Thomas Manns Mario und der Zauberer - Ein tragisches Reiseerlebnis im faschistischen Italien


Seminararbeit, 2004

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Kein idyllischer Urlaub im faschistischen Italien

3. Der „Zauber“ beginnt

4. Marionettentanz mit tödlichem Ende

5. Nichtwollen, ohne eigenen Willen ?

6. Der „Künstler“ Cavaliere Cipolla

7. Entstehung und Reaktion

8. Schluss

1. Einleitung

Thomas Mann verfasste die Novelle „Mario und der Zauberer – Ein tragisches Reiseerlebnis“[1] im Jahre 1929 an der Ostsee. Es handelt sich hierbei um keinen gewöhnlichen oder typischen Reisebericht, wie etwa die „Italienische Reise“ von Johann Wolfgang Goethe oder die „Reisebilder“ von Heinrich Heine. Vielmehr handelt es sich um eine ins Politische hineinspielende Geschichte, die sich mit dem, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Werkes 1930 in Italien realen, in Deutschland schon anklopfenden, alltäglichen und durchgehend spürbaren Faschismus, ohne dies jedoch ausdrücklich auszusprechen, zu beschäftigen scheint. Weitergehend geht es Mann um die Psychologie der Willens- und Handlungsfreiheit, sowie die Manipulation eben dieser.

Zu klären sein wird nun, inwieweit Manns Novelle ersterem, einem Reisebericht, oder letzterem einer politischen Studie, bzw. Kritik der Verhältnisse des italienischen status quo gerecht wird, oder ob das eine vielleicht unabdingbar notwendig ist, um das andere zu verstehen. Sind also zwei Teile kombiniert worden?

Weitergehend wird zu untersuchen sein, wie sich die Ereignisse während der Geschichte entwickeln, welche Rolle der vermeintliche Künstler oder Zauberer Cipolla[2] spielt. Wie gelingt es diesem Macht auszuüben und warum erkennt der Erzähler die Gefahren nicht und verbleibt im bedrohlichen Staat des Mussolini, trotz einiger Unannehmlichkeiten. Wie weit hängen die politische Situation in Italien und die denkwürdigen Vor- und Ausführungen des Cipolla zusammen?

Gegen Ende der Arbeit wird auf die Entstehung der Novelle zurückgeblickt.

Sowohl die Absicht des Autors, als auch die Reaktionen auf sein Werk in Deutschland und Italien muss beleuchtet werden.

Obwohl „Mario und der Zauberer“ nicht zwingend zu den bedeutendsten Veröffentlichungen von Thomas Mann gezählt werden muss, ist doch einiges an erläuternden Briefen, Gedanken, sowie weiterführender Literatur vorhanden.

Das Thema scheint jedenfalls so lange aktuell zu sein, wie irgendwo Menschen, in staatlichen Gebilden oder auch in kleineren Rahmen, missbraucht oder manipuliert werden.

2. Kein idyllischer Urlaub im faschistischen Italien

Im ersten Teil der Novelle, der quantitativ etwa ein Viertel des Werkes ausmacht, schildert der Ich-Erzähler seine Eindrücke und Erlebnisse am italienischen Urlaubsort Torre di Venere[3]. Die Urlaubsfreuden scheinen gleich zu Beginn getrübt zu sein: „Ärger, Gereiztheit, Überspannung lagen von Anfang an in der Luft“[4]. Trotz einer gewissen, aber sich in Grenzen haltender Zuneigung (der Strand ist „hübsch genug“[5] ) missfallen dem Erzähler zahlreiche Umstände. Die Zeit des Urlaubes scheint nicht richtig gewählt zu sein, da Mitte August die italienische Saison noch in vollem Gange sei. „Es wimmelt von zeterndem, zankendem, jauchzendem Badevolk, dem eine wie toll herabbrennende Sonne die Haut von den Nacken schält; flachbodige, grell bemalte Boote, von Kindern bemannt, deren tönende Vornamen, ausgestoßen von Ausschau haltenden Müttern, in heiserer Besorgnis die Lüfte erfüllen, schaukeln auf der blitzenden Bläue, und über die Gliedmaßen der Lagernden tretend bieten die Verkäufer von Austern, Getränken, Blumen, Korallenschmuck und Cornetti al burro (Butterhörnchen d.Verf.), auch sie mit der belegten offenen Stimme des Südens, ihre Ware an.“[6] Wahrhaft idyllisch erscheint dem Erzähler die Lokalität nicht.

