[...] Da die vorliegende Arbeit ausschließlich parasoziale Beziehungen zu Charakteren von Daily Soap Operas erforscht, stehen auch in diesem Überblick Untersuchungen im Bereich fiktionaler serieller Unterhaltungsangebote im Mittelpunkt. Das Kapitel soll außerdem verdeutlichen, dass auch die empirische Auseinandersetzung mit negativen parasozialen Beziehungen bisher stark vernachlässigt wurde, woraus sich u. a. das Forschungsinteresse begründen lässt. Im darauffolgenden Kapitel wird auf die theoretischen Aspekte negativer parasozialer Beziehungen eingegangen. Die strukturelle Ähnlichkeit zu den Ausführungen zu parasozialen Beziehungen allgemein wurde bewusst gewählt, um die Parallelen der beiden Ausprägungen des Phänomens besonders zu verdeutlichen. Es sollen aber hier vor allem die besonderen Aspekte und die Relevanz abgelehnter Beziehungspartner herausgestellt werden. In Kapitel 3 wird erklärt, welche Faktoren dazu beitragen, dass sich gerade Jugendliche als Forschungssubjekte für die Untersuchung (negativer) parasozialer Beziehungen anbieten. Dazu werden zunächst Definitionen von Jugend gegeben. Es werden zusätzlich die Besonderheiten dieser Lebensphase herausgestellt und die daraus resultierende Rolle der Medien verdeutlicht. Das vierte Kapitel gibt einen Überblick über die Entstehung und die Ausdifferenzierung des Genres Serie sowie die Erlangung seiner Vormachtposition im medialen Unterhaltungsmarkt. Eine Beschreibung der aktuellen Daily Soaps im deutschen Fernsehen soll bei der Einordnung der Sendungen helfen, auf die sich die empirische Untersuchung bezieht. Des Weiteren soll in diesem Kapitel noch einmal verdeutlicht werden, inwiefern Serien und insbesondere Daily Soaps mehr als andere Medienformate zur Ausbildung von Beziehungen mit Medienakteuren beitragen und sich damit gut als Untersuchungsmaterial eignen. Der empirische Teil gibt einleitend mit Kapitel 5 einen detaillierteren Einblick in die Fragestellung und das Forschungsinteresse. Nach einer kurzen Beschreibung zur Anwendung der Methode folgen Ausführungen über die Umstände und Rahmenbedingungen der Durchführung der qualitativen Befragung. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Problemstellung
2 Zum Gegenstandsbereich parasozialer Beziehungen
2.1 Grundlagen
2.1.1 Das Konzept von Horton und Wohl
2.1.2 Darstellung parasozialer Beziehungen
2.1.2.1 Vergleiche zu orthosozialen Beziehungen
2.1.2.2 Parasoziale Beziehungen aus Rezipienten- und Produzentensicht
2.1.2.3 Motive für die Herausbildung parasozialer Beziehungen
2.1.3 Parasoziale Beziehungen und Daily Soaps
2.2 Die Erforschung parasozialer Beziehungen
2.2.1 Die Messung parasozialer Beziehungen
2.2.2 Ausgewählte Studien
2.3 Negative parasoziale Beziehungen
2.3.1 Darstellung negativer parasozialer Beziehungen
2.3.1.1 Vergleiche zu negativen orthosozialen Beziehungen
2.3.1.2 Negative parasoziale Beziehungen aus Rezipienten- und Produzentensicht
2.3.1.3 Motive für die Herausbildung negativer parasozialer Beziehungen
2.3.2 Negative parasoziale Beziehungen und Daily Soaps
3 Die jugendlichen Rezipienten
3.1 Definitionen von Jugend
3.2 Besonderheiten der Jugendphase
3.3 Die Rolle der Medien
3.3.1 Orientierungsfunktion der Medien
3.3.2 Mediennutzung
4 Zur Relevanz von Serienformaten
4.1 Das Genre der Serie und der Soap Opera
4.2 Die Geschichte der Soap Opera
4.3 Soap Operas im deutschen Fernsehen
4.4 Begründung für Soap Operas als Forschungsobjekt
4.5 Serienrezeption
