Politisches Denken und Handeln im Protestantismus am Beipiel von Luther und Bonhoeffer


Examensarbeit, 2003

108 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

A: Luther
1. Zur Person
1.1 Kindheit, Jugend und Studium
1.2 Luther im Kloster
1.2.1 Der Eintritt ins Kloster
1.2.2 Klosterzeit
1.3 Luther als Familienmensch
1.4 Luther über sich selbst
2. Die historischen Ereignisse zwischen 1517-1521
2.1 Das Turmerlebnis - Durchbruch zur reformatorischen Erkenntnis
2.2 Der Thesenanschlag 1517
2.3 Die Leipziger Disputation mit Eck 1519
2.4 Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521
3. Grundzüge der Theologie Luthers
3.1 Sola scriptura - die Schrift allein
3.2 Solus Christus - Christus allein
3.3 Sola fide - der Glaube allein
4. Anthropologie bei Luther
4.1 Das Wesen des Menschen
4.2 Der Mensch in seiner Gesamtheit
4.3 Vom freien und unfreien Willen des Menschen
4.3.1 Erasmus und der freie Wille des Menschen
4.3.2 Luther und der geknechtete Wille des Menschen
4.3.3 Erasmus und Luther heute
5. Die Lehre von den zwei Reichen
5.1 Politischer Hintergrund
5.2 Die Teilung der Welt in zwei Reiche
5.3 Der Grundfehler - die Vermengung der beiden Reiche
5.4 Das Gemeinsame der beiden Reiche
5.4.1 Zwei-Reiche-Lehre und die islamische Umma
5.5 Verhalten des Christen gegenüber dem Staat
5.5.1 Anerkennung der staatlichen Autorität
5.5.2 Verweigerung gegenüber der Obrigkeit
5.6 Der christliche Fürst
6. Politisches Handeln im Dualismus von Gehorsam und Ungehorsam
6.1 Politisches Handeln als Gewissensprozess
6.2 Die Autorität staatlicher Gewalt
6.2.1 Die Bauernaufstände
6.2.2 Die Türkenfrage
6.3 Die Begrenzung der staatlichen Autorität
6.3.1 Widerstand gegenüber den evangelischen Fürsten
6.3.2 Widerstand gegenüber dem Kaiser
7. Zusammenfassung Luther

B: Bonhoeffer
Einleitung
1. Dietrich Bonhoeffer - ein Lebenslauf
1.1 Herkunft, Jugend, Studium
1.2 Im Widerstand
1.2.1 Die Machtergreifung Hitlers
1.2.2 Der „Arierparagraph” - Dem Rad in die Speichen fallen
1.2.3 Die versuchte Gleichschaltung der Evangelischen Kirche
1.2.4 Die Denkschrift an Hitler
1.3 Vom Widerstand in die Verschwörung
1.4 Gefangenschaft und Tod
2. Die Christologie Bonhoeffers
2.1 Die Überwindung von Transzendenz und Ontologie
2.2 Das Weltverständnis Bonhoeffers
3.0 Grundzüge der Ethik Bonhoeffers
3.1 Kritik aller Ethik
3.2 Das konkrete Gebot
3.3 Das konkrete Gebot und die ultima ratio
4. Das Verhältnis von Kirche und Staat
4.1 Die vier Mandate
4.2 Staat und Kirche im Verständnis Bonhoeffers
4.2.1 Wesen und Aufgabe des Staates
4.2.2 Aufgabe der Kirche im Staat
4.2.3 Zusammenfassung
5. Bonhoeffer und Luthers Zwei-Reiche-Lehre
5.1 Kritische Bejahung
5.2 Der Gewissensbegriff bei Bonhoeffer
6. Zusammenfassung Bonhoeffer

Abschluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt im Rahmen der politischen Theorie mit Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer zwei herausragende Denker des Protestantismus vor und untersucht deren politisches Denken und Handeln. Die Arbeit wird von der Erkenntnis getragen, dass im Zuge der Säkularisierung des gesellschaftlichen Lebens und damit eingeschlossen des akademischen Lebens, die Theologie auf allen Feldern des wissenschaftschlichen Lebens ins Abseits gedrängt wurde. Das ursprünglich selbstverständliche Primat der Theologie, welches auch Luther vertrat2, wurde abgelöst durch einen „Ehrenvorrang der theologischen Fakultät allein aus historischer Rücksicht.”(Ebeling, S.3). In den Naturwissenschaften scheint es vergessen zu sein, dass die ersten Naturwissenschaftler wie Blaise Pascal, Isaak Newton oder Johannes Kepler (um nur einige zu nennen) tiefgläubige Menschen waren, die an einen Schöpfer glaubten der, da vernunftbegabt, rationale und logische Gesetzmäßigkeiten in seiner Schöpfung realisierte, die der Mensch als Ebenbild Gottes und damit ebenso vernunftbegabt erforschen und in Naturgesetze fassen konnte. Zur Veranschaulichung seien nur einmal die Abschlussworte Keplers, die er an das nach ihm benannte dritte Gesetz über die Planetenbewegungen 1619 anfügte, zitiert:

„Das ist es also, was ich über das Werk des göttlichen Schöpfers vorbringen wollte. Es ist jetzt Zeit, daß ich endlich Augen und Hände von den Blättern voller Sätze und Beweise weg zum Himmel erhebe und zum Vater des Lichts in Andacht und Demut bete: O Du, der durch das Licht der Natur das Verlangen in uns mehrest nach dem Licht deiner Gnade ... ich sage Dir Dank, Schöpfer, Gott, [...] Ich habe dabei alle die Kräfte meines Geistes genutzt, die Du mir verliehen hast. Ich habe die Herrlichkeit Deiner Werke den Menschen die meine Ausführungen lesen werden, geoffenbart, soviel von ihrem unendlichen Reichtum mein enger Verstand hat fassen können.” (zitiert in Pailer, S.95)

Selbst der Streit um Galilei und sein heliozentrisches Weltbild, der gerne als Konflikt zwischen Theologie und Naturwissenschaft propagiert wird, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Kontroverse zwischen Naturwissenschaft und griechischer Philosophie, der die katholische Kirche mehr anhing als der Bibel. „Was Galilei durch sein Teleskop sah, stellte Aristoteles in Frage.” (Lennox, S.11) und nicht die Bibel, die kein ihr immer wieder unterstelltes geozentrisches Weltbild kennt (vgl. Lennox, S.10-15). Wenn die Theologie den Status „das Haupt aller Fakultäten und Künste” (Luther, s.Fußnote 2) zu sein verloren hat, drängt sich die Suche nach einer alternativen, rein immanenten Weltsicht auf. Eine solche Alternative, die empirisch-wissenschaftliche Befunde ohne jeden theologischen Bezug interpretiert, muss sich den beiden Fragen stellen, von welcher Art erstens die Wirklichkeit ist, die sie interpretiert und von welcher Art zweitens ein verantwortlicher ethisch-moralischer Handlungskodex ist, der aus diesen Interpretationen abgeleitet wird. Dies gilt für alle wissenschaftlichen Bereiche. Wenn man wie B. Russel im Sinne des Szientismus behauptet:

„Alles erreichbare Wissen muss durch wissenschaftliche Methoden erlangt werden; und was die Wissenschaft nicht entdecken kann, kann die Menschheit nicht wissen.” (Bertrand Russel: Religion and Science, Oxford 1970, S.243. zitiert in: Lennox, S.23) dann zeigt sich sehr schnell das Dilemma der alternativen immanenten Weltsicht. Die Wissenschaft kann zwar erforschen und erklären, dass die Inhalation von Senfgas tödliche Folgen haben kann. Sie kann aber nicht klären, ob es moralisch verwerflich oder legitim ist, Senfgas beispielsweise in einem Krieg einzusetzen. Hier liegt die Gefahr, wenn die Wissenschaft als einzig angemessene Form menschlicher Wirklichkeitsaneignung gilt, während die Theologie nicht mehr Haupt der Fakultäten ist, sondern als Relikt vergangener Zeiten zu deren Füßen liegt. Als historisches Beispiel sei nur der Sozialdarwinismus genannt, der die Interpretationen (keine streng empirischen Befunde) biologischer Beobachtungen von C.Darwins wie die Selektionsfunktion unkritisch auf Gesellschaften überträgt. Hier verbinden sich Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften zu einem naturalistischen Fehlschluss und lassen die Theologie außen vor. Wohin das führt zeigt, die konkrete Umsetzung des Sozialdarwinismus während der NS-Zeit, auch wenn immer wieder von Vertretern des Darwinismus behauptet wird, die NS-Ideologie habe Darwin missbraucht.3 Eher das Gegenteil dürfte der Fall sein. Hitler hat Darwin sehr wohl verstanden.4 Er war, wie Sir Arthur Keith mitten im Krieg schrieb „ Evolutionist, nicht nur der Theorie nach, sondern, wie Millionen zu ihrem Schaden wissen, in steinharter Praxis.” (R.E.D.Clark, a.a.O.,S.116, zit. in Ouweneel, S.281).