Die einem Reisebericht gleichenden Beschreibungen, als Einleitung auf die noch folgenden Ereignisse geschrieben, scheinen aufgrund der zahlreichen negativen Anmerkungen wenig objektiv wiedergegeben zu sein. Welches Wetter erwartet man im Hochsommer an einem Badeort in Italien? Selbst die von Lorbeer- und Oleanderbüschen geschmückten Landstrassen, „von weißem Staube zolldick verschneit“ missfallen: „ein merkwürdiger, aber abstoßender Anblick.“[7]

Dem Leser drängt sich der Gedanke auf, die Behandlung als Gast zweiter Klasse im Grand Hotel, als auch die später noch erwähnten Ereignisse, veranlassen den Erzähler zu einer genaueren und kritischeren Betrachtungsweise der Gegebenheiten. Die besten Plätze des Speisesaals werden der Urlauberfamilie mit dem Hinweis verwehrt, sei seien „ai nostri clienti“ vorbehalten. Weshalb der Erzähler samt Anhang, als mehrwöchiger Gast des Hotels, dieser nicht angehöre, wird weder vom Manager erläutert noch vom Erzähler erfragt. Da sich zudem eine Fürstin des Römischen Hochadels durch den noch nicht restlos abgeklungenen Keuchhusten eines der Kinder bedroht fühlt, er könne akustisch anstecken und so den eigenen Kindern ein schlechtes Beispiel bieten, wird durch die Hotelleitung eine Umquartierung in einen Nebenbau angeordnet, der die Familie sich durch eigenen Herbergswechsel jedoch entzieht. Die differierende Wertigkeit der Gäste und der „Byzantinismus“[8] des Managers gegenüber dem Adel empört den Erzähler und verstärkt zugleich den negativen, dunklen und bedrückenden Eindruck der Atmosphäre. Hiermit soll auf die Situation im faschistischen Italien angespielt werden. Der Erzähler spricht nun sogar, in einer weiteren Ausführung über die kaum erträgliche Hitze, von der „Schreckensherrschaft der Sonne“[9]. Das Wetter wird somit zum Ausdruck einer unausweichlichen Unterdrückung, wobei diese zwar jeden betrifft und keine hierarchischen Unterschiede macht, von den Gästen aus dem Ausland aber vermutlich intensiver wahrgenommen wird.

Der Quartierwechsel in die Herberge der Signora Angiolieri erweist sich als Glücksgriff: Freundliche Bedienung und Vortreffliche Beköstigung. „Wir waren unseres Tausches vollkommen froh, und nichts fehlte eigentlich zu einem zufriedenstellenden Aufenthalt. Dennoch wollte kein rechtes Behagen aufkommen.“[10] Ob dies an dem, aus an sich nichtigem Anlass, vollzogenen Auszug aus dem Grand Hotel oder einem anderen Grund liegt, weiß der Erzähler selbst nicht so recht. Eine weitere Anspielung auf ein allgemeines Unwohlsein, eine Beklommenheit und Fremdheit im Italien der Mussolini-Zeit.

Besonderen Ausdruck findet die politische Situation am Strand. „Auf irgendeine Weise fehlte es der Atmosphäre an Unschuld, an Zwanglosigkeit.[11] “ Die einheimischen Kinder meiden die beiden Sprösslinge des Erzählers. Das Unheilvolle des totalitären Regimes hat selbst sie bereits ergriffen. „Tatsächlich wimmelte es am Strand von patriotischen Kindern.“[12] Die übertriebene Vaterlandsliebe des Faschismus als Selbstverständlichkeit und fester Teil der Erziehung kommt hier besonders zum Vorschein. Erwachsene mischen sich in einen unnatürlichen „Flaggenzwist“ der Kinder, der wohl als einseitig bezeichnet werden muss, ein. „Redensarten von der Größe und Würde Italiens fielen, unheiter-spielverderberische Redensarten“[13]. Die Kinder verstehen die eigenartige Fremdheit noch nicht. Der Vater erläutert in ihrer Ratlosigkeit die Situation, indem er ihnen erklärt, die Leute würden gerade einen Zustand, dem einer Krankheit ähnlich, durchmachen.