4.5.1 Identifikation, Projektion und Übertragungserleben
4.5.2 Eskapismus und Alltagsflucht
5 Grundlagen für die empirische Analyse
5.1 Theoretische Anbindung
5.2 Fragestellung
6 Methodisches Vorgehen
6.1 Die Methode
6.1.1 Die Wahl der Methode
6.1.2 Die Grounded Theory
6.2 Die Befragung
6.2.1 Die Interviewpartner
6.2.2 Die Leitfäden
6.2.3 Durchführung und Transkription
7 Die Auswertung
7.1 Die Kategorien
7.2 Die Ergebnisse
7.2.1 Generelle Beurteilung der Soap Operas
7.2.2 Gründe für die Serienrezeption
7.2.3 Die negativen parasozialen Beziehungspartner
7.2.3.1 Die Typen und ihre Eigenschaften
7.2.3.2 Die Reaktionen auf die Bildschirmpräsenz
7.2.3.3 Die Notwendigkeit der negativen parasozialen Beziehungspartner
7.2.4 Parallelen zum eigenen Umfeld
7.2.5 Parallelen zur eigenen Person
7.2.6 Thema im Freundeskreis
7.2.7 Vergleichende Analsye
7.3 Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse
7.3.1 Zentrale Aspekte
7.3.2 Theoretischer Bezug
8 Schlussbemerkung und Ausblick
9 Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Bedeutung negativer parasozialer Beziehungen für Jugendliche am Beispiel von Daily Soaps. Das primäre Ziel ist es, Motive, Muster und Erklärungen dafür zu finden, warum junge Rezipienten gezielt Auseinandersetzungen mit ihnen unsympathischen Mediencharakteren suchen und welchen Mehrwert sie aus diesen, teils ambivalenten, Bindungen für ihre eigene Identitätsbildung und Alltagsbewältigung gewinnen.
- Grundlagen und Definitionen parasozialer Beziehungen und deren Anwendung auf Daily Soaps.
- Analyse der Besonderheiten der Jugendphase und die Rolle von Medien für Identitätsprozesse.
- Empirische Untersuchung negativer parasozialer Bindungen mittels Grounded Theory.
- Systematisierung der Motive für negative Rezeption, von Distanzierung bis hin zur Aggressionsabfuhr.
- Untersuchung der Bedeutung der Serienfiguren als Prototypen für soziale Abgrenzung und Training.
Auszug aus dem Buch
2.3 Negative parasoziale Beziehungen
Wir setzen uns in Beziehung zu den „Akteuren der Medien, die wir lieben oder hassen, beneiden oder bewundern, über die wir uns ärgern oder mit denen wir uns freuen. [...] Aber wir erleben auch unabhängig von dieser scheinbar sozialen Situation der Rezeption etwas, das für uns unmittelbar relevant erscheint, und wir [...] leisten uns dabei keinen Verzicht auf das möglicherweise Negative, Beunruhigende, Belastende. Wir muten uns dabei auch etwas zu mit der Medienrezeption.“ (Vorderer 1999: 44)
Bisher scheint die Betrachtung negativer parasozialer Beziehungen also als wenig lohnenswert angesehen zu werden. Man geht allgemein davon aus, dass Bindungen zu Fernsehfiguren im Großen und Ganzen positiven Charakters sind. Zuschauer betrachten dieser Auffassung nach die Persona als Freund oder zumindest als guten Bekannten, bewundern sie, bringen ihr vielleicht sogar leidenschaftliche Gefühle entgegen und werden deshalb dazu verleitet, die Sendung, die Serie oder die Show, in der sie die Person regelmäßig antreffen, immer wieder anzusehen. Es gibt jedoch auch Menschen, die sich nicht nur aus diesen Gründen für die Rezeption einer Sendung entscheiden, sondern durchaus auch Beziehungen zu Personae aufbauen, die sie nicht mögen, vielleicht sogar verabscheuen, sich aber zumindest deutlich von ihnen distanzieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Problemstellung: Hinführung zur Fragestellung der Bedeutung negativer parasozialer Beziehungen für Jugendliche im Kontext von Daily Soaps.