Die Gaskammern der Konzentrationslager, die Beseitigung ethisch minderwertigen Lebens (Behinderte, Homosexuelle usw.) und nicht zuletzt der gesamte Ostfeldzug, der auf dem Konzept der Erweiterung des Lebensraumes im Osten für die dominante arische Rasse beruhte, sprechen eine mehr als deutliche Sprache. Die weltimmanente Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnis, die sich gegen jeglichen transzendentalen Gedanken verwahrt, kann offensichtlich zu katastrophalen Folgen für die Menschheit führen. Insofern ist es nur konsequent, dass ein Theologe wie Bonhoeffer - gerade weil er Theologe und v.a. Christ war - mit Hinweis auf den Gottesbezug den Kampf gegen die NS-Diktatur überhaupt aufnehmen konnte. Die Theologie stellt den Gottesbezug in den Wissenschaften her, sei es in den Naturwissenschaften oder den Sozialwissenschaften. Damit stellt sie sich gegen ein rein weltimmanentes Verständnis von Natur, Mensch und auch der Gesellschaft. Jede Disziplin in den Wissenschaften, sei es die Biologie, die Medizin, die Soziologie oder eben auch die politische Theorie, die die Gottesfrage a priori ausklammert, läuft Gefahr, gemäß der eingangs gestellten Fragen erstens ein verzerrtes Verständnis von den Dingen dieser Welt zu bekommen und zweitens in deren Konsequenz einen Handlungskodex zu entwickeln, der, wie gezeigt, in die Barbarei führen kann. Insofern hat die Theologie m.E. ihren berechtigten und notwendigen Platz im wissenschaftlichen Leben und sollte, wenn schon nicht mehr als Haupt, zumindest gleichberechtigt neben den anderen Fakultäten stehen. Intentional möchte die vorliegende Arbeit in einem durch und durch säkularen akademischen Umfeld dazu einen kleinen Beitrag leisten. Dazu soll im ersten Teil (A) zunächst das Leben des Reformators Martin Luther dargestellt (1-2) werden. Seine theologischen Erkenntnisse (3) und sein Menschenbild (4) bilden zusammen mit dem Hintergrund der politischen Verhältnisse seiner Zeit die Basis für seine Staatstheorie (5), die mit der Fokussierung auf das Gewissen des Einzelnen und dessen Verantwortung den Dualismus von Anerkennung und Beschränkung der staatlichen Autorität begründen. Dieser Dualismus erweist sich dann nicht nur im politisch denkenden, sondern v.a. im politisch handelnden Reformator (6). Im zweiten Teil der Arbeit (B) wird das Leben und Wirken Dietrich Bonhoeffers als eines lutherischen Theologens abgehandelt, der aufbauend auf der Zwei-Reiche-Lehre sich gegen die Verselbstständigung eines säkularen Staates wandte und seine Mandatenlehre formulierte.

A: Martin Luther

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Luther: Porträt von Lucas Cranach

1. Zur Person

Die folgenden Ausführungen geben in einem kleinen Streifzug Einblicke in das Leben des Menschen Martin Luther. Sie sollen dem tieferen Verständnis dieses Denkers und Kämpfers dienen und sind deshalb dem Abschnitt vorangestellt. Schwerpunkte sind dabei seine akademische Laufbahn und seine Klosterzeit (1.1 und 1.2), beides sehr prägende Lebensabschnitte, ohne die es den Reformator Luther wohl nicht gegeben hätte. Zur Veranschaulichung von Wesens und Charakter wird dann auf sein Familienleben kurz eingegangen (1.3). Reflexionen Luthers über sich selbst schließen diesen Streifzug ab (1.4).

