie, Personenkonstellation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Goethes „Iphigenie auf Tauris“ als exemplarisches Werk für ein Drama der geschlossenen Form.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die formale Komposition, die Einhaltung der dramatischen Einheiten und die rhetorische Ausgestaltung der Dialoge.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Es soll aufgezeigt werden, wie konsequent das Schauspiel die Anforderungen des tektonischen Dramentyps erfüllt und wie Form und Gehalt ineinandergreifen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Dramenanalyse unter Anwendung der Theorie von Volker Klotz und weiterer Fachliteratur zur Interpretation klassischer Dramen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Merkmale der geschlossenen Form und eine konkrete Analyse des Schauspiels hinsichtlich Handlung, Zeit, Raum und Sprache.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Humanität, Symmetrie, Dialogführung, geschlossene Form und der Tantalidenfluch.
Wie wird die Rolle der Götter in der Interpretation bewertet?
Die Götter werden als Instanz wahrgenommen, die den tragischen Konflikt der Protagonisten erst ermöglicht, wobei die Figuren einen unterschiedlichen Umgang mit dieser göttlichen Führung zeigen.
Warum spielt die Rhetorik eine so wichtige Rolle für das Verständnis?
Da das Drama vom „gesprochenen Wort“ statt von externer Aktion lebt, sind Stichomythie und Sentenzen wesentliche Werkzeuge, um den inneren Konflikt der Figuren sichtbar zu machen.
- Quote paper
- Astrid Menz (Author), 2002, Zu Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22325