2 Zum Gegenstandsbereich parasozialer Beziehungen: Theoretische Herleitung und Definition von Interaktions- und Beziehungsformen mit medialen Figuren.
3 Die jugendlichen Rezipienten: Erläuterung der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter und der Rolle von Medien als Stabilitätshilfe und Identitätsraum.
4 Zur Relevanz von Serienformaten: Überblick über Genremerkmale, Geschichte und Marktbedeutung der Daily Soaps im deutschen Fernsehen.
5 Grundlagen für die empirische Analyse: Verknüpfung der theoretischen Vorüberlegungen mit der forschungsleitenden Fragestellung zur negativen Bindung.
6 Methodisches Vorgehen: Darstellung der qualitativen Forschungsmethodik unter Anwendung der Grounded Theory und Beschreibung des Stichproben-Samplings.
7 Die Auswertung: Empirische Aufarbeitung der Interviews, Kategorisierung der Ergebnisse und Diskussion der Erkenntnisse zu negativen Beziehungspartnern.
8 Schlussbemerkung und Ausblick: Zusammenfassende Einordnung der Ergebnisse in den Forschungskontext und Aufzeigen von Ansätzen für weiterführende Studien.
9 Literaturverzeichnis: Auflistung der im Rahmen der Arbeit verwendeten Quellen und Publikationen.
Schlüsselwörter
Parasoziale Beziehungen, Daily Soaps, Jugendliche, negative Identifikation, Mediennutzung, Identitätsbildung, Grounded Theory, Rezeptionsforschung, soziale Kompetenz, Fernsehgeneration, Serienrezeption, Involvement, Alltagsflucht, Zuschauerbindung, Personae.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, warum Rezipienten – speziell Jugendliche – parasoziale Beziehungen zu Fernsehfiguren aufbauen, die sie eigentlich ablehnen oder als unsympathisch empfinden, und welche Funktion dies für ihren Alltag hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die parasoziale Interaktion, die Rezeption von Daily Soaps, die psychologischen Besonderheiten der Jugendphase hinsichtlich Identitätssuche sowie die Rolle von Medien als Orientierungshilfe.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, warum Jugendliche negative parasoziale Bindungen zu Soap-Opera-Figuren aufbauen und ob diese Interaktionen einen Nutzen für die Zuschauer (z.B. durch Aggressionsabfuhr oder soziale Abgrenzung) darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine explorative qualitative Untersuchung, die sich an der Methode der "Grounded Theory" orientiert, um induktiv Erklärungsmodelle aus den Interviewdaten zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil, der das Konzept der parasozialen Beziehungen und Jugendsoziologie abhandelt, und einen empirischen Teil, in dem die Ergebnisse aus Leitfadengesprächen ausgewertet und kategorisiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind parasoziale Beziehungen, Daily Soaps, negative Identifikation, Jugendliche, Mediennutzung und Identitätskonstruktion.
Warum spielen gerade "negative" Bindungen bei Daily Soaps eine Rolle für Jugendliche?
Die Arbeit zeigt, dass negative Bindungen oft "lustvoll" rezipiert werden, da sie eine ungefährliche Projektionsfläche für Ärger und Aggressionen bieten und den Jugendlichen bei der eigenen Wertebildung durch Abgrenzung helfen.
Welche Rolle spielt das soziale Umfeld für diese Art der Medienrezeption?
Die Studie ergab, dass der Freundeskreis kaum direkten Einfluss auf die individuelle Haltung zu bestimmten Serienfiguren hat, die Rezeption und das Lästern über Charaktere jedoch als Gesprächsstoff unter Freunden dienen können.
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- Julia Barth (Author), 2003, Der liebste Feind - Negative Parasoziale Beziehungen und ihre Bedeutung für den Rezipienten - Eine qualitative Analyse am Beispiel von Daily Soaps, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22347