1.1 Kindheit, Jugend und Studium

Martin Luther wurde am 10.November 1483 in Eisleben geboren und einen Tag später auf den Namen des Kalenderheiligen Martin von Tours getauft. Er war der zweite Sohn des Bergmanns Hans Luther und dessen Frau Margarete, geb. Lindemann. Die Großeltern väterlicherseits waren einfache, aber freie Bauern. Die Familie übersiedelte kurz nach Luthers Geburt nach Mansfeld (1484), wo Martin Luther ab 1488 in die Schule ging, in der er v.a. Latein lernte. Spätere Schulbesuche waren 1497-1498 in Magdeburg und 1498 in Eisenach. Ab 1501 studierte er an der Universität in Erfurt. Das Studium zu jener Zeit begann nach wie vor mit den „sieben freien Künsten” (Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Astronomie, Geometrie und Musik) und beinhaltete daneben die Werke des Aristoteles (Logik, Naturwissenschaft, Politik, Ethik, Metaphysik). Schon nach einem Jahr (1502) erwarb Luther den ersten akademischen Titel (Baccalaureus) und 1505 schloss er das Studium mit dem Magister ab. Im Vergleich zu den meisten anderen Studenten, die ihr Studium mit dem Magister beendeten, durfte Luther mit dem zweitbesten Abschluss an einer der oberen Fakultäten (Theologie, Medizin oder Rechtswissenschaften) weiterstudieren (Sierszyn, S. 21-26). Im Sinne des Vaters, der, um den Aufstieg des Sohnes abzusichern schon die Ehe mit einer vermögenden Frau vorbereitet hatte, entscheidet er sich für die juristische Fakultät mit dem Ziel Rat bei einer der zahlreich vorhandenen Obrigkeiten zu werden (Aland, S.22).

Was die Kindheit Martin Luthers betrifft kann zusammengefasst festgestellt werden „... daß diese Kindheit - nach den Maßstäben jener Zeit - ganz normal verlief.” (Aland, S.21). Das Elternhaus war um des sozialen Aufstieges willen, wie in vielen aufstrebenden Bürgerhäusern, von großer Sparsamkeit geprägt. Der Sohn Martin und seine Eltern pflegten ein herzlich Verhältnis zueinander und der Vater förderte den Sohn mit finanziellen Aufwendungen, um die höhere Position des Akademikers zu ermöglichen (Aland, S.22).

1.2 Luther im Kloster

1.2.1 Der Eintritt ins Kloster

Luther hatte 1505 das Studium der Jurisprudenz begonnen, als er unerwartet im Sommersemester eine Reise nach Hause unternahm. Auf der Rückreise, kurz vor Erfurt bei dem kleinen Ort Stotternheim, wurde er am 2.Juli 1505 von einem heftigen Gewitter überrascht. Was dann geschah schildert und beurteilt K.Aland als einer der profiliertesten Lutherkenner so:

„Als unmittelbar neben ihm ein Blitz einschlägt, tut er, seiner selbst nicht mehr mächtig, das Gelübde `Hilf du, hl. Anna, ich will ein Mönch werden`. Das ist der Kern des von manchen Legenden umrankten Berichtes. Gewiß hat Luther von der natürlichen Entstehung eines Gewitters gewußt, dennoch muß er sich vor Stotternheim von Gott persönlich angerufen gefühlt haben. Die Gefahr des plötzlichen und unbußfertigen Todes preßten ihm das Gelübde ab - zu dem hin er allerdings offensichtlich innerlich schon auf dem Wege war.” (Aland, S.23)

Nach zweiwöchiger Bedenkzeit tritt Luther am 17.Juli 1505 in die strengere Richtung des Erfurter Augustinereremitenklosters ein. Dieser Schritt war trotz der zahlreichen und in Blüte stehenden Klöster auch zu damaliger Zeit ungewöhnlich (Aland, S. 21.22) und bedeutete zunächst einmal das Ende der akademischen Laufbahn, sehr zum Entsetzen des Vaters, der mit dem Hinweis auf das Gebot die Eltern zu ehren vergeblich versuchte den Sohn von seinem Entschluss abzubringen (Ebeling, S.28). War das Gelübde Mönch zu werden auch in Todesnot geschehen und sprach Luther retrospektiv davon „mit Gewalt” Mönch geworden zu sein, nicht „gern und nach eigenem Wunsch” (zitiert in: Aland, S.24), so geschah das Anklopfen an der Erfurter Klosterpforte doch im Urteil Ebelings in „nüchterner Entschlossenheit” weil Luther an dem Gelübde als „Ruf Gottes” festhielt (ebd. S.28). Dieser von Luther empfundene persönliche Ruf Gottes an sein Leben erklärt den Eintritt in das Kloster, denn Luther war als geselliger und fröhlicher Mensch nicht der Typ, „der seine Befriedigung in weltabgewandter, übersteigerter Frömmigkeit suchte” (Ebeling, S.28).