Zu einem bemerkenswerten Zwischenfall kommt es, als die achtjährige Tochter nackt ihren mit Sand verschmutzten Badeanzug im Meer auswäscht. Eine Welle der Entrüstung bricht über die Urlauber aus Deutschland herein. „Eine Philippika geht auf uns nieder, in der alles Pathos des sinnenfreudigen Südens sich in den Dienst spröder Zucht und Sitte gestellt findet.“[14] Die „Schamwidrigkeit“ und die damit verbundene Verletzung der italienischen Gastfreundschaft verstoße nicht nur gegen die Badevorschrift, sondern auch gegen die Ehre des Landes, wird der Familie vorgeworfen. Zurückhaltend lässt der Erzähler die Anschuldigungen über sich ergehen um nicht noch weiteres Ungemach heraufzubeschwören. Ein Vertreter der Behörde wird herbeigeholt, wiederum beispielhaft für die Bespitzelung und das Denunziantentum in totalitären Staaten, und nimmt die „Missetäter“ zur weiteren Untersuchung des „ungeheuerlichen Vorfalls“ mit ins Municipio (dt. Rathaus). Nach Zahlung eines „Sühne- und Lösegeld[es]“ und in einem Zustand schwankend zwischen Schockiertheit und auf Unverständnis basierender Belustigung über die maßlose Prüderie, ist der Vorfall amtlich erledigt. Folgende Überlegungen den Ort zu verlassen werden beiseite geschoben. „Soll man abreisen, wenn das Leben sich ein bißchen unheimlich, nicht ganz geheuer oder etwas peinlich und kränkend anlässt? Nein doch, man soll bleiben, soll sich das ansehen und sich dem aussetzen, gerade dabei gibt es vielleicht etwas zu lernen.“[15]

Mit der Verwerfung des Abreisegedankens endet der erste Teil der Novelle, der die allgemeine Atmosphäre im faschistischen Italien vermitteln soll und somit auf die weiteren Geschehnisse vorbereitet.

[...]


[1] Thomas Mann, Tonio Kröger – Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis,

Frankfurt a.M. 1973

[2] dt. Knolle

[3] Torre di Venere (dt. Venusturm) ist ein frei erfundener Name Thomas Manns, spielt jedoch auf seinen Urlaub vom 31.08. bis 13.09.1926 in Forte die Marmi, einem Seebad nordwestl. von Pisa, an.

[4] Mann, Tonio, S. 74.

[5] Ebd. S. 75.

[6] Ebd. S. 75.

[7] Ebd. S. 76.

[8] Byzantinismus = Kriecherei, untertänige Schmeichelei gegenüber hochgestellten Personen; abgeleitet vom komplizierten Zeremonienwesen am Hof von Byzanz, dem späteren Konstantinopel bzw. Istanbul.

[9] Mann, Tonio, S. 80.

[10] Ebd. S. 79.

[11] Ebd. S. 82.

[12] Ebd. S. 82

[13] Ebd. S. 82.

[14] Ebd. S. 83.

[15] Ebd. S. 85.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Thomas Manns Mario und der Zauberer - Ein tragisches Reiseerlebnis im faschistischen Italien
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar I: Die deutschen Dichter, Italien und das Problem des Schönen
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V22357
ISBN (eBook)
9783638257206
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Manns, Mario, Zauberer, Reiseerlebnis, Italien, Proseminar, Dichter, Problem, Schönen
Arbeit zitieren
Alexander Blum (Autor), 2004, Thomas Manns Mario und der Zauberer - Ein tragisches Reiseerlebnis im faschistischen Italien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22357

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