1.2.2 Klosterzeit

Der Eintritt Luthers ins Kloster war, geprägt durch die Nahtoderfahrung, von der Motivation, getragen mit dem lebendigen, den Sünder strafenden Gott ins Reine zu kommen. Dementsprechend bemühte sich Luther ein strenges und heiliges Leben als Mönch zu führen. Rückblickend schrieb er (u.a.) über seine Mönchszeit:

„Es ist wahr, ich bin ein frommer Mönch gewesen und habe meinen Orden so streng gehalten, daß ich sagen darf: Ist je ein Mensch in den Himmel gekommen durch Möncherei, so wollte ich auch hineingekommen sein. Das werden mir alle meine Klostergesellen, die mich gekannt haben, bezeugen.” (zitiert in: Aland, S.26).

Die von Luther zum Zeugen angerufenen Klostergesellen waren offensichtlich in der Tat gleichermaßen von dem Eifer Luthers und seinen Fähigkeiten überzeugt. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Luther im Kloster Ansehen und Autorität genoss, nach Rom zur Klärung einer Streitfrage gesandt wurde, Klosterämter ausübte, nach seiner Versetzung nach Wittenberg 1511 zum Klosterprediger ernannt und ihm 1515 als Distriktvikar die Aufsicht über elf Klöster übertragen wurde (Aland, S.24.25).

Darüber hinaus wurde er 1507 zum Priester geweiht und zum Theologiestudium zugelassen, welches er 1512 mit der Promotion abschloss, ein für die damalige Zeit sehr seltener und begehrter Titel. Drei Tage nach Abschluss des Studium wurde er in Wittenberg zum Professor für die theologische Fakultät berufen, ein Amt, welches er bis zu seinem Tode ausführte. In dieser Funktion hielt er seine berühmten und wichtigen Vorlesungen, die Frühvorlesungen über die Psalmen, den Römer-, Galater-, Hebräerbrief (1513-1518) und die Spätvorlesungen über die Genesis kurz vor seinem Tod (1535/45) (Aland, S.9).

Nachdem Luther im Kloster zur reformatorischen Erkenntnis durchgedrungen war (vgl. 2.1), hatte er seine Klosterzeit häufig mit derben Worten auf das Schärfste verurteilt. Das lag allerdings nicht, wie von protestantischer Seite oft unterstellt wurde, an den Klosterbrüdern, sondern an den Qualen, die ihm das Klosterleben unter dem Wunsch sich mit Gott versöhnen zu wollen bereiteten (Aland, S.25). Da er durch sein Mönchtum keine Versöhnung mit Gott fand, konnte er später Äußerungen wie die folgende machen:

„Ich war ohne zu klagen Mönch und habe die drei Gelübde hingebend gehalten, Tag und Nacht, und dennoch hatte ich deswegen keine Ruhe , denn es war kein Wort Gottes da Da habe ich mein Leben vertan und übler verbracht, als wenn ich in einem Bordell gewesen wäre.” (1.Joh., S.155).

Allerdings war Luthers Leben im Kloster auch nicht, wie ihm oft von katholischer Geschichtsschreibung unterstellt wurde, von der Suche nach Befriedigung in „weltlichen Freuden” motiviert. Luther schrieb dazu: „Die Weiber schaute ich nicht einmal an, wenn sie beichteten.” (zit. in: Sierszyn, S.33).

1.3 Luther als Familienmensch

Nachdem Luther im Kloster zur reformatorischen Erkenntnis durchgedrungen war (vgl. 2.1) und die Reformation ihren Werdegang nahm (vgl. 2.2-2.4) legte Luther 1524 endgültig die „verdammte” Mönchskutte (zit. in: Aland, S.26) ab und heiratete 1525 die ehemalige Nonne Katharina von Bora. Die Heirat war keine Liebesheirat im Sinne des romantischen Ideals von Liebe, aber auch keine reine Vernunftehe. Von zwölf Nonnen, die im Zuge der Reformation 1523 aus ihren Klöstern nach Wittenberg geflohen waren und für die sich Luther als Urheber der Flucht verantwortlich fühlte, war Katharina von Bora als einzige unverheiratet geblieben. Nachdem Luther mehrmals versuchte sie mit verschiedenen Freunden zu vermählen, heiratete er sie schließlich selbst. Eben schön sei sie nicht, so Luther, aber sie habe ein freundliches Gemüt und sei sparsam. Seine Heirat sah Luther auch als Bekräftigung der evangelischen Lehre vom heiligen Ehestand, der von der römischen Kirche damals (im Vergleich zum Klosterleben) eher gering geschätzt wurde. Im entvölkerten Wittenberger Kloster, wo Luther nur noch mit einem ehemaligen Klosterbruder zusammenlebte und wo das Bettstroh schon zu faulen begann, kehrte mit Käthe Luther wieder Ordnung und Sauberkeit ein. Dem Ehepaar Luther wurden insgesamt sechs Kinder geboren, wobei sie den Tod zweier Kinder miterleben mussten. Als seine Tochter Magdalene („Leninchen”) im Alter von dreizehn Jahren starb bekannte Luther in einem Brief:

„Mir ist mein Töchterlein Leninchen hinweggegangen zum himmlischen Vater. ... Des väterlichen Schmerzes im Herzen bin ich Herr geworden, doch nur, indem ich gegen den Tod murrte und schalt. So hat Entrüstung meine Tränen gelindert. Ich habe sie sehr liebgehabt.” (Bernhard, S.275).

Die Ehe Luthers kann als glücklich bezeichnet werden. Die Zuneigung Luthers zu seiner Frau ist in vielen Briefen dokumentiert, in denen er seine Frau manchmal heiter als „Meinem lieben Herrn Frau Katherin...” (Bernhard, S.250) anredete. Über den Ehestand selbst schrieb Luther (u.a.):

„Es ist kein lieblicher, freundlicher noch holdseliger Verwandnis, Gemeinschaft und Gesellschaft denn eine gute Ehe, wenn Eheleute miteinander in Frieden und Einigkeit leben. Wiederum ist auch nichts Bitteres, Schmerzlicheres, denn wenn das Band zerissen, von einander getrennt und geschieden wird...” (Bernhard, S.255).

„Die höchste Gnade Gottes ist es, wenn in der Ehe die Liebe dauernd blüht. Die erste Liebe ist feurig, eine trunkene Liebe, mit der wir geblendet werden und wie die Trunkenen hinangehen. Wenn wir die Trunkenheit ausgeschlafen haben, dann bleibt in den Frommen die echte Eheliebe, die Gottlosen aber haben die Reue. (TR, S.280).

Das Haus Luthers war ein offenes Haus und wurde zum Mittelpunkt für die Männer der Wittenberger Reformation, ebenso für Verwandte, Schüler und Durchreisende, die sich dort zum persönlichen Austausch in geselliger Runde trafen. Zum Hausstand gehörten auch Studenten der Universität, die hier wie in einer Burse lebten. (Schwarz, S.175f und Sierszyn, S.113f.) Das Wesen und den Charakter Luthers beschrieb Erasmus Alberus nach dem Tode Luthers mit folgenden Worten:

„Luther war ein feiner, wohlberedeter, freundlicher, holdseliger, wahrhaftiger, beherzter, gastfreier, züchtiger, fröhlicher Mann, dem alles wohl anstand, was er tat. Er konnte in allen Dingen Mäßigkeit halten und redete kein vergebliches Wort. Den Halsstarrigen war er schrecklich, den Blöden tröstlich... Keiner konnte fleißiger und ernsthafter beten, keiner konnte besser trösten, keiner besser predigen Er war ein Mann ohne Falsch, Lügnern und Zweizüngigen war er gram, Aufrichtigkeit hatte er lieb, den Geiz haßte er, der Hoffart war er feind.

Trunkenheit und Unzucht waren ihm unbekannt. Man spürte an ihm keinen Zorn, außer wenn er zu Felde lag gegen die Papisten und Schwärmer (Bernhard, S.587).

1.4 Luther über sich selbst

Die von Erasmus Alberus verfasste Beschreibung ist in seiner Begeisterung für Luther sicherlich etwas beschönigt. Trotzdem trifft sie wohl in vielen Punkten zu, v.a. was die Gastfreiheit, Fröhlichkeit, Beherztheit und Rechtschaffenheit Luthers angeht. Luther selbst hatte solch positiven Urteile (mit Ausnahme der Rechtschaffenheit, die er stets für sich beanspruchte) über sich selbst nie gefällt. Er urteilte im Gegenteil über sich selbst viel negativer. Oberman schreibt:

„Zweierlei hebt er (Luther, Anm. durch mich) selbst hervor und Zeitgenossen bestätigen es: Aufbrausender Zorn und Wortreichtum (S.308).

Luther sah sich stets in der Relation zu Gott. Und in dieser Beziehung war er primär ein Sünder „genug mit Sünden beladen” (zit. in: Ebeling, S.75) zunächst ein verdammter, unter dem Zorn Gottes stehender Sünder, später dann nach dem Durchbruch zur reformatorischen Erkenntnis ein gerechtfertigter Sünder, vor dem Zorn Gottes gerettet durch den Glauben an Jesus Christus. Weil er sich Zeit seines Lebens als Sünder sehen konnte, war ihm jeglicher Personenkult um seine Person ein Gräuel. So schreibt er an seine Christen:

„Erstens bitte ich, man wolle von meinem Namen schweigen und sich nicht lutherisch, sondern einen Christen nennen. Was ist Luther ? Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, daß man die Kinder Christi dürfte nach meinem nichtswürdigen Namen nennen ? (TV, S.31f.)

Auch im Angesichts des Todes (oder gerade wegen des Todes) bleibt Luther in seinem Urteil über sich selbst treu. Zwei Tage vor seinem Tod, nachdem er mehrfach von Angina pectoris befallen war, fällt er die Bemerkungen:

„Wenn ich wieder heim gen Wittenberg komme, so will ich mich alsdann in den Sarg legen und den Maden einen feisten Doktor zu essen geben.” (TR, S.302)

Die Rückreise von Eisleben nach Wittenberg erlebte Luther nicht mehr. Er legte sie im Sarg liegend zurück, nachdem er am 18.Februar 1546 in Eisleben gestorben war.

Die Einschätzung Luthers über sich selbst wird kaum treffender beschrieben als mit der allerletzten, überlieferten schriftlichen Bemerkung Luthers kurz vor seinem Tod:

„Wir sind Bettler, hoc est verum.” (dies ist wahr, Anm. durch mich) (Schwarz, S.266).

2. Die historischen Ereignisse zwischen 1517-1521

Zum Verständnis von Luthers Theologie (vgl.3), seiner Anthropologie (vgl.4) und schließlich auch seiner Staatslehre (vgl.5), ist der „dramatische Verlauf der Jahre 1517-1521” (Ebeling, S.74) von entscheidender Bedeutung. Deshalb soll im Folgenden ein kurzer Abriss über die entscheidenden reformatorischen Ereignisse dieser Jahre gegeben werden, die mit dem Wormser Reichstag 1521 ihren Höhepunkt fand.

2.1 Das Turmerlebnis - Durchbruch zur reformatorischen Erkenntnis

Um die gewaltigen Auswirkungen der Reformation zu verstehen, ihre befreiende, ganz Europa erfassende Kraft nachvollziehen zu können, muss man einen Einblick in die inneren Kämpfe und Anfechtungen des Mönches Martin Luther in der Klosterzelle nehmen. Bei seinem Bemühen mit Gott ins Reine zu kommen wandte Luther alle Weisungen und Vorschriften der Kirche mit großer Ernsthaftigkeit an. Doch je mehr er sich mühte, um so sündiger und unwürdiger fühlt er er sich, was zu einer maßlosen Steigerung der Werke führte. Selbst nach der Beichte, mit großer Sorgfalt ausgeführt, fühlte er sich danach weiter als Sünder. Auf der Suche nach dem gnädigen Gott nahmen die inneren Qualen bis ins Unerträgliche zu (Aland, S.26.27). Luther selbst beschreibt diese Anfechtungen in der dritten Person 1518 so:

„Auch ich kenne einen Menschen, der, ..., solche Strafen öfter erlitten hat, zwar während nur ganz kurzer Zeitdauer, aber so ungeheure und höllische, wie keiner zu sagen, keine Feder zu schreiben und niemand zu glauben vermag, der es nicht selbst erfahren hat; so daß, wenn diese Qualen bis zu Ende durchlitten würden, oder auch nur den zehnten Teil einer Stunde dauerten, er völlig zugrunde ginge und alles Gebein zu Asche würde. Da erscheint Gott furchtbar in seinem Zorn Da gibt´s keine Flucht, keinen Trost, weder innerlich noch äußerlich, sondern alles klagt an. [...] Es bleibt nur nacktes Verlangen nach Hilfe und grauenhaftes Seufzen, aber sie (die Seele, Anmerkung durch mich) weiß nicht, woher Hilfe erflehen.” (zit. in: Ebeling, S.31.32).

Aland merkt zu den inneren Kämpfen Luthers an:

„Das ist der Luther der Klosterzeit. Sein Ringen um den `gnädigen Gott` führt bis zum Haß gegen den ´gerechten Gott´, der seine eigene Gerechtigkeit zum Maßstab setzt und den Menschen diese Gerechtigkeit nicht erlangen läßt.” (Aland, S.27).

Luther bemerkt 1545 rückblickend über diese Zeit:

„Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich haßte ihn sogar.” (zit. in: Aland, S.27).

Die von Luther sehnsüchtig verlangte Hilfe begegnetet ihm in einem Bibelwort aus dem Römerbrief. Dort heißt es in Römer 1,17a:

„Darin (im Evangelium) wird Gottes Gerechtigkeit offenbart.”

Zunächst verstand Luther dieses Wort gemäß den Lehren der Kirche als aktive Gerechtigkeit, d.h. Gott ist gerecht und straft den ungerechten Sünder. Nicht nur im (mosaischen) Gesetz, sondern sogar im Evangelium kommt Luther der strafende Gott entgegen, deshalb habe er dieses Wort „gehaßt” (s.o.). Tag und Nacht, schreibt Luther später, habe er „mit wildem und wirren Gewissen, voll brennenden Dursts” (zit. in Sierszyn, S.38) über diese Bibelstelle gerungen, bis er im zweiten Teil der Stelle den reformatorischen Durchbruch fand die, „... ihm zum Schlüssel für die reformatorische Erkenntnis” (Sierszyn, S.39) wird: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.” (Römer 1,17b) Luthers Selbstzeugnis über seinen Durchbruch und die innere Befreiung die er dadurch erlebte, spricht eine deutliche Sprache:

„Da begann ich die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen, als die, durch die als durch Gottes Geschenk der Gerechte lebt, nämlich aus Glauben, und daß dies der Sinn sei: durch das Evangelium werde die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die passive Gerechtigkeit, durch die uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben, wie geschrieben steht:´Der Gerechte wird aus Glauben leben.` Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten. (...) Wie sehr ich die Vokabel ´Gerechtigkeit Gottes´ vorher haßte, so pries ich sie nun mit entsprechend großer Liebe als das mir süßeste Wort.” (zit. in: Ebeling, S.34).

[...]


2 „Lasset uns die Bibel nur nicht verlieren, sondern sie lesen und predigen: denn wenn die Theologie blüht, so steht alles wohl und geht glücklich vonstatten. Denn sie ist das Haupt aller Fakultäten und Künste: wenn sie daniederliegt, so gebe ich alles andere auf.” (TR, S.9)

3 vgl. Ouweneel, S.281

4 „Also folgt die Unterwerfung einer Anzahl Menschen unter den Willen von häufig nur einigen Menschen, eine Unterwerfung, die einfach auf das Recht des Stärksten gegründet ist, ein Recht, das, wie wir es in der Natur sehen, als einzig denkbares Recht betrachtet werden kann ... (Rede Hitlers in Nürnberg 1933, zit. in: Ouweneel, S.279, herv. durch mich) „So große Bedeutung im völkischen Staat die Art der körperlichen und geistigen Erziehung haben wird, ebenso wichtig dafür wird auch die Menschenauslese an sich sein.” (Mein Kampf, München 1942, S.577. zit. in: Ouweneel, S.279, herv. durch mich)

Ende der Leseprobe aus 108 Seiten

Details

Titel
Politisches Denken und Handeln im Protestantismus am Beipiel von Luther und Bonhoeffer
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für politische Wissenschaften)
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
108
Katalognummer
V22362
ISBN (eBook)
9783638257251
Dateigröße
1522 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Benotung durch den Dozenten ist mdl. erfolgt - die schriftliche Bestätigung durch das Prüfungsamt steht noch aus.
Schlagworte
Politisches, Denken, Handeln, Protestantismus, Beipiel, Luther, Bonhoeffer
Arbeit zitieren
Kai Braun (Autor), 2003, Politisches Denken und Handeln im Protestantismus am Beipiel von Luther und Bonhoeffer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22362

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